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WILDES FLUCHTVERHALTEN: Flucht mit Gegenwind


JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 20/2020 vom 17.01.2020

Wohin das Wild während einer Gesellschaftsjagd flüchtet, welche Stände wann Erfolg bringen und welche Rolle der Wind hierbei spielt, verrät Revierjagdmeister Roman v. Fürstenberg.


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Auch wenn es so aussehen mag, Wild flüchtet selten kopflos – und meistens gegen den Wind.


FOTO: MICHAEL BREUER

Eine minutiös durchgeplante Drückjagd auf einer großen Fläche. Alles läuft nach Plan. Die Gruppen fahren nach Zeitplan ins Revier, beim Anstellen verlassen jedoch erste Rudel und Rotten das Revier. Diese werden im Treiben, welches erst in 30 Minuten beginnt, keinesfalls mehr vorkommen. Ein wenig Enttäuschung stellt sich ...

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... zumindest ob dieses unabänderlichen Phänomens ein. Von eben jenem Stand, den diese Stücke passieren, können im weiteren Verlauf trotz allem noch fünf Stücke erlegt werden. Der eigentliche Königsstand am anderen Ende des Treibens geht leer aus. Welches Phänomen steckt dahinter, wie lässt es sich nutzen?

AUFMERKSAM

Dass das Wild ein Treiben vorzeitig verlässt, hat meist mehrere Gründe. Nicht selten sind es die Autokolonnen, die das Wild nach mehreren Jagdjahren Erfahrung klar mit der Jagd in Verbindung bringt. Oft sind die Nächte vor der Jagd stürmisch oder extrem regnerisch, so dass das Wild noch gar nicht richtig zur Ruhe kommen konnte und daher noch sehr wach und mobil ist und bei kleinsten Störungen die Treiben verlässt. Doch wo läuft es dann hin und warum? Dass fast alles Wild über einen besonders gut ausgeprägten Gehörsinn verfügt, ist bekannt, ebenso dass das Wittrungsvermögen der Schalenwildarten extrem gut ausgeprägt ist, schließlich können diese Sinne im Ernstfall durch die Feindvermeidung über Leben und Tod entscheiden.

SAFETY FIRST

Damit das Wild sein Überleben sichern kann, muss es versuchen, jeder möglichen Gefahr frühestmöglich auszuweichen. Wären unsere heimischen Wildarten nicht entwicklungsgeschichtlich hierzu in der Lage, würde es sie heute wohl kaum mehr geben. Damit das Wild Gefahren orten und einschätzen kann, nutzt es in erster Linie sein enormes Wittrungsvermögen. Auch Gefahren, die nicht unmittelbar eräugt werden, lassen sich doch geruchlich, über den Wind getragen, auf weite Distanzen wahrnehmen und das Wild entsprechend reagieren. Tendenziell versucht Wild im Falle einer Drückjagd immer, gegen den Wind auszuweichen, um eventuellen weiteren Gefahren aus dem Weg gehen zu können. Selbst wenn der Ausweg gegen den Wind in Richtung der Hunde, Hundeführer und Treiber führt, wird dieser doch vielfach trotzdem gewählt. Sehr wahrscheinlich, weil dort dann die Gefahren leichter lokalisierbar sind und somit besser umlaufen wardenkönnen. Besonders orientierungslos zeigt sich Wild bei extrem drehenden Winden. Zumindest im Waldbereich können diese aus allen Richtungen kommen.

GEGEN DAS TREIBEN

Je nach Wetter und Wind wird das Wild zwar von Treibern und Druck aufbauenden, wildscharfen Hunden in Bewegung gebracht, oft werden sogar Rotten gesprengt, die von uns angestrebte Richtung hält das Wild oft aber nicht lange ein und weicht seitlich aus. Bei früh erkannter Gefahr geht Wild dieser nicht selten direkt, dabei immer sondierend und ausweichend, entgegen. Wird mit guten, wildscharfen Hunden gejagt, die einen extrem hohen Druck aufbauen, geht das Wild auch schon mal, wie von uns vorab geplant, in die gewünschte Richtung.

