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WIE WIR ECHTE NÄHE FINDEN


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flow - epaper ⋅ Ausgabe 70/2022 vom 22.11.2022
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Bildquelle: flow, Ausgabe 70/2022

Wie wohltuend ein Gefühl der Nähe zu anderen ist, fällt mir oft erst auf, wenn ich es vermisse. Immer wieder habe ich solche Situationen erlebt, manchmal für Momente, manchmal für Monate. Zum Beispiel vor Kurzem, als eine Freundin wieder einmal ein Treffen per WhatsApp am Tag der Verabredung absagte. Ich sei ihr wichtig, schrieb sie mir, garniert mit einigen Herz-Emojis, aber sie habe einfach zu viel zu tun. Eine ganze Weile stand ich mit dem Mobiltelefon in der Hand im Wohnzimmer, verletzt, weil mir viel an dieser Verbindung liegt, die meine Freundin immer seltener sucht. Oder im ersten Corona-Winter, als es keine geselligen Abendessen im Freundeskreis mehr gab, keinen Schwatz mit der Nachbarin im Flur, kein Weihnachtswichteln mit Kolleg:innen. In der Zeit fühlte ich mich auf unwirkliche Art verloren. Ähnlich unverbunden habe ich mich sonst nur noch mit Ende zwanzig gefühlt, in der Phase, als ich ...

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... neu in Hamburg war. Die Beziehung, die Grund des Umzugs war, ging in die Brüche, ich fühlte mich zu elend, um mit den Leuten in Kontakt zu treten, die ich in der neuen Stadt schon kannte. Lieber lag ich auf dem Bett, hörte Leonard Cohen und starrte nach draußen ins nasskalte Winterwetter. Ich schämte mich für mein Alleinsein, von der Welt und mir selbst entfremdet. Eine ziemlich zähe Zeit.

GERADE WEIHNACHTEN

Eins ist sicher: Es geht uns einfach besser, wenn wir einen regelmäßigen herzlichen Austausch mit anderen erleben. Menschen, die von sich selbst sagen, dass sie sich im Leben grundsätzlich wohlfühlen, haben jedenfalls häufig ein stabiles soziales Netz mit vielen alltäglichen Kontakten und wenigstens einer vertrauten Bezugsperson. Das zeigt eine Studie der Psychologen Martin Seligman und Ed Diener, für die die Wissenschaftler 1,5 Millionen Menschen aus 155 Ländern befragten. Die Nähe zu anderen ist aber nicht nur wohltuend, sie gibt uns oft auch ein Gefühl von Sinn, schreibt Tatjana Schnell, Psychologieprofessorin an der Universität Innsbruck, auf ihrer Seite sinnforschung. org. Als besonders wichtig und erfüllend werden in Umfragen vor allem Kontakte zu Freund:innen, Partner:innen und der Familie gesehen. Egal in welcher der drei Beziehungsformen: Für unser Wohlbefinden entscheidend ist, dass wir eine verlässliche Bezugsperson haben, mit der ein vertrauensvolles Verhältnis besteht.

