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WILDES DEUTSCHLAND


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National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 24.09.2021

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Anklamer Stadtbruch. Nach einem Deichschaden 1995 ist das Gebiet im Nordosten Mecklenburg-vorpommerns eine Moorlandschaft geworden. Wolf, Kormoran, Kegelrobbe, Biber, Fischotter oder Seeadler haben hier eine Heimat.

VON HIER OBEN sieht es aus wie große Oper. Die Bühne in violett changierendes Licht getaucht, Nebelschwaden, die aus dem Moor aufsteigen, im Hintergrund die mystischen Skelette toter Bäume. Doch es ist nichts inszeniert. Von rechts tönt das Trompeten Hunderter Kraniche, Graugänse fallen kreischend in das Konzert ein. Dutzende Graureiher stehen reglos wie Steinskulpturen im Wasser. Durchs Fernglas sehen wir am linken Bühnenrand ein Wildschwein durchs Flachgewässer schwimmen. Rechts deuten Wellen auf der Wasseroberfläche auf die morgendliche Jagd eines Fischotters hin. Und über allem kreisen in gelassener Erhabenheit zwei Seeadler auf der Suche nach Beute.

Kurz vor Sonnenaufgang sind wir auf den Aussichtsturm am Rande des Anklamer Stadtbruchs geklettert, der Landschaftsökologe Stefan Schwill und ich. Schwill ist Gebietsmanager der Nabu-stiftung Nationales Naturerbe, Eigentümerin des Stadtbruchs in ...

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... Mecklenburg-vorpommern. Dass sich dort unten, wo vor 30 Jahren noch Traktoren über künstlich entwässerte Wiesenflächen fuhren, nun Seeadler, Kormorane, Fischotter und Hunderte andere teils bedrohte Tierarten tummeln, ist auch ihm zuzuschreiben. „wenn ich sehe, mit welcher Macht sich die Natur hier das Land zurückgeholt hat, geht mir das Herz auf “, sagt Schwill und hält mit seinem Teleobjektiv auf einen Seeadler, der auf einer der Baumruinen thront. „wir brauchen diese Orte und wir brauchen mehr davon.“

Auf der Suche nach alter und neuer Wildnis bin ich 4000 Bahnkilometer durch Deutschland gereist. Zu einst buchstäblich verwüsteten Truppenübungsplätzen, auf denen die Natur zurückkommt. Ich bin mit Wildnisbewegten durch Nationalparks gewandert und mit Naturschützern durch vormalige Kohlereviere, in denen nun Wölfe streifen. Mitten in Deutschland habe ich zivilisationsferne Kosmen entdeckt, deren stille Schönheit mich in Andacht sinken ließ, und Orte wie diesen hier, am Rande des Stettiner Haffs, wo die Naturgewalt täglich zwischen Überleben und Vergehen entscheidet. Ich habe gelernt, dass radikale Wildnis auch manche Glaubenssätze über Natur und deren Schutz infrage stellt.

Deutschland ist von Autobahnen und Schienengleisen zerschnitten und bis in den kleinsten Winkel bewirtschaftet. Auf seinem Gebiet werden täglich 60 Hektar Boden versiegelt. Zumindest einige Zwischenräume sollen wilder werden. Über dieses Ziel herrscht breite Einigkeit. Denn Wildnis gibt der biologischen Vielfalt Raum – zahlreiche bedrohte Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen finden nur in naturbelassenen Biotopen Lebens- und Rückzugsräume. Ursprüngliche Natur schützt das Klima. Moore und Wälder speichern Kohlenstoff in Biomasse und Boden, wilde Flussauen schützen vor Überschwemmungen. Als Kontrast zu unseren ertragsoptimierten Kulturlandschaften sind unberührte Refugien zudem eine Art Freilandlabor für die Erforschung natürlicher Prozesse, die so in Mitteleuropa kaum noch möglich ist. Nicht zuletzt sichert Wildnis nachfolgenden Generationen einen Schatz an biologischer Vielfalt, der andernorts täglich schrumpft.