ROTWILD

Das Rotwild windet hervorragend, ebenso vernimmt es sehr gut. Allen Gefahren geht es frühzeitig aus dem Weg. Um dies im Ernstfall zu ermöglichen, richtet Rotwild seine Einstände nach der vorherrschenden Windrichtung aus. So stellt sich das Rotwild oft sogar nicht nur im Revier, sondern, da es ja eine großräumig lebende und wandernde Wildart ist, über ganze Reviere hinweg um. Gerade die sensiblen Alttiere sind es, die schon viele Jagden erlebten und so die geringsten Anzeichen einer solchen zu deuten und zu beachten wissen. Seien es die vielen Autos, schlagende Autotüren, der Geruch der Jäger oder das Ins-Revierfahren der Hundeführer mit ihren Jagdhelfern. Das Rotwild als sensibelste unserer Schalenwildarten verlässt seine Einstände schnell, häufig noch bevor die Schützen sich überhaupt auf ihren Ständen einfinden können.

Der Wind geht vom Sitz aus weitgehend zurück in Richtung Einstand. Hier wären während einer Drückjagd die Chancen gar nicht mal so schlecht.


Hier zieht der Wind vom Sitz und vom Einstand weg. Von hinten aus dem Einstand wird vermutlich nichts anwechseln, von vorn dagegen schon eher.


DAMWILD

Oft wird behauptet, das Damwild würde sich nicht so über den Wind orientieren wie das Rotwild. Dieser These kann ich aus Erfahrung nur widersprechen. Zwar orientiert sich das Damwild um einiges stärker optisch, wenn es um die Feindvermeidung geht, doch nutzt auch diese Wildart den aus größerer Entfernung kommenden Wind, um Gefahren klar gegen diesen aus dem Weg zu gehen. Ebenso verlagert auch Damwild seine Einstände, um den Wind effektiv nutzen zu können, bevorzugt jedoch immer Bereiche mit einer guten Übersicht. Eine Flucht gegen den Wind aus dem Treiben heraus ist gänzlich normal. Durch das ausgeprägte Rudelverhalten flüchtet es jedoch oft nicht so weit wie das Rotwild, sondern rudelt sich zusammen, versucht Gefahren zu winden und einen optischen Überblick zu erhalten. Das eng beieinanderstehende Rudel erlaubt fast keine Schüsse, da fast nie ein Stück freisteht. In dieser Konstellation kann Damwild bis zum Ende des Treibens nahe bei den Schützenständen ausharren, ohne beschossen zu werden. Hier ist der immerwährende Treibereinsatz unumgänglich. Flüchtiges Damwild ist wegen seiner Prellsprünge kaum sicher zu erlegen, was den Schuss ausschließlich auf stehendes Wild beschränkt.

SCHWARZWILD

Schwarzwild als Wildart mit der besten Nasenleistung, einem jedoch sehr schlechten Gesichtssinn, ist mehr als viele andere Wildarten auf die Nutzung des Winds angewiesen. Sauen sind jedoch deutlich beharrlicher und nervenstärker als die üpprigen Schalenwildarten. Seine Einstände sind weniger festgelegt, und je nach Wind kann so auch schon mal ein Feldgehölz als Einstand dienen. Lassen sich Rot- und Damwild mit viel Druck noch relativ gut in eine vorgegebene Richtung treiben, ist dies beim Schwarzwild in manch einer Situation gänzlich unmöglich. Je nach Witterung und vorangegangener Nacht liegt insbesondere das Schwarzwild sehr locker und verlässt das Revier in diesem Fall bereits frühzeitig. Haben die Sauen sich aber auch bei schlechtem Wetter erst einmal richtig eingeschoben und sind vollends zur Ruhe gekommen, lassen sie sich gern überlaufen, um dann hinter den Treibern ihr Heil zu suchen.