Gerade rund um Weihnachten und Silvester scheinen viele Leute die Verbundenheit noch einmal in besonderem Maße zu suchen und zu feiern. Gleichzeitig ist das auch die Zeit im Jahr, in der Einsamkeitsgefühle besonders stark spürbar sind. Darüber berichtet etwa der Publizist Daniel Schreiber in seinem BuchAllein.In einem der Essays schildert er, dass er als allein lebender, schwuler Mann merkt, wie ihn im Advent häufig das Gefühl packt, nicht dazuzugehören: „Wenn sich der Winter ankündigt, (…) das Fest selbst, der Jahreswechsel, die darauffolgenden nicht enden wollenden Monate der Dunkelheit. In dieser Zeit fühle ich am stärksten, dass ich allein lebe.“ Er versuche es sich dann schön zu machen, gehe öfter ins Konzert, Ballett oder Kino, erzählt er. „Ich fange einen dicken Roman an, den ich nicht zu Ende lese, suche nach den perfekten Weihnachtsgeschenken für meine Patenkinder, beginne Orangen-, Klementinen- oder Meyer-Zitronen-Marmelade zum Verschenken zu kochen, backe Panettone und Stollen für Freundinnen und Freunde und esse davon selbst mehr als geplant.“ Doch all das helfe ihm meistens nicht, die innere Unruhe zu vertreiben. Obwohl er viele Freunde habe, sei im Winter das Fehlen von Nähe deutlicher. Dabei mag es auch eine Rolle spielen, dass Weihnachten für viele nach wie vor ein Familienfest ist. Wer im Dezember und Januar schon mal eine tiefe Krise durchgestanden hat, zum Beispiel eine Trennung, der weiß, wie deprimierend das werden kann. Auch meinen ersten Winter in Hamburg erlebte ich jedenfalls als viel zu lang.

ORTE DER GEBORGENHEIT

Ein Gefühl von Unverbundenheit begleitet viele aber nicht nur im Winter. Es ist Teil des heutigen Lebens. Etwa 14 Millionen Menschen aller Altersgruppen erleben sich hierzulande als einsam, schreibt Diana Kinnert, Autorin des BuchesDieneueEinsamkeit,und benennt gesellschaftliche Gründe: 41 Prozent der Menschen wohnen allein. Außerdem wird durch die digitalen

Medien zwar mehr Kontakt möglich, die Reizüberflutung und unzähligen Kontaktmöglichkeiten in den sozialen Medien schaffen aber auch eine größere Unverbindlichkeit und Schein-Nähe. Dazu kommt ein ausgeprägter Individualismus – jeder versucht vor allem, den für sich passenden Weg zu gehen. Diese Gemengelage kann leicht dazu führen, dass wir vergessen, dass wir soziale Wesen sind, die in der Gemeinschaft und Gemeinsamkeit aufblühen. Diese Gedanken lese ich bei der Psychotherapeutin Luise Reddemann, die ein Buch darüber geschrieben hat, wie wir in einer unsicheren Welt Halt finden können. „Wichtig dafür sind vor allem Verbundenheit und Mitgefühl“, sagt Reddemann. Sie hat in den vielen Jahrzehnten in ihrem Beruf immer wieder festgestellt, dass Menschen sich gestärkt fühlen und mit Krisen besser umgehen können, wenn sie den Kontakt und die körperliche Nähe zu anderen suchen und unter Freund:innen, in der Familie oder auch im Kolleg:innenkreis Mitgefühl erleben. So entstehen laut Reddemann Orte der Geborgenheit. Das klingt schön: mit anderen mitschwingen, einander Raum geben und zuhören, sich berühren. So können wir im Kontakt mit anderen zeigen, dass wir die Verbindung suchen, so gestalten wir unsere Beziehungen in einer Weise, dass ziemlich sicher Nähe entsteht.

MENSCHEN FÜHLEN SICH GESTÄRKT UND KÖNNEN MIT KRISEN BESSER UMGEHEN, WENN SIE DIE NÄHE ZU ANDEREN SUCHEN UND ERLEBEN

WIE FÜHLT SICH NÄHE AN?

Die Psychotherapeutin Christine Brähler hat eine Liste mit typischen Merkmalen von Beziehungen zusammengestellt, in denen wir wirkliche Verbundenheit erleben. Es kann sich lohnen, die eigenen Freundschaften und Beziehungen einmal daraufhin abzuklopfen, in welche Richtung der Pegel zwischen den Polen jeweils ausschlägt. Wichtig ist, sich klarzumachen, dass Beziehungen nie ideal sind, es können nie alle Kriterien erfüllt werden. Du kannst aber Tendenzen ablesen, welche Kontakte dich stärken und für dich wesentlich sind.

