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Wildpferde: Die Przewalski-Pferde in der Döberitzer Heide


Piaffe - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 17.04.2019

In einem einmaligen Wildnisgroßprojekt unmittelbar vor den Toren von Berlin und Potsdam hat die Heinz Sielmann Stiftung auf dem früheren Truppenübungsplatz „Döberitz“ einige fast ausgestorbene Wildtierarten angesiedelt. Auf etwa 3.600 Hektar leben heute 24 Przewalski-Pferde gemeinsam mit Wisenten und Rothirschen in „Sielmanns Naturlandschaft Döberitzer Heide“. Wisent und Przewalski-Pferd galten im 20. Jahrhundert als fast ausgestorben. Lediglich ein paar Tiere gab es noch in Zoos und Gehegen.

Wir fahren in die „Wildniskernzone“, den 1.850 Hektar umfassenden, inneren Teil des Naturschutzgebietes. Der ...

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... Bereich ist doppelt umzäunt und kameraüberwacht, die Tore fest verschlossen. Das Areal ist für Besucher normalerweise nicht zugänglich. Lange, sandige Wege des ehemaligen Militärgeländes durchziehen dichten oder lichten Wald und freie Flächen, man sieht alte Panzergräben und Krater. Die dort lebenden Tiere können sich frei bewegen, sie tragen keine Sender. Es bedarf also einer Portion Glück, sie anzutreffen. Auf der Suche nach den Przewalski-Pferden steuern wir die erste Wasserstelle an. In große, gemauerte Becken wird an mehreren Orten im weitläufigen Gelände Grundwasser mit Solarpumpen heraufgepumpt, so dass alle Bewohner der Wildniskernzone zu trinken haben. Doch diese Wasserstelle wirkt verlassen. Die Spuren im trockenen Sand geben keine Hinweise, ob hier kürzlich jemand seinen Durst gestillt hat. Eigentlich wollen wir weiterfahren, als wir leises Knacken unter den Bäumen vernehmen. Gut getarnt zwischen den Baumstämmen tummelt sich fast unbemerkt eine Herde Wisente. Es sind etliche Mutterkühe mit ihren Kälbern, sie werden begleitet von einem Bullen mit sehr krummen Hörnern. Sie sind die europäische Variante des Bisons und bevölkerten bis ins frühe Mittelalter die Urwälder Europas. In den 1920er Jahren waren sie beinahe ausgestorben, nur noch in Zoos und Tierparks gab es ein paar Exemplare. In den 1950er Jahren begann man damit, einzelne Herden wieder auszuwildern. Imposant wirken sie, während sie uns aus der Ferne beäugen, und dann ziehen sie weiter ihres Weges in den Wald.

Przewalski-Pferde

Etwas später treffen wir die erste Pferdegruppe. Zu siebt haben sie sich unter einem Apfelbaum versammelt und fressen genüsslich die heruntergefallenen Äpfel. Wir können sie in Ruhe dabei beobachten. Przewalski-Pferde haben eine Widerristhöhe von 120 bis 146 cm und einen gedrungenen Körperbau mit kurzem Hals und verhältnismäßig großem Kopf. Die Fellfarben variieren von gelbgrau über isabell bis rotbraun, alle haben einen Aalstrich. Die Beine sind meist dunkel, oft auch mit Streifen, wie Zebras. Das Langhaar ist schwarz und sie tragen Stehmähne. Identifizieren können wir sie schnell, da alle hier wildlebenden Przewalski-Pferde ursprünglich aus Zoos stammen und eine Kaltbrand-Nummer tragen. Diese kleine Herde unter dem Apfelbaum besteht aus sechs Stuten und dem Wallach Lex. Sie kamen aus Tierparks in Köln, Berlin, Nürnberg, Chemnitz und Karlsruhe und wurden 2011 hier in der Wildniskernzone ausgewildert.

