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Wilder Osten


myself - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 09.01.2019

An Tiflis kommt man dieses Jahr nicht vorbei. Es beeindruckt mit besonderem Charme, exzellentem Wein und einer atemberaubenden Kulisse, schwärmt die Autorin


Artikelbild für den Artikel "Wilder Osten" aus der Ausgabe 2/2019 von myself. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

FOTO: ROBERTA VALERIO


Links: So gemütlich und lecker wie bei Oma – das Café „Purpur“. Oben: Käsepizza Chatschapuri steht auf fast jeder Speisekarte. Aus gutem Grund.


Wenn wieder eine Stadt das neue Berlin sein soll, bin ich argwöhnisch. Ich lebe dort, ich liebe es, ich brauche kein zweites. Die georgische Hauptstadt Tiflis ist weder Berlin noch Brooklyn, gilt aber zweifellos gerade als spannend, kreativ – Abenteuer Ost. Meine Freundin Eva lebt in ...

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... Georgien und beschwört mich: „Du musst das vor Ort erleben. Komm endlich!“ Also gut, raus aus Mitte, hin zur Trenddestination. Andrej, ein Bekannter von ihr, holt mich vom Flughafen ab, denn das Gefährlichste in Georgien, so sagt er, sei der Verkehr. Es ist fünf Uhr früh. Rechts und links wird gleichzeitig überholt. „Man muss mutig fahren“, sagt der Fahrer. Vor uns glitzert Tiflis, Tbilissi auf Georgisch. Wie weich das klingt. Was hier lange fehlte, waren gute Hotels, aber das hat sich in den vergangenen zwei Jahren geändert. Neuester Zugang: das „Stamba“, früher eine Druckerei für sowjetische Propaganda, heute fünf Sterne, Suiten mit goldenen Wannen und James Bond-Optik. Vom gläsernen Pool auf dem Dach sieht man fünf Stockwerke tief in die Lobby mit Palmen und Betonsäulen. Im „Rooms“ nebenan öffnen Portiers mit weißen Handschuhen und Uniformen im Wes Anderson-Look. Ich staune: Ist das noch Georgien, das Italien der Sowjets?

Wir starten mit einem Frühstück ins Abenteuer Tiflis – in einem Hinterhof von Vera, dem wunderschönen Literatel-uiertel, in der „Lolita“-Bar. Lange Tische, Industrieschick, Waffeln, Pfannkuchen, Eggs Benedict. So international wie alles, was Besitzer Temur Ugulava, 48, anpackt. Reich geworden mit Casinos und Onlinewetten, ist er inzwischen das Mastermind der Adjara Group, die neue Designhotels und die dazugehöri gen Restaurants betreibt. Benannt hat er die Bar nach seiner Frau: It-Girl Nini Nebieridze, die wiederum den coolsten Shop der Stadt betreibt, den „Chaos Concept Store“. Auf den ersten Blick ist alles hier viel moderner, viel westlicher als erwartet. Aber dann entdecken wir beim Bummel durch die Altstadt windschiefe Häuser mit verschnörkelten Holzbalkonen, Kopfsteinpflaster, malerische Innenhöfe. Mittendrin liegt das Café „Purpur“. Früher saß hier die Rote Armee, heute Instagrammer. Alte, gemütliche Sofas, Fransenlampen wie aus der Zeit gefallen, der Balkon marode, unklar, wie lange er sich noch am Haus festkrallen kann. Schweren Herzens löse ich mich aus diesem Ambiente, so gemütlich wie die Wohnstube einer georgischen Großmutter, und nehme die neue Seilbahn zur Kartlis Deda. Die Mutter Georgiens, die in einer Hand ein Schwert (gegen Feinde), in der anderen eine Schale Wein (für Freunde) hält, ist definitiv etwas für Fans martialischer Sozialismul-utatuen. Da hilft nur ein frisch gepresster, süßer Granatapfelsaft als Gegenmittel. Oder ein Besuch der Startul-uude Fabrika, die ebenfalls zur Adjara Group gehört. Schon für 10 Euro kann man hier übernachten, der Innenhof der umgebauten Nähfabrik ist für jeden offen, der das neue, vibrierende, bunte Tiflis erleben will. Mittendrin eine alte Moskwitsch-Karre und bunte Wimpel, es gibt Rooftop-Yoga und Filmnächte, Galerien, Boutiquen, Co-Workinl-uüros, Graffiti – man ahnt, warum der Vergleich mit Berlin so oft bemüht wird.