* Vertrauen statt Misstrauen

* Wohlwollen statt Neid, Eifersucht, Machtkampf

* Gegenseitigkeit statt Einseitigkeit

* Wahrhaftigkeit statt Falschheit

* Wesentliches statt Oberflächlichem

* Akzeptanz statt Bewertung

* Respekt statt Übergriffigkeit

* Menschlichkeit statt Perfektion

* Gleichheit statt Ungleichheit

* Eigenverantwortung statt Vorwürfen

* Spiel statt Leistung

Christine Brähler:NeueWegeausderEinsamkeit.MitSelbstmitgefühlzumehrVerbundenheitfinden(Irisiana-Verlag)

VERBUNDEN MIT ALLEN

Stärkend ist es auch, sich klarzumachen, dass wir letztlich nie allein, sondern immer mit anderen verbunden sind. In ihrer Praxis fordert Luise Reddemann deshalb ihre Klient:innen gerne mal auf, sich vorzustellen, wie viele Menschen nötig sind, damit wir morgens zum Frühstück ein Brötchen essen können: Da sind die Bäuerinnen und Bauern, die das Korn anbauen, die Bäcker:innen, die die Brötchen backen, die Menschen, die unsere Teller hergestellt haben. Wenn wir uns diese Art der Verbundenheit aller Menschen immer wieder vor Augen führen, fühlen wir uns laut Reddemann sicherer. Für mich hat diese Übung tatsächlich einen Aha-Effekt. Während ich mir vorstelle, wer alles nötig ist, damit ich hier sitzen und diesen Text schreiben kann, fühle ich mich in der Welt gleich ein bisschen besser aufgehoben und zufriedener – denn der Computer läuft, mein Tisch ist stabil, der Stuhl bequem. Danke dafür. Und: Hallo zusammen!

Dieses Gedankenexperiment ist tröstlich. Doch es hilft natürlich nur bedingt gegen große Einsamkeitsgefühle. So widersprüchlich es erst einmal klingen mag: Die Psychotherapeutin Christine Brähler empfiehlt in einem solchen Fall, den Fokus auf sich zu lenken und zu lernen, sich selbst liebevoller und mitfühlender zu behandeln. In ihrem BuchNeueWegeausderEinsamkeitbeleuchtet sie, warum uns genau das guttut, wenn wir uns ausgeschlossen und abseits fühlen. Indem wir nämlich eine Verbindung zu uns selbst aufbauen, können wir die Qualität von Nähe oder Geborgenheit auch dann empfinden, wenn niemand anderes da ist. Laut Studien klappt das, weil wir dadurch den sogenannten Fürsorgemodus aktivieren. Es ist ein innerer Zustand, mit dem messbare körperliche Veränderungen einhergehen: Es werden weniger Stresshormone ausgeschüttet, im autonomen Nervensystem werden beruhigende Impulse ausgesendet, und der sogenannte Angriff-und-Flucht-Modus, den wir unter Stress erleben und der uns alarmiert und vereinzelt, wird gleichzeitig abgeschwächt. All das trägt dazu bei, dass wir uns sicherer fühlen, weniger isoliert, nah bei uns selbst.

Es klingt beruhigend, dass ich mir ein Gefühl von Nähe selbst geben kann. Doch wie gelingt es praktisch, fürsorglich mit sich umzugehen, wenn man sich gerade verloren oder verzweifelt fühlt? Christine Brähler schlägt verschiedene konkrete Übungen vor, zum Beispiel ein Gespräch mit einer „mitfühlenden Mitbewohnerin“. Man stellt sich dabei in einer ruhigen Minute eine Person vor, die einem nahesteht und einen freundlich und wohlwollend begleitet. Es hilft, sich diese Mitbewohnerin ganz detailliert vorzustellen, zu überlegen, was sie für Kleidung trägt, wie sie sich bewegt, mit welcher Stimme sie spricht, welche einfühlsamen Sätze sie sagt. Diese mitfühlende Begleiterin kann man sich dann immer in Erinnerung rufen, wenn man sich allein oder unsicher fühlt, weil niemand da ist.

