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Wie viel Wolf steckt im Hund?


Partner Hund - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 01.09.2021

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Artikelbild für den Artikel "Wie viel Wolf steckt im Hund?" aus der Ausgabe 10/2021 von Partner Hund. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Partner Hund, Ausgabe 10/2021

Gudrun Feltmann

gründete 1996 das Institut Feltmannv.Schroeder für Verhaltensforschung. Mit ihren Studienergebnissen möchte Gudrun Feltmann Menschen darin unterstützen, die Verständigung mit ihren Hunden zu erleichtern. In ihrem Film „Wie Mensch und Hund Familie werden“ zeigt die Expertin, wie die Integration eines Hundes in eine neue Familie gelingt.

Mehr Infos unter www. institut-feltmann.com

Es steht inzwischen außer Frage, dass sich der Wolf freiwillig dem Menschen angeschlossen hat. Über den Zeitpunkt, wann dies geschah und welche Gründe es dafür gab, dass der Wolf die Nähe des Menschen suchte, wird noch immer viel diskutiert. Es werden weiterhin Vermutungen und Hypothesen bleiben. Sicher ist: Mensch und Wolf haben sich gefunden. Damit begann der Weg zur Domestikation des Wolfes. Allmählich fing der Mensch sogar an, mit entsprechend umgänglichen Wölfen zu züchten. Die Ergebnisse der ...

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... Zucht, die in den letzten 300 Jahren immer extremer wurden, sehen wir heute. Bei einem Zwerghund mit einem Gewicht von 1000 Gramm würde kein Mensch mehr an eine Verwandtschaft mit dem Wolf denken.

Und umgekehrt, wenn der Haushund über extreme Zucht sowohl körperlich als auch psychisch „verformt“ wird, könnte auch ein Wolf Schwierigkeiten haben, ihn als Artgenossen zu erkennen. Schließen wir diese Problematik aus, können sich Wolf und Hund, wenn die Größe entsprechend passt, ohne Einfluss des Menschen problemlos freiwillig paaren und fruchtbare Nachkommen zeugen (sehr zum Leidwesen mancher Menschen!). Das bedeutet, dass die Genetik noch passt, aber nicht nur das. Die soziale Verständigung funktioniert ebenfalls noch, denn eine freiwillige Paarung ohne gegenseitigen Respekt wird nicht klappen!

Wölfe in einer Kernfamilie

Beginnen wir mit dem Europäischen Wolf, der uns mit seiner Rückkehr nach Deutschland im Augenblick besonders beschäftigt. Der Europäische Wolf lebt in engen Familienverbänden, die zunächst aus den Eltern und ihren Nachkommen bestehen. Da Wölfe im Allgemeinen – anders als der Haushund – erst im zweiten Lebensjahr ihre ersten Welpen bekommen, aber ein Jahr später bereits den nächsten Wurf haben, sind die Wolfseltern mit der Versorgung und Betreuung der Nachkommen oft überfordert. Daher bleiben häufig einige Nachkommen aus dem ersten Wurf in ihrer Familie und stehen den Eltern bei der Aufzucht des zweiten Wurfes zur Seite. Sie verlassen spätestens dann ihre Familie, wenn sie selbst eine Familie gründen wollen. Bleiben also „Kinder“ als Helfer in ihrer Familie, sprechen wir von einer Kernfamilie. Vergrößert sich die Familie, wenn Familienangehörige wieder zurückkehren, sprechen wir von einer „Großfamilie“, die aber anders als bei uns Menschen nur aus eigenen Familienmitgliedern besteht. In einer Kernfamilie werden die Nachkommen nur von den Eltern bzw. von den älteren Geschwistern sozialisiert. Kämpferische Auseinandersetzungen bei den Jungtieren werden nicht geduldet und mit Nachdruck unterbunden.

Die soziale Ordnung des Wolfes

Das physische Wohl der Nachkommen mit ausreichend Nahrung und entsprechender Unterkunft abzusichern, ist nicht genug. Die „Kinder“ suchen Geborgenheit und Zuwendung. Daraus entwickelt sich dann tiefes Vertrauen der Wolfsmutter gegenüber.

Die Welpen wachsen heran, werden immer aktiver und beginnen der Mutter auf Schritt und Tritt zu folgen. Sie fordern Nahrung von ihr und oft wollen sie auch mit ihr spielen. Wenn es die Situation zulässt, erfüllt die Mutter die Wünsche. Manchmal wird sie aber auch mitteilen: „Jetzt nicht!“. Diese Mitteilung geschieht mit der entsprechenden Kör-persprache. Dabei bleibt die Mutter zum Beispiel starr stehen, fixiert den Welpen oder wendet ihren Kopf ab.