Auf dem Papier zumindest ist dieser Stellenwert anerkannt. Die Nationale Biodiversitätsstrategie (NBS) von 2007 legt fest, dass zwei Prozent der Fläche, insgesamt 714 000 Hektar, bereits bis 2020 als unzerschnittene und nutzungsfreie Gebiete der Natur zurückgegeben und fünf Prozent der Wälder natürlich entwickelt werden. Doch die NBS verfehlte ihr Ziel krachend. Manuel Schweiger, den ich im hessischen Wispertaunus nahe dem rechtsrheinischen Örtchen Lorch treffe, beziffert die aktuelle Wildnisfläche in Deutschland auf höchstens 0,7 Prozent. Ohne die 16 deutschen Nationalparks, die gemäß internationalen Vorgaben zu einem Wildnisanteil von 75 Prozent verpflichtet sind und gemeinsam auf rund 100 000 Hektar unberührte Natur kommen, sähe die Bilanz noch finsterer aus.

„rewilding macht Landschaften resilienter – auch gegen Feuer und Überflutungen.“

Néstor Fernández, Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung in Leipzig

„Wir haben zu spät angefangen“, sagt Pionier Schweiger, während wir durch den Wald stapfen. Knorrige Eichen und Buchen krallen sich an steil abfallende Hänge. Seit 2016 entsteht hier, auf einer rund 1000 Hektar großen Fläche, durch die der Bach Wisper mäandert, ein Urwald von morgen. Laubbäume dürfen krumm vor sich hin wachsen, weil sie nicht forstwirtschaftlich verwertet werden, die Fichten lässt man ohne Gegenwehr von Trockensommern und Borkenholzkäfer hinwegraffen. Ihr Totholz bleibt samt aufragendem Wurzelteller liegen. Wildkatzen leben in dem Wald, der Schwarzstorch fühlt sich zu Hause, kürzlich tappte sogar ein Wolf in die Fotofalle. Und der Mensch? Ist nur als Zuschauender zugelassen. „nichtstun“, sagt Schweiger, „ist manchmal das Beste für die Natur.“

Das Stillhalten nimmt Fahrt auf. Vor fünf Jahren trommelte der 40-jährige Landschafts-ökologe im Auftrag der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt zahlreiche Stiftungen und Naturschutzverbände wie WWF, NABU, BUND und Greenpeace zum Bündnis „wildnis in Deutschland“ zusammen, dem inzwischen 20 Organisationen angehören. Auf Drängen der Initiative legte der Bund 2019 einen Wildnisfonds auf, mit dessen Hilfe – aktuell jährlich 20 Millionen Euro – Land oder dessen Nutzungsrecht erworben werden kann. Besitzer werden damit für den dauerhaften Verzicht auf wirtschaftliche Nutzung entschädigt oder Wildnisgebiete angekauft. Der Fonds ermöglicht es Schweiger und seinen Mitstreitern, mit Privatwaldbesitzern und Gemeinden über eine Ausweitung von Wildnisgebieten zu verhandeln. Das Interesse ist groß, auch weil wilde Natur inzwischen Scharen von Touristen anlockt.

„Wir brauchen ganz einfach wildes Land“, postulierte der amerikanische Romancier Wallace Stegner schon 1960 in seinem berühmten „wilderness Letter“, „denn es kann uns helfen, als Teil einer Geografie der Hoffnung, uns unserer kreatürlichen Gesundheit zu vergewissern.“ In Zeiten von menschengemachter Klimakatastrophe und plastikvermüllten Ozeanen sehnen wir uns mehr denn je nach einem ausbeutungsfreien Raum. 75 Prozent der Deutschen, das ergab jüngst die Naturbewusstseinsstudie des Bundesumweltministeriums, wünschen sich eine wildere Natur.

