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Wie weiter?


Theater der Zeit - epaper ⋅ Ausgabe 9/2020 vom 01.09.2020

Ein Plädoyer für die Erneuerung der Idee des Theaters


Artikelbild für den Artikel "Wie weiter?" aus der Ausgabe 9/2020 von Theater der Zeit. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Theater der Zeit, Ausgabe 9/2020

Wie geht es nach dem Shutdown mit dem Theater weiter? - Keiner weiß es. Sicher ist nur: Das Theater kann und muss sich verändern. Hier das Schauspiel Stuttgart mit „Black Box. Phantomtheater für 1 Person“ von Stefan Kaegi / Rimini Protokoll.


Foto Björn Klein

Warum Theater? Diese Frage ist so nebulös wie komplex. Wie jeder Stillstand, jedes aus dem Schrecken geborene Innehalten zwang auch der harte Lockdown der vergangenen Monate dazu, noch einmal grundsätzlich über das Theater nachzudenken. Warum glauben wir an diese Kunstform? Was soll sie bewirken? ...

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... Erkenntnis? Veränderung? Oder besser: gar nichts? Keine Anweisungen. Volles Risiko. Ohne Netz und doppelten Mausklick? Antworten geben in unserem Schwerpunkt Jakob Hayner, Chantal Mouffe, Mårten Spångberg sowie Christine Wahl anlässlich der Produktion „Black Box“ von Stefan Kaegi am Schauspiel Stuttgart.

E s kann nicht weitergehen, also muss es weitergehen. Diese Sentenz, wie aus einem der Stücke Samuel Becketts, könnte als Leitspruch über der gegenwärtigen Situation des Theaters stehen. Wie wird die neue Spielzeit unter pandemischen Bedingungen aussehen, wie die danach? Niemand weiß es, niemand kann es wissen. Wir wissen jedoch inzwischen, nachdem sich der Nebel der ersten Feuilletondebatten gelichtet hat, dass ein Virus nicht die ganze Welt ändert oder naturwüchsig die Solidarität unter den Menschen hervorbringt. Oft hat man inzwischen gehört und gelesen, welcher Missstand durch die jetzige Krise nochmals deutlicher in Erscheinung getreten ist. Das führt die Krisenhaftigkeit des gesellschaftlichen Lebens im Kapitalismus vor Augen. Am Horizont zeichnen sich die neuen Kämpfe unserer Epoche ab - gewaltsame Besitzstandswahrung gegen die verelendeten Massen. Doch ist in all diesen Auseinandersetzungen noch nicht die Kontur eines Neuen ersichtlich, einer radikalen und universalen Idee des Sozialen. Es ist eine Situation, die nach Orientierung verlangt, wie man einst nach dem hell strahlenden Polarstern Ausschau hielt, um über die stürmischen Weltmeere zu navigieren.

Die Lage des Theaters ist deswegen so kompliziert, weil es um zweierlei zugleich geht: um die materielle Basis und den ideellen Überbau, wenn man es so ausdrücken möchte. Und beides hängt zusammen. Infolge der Einschränkungen der vergangenen Monate, mit deren Neuauflage permanent gedroht wird, sind zahlreiche Menschen in ihrer Existenz bedroht, darunter Künstlerinnen und Künstler. So rächt sich auch die Ausweitung prekärer Arbeitsverhältnisse. Mit einigem Erstaunen konnte man zur Kenntnis nehmen, dass die Theater in der Hierarchie des Systemrelevanten nach maßgeblicher Meinung weit hinter Möbelhäusern verortet wurden. Das soll nicht missverstanden werden als Forderung nach Privilegien für Künstler im Vergleich zu Möbelverkäufern. Aber der Unterschied zwischen einem Theater und einem Möbelhaus liegt doch in der Sache, die dort statthat. Das Theater ist der Ort bewusster Reflexion des Sozialen, hier redet die Gesellschaft mit der Gesellschaft über die Gesellschaft. Das ist, wenn man so will, das metaphysische Surplus der darstellenden Kunst. Und um das war es schon vor der Schließung der Theater nicht gut bestellt.

Hat man sich nicht in den vergangenen Jahren schon gewundert, wie wenig an die Idee des Theaters geglaubt wurde? Wie verschämt oder auftrumpfend seine Protagonisten sich abwandten und Zuflucht suchten im Außerkünstlerischen? Nein, hier soll nicht das 19. Jahrhundert beschworen werden, als angeblich traute Einheit zwischen Schauspieler und Rolle, Publikum und Autor sowie Bühnenillusion und Wirklichkeit herrschte. Was hier im Gegenteil angemahnt wird, sind Ideen für ein Theater im 21. Jahrhundert. Ideen, die sich nicht davor drücken, der Wirklichkeit mit dem gesamten Arsenal der künstlerischen Mittel zu Leibe zu rücken. Die sich nicht in die schale Ironie des Unernsten und Nichtbehaupteten flüchten. Die nicht nur die mediale Oberfläche der Wirklichkeit reproduzieren, sondern ihren Kern offenlegen wollen. Die den Konflikt nicht durch die Beschwörung guter Absichten verdecken. Die also die Welt zu zeigen beabsichtigen, wie sie ist, und auch noch so, wie sie sein könnte, und die zugleich ein Begehren wecken, welches von dem einen in den anderen Zustand geleitet. Zu viel verlangt? Aber wo sonst sollte man alles wollen können, wenn nicht im Theater? Und kommt man nicht zu solchen Punkten, wenn man über eine Frage ernsthaft nachdenkt: Warum Theater?

Die Kunst arbeitet nicht nur am Wirklichkeitssinn, sondern vor allem auch am Möglichkeits- und Veränderungssinn. Das erfordert Widerstand gegen die ästhetische Armut, die der Spätkapitalismus auferlegt und die mit der materiellen einhergeht. Es bedeutet, sich aus der Unmündigkeit zu befreien, in die der vermeintlich allwissende Markt uns gestürzt hat, indem er keine Wahrheit neben sich duldet. Wir müssen beginnen, eigene Antworten auf die wichtigen Fragen zu geben. Vieles verwerfen, um wieder Bewegungsfreiheit zu bekommen. Eine eigene Agenda entwickeln. Und noch mal: Wo sollte das besser gehen als im Theater, wo das alles in Form des Spielerischen getan werden kann? Am Grunde der Idee des Theaters, so der Philosoph Christoph Menke, steht „ein höchst unwahrscheinliches, gänzlich unzeitgemäßes Vertrauen in die Kraft der Kunst: dass das Ästhetische, wenn es ernst genommen wird, aus sich selbst heraus weltverändernd ist.“ Die Freiheit wird man sich nehmen müssen. Dann werden wir eventuell wissen können, wie es weitergehen kann. Und wie nicht. //

Von Jakob Hayner ist im März dieses Jahres das Buch „Warum Theater. Krise und Erneuerung“ im Verlag Matthes & Seitz erschienen.