Erst im Jahre 1879 entdeckte der russische Expeditionsreisende und Forscher Nikolai Michailowitsch Przewalski in den Steppen der Mongolei, eine bis dahin der Wissenschaft unbekannte Pferderasse. Damals waren die Przewalski-Pferde in Kasachstan, Xinjiang, der Mongolei und Südsibirien verbreitet. Die Bestände reduzierten sich stark und das letzte freilebende Przewalski-Pferd wurde 1969 gesehen. Jedoch waren einige Tiere zuvor in zoologische Gärten gebracht worden. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges gab es keine 40 Przewalski-Pferde mehr und etliche starben vor der Geschlechtsreife. Lediglich im Prager Zoo und im Münchner Tierpark Hellabrunn kamen noch Fohlen zur Welt. So stammt die heutige Population der Przewalski-Pferde von nur zwölf überlebenden Tieren ab.

Mittlerweile gibt es einige Projekte, Przewalski-Pferde wieder auszuwildern, neben der Döberitzer Heide z. B. auch im Tennenloher Forst und im Nationalpark Neusiedler See. Ein weiteres Projekt initiierte der Prager Zoo im Jahre 2011 in der Mongolei. Dort leben mittlerweile ca. 220 Przewalski-Pferde in der Steppe. Im Jahr 2016 haben auch die Döberitzer Przewalski-Stuten Heia und Heilige die Reise in die mongolische Steppe angetreten.

Wildlebende Pferde sind bis zu 20 Stunden täglich mit der Wasser-und Futtersuche beschäftigt. Langsam und stetig bewegen sie sich in der Herde auf einer Wegstrecke von bis zu 30 Kilometern pro Tag weiter. Ihr gesamter Organismus ist auf Bewegung abgestimmt. Während der Tagesablauf unserer Hauspferde sich weitestgehend nach den organisatorischen Strukturen der Menschen richtet, ist der Tagesablauf wildlebender Pferde ein stetiger Wechsel von Phasen der Wanderung, Aufnahme von Nahrung, Wasser und Mineralien, Fell-und Freundschaftspflege, Spiel und Herdenkämpfen sowie Ruhen, Dösen und Schlafen. Ihre Kommunikation miteinander lässt sich gut beobachten. Das Verhalten richtet sich nach Witterungsverhältnissen und jahreszeitlichen Auswirkungen, Alter, Geschlechtsreife und Gesundheit, ebenso Rangordnungsdiskussionen, Herdenstrukturierung und auch Interaktion mit anderen Lebewesen. In der Döberitzer Heide sind die Przewalski-Pferde, Wiesente und das scheue Rotwild wertvoll für die unter Naturschutz stehende Landschaft. Sie halten den

Pflanzenbewuchs kurz und die Flächen offen. Das ist ökologisch erwünscht, denn so entsteht Lebensraum für über 5.000 andere Tier-und Pflanzenarten, darunter Seeadler, Wiedehopf, Fischotter und unzählige Insekten sowie Sumpfknabenkraut, Lungenenzian und Sonnentau. Ziel dieser Landschaftspflege ist die Erhaltung des biologischen Gleichgewichts der Kulturlandschaften. Pferde sind bei der Futteraufnahme sehr selektiv und können bevorzugte Nahrungspflanzen gezielt auswählen. Mit ihren Schneidezähnen im Ober-und Unterkiefer grasen sie die Pflanzen extrem kurz ab, die Wurzeln bleiben dabei unversehrt. Die Pferde fressen hauptsächlich Gräser, die Rinder hingegen lieber Kräuter oder Laub, und beide Spezies knabbern auch Zweige und Schösslinge. Durch die Beweidung werden jene Pflanzen reduziert, die durch übermäßigen Wuchs die ökologische Vielfalt gefährden würden. Diese wiederum schafft neuen Lebensraum für Insekten und Reptilien.