Genügt dies nicht, verwendet sie zusätzlich noch die Stimme, knurrt und zeigt manchmal auch noch die Zähne. Der Welpe testet jedoch oft weiter und nimmt die gezeigten Drohgesten nicht ernst. Im Gegenteil er steigert seine Forderung noch. In diesem Fall wird die Mutter „körperlich“ und setzt – ohne Aggression zu zeigen – die äußerste Drohgeste ein. Sie hält den Welpen fest, steht über ihm und wartet, bis der Welpe schließlich ruhig wird, still liegen bleibt und damit signalisiert: Ich habe dein „Jetzt nicht“ verstanden und respektiere dein Verhalten.

Die Mutter überprüft die gezeigte Antwort, bleibt noch ein wenig über den Welpen gebeugt stehen und entfernt sich dann langsam. Hat der Welpe wirklich verstanden und gelernt, die Mutter zu respektieren, wird er ihr in gemessenem Abstand folgen und in Zukunft bereits die „einfachen“ Drohgesten entsprechend beantworten. Je nach Persönlichkeit des Welpen genügt eine einmalig gezeigte äußerste Drohgeste. Manchmal jedoch muss die Mutter diese Geste noch etwas nachdrücklicher wiederholen – aber von da an nie mehr wieder!

Die Grundlage für den fein aufeinander abgestimmten Umgang ist bis etwa zum vierten oder fünften Lebensmonat gesetzt. Die Testfragen allerdings, ob es immer so sein muss, können sich – je nach Persönlichkeit des Jungtieres – noch etwas länger hinziehen. Der Weg zur Sozialisation hat sein Ziel erreicht, wenn der heranwachsende Wolf gelernt hat, das gezeigte Verhalten der Mutter und später das der älteren Familienmitglieder zu erkennen, richtig zu interpretieren und damit zu respektieren. Zugleich lernt er, seine eigenen Verhaltensweisen zu formen und den Situationen entsprechend anzupassen. Das führt zu respektvollem Umgang und zu harmonischem Miteinander in der Wolfsfamilie.

Soziale Ordnung des Haushundes

Der domestizierte Wolf, unser Haushund, kann sich an sehr unterschiedliche Lebensgemeinschaften anpassen, einmal ausschließlich in der Obhut des Menschen und zum anderen ohne Betreuung des Menschen in seiner Hundefamilie und später in Gemeinschaften mit nicht verwandten Artgenossen – also offenen Gemeinschaften. Diese Art des Zusammenlebens finden wir häufig bei Straßenhunden, die durchaus die Nähe des Menschen zu ihrem Vorteil zu nutzen wissen und die Hinterlassenschaften der Menschen oft als bequeme Nahrungs-quelle aufsuchen. Die Entwicklung des sozialen Verhaltens nimmt ihren Anfang wie beim Wolf in den ersten Lebenswochen, sobald die Welpen sich selbstständig fortbewegen können und lernen, langsam ihre Umwelt zu erobern. Das ist die Zeit, in der die Hundemutter – wie der Wolf – beginnt, aktiv ihr „Jetztnicht-Verhalten“ zu zeigen, und Abstand fordert. Die Welpen lernen, die Mutter zu respektieren, sie zu achten und später auch den anderen Artgenossen gegenüber Achtung auszudrücken.

Der Grundstein für respektvollen Umgang in der Gemeinschaft ist auch hier bis etwa zum vierten oder fünften Lebensmonat gelegt und ohne Weiteres mit dem des Wolfes zu vergleichen. Nur später ändert sich etwas. Verwilderte Hunde können in „offenen Gemeinschaften“ leben. Zunächst haben sie als Welpen in ihrer Kernfamilie gegenseitigen Respekt und Rücksichtnahme gelernt. In einer „offenen Gemeinschaft“ jedoch ändert sich die soziale Struktur etwas. In dieser Gemeinschaft gibt es deutliche Kämpfe um die Führungsposition. Erst wenn die Führungsrolle geklärt ist und ein Tier die Position des „Anführers“ (oder des „Chefs“) übernommen hat, wird auch in dieser Gemeinschaft ein positives „Miteinander“ entstehen und sich gegenseitiger respektvoller Umgang einspielen.

Der Welpe kommt zum Menschen

Zunächst muss uns bewusst sein, dass sich nur in wenigen Fällen die Hunde ihre Menschenfamilie selbst aussuchen dürfen und im Allgemeinen auch nicht ihren Partner zur Gründung ihrer Hundefamilie selbst auswählen können.

Was hat das für Folgen für unseren Haushund in seiner sozialen Entwicklung? Die Welpen werden meistens im Alter von acht oder zwölf Wochen der Hundemutter weggenommen und in eine neue Menschenfamilie abgegeben. Die Aufgabe der Sozialisation der Welpen, die die Hundemutter genauso – wie auch der Wolf – mit dem Beginn der Eroberung der Umwelt übernimmt und bis etwa zum fünften Lebensmonat lehrt, wird auf diese Weise rücksichtslos unterbrochen. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass auch der Welpe – genetisch bedingt – in dieser Zeit ein extremes soziales Lernbedürfnis aufweist.

