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WILDSCHÄRFE: Dumm packt gut?


Wild und Hund - epaper ⋅ Ausgabe 17/2019 vom 05.09.2019

Immer häufiger fallen im Jagdhundelager Begriffe, wie Dummschärfe und Selbstgefährdung, besonders wenn es um den Einsatz des Vierläufers am Schwarz- und Raubwild geht. Revierjagdmeister Sascha Schmitt warnt vor Schönfärberei und Kompromissen in Sachen Schärfe.


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Foto: Julia Kauer

Wer hart ans Wild geht, riskiert Verletzungen. Heutzutage lassen sich Risiken durch Schutzwesten und GPS jedoch minimieren.


Foto: Kristofer Hansson

„Abbruch! Nehmen Sie sofort den Hund von den Sauen!“, brüllt der Gattermeister und fuchtelt wild mit den Armen. „Das Biest ist unbrauchbar und dummscharf!“, setzt er nach, während der ...

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„Abbruch! Nehmen Sie sofort den Hund von den Sauen!“, brüllt der Gattermeister und fuchtelt wild mit den Armen. „Das Biest ist unbrauchbar und dummscharf!“, setzt er nach, während der Hundeführer versucht, seinen Jagdterrier von der Sau zu trennen, die er nun schon zum x-ten Mal an den Verbandsrichtern und Zuschauern vorbeitreibt. Was war geschehen?

Heute sollten Leistungszeichen im Übungsgatter vergeben werden, und Hundeführer waren mit ihren Zöglingen angereist, um den begehrten Saujager zu erwerben. Im großen Arbeitsgatter waren drei stramme Überläufer untergebracht, an denen die teils noch jungen Vierläufer zeigen sollten, aus welchem Holz sie geschnitzt sind. Vorstehhunde, Bracken, Stöber- und Erdhunde warteten auf ihren Einsatz, während der Gatterverantwortliche eine kurze Einweisung abhielt.

Völlig unbeeindruckt von dem ganzen Trubel verspeisten die drei Sauen den Mais, den der Gattermeister bereits großflächig verstreut hatte. Selbst als der erste Vierläufer die Arbeit begonnen hatte, veränderten die Sauen ihre Position keineswegs. Die junge Bracke hatte sehr schnell gefunden und verbellte die drei Schwarzkittel mit großem Abstand. Weder Sau noch Hund schienen das Bedürfnis zu verspüren, dass Bewegung in die Sache kommt, und verharrten auf ihren Plätzen. Der Hund gab Laut, die Sauen nahmen schmatzend ihr Frühstück ein. Nach einiger Zeit brach der Gattermeister die Arbeit ab. „Wie wir es uns wünschen, hat der Hund die Sauen rasch gefunden und sie lang anhaltend verbellt, gestellt und nicht vom Platz gelassen. So sieht intelligente Arbeit ohne Selbstgefährdung am Schwarzwild aus!“, war sein Urteil, dem sich sogar die Verbandsrichter anschlossen.

Einige ältere Hundeführer runzelten bei dieser Arbeitsbeschreibung zwar die Stirn, sein Veto legte jedoch keiner ein. Auch die folgenden Vierläufer beschränkten sich auf ausgedehntes Verbellen der Sauen, wobei sie stets bedacht waren, den Abstand zwischen sich und dem Wild möglichst penibel einzuhalten. Keine der Sauen wurde in Bewegung gebracht, und es entstand der Eindruck, dass diese Standlautsituationen wohl bis zum Jüngsten Tag gedauert hätten, wenn sie vom Gattermeister nicht regelmäßig unter großen Zufriedenheitsbekundungen abgebrochen worden wären.

Dann kam „Lotte“, eine noch recht junge Jagdterrier-Hündin. Auch sie fand die Schwarzkittel im Handumdrehen. Was dann folgte, war aber völlig konträr zu den vorher gesehenen Arbeiten. Das giftige Verbellen der zierli-chen Hündin währte nur kurze Zeit. Schon fuhr sie einem der Überläufer mit einem Zornesschrei an die Keulen. Ein kurzes Quieken und schon ging der Schwarzkittel hochflüchtig ab, gefolgt von der Hündin, die ihm mit gellendem Sichtlaut auf den Fersen blieb. Sobald die Sau langsamer wurde, baute „Lotte“ wieder den nötigen Druck auf. Weiter ging die wilde Fahrt durch das gesamte Übungsgatter. Auch die Attacken des Überläufers schreckten das brave Hündchen nicht ab, und jeder Angriff wurde mit einer flinken Gegenattacke vergolten. Der kleine Wirbelwind schaffte es sogar, eine der Sauen in einer Gatterecke festzumachen und unterband mit viel Nachdruck jeden Ausbruchversuch des Kujels. Wie beschrieben, wurde „Lottes“ Arbeit abrupt beendet. Um es kurz zu machen: Die tapfere Hündin bekam nicht etwa ihr Leistungszeichen, sondern ein lebenslanges Gatterverbot.

