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WIE UNGESUND SIND KARBONSCHUHE WIRKLICH?


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Laufzeit - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 15.06.2022
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Steigen wir mit einer unumstrittenen Aussage ein. Ja, die Karbonplattentechnologie hat die Laufschuhindustrie revolutioniert. Oder sollte man sagen, sie hat den Laufsport als Ganzes revolutioniert? Weltrekorde, die Jahre, gar Jahrzehnte Bestand hatten, fallen seit ihrer Einführung in schwindelerregender Regelmäßigkeit. Auch Hobbyläufer*innen spüren den Effekt in ihren verbesserten persönlichen Bestzeiten. Ein Leistungsschub, der mitunter verblüfft, verwundert, sprachlos macht. Quo vadis, Karbon?, haben wir in der Ausgabe 5/21 gefragt. Für den Artikel haben wir im Sommer letzten Jahres mit Branchenvertretern über den aktuellen Stand der Technologie gesprochen und versucht, Trends zu identifizieren. Schon damals waren wir überrascht über das hohe Niveau der brancheninternen Diskussionen. Das Zugänglichmachen der sogenannten Propulsionsplatten-Technologie für die breite Masse war und ist eines der ...

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... großen Themen. Denn nur weil ein Karbonschuh Eliteläufern und -läuferinnen zu Fabelzeiten verhilft, heißt das noch lange nicht, dass dieses Spezialprodukt für Hobbyathleten und -athletinnen aller Leistungsniveaus geeignet ist. Das Wissen darum scheint zumindest auf der Produzentenseite angekommen zu sein. Unter anderem ein immer weiter ausdifferenziertes Angebot für verschiedene Lauftypen und Einsatzzwecke spricht dafür. Ob die Konsumentenseite das ebenso verinnerlicht hat? Daran darf gezweifelt werden. Wer entscheidet sich schon bewusst gegen das vermeintlich schnellere Modell? In Anlehnung an den Mafiosi Don Vito Corleone im Film „Der Pate“: Es ist ein Angebot, das man nicht ablehnen kann.

Nicht nur die Elite-, sondern auch die ambitionierten Hobbyläufer*innen wollen das Beste für sich herausholen. Es hat sich herumgesprochen, dass der Verzicht auf die Wunderschuhe nachweislich einen sportlichen Nachteil mit sich bringt. Das führt zu der Frage: Warum sollte sich jemand gegen die Top-Modelle der aktuellen karbonplattengestützten Wettkampfschuhe entscheiden? Welchen triftigen Grund könnte es – neben dem finanziellen Aspekt, denn die Schuhe kosten nicht selten zwischen 200 und 300 Euro – geben, freiwillig auf den objektiven Geschwindigkeitsboost von Vaporfly, Metaspeed & Co. zu verzichten? Wir haben uns mit Branchenvertretern unterhalten, die die Entwicklung der vergangenen Jahre kritisch betrachten und einen neuen Aspekt in die Debatte einbringen: die Gesundheit. Folgt auf die Karbonrevolution nun die Konterrevolution?

Zunächst eine Begriffsklärung. Wovon reden wir, wenn wir von Karbonschuhen reden? Gemeint sind in diesem Fall tempoorientierte Straßenlaufschuhe, die mithilfe eines speziellen Mittelsohlenschaums, einer darin verbauten Propulsionsplatte (meistens aus Karbon) und einer häufig sehr ausgeprägten Rocker-Form (noch oben gebogener Zehenbereich) für eine hohe Energierückgabe und damit mehr Vortrieb sorgen. Es ist also nie die Karbonplatte allein, die einen sogenannten Karbonschuh auszeichnet, sondern ein aufeinander abgestimmtes System aus genannten Elementen.

Die Laufszene ist nach wie vor berauscht vom schuhgetriebenen sportlichen Erfolg der Eliteläufer*innen. Durch die begleitende Vermarktung hat sich ein regelrechter Karbon-Hype entwickelt, der dazu geführt hat, dass anatomisch-biomechanische Gesichtspunkte und damit verbundene mögliche Verletzungsrisiken infolge des Gebrauchs durch die Karbonplattentechnologie gestützten Schuhe lange Zeit nicht im Fokus der öffentlichen Debatte gestanden haben. Es gab sie durchaus, die kritischen Stimmen. Renommierte Laufschuhexperten wie Prof. Dr. Peter Brüggemann oder Dr. Matthias Marquart haben schon früh in Interviews gemahnt und gewarnt. Doch gegen die Verheißung einer neuen persönlichen Bestzeit lässt sich nur schwerlich argumentieren. Wer will schon der Spielverderber sein, der die Karbon-Party sprengt? Nun haben sich weitere Personen aus der Laufschuhindustrie zu dem Thema geäußert. Sie alle vertreten Laufschuhmarken, die einen ganz eigenen Blick auf das Thema haben und die, das muss Transparenz halber gesagt werden, natürlich auch wirtschaftliche Interessen verfolgen. Die einen bilden die Fundamentalopposition gegenüber jeglicher Form von Propulsionsplatten, andere zeigen sich kompromissbereiter. In einem Punkt sind sie sich einig: Persönliche Bestzeiten auf Kosten der Gesundheit? Nicht mit uns.