Menschen als „Ersatzeltern“

Jetzt sind wir Menschen gefragt: Wie kann es uns gelingen, diese Bedürfnisse des jungen Hundes in entsprechende Bahnen zu lenken? Die große Lernfreude und die ausgeprägte Anpassungsfähigkeit des Hundes helfen uns dabei. Mit Einfühlungsvermögen, Verständnis und positiver Konsequenz im Umgang mit unserem Hund können wir „Ersatzeltern“ für ihn werden und mit dieser Rolle sein soziales Lernbedürfnis weiterhin in entsprechende Bahnen lenken. Das führt dazu, dass sich die Menschenfamilie für unseren Hund zu seiner Kernfamilie entwickelt.

Da unser Hund aber seine Menschenfamilie nicht – wie der Wolf – verlassen kann, bleibt er psychisch weiterhin in seinem Verhalten ein „Teenager“, der immer wieder einmal versucht, die gelernte Ordnung infrage zu stellen. Im Umgang mit seinen Artgenossen allerdings wird er im psychischen Bereich sehr wohl erwachsen und entwickelt seine Persönlichkeit. Lebt er in einer Menschenfamilie mit mehreren Hunden zusammen oder trifft sich oft mit anderen Hunden, entwickelt sich diese Gemeinschaft unter Artgenossen zu einer offenen Gemeinschaft weiter, die soziale Unterschiede erkennen lässt und sozusagen von einem „Anführer“ geleitet wird.

Parallelen zum Europäischen Wolf

Zusammenfassend können wir feststellen: Es gibt im Bereich des sozialen Verhaltens vom Europäischen Wolf und unserem Haushund deutliche Parallelen. Die soziale Ordnung, die das Zusammenleben in jeder Beziehung regelt, wird auch bei unserem Haushund zunächst von der Hundemutter gelehrt und später von uns Menschen weitergeführt. Dabei lernt der Haus-

hund wie auch der Wolf: Halte Abstand, wenn ich das wünsche, respektiere mich und zeige mir das mit entsprechendem Verhalten. Unser Hund allerdings lernt in seiner intensivsten Lernphase dieses Programm zweimal, zunächst in seiner Hundefamilie und anschließend in seiner Menschenfamilie. Aber das ist noch nicht alles.

Er kann sich mit nicht verwandten Artgenossen verständigen und sie im Welpenalter in soziales Verhalten einweisen, sodass auch diese lernen, friedlich zusammenzuleben.

Wölfe in einer Hundegemeinschaft

Im Verlauf meiner langjährigen Welpenstudien beobachtete ich nicht nur meine Hunde in der Betreuung von Haushund-und Dingowelpen, sondern hatte die außergewöhnliche Gelegenheit, aus einem Tierpark zweimal jeweils zwei junge Wölfe – einmal im Alter von fünf Wochen und einmal im Alter von sieben Wochen – zu übernehmen.

Diese wurden im Tierpark ohne menschlichen Einfluss geboren und lebten bis zu meiner Übernahme nur in ihrer Wolfsfamilie. Ich übergab sie meiner Hundegemeinschaft, die aus vier erwachsenen Haushunden unterschiedlicher Rassen und verschiedenen Alters bestand. Meine Hunde übernahmen sofort ihre Rolle als die Älteren, kümmerten sich um sie und sorgten für die soziale Entwicklung der Wolfswelpen genauso, wie sie dies mit den jungen Dingos und den Hundewelpen getan hatten.

Die jungen Wölfe kamen im Alter von achtzehn Wochen wieder in ihren Tierpark und in ihre Wolfsfamilie zurück. Sie wurden ohne Einschränkung von den Geschwistern und ihren Eltern angenommen, so als seien sie nie von ihrer Familie getrennt gewesen. Das bedeutet, dass die Haushunde noch immer imstande sind, die psychische Entwicklung der Wolfswelpen ohne Einschränkung zu formen.

Trotzdem: Der Hund ist kein Wolf!

Das soziale Verhalten des Hundes ist in seiner Funktion im Vergleich zum Europäischen Wolf nur wenig verändert. Seine Fähigkeiten, sich in verschiedene Gemeinschaften einzugliedern und sich entsprechend anzupassen, haben sich beeindruckend erweitert.

Er kommt im Gegensatz zum Wolf im sozialen Bereich nicht nur mit seinen verwandten Artgenossen zurecht, sondern auch mit fremden Artgenossen, mit uns Menschen oder sogar mit anderen Tierarten.

Unser Hund – ein wirklich beeindruckendes Haustier!

GUDRUN FELTMANN