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Wieder fliegen lernen


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bewusster leben - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 29.12.2021

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Der Tag, der ihr Leben und das ihrer Familie innerhalb von Sekunden auf den Kopf stellte, ist jetzt acht Jahre her, doch Samantha Bloom, kurz Sam, wird täglich daran erinnert – in dem Augenblick, wo sie morgens aufwacht und realisiert, dass sie querschnittsgelähmt ist.

Krasser könnte der Gegensatz zu dem bewegten, erfüllten und glücklichen Leben nicht sein, das die Australierin in ihren ersten 42 Jahren geführt hat. Ihr Kindheitstraum, einmal Krankenschwester zu werden, ging ebenso in Erfüllung wie der, um die Welt zu reisen. „Ich mag zwar klein sein, aber ich bin von Natur aus ein entschlossener Mensch“, sagt sie. Als sie Cam begegnete und sich in ihn verliebte, war ihr sofort klar, dass er der Richtige ist: Er unterstützte ihren Wunsch, Menschen in Not zu helfen und dabei so viele Länder wie möglich zu erkunden, voll und ganz. Nach ihrem Uniabschluss kauften die beiden zwei überdimensionale ...

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... Rucksäcke und zwei Flugtickets nach Rom, „und schon waren wir unterwegs – Hand in Hand.“ In ihren ersten gemeinsamen Jahren hatten sie schon die halbe Welt bereist, und für die andere Hälfte schmiedeten sie Pläne.

Über Familienplanung hatten die beiden Globetrotter nie nachgedacht. Doch nachdem sie beim Campen in Kenia der Romantik eines Mondscheinabends erlegen waren und Sam etwa neun Monate später eilends zur Entbindungsstation des Royal Hospital in Randwick/Australien geflogen wurde, war das Thema einfach da. Und weil sich in der Folge Sam sehr schnell zur Vollblut-Mutter entwickelte, war die Familie Bloom dann ganz schnell fünfköpfig und lebte in einem Haus auf einem grünen Hügel mit Blick auf einen der schönsten Surferstrände Australiens.

Die Reise, die alles veränderte

Erst als die Söhne Rueben, Noah und Oliver zehn, neun und sieben waren, wagte die Familie ihre nächste Abenteuerreise. Es sollte nach Thailand gehen. Dort geschah dann das Unfassbare. Auf einer Aussichtsplattform lehnte sich Sam an ein verrottetes Geländer. Es brach weg und Sam stürzte sechs Meter kopfüber in die Tiefe. Die schreckliche Bilanz ihres Unfalls: Schädelbruch, eine mehrfach auf Brusthöhe gebrochene Wirbelsäule, Blutungen im Gehirn und viele andere Verletzungen. Noch in Thailand wurden ihr Schrauben und Metallteile in den Rücken operiert. Zurück in Australien erfuhr Sam dann die bittere Wahrheit: Sie würde nie wieder gehen können, sich niemals ohne fremde Hilfe aufsetzen können, ihr Geschmacksund Geruchssinn würden für immer verloren sein. „Ich war keine selbständige Frau mehr, keine voll einsatzfähige Mutter. Mein Surferleben war vorbei. Ich war schwerbehindert, sonst nichts. Mit dieser Tatsache habe ich seither pausenlos zu kämpfen.“

Sams schlimmster Tag war aber nicht jener, an dem sie von der Plattform stürzte, sondern der, als man sie sieben Monate später über die Schwelle ihrer

»Ich möchte mit klarer Stimme das Grauen aussprechen, den Zorn, den Schmerz, die versteckte Scham, die unsterbliche Liebe und die verzweifelte Hoffnung, die mich zu der gemacht haben, die ich heute bin.«

Sam Bloom

»Ich hasste es, aufzuwachen – und wenn ich schließlich doch die Augen aufschlug, bat ich darum, ins Badezimmer geschoben zu werden, wo ich fast eine Stunde lang unter der Dusche saß, damit meine Familie nicht sehen konnte, dass ich weinte.«

Sam Bloom

»Alles und jedes kann Ihnen genommen werden ... Doch egal, was Ihnen widerfahren ist und wie viel von Ihrem Leben Sie vermissen– kämpfen Sie für alles, was Ihnen geblieben ist. Gehen Sie dorthin, wo Ihr Herz Sie hinschickt.«

Sam Bloom

Haustür schob. Sie hasste ihr Dasein, wollte selbst ihre engsten Freunde nicht mehr sehen, weil sie eifersüchtig war auf deren Leben. Sie versuchte, nicht aus den Fenstern zu schauen, die grausamerweise alle direkt auf ihre Lieblingssurfstelle zeigten. Wenn sie ein Mädchen mit einem Surfbrett unterm Arm die Straße hinabrennen sah, hätte sie sich am liebsten aus Verzweiflung die Lunge aus dem Hals geschrien. „Wenn ich sage, dass ich oft an Selbstmord dachte, meine ich damit nicht alle zwei Wochen oder jeden zweiten Tag. Ich meine damit: beinahe zu jeder Stunde an jedem Tag. Und wären meine Kinder nicht gewesen, hätte ich es sehr wahrscheinlich durchgezogen. Ich hatte die letzten Stadien einer Depression erreicht.“