Die Corona-pandemie bescherte den 16 deutschen Nationalparks einen Rekordansturm. Auch im Wispertaunus sind die Parkplätze an manchen Wochenenden rappelvoll. „die Gemeinden sehen, dass sich Wildnis eher rechnet als ein Forst, in dem die Fichten die Grätsche machen“, sagt Schweiger und deutet auf einen Verhau abgestorbener Fichten, die wie riesige Mikadostäbe in einer Lichtung liegen. Adlerfarn überwuchert hüfthoch den vormaligen Forstweg, auf dem wir uns eine Schneise bahnen, frei stehende Jungbäume sind von Wild angeknabbert. „was tut ihr gegen Verbissschäden?“, frage ich. „das Wort gibt es in der Wildnis nicht“, entgegnet Schweiger. Parameter von wirtschaftlichem Schaden, gut oder schlecht gälten in diesem Kosmos nicht. Was die Jungbäume betrifft: Im Schutz umgefallener Bäume könnten Triebe durchaus hochwachsen. „da traut sich das Wild nicht rein, weil es dort schlecht vor dem Wolf fliehen kann.“

Die Wörter „wild“ und „wald“ gehen vermutlich beide auf die Wurzel „walthus“ zurück, das altgermanische Wort für Wald.

Die Natur als ein jedweder Wertung entzogener Ort – für viele ist das ein revolutionärer Gedanke. „wir Menschen gestalten Natur seit Tausenden von Jahren“, sagt Gert Rosenthal, Professor für Landschafts- und Vegetationsökologie an der Universität Kassel, während wir in seinem dezent verwilderten Vw-bus durch die parzellierte Kulturlandschaft des Westhessischen Berglands kurven. Ob Forst- oder Landwirtschaft, ob Deiche, Staudämme oder Lawinenschutz – „wir haben immer versucht, die Natur zu bezwingen.“ Auch der klassische Naturschutz gehe von einer Natur aus, die bewahrt, gepflegt und verteidigt wird. „wir sind es nicht gewohnt, mal die Hände still zu halten.“

Dass das sogar auf einer größeren Fläche denkbar wäre, diesen Beweis haben Rosenthal und sein Forschungsteam inzwischen erbracht. Für das Bundesamt für Naturschutz (bfn) kartografierte der Biologe alle potenziellen Wildnisflächen in Deutschland. Die Anforderungen: unzerschnitten (also ohne Straßen oder Ansiedlungen) bei einer Mindestgröße von 500 Hektar (für Moore, Flussauen, Küsten) bzw. 1000 Hektar (wälder, Hochgebirge, vormalige Bergbau- oder Militärgebiete). Das Ergebnis: Obwohl Deutschland mit seinen 830 000 Kilometern Straße so zerschnipselt ist wie kaum ein anderes Land der Welt, wären sogar 3,5 Prozent seiner Gesamtfläche, mehr als 1,25 Millionen Hektar, in Wildnis rückverwandelbar.

Just um diese Flächen liefern sich die Interessengruppen einen härter werdenden Kampf. „die Forst- und Agrarkonkurrenz ist hoch und die Preise sind explodiert“, hatte mir Uwe Riecken, Leiter der Abteilung Biotop- und Gebietsschutz beim Bundesamt für Naturschutz (bfn), zwei Tage zuvor erzählt. Wir hatten uns in einem Café in der fast baumfreien Fußgängerzone von Bad Godesberg verabredet. Riecken kämpft seit mehr als 30 Jahren für mehr Wildnis und hat viel erreicht. Doch auch er bekommt die wachsenden Zielkonflikte zu spüren. Nicht nur die steigende Nachfrage nach Biogas-mais und Solarparks verschlingt Flächen. Auch dürfen Kommunen nach Gutdünken Gewerbeflächen versiegeln. „eigentlich müssten wir den Flächenverbrauch auf null senken“, sagte er. „und zügig das Ziel erreichen, mindestens zwei Prozent der Landesfläche als Wildnis zu sichern.“

Im hessischen Nationalpark Kellerwald-edersee, den ich mit Wildnisforscher Gert Rosenthal zwei Tage später besuche, lässt sich die Wucht eines solchen Wandels bestaunen. Wo zuvor Fichtenformationen standen, wächst nun, zwischen deren Überbleibseln, ein Pionierwald: Birken, Traubenholunder, Büsche, hier und da eine kleine Buche. Auf dem Laubteppich liegt eine tote Buche, Baumpilze kleben am Rumpf wie eingesteckte Taler, Insekten, Flechten und Pilze machen sich daran zu schaffen. Etwa ein Drittel aller im Wald lebenden Arten sei auf Totholz angewiesen, erklärt Rosenthal mit Blick auf den Baumleichnam. „totsein erzeugt Biodiversität. Das glaubt man erst mal gar nicht.“ Mehr als 1100 Pilz- und rund 1200 Käferarten wurden im Nationalpark Kellerwald gezählt – darunter extrem seltene Exemplare wie der Veilchenblaue Wurzelhalsschnellkäfer –, die als Reliktarten auf ein Urwaldhabitat angewiesen sind.

