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WILDWARNREFLEKTOREN: WISSENSCHAFT VS. PRAXISERFAHRUNG


JÄGER - epaper ⋅ Ausgabe 20/2019 vom 18.01.2019

Wildwarnreflektoren. Bei kaum einer Präventivmaßnahme zum Verhindern von Wildunfällen werden derart gegensätzliche Ergebnisse präsentiert. Machen Jäger in der Praxis meist sehr gute Erfahrungen, stellen wissenschaftliche Untersuchungen den blauen Reflektoren meist kein gutes Zeugnis aus.Ralf Schmidtbringt Licht ins Dunkle.


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Das Anbringen von Wildwarnreflektoren übernehmen derzeit ausschließlich Jäger. Warum eigentlich? Liegt das Verhindern von Wildunfällen nicht in aller Interesse?


FOTO: JENS KRÜGER

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FOTO: ARCHIV JÄGER


„IN UNSERER STUDIE ZUR WILDUNFALLVERHÜ- TUNG WURDEN 168 STÜCK FALLWILD AUF 52 REDUZIERT!“


Erstaunt reibt man sich als Jäger die Augen, wenn versicherungsnahe Institutionen wie der Gesamtverband der Versicherer (GdV) methodisch falsche Untersuchungen durchführt oder die Unfallforschung der Versicherer (UDV) Universitäten beauftragt, die Nicht-Wirksamkeit der Reflektoren zu bestätigen (siehe Kasten Seite 48). Warum, wenn man doch jedes Jahr Schäden zwischen 500.000 und 600.000 Millionen Euro regulieren muss?

BLAU AUF ALLEN STRASSEN

Seit Oktober 2014 leite und betreue ich eine Studie zur Wildunfallverhütung, welche unter dem Namen „Blau auf allen Straßen“ in unserem Landkreis durchgeführt wurde und auch weitergeführt wird. Unsere 24 Testreviere wurden nach unterschiedlichen Geländestrukturen (Feld/Wald), Topografie und Wilddichten ausgesucht. Die zu Projektbeginn erfassten Wildunfallzahlen wurden registriert und die Wildunfälle exakt ein Jahr nach Reflektormontage erfasst. Hier erreichten wir eine Reduktion der Wildunfälle von 69,05 Prozent. In unserem Fall wurden 168 Stück Fallwild auf 52 Stück reduziert (siehe Tabelle auf Seite 49).

STRASSENNAHE FELDFRUCHT

Erkenntnisreicher als der Erfolg waren aber die Misserfolge in einigen Revieren. In der Folgezeit zeigten sich nämlich erhebliche Abweichungen in den einzelnen Revieren, welche mal positiv, aber auch negativ auffielen. Die Gesamtstatistik wurde davon nicht wesentlich tangiert. Es kam zu Verschiebungen im einstelligen Prozentbereich. Wichtig ist und bleibt daher die gesamtheitliche Betrachtung, denn es gab Reviere, in denen kaum Reduktionen, ja sogar mehr Wildunfälle nach Reflektormontage geschahen als vorher ohne Reflektoren. Hier stellte ich fest, dass alles, was die seitliche Reflexion kaschierte, auch den Erfolg minimierte. Pauschal: Im Wald, durch den seitlichen Bewuchs, waren die Ergebnisse meist schlechter als in der offenen Landschaft. Aber vor allem die Fruchtfolgen im Offenland spielten eine große Rolle: Mais oder Raps, meist bis zur Straße gewachsen, erhöhten das Unfallrisiko erkennbar. Hier lieferte ein Revier den Beweis: ohne Reflektoren = 13 Unfälle, mit Reflektoren = 17 Unfälle. Die Recherche ergab, dass der Jagdpächter in diesem Jahr fast nur Raps auf den straßenzugewandten Feldern hatte. Im Folgejahr (Fruchtfolge Zuckerrüben) waren es noch drei Unfälle. Auf einem Straßenabschnitt in einem anderen Revier konnte eine sehr unfallträchtige Straße durch die Reflektoren für zwei Jahre auf null Wildunfälle reduziert werden. Nachdem Raps angebaut wurde, fanden drei Unfälle innerhalb von zwei Wochen statt. Nach der Ernte bis heute (2 Jahreszeitraum) verzeichneten wir dort lediglich einen Wildunfall.