Einer, der deutliche Worte findet, ist Sebastian Bär, Gründer und CEO von Joe Nimble. „Karbonschuhe beeinträchtigen die Füße in ihrer natürlichen Funktionalität beziehungsweise in den biomechanischen Abläufen.“ Das würde die Fußstruktur schädigen, was wiederum auf andere Gelenke ausstrahlen könnte, behauptet Bär. „Doch die entsprechenden Hersteller verschweigen diese Einflussfaktoren, was ich gravierend finde, da hier auf einen vermeintlichen Trend aufgesprungen wird, der mit der Gesundheit des Trägers spielt.“ Der Baden-Württemberger Schuhproduzent kann verstehen, dass Läufer*innen, die mit dem Laufsport Goldmedaillen gewinnen wollen, diesen Preis bezahlen würden. „Für die 99 Prozent der restlichen Läufer erscheint es mir aber komplett unverhältnismäßig und kontraproduktiv. Sie laufen unter anderem, um Geist und Körper etwas Gutes zu tun, und erreichen mit Karbonplatten im Schuh zumindest gesundheitlich das Gegenteil.“ Ob Joe Nimble in absehbarer Zukunft einen Laufschuh mit integrierter Plattentechnologie entwickeln würde, fragen wir rhetorisch. Bär antwortet mit einem ganz klaren Nein: „Viele Brands haben jedoch offensichtlich Angst, eine Entwicklung im Markt zu versäumen, und verlieren dabei die Bedürfnisse des Kunden aus den Augen. Dabei ist das oberste Gut und das dringendste Bedürfnis, doch eigentlich gesund und schmerzfrei zu laufen – ein Leben lang. Mit Karbonplatten wird man dieses Ziel nicht erreichen.“ Klare Worte, die aufrütteln.

Wie beeinflusst ein Karbonschuh nun die Laufbewegung? Das erklärt uns Tim Rose, Technical Representative bei der US-Marke Altra und selbst ein erfolgreicher Läufer und Triathlet. Die Hebelkräfte im und am Fuß verändern sich, bringt es Rose auf den Punkt. „Der Kraftarm beim menschlichen Fuß bemisst sich aus der Länge von Ferse bis zum Drehpunkt, also den Zehengrundgelenken. Durch die Karbonplattentechnologie wird die Beweglichkeit des Fußes in den Zehengrundgelenken eingeschränkt und der Drehpunkt weiter nach vorne in Richtung der Zehen verlagert. Das hat zur Folge, dass sich der Kraftarm im Fuß verlängert. Ein verlängerter Kraftarm sorgt beim System Mensch dann für mehr Vortrieb, aber: Der verlängerte Kraftarm führt natürlich auch dazu, dass ein größeres Drehmoment und damit eine stärkere Belastung der Achillessehne entsteht.“ Da die Schuhhersteller um dieses Problem wissen, haben sie den Schuhen zwei weitere Elemente zugefügt: die hoch aufgeschäumte Mittelsohle und die schon angesprochene Rocker-Form. Dadurch würde ein künstlicher Drehpunkt in etwa auf Höhe des natürlichen Drehpunktes beim Fuß erzeugt. Die stärkere Belastung der Achillessehne wird somit zumindest in der Theorie umgangen. Ende der Diskussion? Mitnichten. Sebastian Bär gibt zusätzlich zu bedenken, dass durch die starre, nach oben gebogene Platte die Zehengelenke immobilisiert werden, „wie bei einem Gips“. Er nennt es den Zehensprengungs-Effekt. „Die stabilisierende Funktion, welche die Zehen vor allem in der Vortriebsphase haben, wird ihnen geraubt und die Muskeln degenerieren.“

Der Vorwurf der gesundheitsschädlichen Auswirkungen und einer höheren Verletzungsanfälligkeit infolge der Nutzung von Karbonschuhen steht damit im Raum. Wissenschaftlich belegen lässt sich das bisher nicht, sagt der bereits erwähnte Prof. Dr. Brüggemann, Kölner Sportwissenschaftler und einer der drei Gründer der deutschen Laufschuhmarke True Motion. Kann das sein? Tatsächlich, es gibt keine Studie, die mittel- oder langfristige gesundheitliche Folgen vom Laufen in Karbonschuhen untersucht hätte, bestätigt Dr. Alan Metcalfe, Sportwissenschaftler und Lauftrainer. Was es gibt, sind Theorien, Thesen und anekdotische Evidenz, also einen Anfangsverdacht, aufgebaut auf Indizien, die noch nicht bewiesen werden können. „Ich brauche Fakten“, fordert Brüggemann. Er sehe zwar die veränderten biomechanischen Vorgänge, aber ob und wann sie zu einem erhöhten Verletzungsrisiko führen würden, das sei nicht geklärt.