Wie wird das hier in 150 Jahren aussehen? Rosenthal zuckt mit den Schultern. „wir wissen es nicht. Wahrscheinlich steht hier wieder ein Buchenwald. Vielleicht etwas anderes. Eine Referenz gibt es nicht. Niemand weiß genau, wie Wildnis früher ausgesehen hat.“ Die Wissenschaft spaltet sich in Verfechter der Megafaunaund solche der Waldtheorie. Während Erstere von einer halb offenen Weide- und Baumsavannen-landschaft mit Tierherden ausgehen, propagieren die Waldtheoretiker eine Dominanz großflächiger Waldlandschaften. Als gesichert gilt, dass Buchenwälder Mitteleuropa über Jahrhunderte hinweg prägten. Heute sind sie bis auf 0,02 Prozent ihrer einstigen Fläche verschwunden. Am südlichen Steilhang des Edersees, wo wir nach einem längeren Marsch stehen, sind noch einige Buchen-methusalems anzutreffen. Manche von ihnen sind gut 270 Jahre alt – und ihrer Abholzung nur wegen ihres knorrigen Wuchses und ihrer Unzugänglichkeit entgangen. Zum Glück: Als einer von nur fünf Ur-buchenwäldern in Deutschland zählen sie seit 2011 zum Unesco-weltnaturerbe.

„Unsere europäischen Buchenwälder gibt es nirgendwo anders auf der Welt“, hatte mir Manuel Schweiger mit auf den Weg gegeben, als wir durch den Wisperwald gewandert waren. „wir dürfen nicht immer nur mit dem Finger auf Brasilien zeigen, sondern müssen unsere einzigartigen Ökosysteme vor der Haustür bewahren.“ Passenderweise avancierte Schweiger, der bis dahin für die Zoologische Gesellschaft Frankfurt gewirkt hatte, wenige Wochen nach unserem Treffen zum neuen Direktor des Nationalparks Kellerwald-edersee. Sein Arbeitsplatz liegt nun in einem Buchenmeer.

Etymologisch sind Wald und Wildnis eng verwachsen. Die Wörter „wild“ und „wald“ gehen vermutlich beide auf die Wurzel „walthus“ zurück, das altgermanische Wort für Wald. Von alters her schwang die Konnotation der Ungezähmtheit mit, wenn Menschen vom Wald sprachen. Und vielleicht auch ein gewisser, von Märchen und Mythen befeuerter Schauder vor dessen wilden Bewohnern wie Wolf, Luchs, Bär oder Wisent. Einige von ihnen kehren nun zurück – und bleiben nicht in den ausgewiesenen Zonen. 113 Wolfsrudel leben in Deutschland, in Schwarzwald, Erzgebirge, Harz und Bayern hat sich der Luchs nach Wiedereinbürgerung angesiedelt.

„wir sollten den Flächenverbrauch auf null senken und zügig zwei Prozent der Landesfläche als Wildnis schützen.“

Uwe Riecken, Leiter Biotop- und Gebietsschutz beim Bundesamt für Naturschutz

An Flüssen und Ufern nehmen seit Jahren die Biberpopulationen zu. Und mit ihnen die Konflikte. In Sachsen, wo derzeit 25 Wolfsrudel leben, protestierten Landwirte erst im Sommer wieder vor dem Landtag und forderten, den Schutzstatus zu mindern – und den Bestand des Wolfs zu reduzieren. Bislang dürfen Wölfe nur getötet werden, wenn sie trotz Herdenschutz wiederholt Nutztiere reißen. Im Spreewald, und nicht nur dort, sorgen wachsende Biberpopulationen für Unmut. Weil die Nager in dem Biosphärenreservat reihenweise alte Bäume fällen, gefährden sie, so Kritiker, den Schutz der Pflanzen.

