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WIE VIEL FÜLLUNG BRAUCHT DER RASEN?


TASPO GARTEN-DESIGN - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 01.03.2019
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Bildquelle: TASPO GARTEN-DESIGN, Ausgabe 2/2019

Norwegische Wissenschaftler ermittelten Kunstrasenplätze in ihrem Land als zweithäufigsten Mikroplastikverursacher nach Reifenabrieb. Diese Informationen verunsichern Platzwarte und Nutzer auch in Deutschland. Wir haben Friedemann Söll vom Kunstrasenhersteller Polytan gefragt, mit welchen Fragen und Bedenken er jetzt konfrontiert wird und wie sich der Granulatabtrag minimieren lässt.

Gummigranulat in Kunstrasen ist aufgrund einer norwegischen Studie in die Kritik geraten. Wohl zu Unrecht, aber Nutzer sind verunsichert.


Werden Sie von Platzwarten oder Nutzern mit Fragen zur Mikroplastikthematik ...

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... konfrontiert?

Friedemann Söll: Meines Wissens basiert die norwegische Studie auf nicht ganz korrekten Annahmen und Hochrechnungen. Teilweise werden wir angesprochen, teilweise gehen wir aktiv auf die Verantwortlichen zu und informieren über die korrekte Pflege und Wartung. Einerseits soll die Nutzungsdauer des Kunstrasens möglichst optimiert , andererseits Umwelt und Budget von Verein oder Kommune geschont werden.

Welches Granulat verwendet Polytan in den Kunstrasenbelägen?

Söll: Wir empfehlen unseren Kunden grundsätzlich EPDM Gummigranulate (Ethylen-Propylen-Dien-Kautschuk). Diese bestehen aus synthetischem Kautschukmaterial und haben eine hohe Abriebfestigkeit, so dass auch bei intensiver Nutzung nur ein minimaler Verschleiß entsteht. Somit fallen auch nur geringe Anteile an Mikroplastik an. Diese Granulate sind speziell für die Anwendung in Kunstrasensystemen entwickelt. Ferner erfüllen unsere EPDM Gum migranulate auch die Anforderungen an die geltende REACH-Verordnung (Chemikalienverordnung) und die gültige Spielzeugverordnung DIN EN 71–3. Obwohl ein Sportplatz kein Spielplatz ist, ist das ein wichtiger Aspekt für die Gesundheit der Nutzer.

Gibt es noch andere Materialien für die Granulate?

Söll: Wir bieten mit PU beschichtete Granulate aus recycelten Autoreifen an, die ebenfalls die notwendigen Vorschriften erfüllen, über eine RAL Güteüberwachung verfügen, aber preislich wesentlich günstiger sind als EPDM. Hier gibt es allerdings Nachteile, zum Beispiel bei Optik und Geruch. Inzwischen haben wir auch ein Gummigranulat entwickelt, das zusammen mit einem nachwachsenden natürlichen Rohstoff produziert wird und somit die Vorteile von synthetischen Materialien und Naturmaterial kombiniert.

Welche Alternativen gibt es anstelle von Gummigranulat?

Alternativen sind sandgefüllte Rasensysteme, wie sie in den 1980er und 1990er Jahren populär waren. Ferner gibt es ungefüllte Rasensysteme, die allerdings wesentlich höhere Kosten haben, da die Gummigranulate durch teures Fasermaterial ersetzt werden müssen. Inzwischen werden auch natürliche Einfüllgranulate wie Kork angeboten.

Welche Vor- und Nachteile haben die einzelnen Materialien?

Söll: Sandgefüllten Systeme führen zu härteren Spielbelägen, da die Sandschicht sehr schnell verdichtet und hart wird. Hier sind Hautabschürfungen und Hautverbrennungen wesentlich wahrscheinlicher. Daher wurden in den 1990er Jahren die Sand-Gummi gefüllten Systeme eingeführt, die von den Nutzern als beste Systeme akzeptiert werden. Sie sorgen mit der Kombination aus Gummigranulat und modernen Fasern für einen wesentlichen Rückgang von Verbrennungen und Verletzungen. Auch ungefüllte Rasensysteme führen zu Hautabschürfungen, weswegen sie zum Beispiel von der FIFA bis heute nicht zugelassen sind. Kork wiederum ist leichter als Wasser und schwimmt somit leicht auf. Bei Starkregen ist damit zu rechnen, dass die komplette Infill-Füllung ausgetragen wird und die Umgebung kontaminiert oder in der Kanalisation verschwindet. Um die Spieleigenschaften wieder herzustellen muss neues Granulat eingefüllt werden.

Mit Blick auf die Umwelt verfolgen wir das Ziel, unsere Rasensysteme so zu optimieren, dass kein Austrag von Gummigranulat erfolg. Es wird so viel Gummigranulat wie nötig eingesetzt, um die beabsichtigte Wirkung von Spielperformance und Spielerschutz zu erreichen. Unsere Rasensysteme brauchen mit vier Kilogramm über 60 Prozent weniger EPDM Gummigranulat als die sonst in Europa eingebauten Rasen.