So nicht! Im Sinne des Tierschutzes sind bei der Nachsuche auf krankgeschossenes Raubwild scharfe Hunde gefragt, die es schnell abtun.


Foto: Bildagentur Schilling

„Derartig dummscharfe Hunde sind absolut unbrauchbar für die Jagd auf Schwarzwild. Weder im Wald noch in der Zucht haben solche Tiere etwas zu suchen“, war die barsche Erklärung der Verbandsrichter, der sich auch ein Teil der Zuschauer anschloss. Nur wenige der Anwesenden waren anderer Meinung. Gesenkten Hauptes traten „Lotte“ und ihr Herr die Heimfahrt an.

Manch einer mag es anders sehen, aber in den ausgedehnten Brombeerdickungen der Rhein- und Moselhänge oderden bürstendichten Schilfverschlägen in Norddeutschland wäre die kleine „Lotte“ der Hund meiner Wahl und ein Garant für Jagderfolg. Wenn die Bezeichnung dumm-scharf auf Jagdgebrauchshunde abzielt, die Sauen zuverlässig durch hartes Bedrängen auf die Läufe und in Bewegung zwingen, sollte man diesen Begriff weniger als Schimpfwort, sondern vielmehr als höchstes Lob ansehen und mit Stolz verwenden.

Unsere Vierläufer sollen bei Gesellschaftsjagden vorhandenes Schwarzwild finden und es vor die angestellten Schützen bringen, damit die es erlegen können, egal wie dicht der Einstand, schwierig das Gelände und stur die Schwarzkittel sind. Jeder Praktiker weiß, dass sich Sauen in der Regel nicht aus dem Einstand herausbellen lassen, sondern den nötigen Druck brauchen, damit sie ihr Heil in der Flucht suchen. Ein auf 20 Meter Laut gebender Vierläufer baut diesen Druck nicht auf. Jeder kennt endlose Standlautarien, wenn ein einzelner Hund eine Rotte Sauen im Bestand gefunden hat und es ihm an der nötigen Schärfe fehlt, die Schwarzkittel in Bewegung zu setzen. Wenn nicht gerade ein Treiber vorbeikommt, der ihn unterstützt, zieht eben jener „Saubeller“ irgendwann wieder seiner Wege, während die Sauen im schützenden Dunkel des Dickichts verbleiben.

Ist es das, was wir in Zeiten der Afrikanischen Schweinepest erreichen wollen? Wollen wir mit viel Aufwand Gesellschaftsjagden abhalten, deren Ergebnis mehr als unbefriedigend ist, abgesehen von erlegtem Rot- und Rehwild? Ein Einschreiten des Hundeführers mit seiner Schusswaffe verbietet die UVV im Treiben glasklar, es sei denn, es läge ein Fall von Notwehr vor.

Also brauchen wir den wildscharfen Hund bei der Schwarzwildjagd, der das Wild nicht nur findet, sondern durch ausreichende Energie vor die Schützen bringt, um effektiv Strecke zu machen. Hunde, die selbstständig und mit viel Härte sowie Schärfe am Schwarzwild arbeiten. Diese Erkenntnis ist keineswegs neu, vielmehr haben sämtliche Altmeister, wie Rudolf Fries, Konrad Andreas und Walther Frevert, immer wieder darauf gepocht, für Jagd und Zucht nur wildscharfe, harte Hunde zu verwenden.

Wie kann es also sein, dass Hunde, die mit ausreichender Wildschärfe gesegnet sind, als unbrauchbar und dummscharf abgekanzelt werden? Nicht wenige Züchter achten bei der Auswahl immer weniger auf elementare, jagdpraktische Anlagen der Zuchttiere – und dazu gehört leider auch die Schärfe. Aus Sicht des Praktikers eine unkluge Vorgehensweise: Ein vorzüg-licher Formwert oder das Bestehen von Ausleseprüfungen hat mit dem jagdpraktischen Wert eines Jagdhundes reichlich wenig zu tun. Mangelnde Schärfe von potenziellen Zuchttieren wird mit Floskeln wie „jagt intelligent und ohne Selbstgefährdung“ schöngefärbt und täuscht so den unerfahrenen Welpenkäufer über einen essenziellen Mangel hinweg.

Schwarzwild finden, auf die Läufe bringen und den Schützen Möglichkeiten zum Schuss schaffen – das ist eine Aufgabe für wildscharfe Hunde.


Foto: Markus Lück

Wildschärfe und Familientauglichkeit stehen bei einem wesensfesten Vierläufer in keinerlei Widerspruch.