Auch geplante Neugründungen von Nationalparks rufen oft massiven Widerstand auf den Plan. In Bayern scheiterte der Nationalpark Spessart, den die Regierung 2017 ins Leben rufen wollte, an den erbitterten Protesten von Landwirten, Förstern und Holzindustrie. In Unterfranken formierte sich eine Front gegen einen Nationalpark Steigerwald; am Alpenrand streiten sich Gegner und Befürworter über die Gründung eines Nationalparks Ammergebirge.

Obwohl Umfragen vor Ort meist einen hohen Zuspruch melden, ist die Gegenwehr massiv. Vor allem der drohende Verzicht auf land- und forstwirtschaftliche Nutzung bringt die Gegner in Rage, deren Familien zum Teil seit Jahrhunderten aus der Kulturlandschaft schöpfen. „bis zur letzten Patrone“ wolle man kämpfen.

„Widerstand gegen Wildnis hat in Deutschland und Europa eine lange Tradition“, konstatiert Néstor Fernández, den ich im Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (idiv) in Leipzig treffe. In seinem Heimatland Spanien, wo der Wolf nie verschwand, sei man zumindest mit Megafauna entspannter. Brauchen wir wilde Tiere? Fernández nickt heftig. „es gibt zahlreiche Belege dafür, wie wichtig Großherbivoren und Carnivoren sind, um Landschaften zu transformieren und ökologische Prozesse anzustoßen“, sagt er. Bären verteilten die Samen der vertilgten Pflanzen über sehr weite Strecken. Der Wolf entferne das Aas und verhindere so Krankheiten. Biber sind Biodiversitäts-beschleuniger.

Als Teil des Green Deal stützt sich die jüngst veröffentlichte Biodiversitätsstrategie 2030 der EU auch auf die Forschungsergebnisse von Fernández und dessen Team. Seit vielen Jahren beschäftigt sich der Biologe mit den Auswirkungen des „rewilding“ – also der gezielten Renaturierung von Gebieten auch mittels der Wiedereinführung von großen Tieren wie Luchs, Wildpferd oder europäischem Bison. Fernández hat einige der Maßnahmen begleitet. „wir fanden Belege, dass Rewilding die Kühlung des Planeten und die Kohlenstoffbindung fördern kann. Es macht Landschaften resilienter – auch gegen Feuer und Überflutungen.“

Die EU will nun den Anteil geschützter Flächen bis 2030 auf 30 Prozent erhöhen, Regionen mit streng geschützter biologischer Vielfalt sollen zehn Prozent der landschaftlichen Fläche ausmachen. Es ist ein ehrgeiziger Plan. Und aus Sicht von Fernández der einzig gangbare: „wir müssen die biologische Vielfalt erhöhen und die Gebiete besser vernetzen.“ Mobilität ist in der Wildnis das A und O. Gerade die großen Tiere müssen sich in Landschaften bewegen können, damit sich Populationen mischen. Schwierig in einem Kontinent wie Europa, wo die Hälfte der grünen Flächen nach anderthalb Kilometern an eine Straßen- oder Schienengrenze stößt. Grünbrücken über oder Wildtunnel unter Autobahnen könnten Teil der Lösung sein, sagt Fernández. Auch renaturierte Flussauen könnten als Korridore fungieren. Ja, auch das sei eine Herausforderung, konzediert Fernández. Aber die Dinge sind in Bewegung gekommen. Viel von dem, was heute in Sachen Wildnis geschieht, sei vor 20 Jahren noch undenkbar gewesen.