Alternative Konzepte

Wer Fuß-, Knie- oder Achillessehnenprobleme durch Karbonschuhe bekommen haben sollte, dem stehen genug Alternativen und Weiterentwicklungen zur Verfügung. Der amerikanische Hersteller Topo Athletic bringt beispielsweise mit dem Modell Specter diesen Sommer einen Laufschuh auf den Markt, der bewusst auf eine Karbonplatte verzichtet, aber ähnliche Effekte verspricht. Topos Antwort auf den angesprochenen Karbon-Hype? Der Gründer und CEO Tony Post verneint unsere Frage diplomatisch. „Wir wollten einen Topo machen, der leicht und schnell ist, mit ein bisschen mehr Dämpfung und Reaktivität.“ Der Unterschied zu einem Karbonschuh im Hinblick auf die Zielsetzung sei gering, ergänzt sein deutscher Kollege Ingo Kruck, die Umsetzung aber unterscheide sich. „Unsere Lösung ist ein thermoplastisches Insert namens Pebax. Nach der Anwärmung auf wenigen hundert Metern ist dieses Element in der Lage, die beim Laufen eingebrachte Energie durch Dehnung des Elements im Polymer zu speichern und in der Abdruckphase wieder abzugeben.“ Ob der Specter genauso schnell wie Vaporfly, Metaspeed & Co. wäre, kann Kruck nicht sagen, das sei ihm auch nicht wichtig. „Eliud kann ja mal auf einen Test vorbeikommen“, spielt er scherzhaft auf den Marathon-Weltrekordler Eliud Kipchoge an. Topo wolle die persönliche Biomechanik nicht auf unnatürliche Weise verändern, sondern idealerweise unterstützen, zum Beispiel mit einer breiteren Zehenbox.

WAS ES GIBT, SIND THEORIEN, THESEN UND ANEKDOTISCHE EVIDENZ, ALSO EINEN ANFANGS-VERDACHT, AUFGEBAUT AUF INDIZIEN, DIE NOCH NICHT BEWIESEN WERDEN KÖNNEN.

Auch Altra verfolgt die Mission, Läufern und Läuferinnen einen möglichst natürlichen Laufstil zu ermöglichen. Typisch dafür sind neben der Zehenfreiheit eine Null-Sprengung. Dass Altra mit dem neuen Vanish Carbon nun einen mit Karbon versehenen Schuh auf den Markt gebracht hat, hat nicht wenige überrascht. Der Vanish Carbon weist ein interessantes Konstruktionsmerkmal auf, das ihn von anderen Karbonschuhen unterscheidet. Seine Karbonplatte ist kürzer, im Zehenbereich gesplittet und relativ flexibel. „Der Vanish Carbon verlängert also kaum den Kraftarm unter dem Fuß, sondern lässt dem Fuß seine natürliche Flexibilität und hat somit kaum Auswirkung auf das natürliche Abrollverhalten des menschlichen Fußes“, berichtet Tim Rose. Man verzichte bewusst auf das letzte Prozent der Effektivitätssteigerung und setze auf einen Karbonschuh, der für eine größere Zielgruppe geeignet und mit wesentlich weniger Risiken und Nebenwirkungen behaftet sei.

Sebastian Bär von Joe Nimble überzeugt das nicht. „Genau das meine ich, wenn ich sage, dass einige Hersteller ihre DNA oder Grundüberzeugungen über Bord werfen, um einem Trend aufzuspringen. Dass so ein Produkt auf dem Markt reüssiert, kann ich mir nur damit erklären, dass Kunden zu wenig über biomechanische Abläufe wissen. Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Daher sehe ich es als eine ethische Verantwortung der Industrie, die Biomechanik zum Wohl des Läufers bei der Konzeption eines Schuhs mitzubedenken. Erst recht bei Herstellern, die als Grundsatz haben, das natürliche Laufen zu ermöglichen.“ Am Ende finden wir an diesem Punkt keinen Konsens und das ist in Ordnung. Die abgebildete Meinungsvielfalt innerhalb der Laufszene ist prinzipiell positiv zu bewerten. Es bleibt die Vermutung, dass das letzte Wort in Sachen Karbonschuh noch lange nicht gesprochen ist und die kontroverse Debatte innerhalb der Laufschuhbranche so schnell nicht abebben wird. Wir werden das spannende Ringen um die besten Ideen jedenfalls weiterhin aufmerksam für Sie verfolgen.