Fotos: Doris Semmelmann, Sandra Olsen / University of Kansas

Ehemaliges Militärgebiet

Auf der Suche nach den anderen Pferdeherden streifen wir weiter in dem ehemaligen Militärgebiet umher. Eingerichtet wurde dieser Truppenübungsplatz 1894 von Kaiser Wilhelm II. Später übernahmen ihn die Nationalsozialisten, dann die Sowjetarmee. Nach ihrem Abzug blieb eine riesige Brache zurück, gezeichnet von Panzergräben und Beschuss, Bränden und Explosionen. Mit Fördermitteln von Bund und Land in Höhe von 2,7 Millionen Euro wurden Offenland und Gewässer wieder hergestellt. Die Beräumung der Wanderwege, die heute öffentlich sind, förderte bisher 8,6 Tonnen Munitionsschrott zutage. Der innere Teil, die Wildniskernzone, ist noch nicht geräumt. Darum ist sie nicht öffentlich zugänglich und dies ermöglicht zugleich, dass die Tiere dort weitestgehend wild leben. Tatsächlich kann man immer wieder alte Granaten oder Ähnliches abseits der Wege irgendwo liegen sehen. Die Trampelpfade der Tiere führen ganz gezielt daran vorbei. Es ist kein Vorfall bekannt, dass ein Tier durch eine Explosion dieser Hinterlassenschaften verletzt worden wäre. Scharfe Sinne und gute Instinkte schützen sie davor.

„Manchmal sieht man sie tagelang nicht“, sagt der Mitarbeiter der Heinz Sielmann Stiftung und wir resignieren ein bisschen. Doch dann, ganz plötzlich, tauchen fünf junge Wallache aus dem Gebüsch auf. Sie tummeln sich auf dem Weg. Wir identifizieren sie als Teil der Wallach-Herde, die eigentlich aus neun Pferden besteht. Die fünf scheinen nervös zu sein, lauschen, spähen hinter uns in den Wald und sind in Habt-Acht-Stellung. Immer wieder raschelt es irgendwo. Dann schauen plötzlich alle in die entgegengesetzte Richtung auf die Lichtung. Dort kommen im gestreckten Galopp die anderen Mitglieder dieser Herde. Vermutlich haben wir sie durch unser Auftauchen überrascht und der abgespaltene Teil hat uns im Dickicht umrundet. Nun, wieder vereint, treten sie auf wie eine Clique Halbstarker. Sie posen, drängeln, drohen und kommen doch immer wieder neugierig näher. Der Großteil dieser Wallache ist zwischen 2009 und 2013 hier in der Döberitzer Heide geboren. Aufgrund der Systematik der Nachzucht mussten ihre Namen alle mit „H“ beginnen. So heißen sie nun nicht etwa Heinz oder Helmut, sondern Heidewind, Heiratsschwindler, Heilpraktiker, Heilbutt und Heißdüse.

Keine Wildpferde

Bis Mitte 2018 galten Przewalski-Pferde als die letzten Wildpferde. Dann brachte eine neue internationale Studie von über 50 Forschern die Pferdewissenschaften durcheinander. Im nördlichen Kasachstan stieß man bei Ausgrabungen auf Überreste historischer Pferde. Man vermutete, dass diese Pferde, die das sesshafte Volk der Botai dort vor rund 5.500 Jahren gezähmt hatte, die Vorfahren unserer domestizierten Hauspferde waren. Mit der Analyse der dort gefundenen Relikte kam jedoch die große Überraschung: Die domestizierten Pferde der Botai waren Vorfahren der Przewalski-Pferde. Sprösslinge der Botai-Pferde hatten sich vermutlich wieder in die Wildnis abgesetzt und daraus sind die Przewalski-Pferde hervorgegangen, folgern die Forscher. „Wir dachten, es gäbe noch eine wilde Art, und wissen erst jetzt, dass alle Wildpferde ausgestorben sind. Wir Wissenschaftler sind ein bisschen traurig, weil wir das Gefühl haben, dass Biodiversität verloren ging, da es nun tatsächlich keine Wildpferde mehr gibt“, sagte die Forscherin Sandra Olsen damals im Interview. Zudem trat im Vergleich der untersuchten Botai-Genome mit dem Erbgut moderner eurasischer Pferde dann die zweite Überraschung zu Tage: Es gab keinerlei Übereinstimmung. Unserer heutigen Hauspferde stammen also definitiv nicht von ihnen ab. Ihrem Ursprung konnte auch diese Studie wieder nicht auf den Grund gehen. Das bedeutet, dass die Vorfahren unserer Hauspferde (Equus caballus) andere Wildpferde (Equus ferus) waren, die Menschen anderswo gezähmt haben müssen. Forscher vermuten nun, dass die Vorfahren der Hauspferde eher in Zentralasien, im Westen der Eurasischen Steppe und in Anatolien zu finden seien.