Ein nicht unerheblicher Teil der neuen wilden Wucht entfaltet sich im Osten der Republik. Der Fall der Mauer hinterließ nicht nur das Grüne Band auf dem ehemaligen Grenzstreifen, auch etliche ehemalige Militär- und Bergbaugebiete wurden dem Naturschutz überantwortet. In einem Jeep holpere ich tags darauf über die savannenartige Steppe des südbrandenburgischen Wildnisgebiets Grünhaus. Am Steuer sitzt Stefan Röhrscheid, promovierter Forstwissenschaftler. Bis zur Wende wurde in Grünhaus Braunkohle geschürft, danach übernahm der Bund die Fläche, seit 2003 kümmert sich die Nabu-stiftung Nationales Naturerbe um die knapp 2000 Hektar. „vor 30 Jahren“, erzählt Röhrscheid, während unser Jeep eine sandige Anhöhe hinunterdriftet, „war das eine einzige Sandwüste.“ Jetzt wimmelt es von Leben – auch dank zahlreicher renaturierender Maßnahmen, die als eine Art Kick-off in Wildnisgebieten akzeptiert sind. 82 Brutvogelarten haben in Grünhaus eine neue Heimat gefunden, darunter Wiedehopf, Brachpieper, Flussregenpfeifer oder die Waldschnepfe, die, obschon auf der Vorwarnliste der gefährdeten Arten, in den meisten Bundesländern immer noch gejagt werden darf. Auf der Steppe hat sich ein Pionierwald angesiedelt. Durch den Wiederanstieg des Grundwassers entstanden kleine Seen. Während des Vogelzugs bieten sie Tausenden Wildgänsen und Kranichen einen Schlafplatz.

Ich versuche, mir auszumalen, wie das vor 30 Jahren hier ausgesehen haben mag, als sich ein gut 500 Meter langes und 11 000 Tonnen schweres Stahlmonster durch die Landschaft fraß. Ein Schwestermodell der Abraumförderbrücke ist im benachbarten Lichterfeld zu besichtigen. So brachial der Mensch sich damals die Natur unterwarf, so ungestüm kehrt sie nun zurück.

Knapp 100 Kilometer weiter nordöstlich, auf dem vormaligen Truppenübungsgelände von Lieberose, ist das nicht anders. Zu Ddr-zeiten bretterten hier bis zu 50 Panzer der Roten Armee nebeneinander her. „sie schossen immer nur in Richtung Westen“, erzählt Nicole Schrader, Umweltwissenschaftlerin bei der Stiftung Naturlandschaften Brandenburg, einer der rührigsten deutschen Wildnisstiftungen, die das 3150 Hektar große Areal vor über 15 Jahren kaufte und in die Nutzungsfreiheit entließ. Wir stehen am Rande des ehemaligen Kriegsspielplatzes, über der sandigen Prärie flirrt die Hitze, im Sommer steigt die Temperatur hier teilweise auf über 45 Grad. „durch das Gewicht der Panzer ist der Boden bis in die Tiefe verdichtet“, erklärt Schrader. Es werde einige Jahrzehnte dauern, bis hier wieder dichte Vegetation anzutreffen sei. Für die Natur ist das nur ein Wimpernschlag. Am Rand der Wüste haben sich erste Kiefern und Birken vorgekämpft, Moos, Flechten und Silbergrasbüschel bilden kleine Wuchsinseln. Ebenso wie die Pionierbäume werden auch sie nur Übergang sein und wahrscheinlich von einem Mischwald abgelöst. Natur verweilt nicht. Bisweilen führt dies zu Konflikten mit dem Pflegenaturschutz, dessen Ziel es ist, einzelne Arten oder Lebensräume an bestimmten Orten zu bewahren. Wildnismacher betrachten Natur ergebnisoffen.

LINKS

Schlingnatter im Kellerwald am Edersee. Das Reptil ist in ganz Europa verbreitet, aber dennoch streng geschützt. Ihren Namen hat sie von ihrem Verhalten: Sie umschlingt und erstickt größere Beutetiere, bevor sie sie frisst.

UNTEN

Neugierige Wildkatze. In Deutschland leben noch etwa 6000 Exemplare. Die Tiere benötigen naturnahen Wald sowie halb offene Landschaften als Lebensraum und gehen dem Menschen strikt aus dem Weg.

Von der Hauskatze unterscheidet sie ihr dicker Schwanz.

830 000 Kilometer umfasst das Straßennetz, hinzu kommen Schienen und Siedlungen. Deutschland ist damit so zerschnitten wie kaum ein anderes Land weltweit.