Ein kleiner Vogel brachte Sam zurück ins Leben

Und dann kam Penguin – ein verletztes Elsterküken, das vom Wind aus seinem Nest geweht worden war. Wie ein Wunder hatte das winzige Bündel aus Knochen und Federn seinen 22 Meter tiefen Sturz von einer Norfolktanne auf eine asphaltierte Parkfläche überlebt. „Nie werde ich Penguins wackelnden Kopf vergessen, den seltsamen Winkel, in dem ihr verletzter Flügel abstand, und das Pochen ihres kleinen Herzens gegen ihre Handfläche,“ erzählt Sam. „Hier war ein zerbrochenes, schwaches Lebewesen, das Hilfe brauchte. Und in diesem Augenblick hörte ich auf, an mich selbst zu denken. Noch heute staune ich darüber,

Samantha Bloom, Jahrgang 1971, wuchs im australischen Newport Beach, einem beliebten Surfer- und Badeort im Norden von Sydney auf. Während ihrer Ausbildung zur Krankenschwester lernte sie ihren späteren Ehemann, den Fotografen Cameron kennen. Das Paar reiste viele Jahre um die Welt und bekam drei Söhne. Seit einem tragischen Unfall im Jahr 2013 ist Sam Bloom querschnittsgelähmt. Die Pflege eines verletzten Vogelkükens brachte ihren Lebenswillen zurück. Die Elster namens Penguin lebte etwa zwei Jahre mit der Familie zusammen und wurde zu einem Internetphänomen. Der Instagram Account penguinthemagpie hatte 150.000 Follower. 2016 begann Sam Bloom, im Kajakfahren und Surfen an Wettbewerben teilzunehmen. Sie ist heute zweifache Weltmeisterin im Parasurfen.

Cameron Bloom veröffentlichte einen Fotoband, in dem er das Schicksal seiner Frau und das Zusammenleben mit dem Vogel dokumentierte. Das Buch erschien 2017 in Deutschland unter dem Titel „Penguin Bloom – der kleine Vogel, der unsere Familie rettete“. Der Film zum Buch lief im August 2021 unter dem Titel „Beflügelt – ein Vogel namens Penguin Bloom“ in den Kinos. Seit 31.12.2021 ist er auf Netflix zu sehen.

dass zwei glänzende Augen und ein paar Gramm Flaum genügten, um mich aus meiner bitteren Besinnungslosigkeit zu ziehen, und dass sie dabei helfen konnten, meine Familie zu retten. Aber genau das ist passiert.“

Auf einmal war es das gemeinsame Ziel der Familie, Futter in den kleinen, gierigen Schnabel des Elsterkükens zu stopfen, und dabei noch aufzupassen, dass man nicht in die Finger gezwickt wird. Der Anblick dieses zauberhaft hässlichen und oftmals verschmierten kleinen Gesichts half Sam dabei, sich wieder daran zu erinnern, wie Lächeln geht. „Wir liebten diese kleine Elster, und sie liebte uns. Penguin entschied sich dafü r, bei uns zu bleiben. Wir waren ihre Familie, und sie tat ihr Bestes, um mich aufzuheitern. Sie schwatzte herum und sang für mich, was das Zeug hielt. Sie war ein fröhlicher Plagegeist, der mir sanft zu Bewusstsein brachte, dass es in meiner Welt immer noch eine Menge Glück und Schönheit gab.“

Trotz ihres verletzten Flü gels gab die Elster ihre Flugversuche nie auf. „Wie viele Male habe ich den Atem angehalten, wenn sie sich unbeholfen von einem Mö belstü ck in die Luft erhob und wie ein betrunkener Staubwedel gegen die nä chste Wand klatschte.“ Als der kleine Penguin dann zum ersten Mal richtig flog, da wuchs auch in Sam der Wille, stärker, fitter und beweglicher zu werden. Und sie beschloss, sich nur noch so oft zu beklagen wie Penguin das tat – also nie. „Ich hatte gedacht, ich würde ihr Leben retten, aber in Wahrheit rettete sie meins.“

Penguin war kein Engel. Dafür kackte sie entschieden zu oft auf die weißen Sofakissen

Endlich war Sam wieder bereit, sich neuen Herausforderungen zu öffnen. Als erstes versuchte sie es mit Kajakfahren. Auch wenn sie beim Paddeln nur Arme und Schultern einsetzen konnte, befreite sie der Aufenthalt draußen auf dem Wasser aus ihrem Rollstuhlgefängnis. Was für ein Erlebnis: Sie kam ganz allein und aus eigener Kraft voran. Bald war der Ehrgeiz erwacht. Sam begann, sich an Kajak- und Surf-Wettkämpfen zu beteiligen. 2015 nahm sie für das australische Parakanuten-Team an den Weltmeisterschaften in Italien teil. Ein Erlebnis für die gesamte Familie, denn nach den Wettkämpfen machten die Blooms gemeinsam Urlaub in Rom – der Stadt, in der ihre romantischen Globetrotter- Abenteuer vor rund zwanzig Jahren begonnen hatten.

Als die Familie aus Italien zurüc kkehrte, war Penguin weitergezogen. „Sie war jetzt voll ausgewachsen, und es war Zeit für sie, sich ein eigenes Nest zu bauen“, sagt Sam. „Penguin betrat und verließ unsere Lebensbahnen genau zur richtigen Zeit. Wir vermissten sie schrecklich und vermissen sie noch heute, aber es macht mich auch froh, dass sie schließlich ihren eigenen Platz in der Welt gefunden hat, und ich bin dankbar, dass sie mir half, meinen zu finden.“

Gerti Samel

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