EINE FÜRSORGLICHE PAUSE

Wir können uns also unmittelbar stärken, indem wir gut für uns selber sorgen. Und so fällt es uns dann auch leichter, den Blick wieder nach außen zu wenden und unsere Kontakte mit anderen erfüllend zu gestalten. Ich habe das zum Beispiel letztes Jahr wieder gemerkt, als Weihnachten in den Corona-Lockdown fiel. Damals war schnell klar, dass meine Familie und ich nicht wie sonst den 24. Dezember mit Freund:innen verbringen würden. Statt an einer langen Tafel zu sitzen, zu essen, zu trinken und Karten zu spielen, würden wir zu dritt zu Hause sitzen – mein Mann, mein Teenager-Sohn und ich. Zunächst war ich enttäuscht und traurig, hatte ein Gefühl von „auch das noch“. Ich zog mich dann bewusst mit einer warmen Decke aufs Sofa zurück, versuchte mich zu trösten und das Ganze auch nicht ganz so dramatisch zu nehmen. Durch diese kleine fürsorgliche Pause konnte ich schnell sehen, was mir guttun würde. Ich beschloss, das Fest mit meiner Kleinfamilie und die Stunden der Nähe zu genießen. An Heiligabend skypten wir nachmittags mit meiner Mutter und packten dabei unsere Geschenke aus, aßen anschließend zu dritt unser Lieblingsessen, Gulasch mit Spätzle, und machten danach einen längeren Spaziergang in der Dunkelheit. Der Weihnachtsabend war früher zu Ende als sonst, aber wir haben ihn zusammen verbracht, so gut es ging. Im Nachhinein war es ein sehr besonderer Tag. Nun war es für mich natürlich verhältnismäßig leicht, denn ich verbrachte die Zeit mit zwei Menschen, die ich ohnehin gern um mich habe und sehr gut kenne. Doch selbst wenn man im Augenblick ganz allein ist: Sobald es gelingt, eine wohlwollende Haltung zu sich selbst zu entwickeln, findet sich oft wie zufällig eine offene Tür, eine fast spontan entstehende Verbundenheit mit anderen. Daniel Schreiber beschreibt das in einem seiner Essays, in Allein, eindrücklich. Er erzählt, wie er deprimiert in ein Hotel in die Schweiz fährt zum Schreiben. Er hat keine Lust auf diese Reise. Vor Ort wandert er dann erst mal viel und stabilisiert sich so selbst, verbindet sich mit der Natur. Nach und nach nimmt er dann Kontakt zu den anderen Menschen im Hotel auf. Da sind das Betreiberpaar, Gäste und Angestellte, viele von ihnen Freund:innen der Hoteliers. Sie alle bilden eine Art von Spontanbündnis, getragen von gegenseitiger Sympathie. Solche Bindungen beschrieb der Soziologe Mark Granovetter bereits in den 1970er-Jahren als „Weak Social Ties“. Sie haben eine wichtige Bedeutung, denn auch sie schaffen ein Gefühl von Zugehörigkeit. Zwar sind solche Kontakte flüchtiger als Freundschaften, doch Daniel Schreiber fühlt sich durch sie während seines Aufenthalts in der Schweiz eingebunden, aufgehoben in einer Gemeinschaft der Gleichgesinnten, mit ähnlichen Werten und ähnlichem Geschmack. Auch solche Gemeinsamkeiten können Nähe schaffen.