Foto: Michael Woisetschläger

Ein gefestigtes Wesen, einhergehend mit einer ausgeprägten Wildschärfe, ist jedoch Bedingung für effektives und auch tierschutzkonformes Jagen. Die Schärfe ist es, die den Schweißhund dazu antreibt, den wunden Hirsch zu stellen und bis zum Fangschuss an den Platz zu binden, genauso wie sie den Vorsteher dazu bringt, den kranken Fuchs anhaltend zu hetzen und zu würgen, auch wenn dieser nur ein Schrotkorn im Gescheide hat. Viele kranke Sauen werden von scharfen Hunden im Treiben gebunden, sodass eine Nachsuche unnötig wird und dem kranken Stück Leid erspart wird. Eben jene Vierläufer, die Tod und Teufel nicht fürchten, sind es, die unser jagdliches Tun nicht nur effektiv, sondern auch waidgerecht werden lassen. Warum wenden wir uns dann in zunehmendem Maße von ihnen ab?

Zum einen fürchten viele Hundeführer, dass ihr Vierläufer bei der Jagdausübung an Sau und Raubwild verletzt oder sogar getötet wird, wenn er zu scharf agiert. Die Gefahren am wehrhaften Wild sind natürlich nicht zu unterschätzen. Der alte Spruch „Wer Schweinsköpfe jagen will, muss Hundeköpfe dransetzen!“ hat leider auch heute noch nichts von seiner Gültigkeit verloren. Wir sind heute dazu in der Lage, unseren Vierläufern durch Ortungsgeräte und Hundeschutzwesten ein Maximum an Sicherheit zukommen zu lassen und sie so vor Verletzung und Tod zu schützen. Natürlich bleibt ein Restrisiko. Für jeden Hundeführer ist der Verlust seines Hundes ein Fiasko.

Doch dürfen wir uns nicht dazu verleiten lassen, mit halbscharfen Hunden zu jagen.

Immer wieder ist auch zu hören, dass der zukünftige Jagdbegleiter doch in erster Linie als Familienmitglied vorgesehen sei und man aus diesem Grund möglichst keinen scharfen Hund haben möchte. Warum? Die Tatsache, dass ein Vierläufer tatsächlich wildscharf ist, hat nichts mit seiner Eignung als Familienmitglied zu tun. Ausgeprägte, tatsächliche Wildschärfe geht immer mit einem gefestigten Wesen einher. Und was kann es in einer Familie Besseres geben, als einen wesensfesten Vierläufer? Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, dass gerade meine härtesten und wildschärfsten Hunde, ob Vorsteh-, Stöber- oder Erdhund, absolut souverän im Familienleben und besonders im Umgang mit Kindern sind. Dass diese wesensfesten, triebstarken Vierläufer eine konsequente, liebevolle Erziehung benötigen, steht außer Frage. Im Familienalltag stehen sie jedoch besser ihren Mann, als mancher weiche, zögerliche Hund ohne Schärfe.

Es gibt also keinen wirklichen Grund, die Wildschärfe aus unserem jagdlichen und vor allem züchterischen Fokus zu verlieren. Sollte dies in einem zunehmenden Maße stattfinden, verlören wir innerhalb kurzer Zeit eine der wichtigsten Anlagen unserer vierläufigen Jagdbegleiter.

Vielleicht ist auch dieser zunehmende Schwund der Wildschärfe bei unseren anerkannten Rassen ein Grund dafür, dass immer mehr Hundeführer auf „ Gebrauchskreuzungen“ zurückgreifen, wenn es um die Auswahl ihres zukünftigen Jagdbegleiters geht. Liegt es vielleicht in erster Linie daran, dass das Hundematerial, was momentan in den Zuchtstätten Verwendung findet, nicht mehr den Ansprüchen der Praxis gerecht wird? Bei einigen unserer vom Jagdgebrauchshundverband anerkannten Rassen scheint der scharfe, wesensfeste Jagdgebrauchshund schon zu einem der berühmten weißen Raben geworden zu sein. Wen wundert es dann, dass die Nachfrage von Heideterrier, Catahoula und Patterdale immer mehr steigt und Dissidentenvereine einen ungeahnten Zulauf haben? Statt wildscharfe Vierläufer als dummscharf und unbrauchbar zu bezeichnen, sollten wir voll Hochachtung vor ihnen unseren Hut ziehen und den Führer zu seinem schneidigen Vierläufer beglückwünschen. Allen Züchtern sei geraten, bei ihren Zuchttieren höchsten Wert auf Wesensfestigkeit und Wildschärfe zu legen, sonst werden wir in naher Zukunft immer weniger Vierläufer aus anerkannten Zuchten sehen, die den Ansprüchen der Jagdpraxis gerecht werden.

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Bereits bei der Auswahl der Elterntiere stellen die Züchter die Weichen für eine angewölfte Wildschärfe und ein gefestigtes Wesen.


Foto: Jörg Fischer