Essen, Wein, niedrige Preise. Tiflis zieht junge Kreative an


Über sieben Brücken muss man gar nicht gehen – die beeindruckende Friedensbrücke reicht. Links: Interior-Designerin Nata Janberidze kann Stil, beweist z. B. die Einrichtung im „Rooms“-Hotel. Rechts: Frisches Brot direkt aus dem Ofen ist hier manchmal Bückware.

Jedem, der mehr auf Lokalkolorit erpicht ist, empfehle ich einen Besuch in den Schwefelbecken des Bäderviertels Abanotubani. Schon zu Puschkins Zeiten war Tbilissi für seine warmen Quellen berühmt. Viel scheint sich seitdem am Ambiente nicht getan zu haben. Am Preis auch nicht. 3 Lari (1 Euro) kostet der Eintritt ins Damen-Bad, leicht fauliger Schwefelduft schlägt mir in der Umkleide entgegen, kirschrote BHs in XXL hängen am Haken. Mir wird das Handtuch abgenommen, nackt geht es hinein. Badelatschen? „Vergessen“, erkläre ich mit Händen und Füßen und ernte Entsetzen, Gelächter, ein wenig Mitleid. Früher suchten Mütter für ihre Söhne hier die passende Frau, Fleischbeschau auf Kaukasisch. Zur Sicherheit drehe ich demonstrativ an meinem Ehering.

Tiflis legt sich einem nicht unbedingt zu Füßen, auch wenn das der Blick von der Statue Kartlis Deda vermuten ließe.

Kalter Kaffee? Gibt es im Hotspot „Strada“ auch. Oben: Tiflis kann auch traditionell, z. B. bei der Kopfbedeckung, der Papacha.


Wie viel angenehmer ist es, Bekanntschaft mit dem georgischen Wein zu machen! Noch einen Hauch Schwefel auf der Haut sitze ich im „Vino Underground“, einer Kellerbar, und teste mit Eva Orange Wine oder Qvevri-Weißwein, in Amphoren vergoren und in die Erde gelegt wie vor 8000 Jahren. Heute wieder angesagt. Die letzten Flaschen Saperavi, einen delikaten Rotwein, hat gestern ein Franzose geordert. Wie schade! Oder gutes Karma, denke ich am nächsten Morgen auf dem Weg in die Berge, die höher sind als die Rocky Mountains und ohne die, findet Eva, kein Georgienbesuch komplett ist. Andrej kurvt uns drei Stunden lang durch Schlaglöcher und um enge Serpentinen. Mein Adrenalinspiegel steigt, auch weil er erzählt, dass ringsherum Wölfe und Bären leben – der wilde Kaukasus. Ausatmen, als wir vor dem „Rooms Kazbegi“ halten. Auf der Terrasse in Decken gehüllt blicken wir auf den Kasbek, 5047 Meter, schneebedeckt. Thomas Manns „Zauberberg“ trifft „Soho House“. So fühlt es sich an. Abends essen wir Chatschapuri, eine knusprig dünne Käsepizza mit Ei, ungeheuer lecker. Und wohl verdient, denn am Nachmittag sind wir knapp zwei Stunden zur Dreifaltigkeitskirche gewandert. Berge, Natur, Weite. Durchatmen und beeindrucken lassen.


Altes, Monumentales und Avantgarde mischen sich in Georgiens Hauptstadt selbstverständlich


Wenn Romantik ein zartes Pflänzchen ist, ein Ehegelübde im brutalistischen Hochzeitspalast bereitet auf die Realität vor.


TIFLIS-TIPPS

Hinkommen: Lufthansa fliegt direkt ab München, Georgien Airways startet ab Köln und Berlin.
Hotels: „Fabrika“ ist ein hippes Hostel, ab 7 Euro. „Rooms Tblisi“ ist die georgische Interpretation von Industrial Chic, ab 140 Euro. „Stamba“ die Luxusvariante mit cooler Eleganz, ab 220 Euro. Alle über
Essen: Georgier essen gerne. Immer. Und viel. Im „Keto and Kote“, einem alten Stadthaus, wird Traditionelles wie Elarji (Polenta und viel Käse) serviert. Ins „Purpur“ geht man wegen des Charmes, des exzellenten Kaffees (und Weins) und der Livemusik.
Am Abend: Zu einer der Tol-uooftopbars der Welt gewählt: das „Art Café“ unterhalb der Statue der Mutter Georgiens. Tolle Cocktails mit Chacha, georgischem Grappa. Wer richtig in die Szene eintauchen will, tanzt im „Bassiani“, einem Technoclub im Keller eines Fußballstadions.