Friedemann Söll


Wie häufig und in welchen Mengen muss man auf Kunstrasenflächen das elastifizerende Infill nachfüllen?

Söll: In unserem überarbeiteten Pflegehandbuch geben wir eine Menge von circa 100 bis 250 Kilogramm pro Jahr als Nachfüllreserve für Gummigranulat an. Diese Menge kann schwanken, je nach Nutzung und je nachdem, wie gut die Pflege durchgeführt wird. Vielfach wird ohnehin nur in den durch Training und Spiel stark beanspruchten Bereichen wie Elfmeterpunkte und Ecken Granulat nachgefüllt. Nachdem der Rasen neu installiert und mit Gummigranulat befüllt ist, setzt sich das Granulat noch. Daher kann es sein, dass nochmals eine größere Menge nachgefüllt wird, um die optimale Rasenkonfiguration zu erreichen. Diese Menge ist aber nicht zusätzlich zu sehen, sondern entspricht der vorab vereinbarten idealen Befüllung.

Ist es möglich, mit Filtern zu verhindern, dass die Mikroplastikpartikel vom Spielfeld ins Wasser gelangen?

Söll: Diese Möglichkeit besteht und wird in unterschiedlichen Systemen auch von verschiedenen Anbietern angeboten. Hier gibt es von ganz einfachen bis zu Multifunktionslösungen bereits eine große Angebotspalette. Wir sind mit allen bedeutenden Anbietern von Rinnen und Entwässerungssystemen in Kontakt und können solche Lösungen auch bereits durch unseren Vertrieb anbieten.

Aber auch mit einfachen Lösungen wie zum Beispiel zentralen Reinigungsplätzen für die Schuhe und Kleidung, wie es im Naturrasenbereich durchaus üblich ist, kann der Austrag von Granulat in die Umwelt verhindert werden. Ein System, das an die Weidegitter in den Alpen erinnert, ist auch bei manchen Vereinen im Einsatz: Hier können Schuhe und Kleidung abgeklopft werden, die Granulate fallen durch einen Rost in einen Sammelbehälter. Zentrale Sammelplätze für abgeschobenen Schnee, am besten befestigt und mit einer kleinen Umrandung versehen, sorgen dafür, dass nach der Schneeschmelze die Gummigranulate einfach wieder aufgesammelt werden können.

HINTERGRUND

Dass laut einer Hochrechnung 3.000 Tonnen Gummigranulat in norwegischen Fjorden landet, dementiert auch der dortige Fußballverband.


Dass Gummigranulat auf Kunstrasenplätzen als einer der Hauptverursacher von Mikroplastik zu zweifelhafter Berühmtheit gekommen ist, ist einer Studie aus Norwegen zu verdanken. Wo immer es um Kunstrasen, Granulat und Mikroplastik geht, wird seither aus dieser Studie zitiert. Doch ganz korrekt sind die Hochrechnungen nicht, erklärt Friedemann Söll. „Hier wurde ein Rasenplatz als Referenz genommen, bei dem die Verantwortlichen in Ermangelung von Lagerfläche den abgeräumten Schnee während der Winterzeit grundsätzlich in den nahegelegenen Fjord und somit direkt ins Meer geschoben haben.

Es erfolgte also keine Sammlung des am Schnee anhaftenden Granulats. In Europa und auch in Norwegen ist es üblich, im Frühjahr die so wiedergewonnenen Gummigranulate in den Platz zurückzufüllen. Nimmt man nun dieses nicht repräsentative Verfahren und diese nicht tolerierbare Entsorgung des Granulats in die Umwelt als Basis, kommt man auf die veröffentlichten Zahlen. Der norwegische Fußballverband hat dazu ebenfalls entsprechende Informationen veröffentlicht und bestätigt, dass im Regelfall die Gummigranulate auf den Schneelagerplätzen wieder eingesammelt und in das Feld zurückgeführt werden.

In der Presse war damals von dreitausend Tonnen Gummigranulat als jährliche Nachfüllmenge für 1.600 Sportplätze die Rede, das sind drei Millionen Kilogramm. Pro Platz müsste man also rund 1.900 Kilogramm Granulat nachfüllen. Das führte natürlich zu entsprechender Aufgeregtheit. Aus Erfahrung sei bekannt, dass die Nachfüllmenge bei älteren Plätzen bei etwa 100 bis 250 Kilogramm pro Platz und Jahr liegen kann. „Das ist weit entfernt von 1.900 Kilogramm. Auch aus unseren Granulatverkäufen in Norwegen lässt nichts auf einen derartig hohen Verbrauch schließen“, so Söll.


Fotos: Polytan

Foto: Imago