REHWILD

Rehwild als Kurzstreckenflüchter nutzt zwar auch den Wind als Überträger wichtiger Informationen, jedoch weicht es, anders als die Vorgenannten, keineswegs derart weiträumig aus. Zumeist versucht Rehwild, einfach in die nächste Deckung zu flüchten. Dort verharrt es zunächst, um die Gefahrenlage erneut einschätzen zu können. Sind weitere Fluchten nötig, dann können sich diese sehr lange auf engstem Raum abspielen, ohne dass das Wild das Treiben und schon gar nicht das Revier verlässt.

ERFOLG DER STÄNDE

Um vorgenannte Aussagen nicht nur treffen, sondern diese auch beweisen zu können, dient die Auswertung von 40 großangelegten Bewegungs- jagden auf Schalenwild in Bezug zur vorherrschenden Hauptwindrichtung. Im Feldbereich zeigt sich ganz deutlich, dass alles Wild den Wind nutzt, um diesem entgegen zu flüchten. Die Wildbewegungen sind im Feld recht einfach vorauszusagen. Im Wald stellt sich dies oft anders dar. Woran liegt das? Im Wald weicht der Wind oft von der Hauptwindrichtung ab. Durch Fallwinde und geografische oder waldbauliche Kanten kann der Wind sich im Wald völlig gegensätzlich zur Hauptwindrichtung verhalten.

KARTE: ROMAN V. FÜRSTENBERG

Ausreichend wildscharfe Hunde bauen mehr Druck auf, so dass Wild eher in Richtung Treiben und passend vor die Schützen kommt.


FOTOS: MICHAEL MIGOS

Damwild äugt zwar hervorragend, es flüchtet aber genauso wie anderes Wild bevorzugt gegen den Wind.


KARTE: ROMAN V. FÜRSTENBERG

STÄNDE IM WIND

Insgesamt zeigt die Auswertung, dass bei 40 Jagden insgesamt 707 Stände zwischen Einstand und entgegenkommendem Wind standen. Insgesamt konnte von 415 dieser Stände erfolgreich Strecke gemacht werden. Das entspricht 59 Prozent dieser Stände. 658 Stände befanden sich auf der windabgewandten Seite der Einstände. Von diesen Ständen konnte 197-mal Strecke gemacht werden, also von etwa 30 Prozent der Stände. Die absoluten Zahlen erlegter Stücke der Stände finden hier keine Berücksichtigung, da diese oftmals von den Schießfertigkeiten der Schützen abhängen. Somit können auch vom Profi auf einen dem Wind abgewandten Stand mehrere Stücke Wild erlegt werden, während ein ungeübter Schütze auf einem dem Wind zugewandten Stand keinerlei Strecke macht.

WIND BEACHTEN!

Der Wind ist strikt zu beachten, gerade was das Anstellen und das damit oft verbundene frühzeitige Verprellen des Wildes angeht. Für die Hauptwindrichtungen sollten vorab zwei Vorgehensweisen zum Anstellen der Schützen erarbeitet und am Jagdtag angewandt werden. Dies setzt einige Ortskenntnisse voraus, kann aber den Erfolg steigern. Das leise Anstellen ist ebenso zu beherzigen wie die Nebenwinde, die durch bestimmte Waldformationen gegensätzlich zu den vorherrschenden Hauptwindrichtungen verlaufen können.

STÄNDE VARIIEREN

Die Schießfertigkeiten der Jäger, die Qualität der eingesetzten Hunde, das Wetter am Tag der Jagd und das Vorkommen des Wildes mit seinen bereits gemachten Erfahrungen und Ausweichstrategien entscheiden weiterhin über den Jagderfolg. Die Ausweichstrategien werden mit jeder Jagd besser und so der zu erzielende Jagderfolg schwieriger. Von Zeit zu Zeit sollten daher die Stände, den waldbaulichen Veränderungen angepasst, umgestellt werden, um den Lerneffekt des Wildes zu kompensieren.

Rehwildfluchten muten hoch dramatisch an, gehen aber meist nicht weit – allerdings flüchtet auch dieses Wild fast immer gegen den Wind.


FOTOS: ROMAN V. FÜRSTENBERG