Das hier ist definitiv nicht Berlin oder das Berliner Umland. Es ist atemberaubend.

Viola Keeve

Die Berliner Journalistin hat sich vor der Reise in Georgien reingehört. Ihre Lieblingssängerin Katie (Ketevan) Melua wuchs nämlich in Tiflis auf.

talk


„Ich mochte die norddeutsche Klopsküche nie.“
HAYA MOLCHO, 63, Köchin, im „Zeit-Magazin“


Schwefelhaftes Vergnügen: Skifahren auf dem Mauna Kea.


Super Ski

+++ Man kann aufHawaii nicht nur surfen, sondern auch boarden: im „Pineapple Powder“ auf dem 4207 Meter hohen Vulkan Mauna Kea (Foto). Einen Lift gibt’s nicht. +++ Vulkan zwei: AufSiziliens Ätna wedelt man mit Blick aufs Mittelmeer! +++ Im Skigebiet Cairngorm Mountain inSchottland sind die Highlands höchstes Glück für Skifahrer. Dresscode? Kilt ist beim Aprèl-uki kein Must. +++ Europas nördlichste Abhänge: Riksgränsen inSchweden. Polarlichter ersetzen hier das Flutlicht. +++

Ja ! Ja! Ja !


Energie aus der Natur statt süßer Power-Brausen: Die drei Tonics vonInju sorgen für Konzentration, Leistungsfähigkeit oder Immunkräfte. Test-Set ab 11 Euro.inju.com

INTERVIEW

Der Besserwisser – in Sachen Hoteldesign

Florian Kienast *, was kann in Hotelzimmern nerven?

Jede Menge Lichtschalter, unlogisch programmiert. Und keiner will zehn Minuten die Fernbedienungen studieren, um den Fernseher anzuschalten oder die Vorhänge zu schließen.

Worauf legen Sie Wert?

Zuvorkommendes Personal macht viel wett. Wenn ich selbst ein Projekt realisiere, haben Qualität der Materialien, Geruch und Akustik Priorität. Ein Hotelzimmer soll Geborgenheit ausstrahlen.

Ihr Lieblingshotel?

Ich mag Hotels, die ein Konzept konsequent und mit Liebe zum Detail umsetzen. Mein Favorit: das „Public“ in New York. Zum Runterkommen das „Seehotel am Neuklostersee“ in Mecklenburg.

*Kunden seines Designbüros formwaende sind z.B. „East“, „Le Méridien“, „Landhaus Stricker“ und die Gastronomie in der Elphi.

Alexandra Krüsi
Unsere Schweizer Kollegin holt ihren Italien-Urlaub auf den Teller zurück.


Krüsi Kocht!

Italienische Opern klingen am besten. Auch Nudeln mit Stängelkohl haben im Original den schöneren Namen, der Geschmack bleibt in jedem Fall raffiniert: 500 g Stängelkohl, nämlich Cima di Rapa, in Streifen schneiden, im Pastatopf in Salzwasser 2 Minuten blanchieren. Herausnehmen, kalt abschrecken. Im gleichen Wasser 250 g Orecchiette al dente kochen. 2 EL Olivenöl in einer Pfanne leicht erhitzen. 4 Sardellenfilets, Chiliflakes und 1 Knoblauchzehe andünsten. Cima di Rapa und 3 getrocknete Tomaten zugeben. Orecchiette leicht abtropfen lassen und zum Kohl geben. 200 g halbierte Tomaten und ein paar Oliven unterrühren, mit gerösteten Pinienkernen, etwas Zitrone und geriebenem Pecorino servieren.


FOTOS: ROBERTA VALERIO, SEBASTIAN ERRAS

FOTOS: JEWGENI ROPPEL, SEBASTIAN ERRAS, ROBERTA VALERIO

FOTO: SEFBOATSOTI:A N ERRAS

FOTOS: SEBASTIAN ERRAS, JEWGENI ROPPEL

FOTOS: JEWGENI ROPPEL (2), JULIA WESELY

FOTOS: DPA PICTURE-ALLIANCE (1), DDP IMAGES (1), DAN HANNEN (1)