Zudem besitzt das Hauspferd 64 Chromosomen, das Przewalski-Pferd dagegen 66 Chromosomen. So werden sie teilweise als eigenständige Arten angesehen, paaren sich jedoch uneingeschränkt und bringen dabei fortpflanzungsfähigen Nachwuchs zur Welt. Dies wird als Gefahr für die Reinerbigkeit des Przewalski-Pferds angesehen. 1959 wurde „The International Studbook for the Przewalski’s Horse“ von der deutschen Zoologin Erna Mohr veröffentlicht und vom Prager Zoo weitergeführt. 1977 wurde die Stiftung „Foundation for the Preservation and Protection of the Przewalski Horse“ gegründet und weitere Zuchtprogramme folgten. Heute arbeiten 63 Institutionen zusammen und betreuen rund 600 Przewalski-Pferde nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten.

Von weiteren Rassen wird angenommen, es handle sich um überlebende oder „rückgezüchtete“ Wildpferde. Dazu gehören Koniks, Exmoor-Ponys und Dülmener Pferde. Sie haben einen hohen Anteil an Urwildpferdblut und leben heutzutage oft halbwild auf naturbelassenen Flächen. Sie vermehren sich meist ohne züchterische Lenkung bzw. es werden lediglich die eingesetzten Hengste ausgewählt. Der Übergang zu robusten Hauspferden wie z. B. den Camargueoder Fjord-Pferden ist wiederum fließend. Davon zu unterscheiden sind die verwilderten Pferde, wie z. B. amerikanische Mustangs, die von den iberischen Pferden abstammen, die den spanischen Konquistadoren entlaufen sind oder auch die namibischen „Wildpferde“, die wahrscheinlich vom Trakehner abstammen. Generell nicht als Wildpferde definiert man Pferde, die irgendwann schon einmal domestiziert waren, dann wieder ausgewildert wurden und nun seit Hunderten oder Tausenden von Jahren wild leben. „Wildlebende Pferde“ nennt man sie mittlerweile im korrekten Sprachgebrauch.

Was heißt „wild“?
Vielleicht sollte aber der Begriff „Wildpferd“ neu defi-niert werden? So sieht es die Amerikanerin Neda De-Mayo, die mit ihrer Organisation „Return to Freedom“ in Kalifornien über 540 eingefangene Mustangs und Wildesel wieder ausgewildert hat. „I think the conversation needs to change. The question is: What is wild?“ sagt sie und bringt einen neuen Aspekt in die Diskussion. Die wissenschaftliche Unterscheidung ist das Eine. Die Sehnsucht der Menschen nach dem Ungezähmten ist ebenso gegenwärtig. Wild, halbwild, verwildert oder wildlebend, unverkennbar gibt es ein Interesse vieler Pferdefreunde am ursprünglichen, freien, wilden Pferd. Es werden Trips zu Wildpferden angeboten und Fotosafaris. Neu sind sogenannte „Wildpferde-Kurse“ in Spanien oder USA, wo es darum geht, wild aufgewachsene Pferde zu zähmen. Der Kontakt und die Arbeit mit Pferden, die nicht an Menschen gewöhnt sind, ist eine interessante Entwicklung in unserer Pferdewelt, die doch eigentlich von Sport, Dressur und Training, von Gamaschen, Decken und Futterzusätzen dominiert wird.