Es sind solche Dinge, die Schrader und ihr Team von 24 Wildnisbotschaftern mit den Besuchern in Lieberose diskutieren. „wildnis“, sagt die Umweltwissenschaftlerin, „ist die Königsdisziplin des Naturschutzes, das muss man vermitteln.“ Sie hat den Gipsabdruck einer Wolfsspur mitgebracht und eine Lupe, um all die kleinen Wesen zu bestaunen, die Wildnis ebenso gestalten wie große Beutegreifer. Am Wegesrand haben sich drei Schmetterlinge, ein Trauermantel, ein Admiral und ein Distelfalter, zu einem Tête-à-tête niedergelassen.

In Lieberose lebt seit Längerem ein Wolfsrudel mit seinem Nachwuchs, die Tiere sind von allein zugewandert wie alle anderen Wölfe auch. „dass sie nicht angesiedelt wurden, macht es leichter, ihre Anwesenheit zu erklären“, sagt Stefan Schwill, der Wildnismacher vom Anklamer Stadtbruch, wo ebenfalls Wölfe leben – neben Kormoranen, Kegelrobben, Bibern, Fischottern und Seeadlern. Bis 1995 war das Hochmoor des Anklamer Stadtbruchs von Entwässerungsgräben durchzogen und land- oder forstwirtschaftlich genutzt. Bei einer Sturmflut 1995 brachen die Deiche des Stadtbruchs und verwandelten das Gelände in eine Landschaft aus endlosen Schilfröhrichten, nassen Wäldern und weiten Flachgewässern, in denen nun wieder Moor entsteht und vereinzelt Adlerhorste auf kalkweißen Baumruinen thronen. Es ist ein gut 20 Quadratkilometer großes Wildlife-idyll, das wir an diesem Morgen nach dem Sonnenaufgangsspektakel durchwandern.

Als Rewilding-beauftragter des Oder-deltas, mit einer Fläche von 250 000 Hektar das größte Wildnisprojekt Deutschlands, steht Stefan Schwill nun vor der Aufgabe, die Bevölkerung auf die Ankunft etwas größerer Wildtiere aus Polen vorzubereiten: „der Elch ist der Nächste, der auch bei uns wieder Fuß fassen wird“, prognostiziert er.

Vereinzelt wanderten schon Bullen und Kühe über die Grenze. Auch der erste Wisentbulle kam vor vier Jahren aus Nordwest-polen nach Märkisch-oderland. 24 Stunden später war der Riese, dem die Polen einen Namen gegeben hatten, tot. Zwei Jäger hatten ihn auf Geheiß des Ordnungsamts „zum Schutz der Bevölkerung“ erschossen. Schwill schüttelt immer noch ungläubig den Kopf. „wir müssen wieder lernen, mit solchen Tieren zu leben“, sagt er.

Sanfter Naturtourismus könnte dazu beitragen. Auf der polnischen Seite bieten Veranstalter geführte Safaris zu Wisenten, Elchen und Seeadlern an. In Anklam organisiert Bootsbauer und Ökologe Carsten Enke seit Kurzem Wanderungen und abendliche Flussfahrten auf einem von ihm gebauten Elektro-katamaran entlang der Peene, wo sich Biber und Adler gute Nacht sagen. Die Nachfrage nach dem „abenteuer Flusslandschaft“ ist letztes Jahr stark gestiegen.

Stefan Schwill möchte die Zusammenarbeit mit den Anbietern ausbauen. Auf diese Weise könnte Rewilding zur Wertschöpfung beitragen. „und die Akzeptanz von Wildnis steht und fällt damit, dass sie erlebbar ist.“ Mit vorpommerschen Landwirten plant Schwill eine Exkursion zu den Wisenten der polnischen Kollegen. Auch Verkehrsschilder, die auf Elch- und Wisentwechsel hinweisen, sollen in Absprache mit den Kommunen angefertigt werden. Schon bald könnte der nächste Akt der wilden Oper beginnen. „veränderung“, sagt Schwill, „ist das eigentlich Wilde der Natur. Sie wird immer überleben.“

Die Journalistin Barbara Esser lebt in München. Für NATIONAL GEOGRAPHIC schrieb sie bereits über die Böden in Deutschland (11/2020).