DIE NÄHE ZU ANDEREN IST NICHT NUR WOHLTUEND, SIE GIBT UNS AUCH EIN GEFÜHL VON SINN

LOCKERE VERBINDUNG

Meiner eigenen Erfahrung nach sind solche spontanen Kontakte oft der Anfang von neuen Freundschaften. In Hamburg hatte ich in dem Haus, in dem ich mit Ende zwanzig wohnte, eine nette Nachbarin, etwa zehn Jahre älter als ich, mit der ich manchmal nachmittags Tee trank. Sie war Übersetzerin und Mutter, hatte nie viel Zeit. Aber wir waren uns sympathisch. Diese lockere Verbindung im eigenen Haus tat mir gut. Entscheidend besser wurde es allerdings, als ich mich nach dem langen Winter etwas weiter öffnete und der Nachbarin erzählte, dass ich mich oft allein fühle, dass ich Anschluss suche. Auch wenn es mir schwerfiel, das zuzugeben, hat es viel verändert. Mich verletzlich zu zeigen hat Nähe geschaffen. Die Nachbarin erzählte mir von eigenen Krisen. Und sie half mir auf unkomplizierte Weise, neue Menschen kennenzulernen, indem sie mich ein paarmal auf Partys und zu Konzerten mitnahm. Psychologin Christine Brähler würde diese positive Entwicklung sicher kaum überraschen. Laut den Forschungen, die sie in ihrem Buch zitiert, hat Nähe viel damit zu tun, dass wir uns anderen gegenüber auch verletzlich zeigen. Dass wir riskieren, uns so zu geben, wie wir uns fühlen. Oft wird dann Nähe dadurch aktiviert, dass auch die andere Seite feststellt: Ja, das kenne ich, ich fühle mich auch manchmal schwach. Und schon hat man etwas gemeinsam.

Mit meiner Freundin, die mich im Moment häufig per WhatsApp versetzt, habe ich eine Zeit lang viele meiner Ängste, Zweifel und Geheimnisse geteilt und sie ihre mit mir. Dieser enge Austausch war wohltuend. Doch die Verbindung hat sich verändert, wir sehen uns weniger, wissen nicht mehr so viel voneinander. Nähe kann man anscheinend nicht festhalten. Das hat jedoch heute häufig nur zum Teil mit der Qualität und Bedeutung einer Beziehung zu tun. Dass verlässliche Nähe rarer geworden ist, hängt auch mit der Digitalität der Gesellschaft zusammen, betont Autorin Diana Kinnert. Wie die digitale Zerstreuung und die scheinbar unzähligen Kontaktmöglichkeiten auf analoge Beziehungen wirken, lässt sich schon daran beobachten, wie häufig Abendverabredungen mit einer Handvoll Freund:innen ablaufen: Einer sagt kurzfristig per SMS ab, weil doch etwas anderes ansteht. Eine schreibt, dass sie später kommt. Die Dritte ist da, tippt aber permanent Nachrichten in ihr Smartphone. Der Vierte und die Fünfte unterhalten sich und versuchen, den Abend zu einem schönen Erlebnis zu machen. Doch das Gespräch findet keine Tiefe – es ist einfach zu unruhig.

MEHR VERBUNDENHEIT SPÜREN

Es ist oft gar nicht so schwer, dafür zu sorgen, dass wir mehr Nähe spüren – zu uns selbst, zu anderen und zur Welt. Hier ein paar praktische Anregungen:

* In einer abendlichen Runde mit Freund:innen Ähnlichkeiten suchen und darüber sprechen, zum Beispiel über ähnliche Werte

* Gerade bei schlechtem Wetter rausgehen - dann fühlen wir uns schnell mit den Elementen und der Natur verbunden.

* Mit Menschen über eine Schwäche sprechen und sie um Hilfe bitten.

* Weihnachtsgrüße an fünf Menschen schicken, die du magst und lange kennst.

* Zwei Lieblingsmenschen sagen, wie wichtig sie dir sind und warum.

* Ein Gespräch mit einem bisher noch nicht vertrauten Menschen führen, in dem du vor allem zuhörst.

* Ein einfaches Abendessen mit Brot und Käse für die Familie oder Freunde machen, ganz ohne Aufwand.

* Einen Spieleabend veranstalten.