Pferdeexpertin Maksida Vogt organisiert Workshops bei wildlebenden Pferden in Bosnien. „Nur die Wildnis bestimmt, was ‚wild‘ ist“, ist ihre Definition. „Wildpferde repräsentieren das, was den Pferden in Gefangenschaft und der unnatürlichen Haltung in unseren westlichen Ländern verloren gegangen ist. Selbst Pferdehalter sind überwältigt von deren Schönheit und Vitalität. Wildpferde symbolisieren die Freiheit wie kein anderes Tier.“, erzählt Maksida Vogt. Auch Tierfilmer Mark Lubetzki erforscht natürliches Pferdeverhalten und verbringt mehrere Monate pro Jahr in verschiedenen Herden wildlebender Pferde auf der ganzen Welt. Seine Reiseberichte gibt es als Podcasts oder Videos. „Komischerweise interessieren sich Reiter erst umfassend für natürliches Pferdeverhalten, wenn sie bereits über großes Wissen von Hilfengebung, Anatomie und Pferdeausrüstung verfügen“, hat Lubetzki festgestellt. „Sie kommen dann irgendwann an einen Punkt, an dem sie sehr feine Signale ihrer Pferde bemerken und beginnen allgemeine Thesen über Ausbildung, Umgang oder Haltung zu hinterfragen. Auf der Suche nach Antworten landen sie dann unweigerlich bei Wildpferden. Denn nur das Verhalten von wild lebenden Pferden gibt klare und eindeutige Antworten auf diese Fragen. Der große Trend am Interesse für Wildpferde ist tatsächlich auf den gewachsenen Wissenstand der Reiter zurückzuführen.“

Rast mit wildlebenden Pferden

Przewalski-Wallach Lex und seinen kleinen Harem treffen wir wieder an einem sandigen Fahrweg in der Wildniskernzone. Sie sind nicht in Eile, doch machen sie den Anschein, als hätten sie etwas vor. Sie überqueren zielstrebig den Weg und verschwinden im lichten Wald zwischen den Bäumen. Wir fahren weiter auf dem Weg, umrunden den Wald und erreichen eine ausgedehnte Ebene nahe dem Ferbitzer Bruch, die „Wüste“ genannt wird. Es ist ein weites, offenes Gebiet mit sandigem Boden und geringer Vegetation. In der Mitte etwa befindet sich eine große Sandkuhle, die von den Pferden gerne aufgesucht wird. An den verfallenen Überresten eines alten Bunkers halten wir an und packen unsere Pausenbrote aus. Und tatsächlich geschieht das, was wir kaum zu hoffen wagten. Fast unmerklich taucht die kleine Herde auf dieser Seite des Waldes wieder auf. Farblich gut getarnt kommen sie langsam zwischen den Bäumen hervor und schlendern den Hang herunter. Natürlich haben sie uns längst gesehen, aber wir stellen wohl keine Gefahr dar. In kleinen Grüppchen und immer wieder grasend, spazieren sie an uns vorbei. Die Leitstute steuert als erste die Sandkuhle an und positioniert sich dort. Ganz ohne Eile gesellen sich die anderen nach und nach dazu. Sie stehen in einer Formation, es könnten angestammte Plätze sein, und sie haben dabei die ganze Ebene auf dem Radar. So dösen sie langsam in ihren Mittagsschlaf hinüber und halten Siesta.

Die Döberitzer Heide ist ein Mosaik von unterschiedlichsten Biotopen. Die in der Wildniskernzone lebenden Przewalski-Pferde tragen als große Pflanzenfresser neben Wisenten und Rothirschen maßgeblich zur Landschaftsentwicklung bei. Die Ringzone drumherum ist von Wander-und Reitwegen durchzogen und dient als Naturerlebnisraum der Region Berlin-Potsdam, es gibt Picknickplätze und einen Aussichtsturm. Besucher genießen die wilde Natur und mit etwas Glück kann man auch die Przewalski-Pferde erspähen.