* Heiße Getränke, Wärmflaschen, eine warme Decke – alles, was dich wärmt, aktiviert ein Gefühl von Geborgenheit.

VERBUNDENHEIT UND VERBINDLICHKEIT GEHÖREN ZUSAMMEN. ES BRAUCHT RAUM UND ZEIT, SICH AUSZUTAUSCHEN UND BESSER KENNENZULERNEN

Dass durch diesen Zeitgeist eine Sehnsucht nach Beständigkeit entsteht, ist verständlich: Denn Verbundenheit und Verbindlichkeit gehören zusammen. Es braucht Raum und Zeit, sich auszutauschen und sich besser kennenzulernen. Als ich vor einigen Wochen endlich mal wieder mit meiner Freundin bei einem Glas Wein saß, versuchte ich ihr genau davon zu erzählen. Sie hörte mir zu. Es tat ihr leid, dass sie mich verletzt hatte. Sie erzählte von eigenen Problemen, die aktuell dazu führen, dass sie ständig gehetzt ist und wenig Zeit hat. Es war ein Gespräch, in dem wir wieder Verbindung fanden. Durch liebevolle kleine Sätze, durch Bezüge zu früheren Gesprächen. In dem Moment fand ich es schön zu sehen, dass Nähe auch wieder neu entstehen kann. Und dass es mit manchen Freundschaften ist wie mit Fahrradfahren: Man verlernt nicht, wie es läuft.

JEDEN TAG EIN DOPPELKEKS

Dennoch braucht es einen Rahmen, damit wir uns nah sein können. Mir selbst, das merke ich, während ich diesen Artikel hier schreibe, ist es wichtig, bewusst Gelegenheiten zu schaffen und meine Beziehungen zu pflegen. Bei Emily Esfahani Smith, Autorin des BuchsGlückalleinmachtkeinenSinn,habe ich gelesen, dass erfüllte Beziehungen zum Partner, zur Partnerin, zu Freund:innen, zu den Kindern und anderen Familienmitgliedern oft dadurch entstehen, dass wir unsere Verbundenheit im Alltag regelmäßig durch kleine Gesten ausdrücken: Das kann bei einem Paar eine Umarmung sein oder ein inniger Kuss, bei Freund:innen ein Insiderwitz oder ein mitfühlender Satz. So werden laut Smith erfüllende Begegnungen möglich, in denen man Wärme und Verbundenheit wirklich klar spüren kann. Und das ist wichtig!

Auf dem Höhepunkt der Pandemie, als wir auch in unserem Büro mit Maske am Schreibtisch saßen, kam eine Kollegin jeden Nachmittag mit einer Packung Doppelkeks zu meinem Schreibtisch und hielt mir die Rolle hin. Ich fischte einen Keks heraus und bedankte mich. Diese kleine Geste dauerte keine halbe Minute. Und doch hat sie mir in dieser seltsamen Zeit manchmal den ganzen Tag gerettet. Ein schöner, naher, zuverlässiger Moment. Seit einiger Zeit probiere ich, solche Augenblicke der Verbundenheit bewusster wahrzunehmen. Sodass ich die Kraft von echter Nähe spüre, während ich sie erlebe. Und sie nicht nur vermisse, wenn ich mich allein fühle. Mal sehen, wie ich damit durch diesen Winter komme.

MEHR LESEN

* Daniel Schreiber:Allein(Hanser Verlag)

* Diana Kinnert:DieneueEinsamkeit.UndwiewirsiealsGesellschaftüberwindenkönnen(Hoffmann und Campe)

* Luise Reddemann:DieWeltalsunsichererOrt(Klett-Cotta)

* Emily Esfahani Smith:GlückalleinmachtkeinenSinn(Mosaik)

* In der Titelgeschichte der Weihnachtsausgabe unseres Schwestermagazins Hygge findest du 24 konkrete Ideen, was wir unternehmen können, um uns anderen näher zu fühlen. hygge

TEXT ANNE OTTO