NUR IM DUNKELN GEHT’S

Auch zur Unterscheidung von Tageslicht- und Dunkelunfällen konnten viele Jagdpächter in einigen Fällen keine genauen Angaben machen, da die Polizeiauskunft dies nicht zuließ. Wir haben dies ebenfalls protokolliert. Hier fallen auch die ersten Falschaussagen in anderen Studien auf: Während sämtliche Versuche, die Wirkungsweise der Reflektoren zu erfassen, davon abhängig sind, wann die Unfälle geschahen (Dunkel/Tageslicht), werden von den Polizeidienststellen nur die gesamten Unfallzahlen erfasst und in der Folge auch weitergegeben. Zwar wissen wir, dass etwa 80 Prozent der Unfälle im Dunkeln passieren (trotz sinkenden Verkehrsaufkommens), allerdings verfälschen die 20 Prozent Tageslichtunfälle die Statistik. Exakte Angaben können hier nur die Jäger machen, da diese in der Regel von den Dienststellen informiert werden und somit die zeitliche Zuordnung besteht. Merke: Bei Tageslicht wirkt kein Reflektor! Hier ist „die Wissenschaft“ eindeutig im Nachteil.

DER AUTOR: RALF SCHMIDT

FOTO: PRIVAT

1. Vorsitzender der Kreisgruppe Ahrweiler im Landesjagdverband Rheinland-Pfalz, Obmann für Natur, Umwelt & Landespflege, Stellvertreter des Landesobmanns Naturschutz Rheinland-Pfalz, stellvertretendes Mitglied Fachbeirat Naturschutz im Kreis Ahrweiler, Fachausschuss Natur- und Artenschutz Landesjagdverband, Jägerprüfungsausschuss.

ZU BERÜCKSICHTIGENDES

Daraus folgt: Eine aussagefähige Statistik zur Wirkungsweise der Wildwarnreflektoren muss groß angelegt sein, unterschiedliche Biotoptypen umfassen und über einen längeren Zeitraum laufen, welcher einen Querschnitt der äußeren, wechselnden Umstände darstellt und eine exakte Trennung der Tageslicht- und Dunkelunfälle beinhaltet. Der dabei entstehende Mittelwert hängt zusätzlich auch von der Geländetopographie ab. Ebenso von hohen Wildbeständen, die beim Schalenwild in unserer Kulturlandschaft ständig ansteigen. Hier heben sich nochmal bestimmte Zeiten wie Brunft, Zeitumstellung, Jahreszeit (Sommer/Winter) ab.

VON WEGEN GEWÖHNUNG

Wenn durch die eingangs erwähnten Studien das Wildverhalten durch Hightech wie Kamerabeobachtungen oder Bewegungsmelder zu einem bestimmten Zeitpunkt gewisse Rückschlüsse vermitteln sollen, wie in der UDV-Studie dargestellt, möchte ich entschieden widersprechen. Diese Momentaufnahmen spiegeln nicht das tatsächliche Raum-Zeit-Verhalten im Laufe des Jahres, die wechselnden Äsungsangebote, Konkurrenz und/oder die starken Beunruhigungen in unserer Kulturlandschaft wider. Diskussionen über einen Gewöhnungseffekt sind überflüssig: Wie alt wird der Hauptunfallverursacher Reh in unserer Kulturlandschaft? Wichtig ist: Das Ergebnis zählt!

ÜBERFLÜSSIGER WETTBEWERB

Leider entsteht fast der Eindruck, dass es zu einem Wettbewerb um die Deutungshoheit in der Wildunfallforschung zwischen Wissenschaftlern und Praktikern gekommen ist. Leider zum Nachteil von menschlichen Todesopfern, mehr als 3.000 Verletzten im Jahr sowie unsäglichem Tierleid auf der anderen Seite. Es sollte dabei auch keine Rolle spielen, ob wir 30, 40, 60 oder 90 Prozent weniger Unfälle registrieren: Jeder Unfall kann zu den erwähnten Folgen führen und ist somit einer zu viel.

WILDWARNREFLEKTOREN: DREI STUDIEN

Vom reflektierenden Licht nicht zu durchdringender Bewuchs in Fahrbahnnähe macht die Wirksamkeit der Reflektoren weitestgehend zunichte.


FOTO: KARL-HEINZ VOLKMAR

GdV-Studie: Die derzeitige GdV-Studie ist von der Methodik her falsch angelegt. Man will einen Streckenabschnitt mit Reflektoren ausstatten und zeitgleich einen anderen Referenzabschnitt ohne Reflektoren erfassen. Nach einem Jahr will man die Reflektoren des ersten Bereichs demontieren und in den anderen Referenzbereich verbauen. Dabei soll der erste Abschnitt nun als Referenzbereich dienen und die Veränderungen wechselseitig erkannt werden. Man stelle sich vor, dass man im ersten Bereich zuvor zehn Wildunfälle registrierte. Nun erfolgt die Montage der Reflektoren. Zeitgleich (im Extremfall) wird das Feld mit Raps bestellt. Auf dem nächsten, reflektorfreien Bereich stehen (im günstigen Fall) Zuckerrüben. Das Ergebnis wäre wahrscheinlich: Abschnitt 1, mit Reflektoren = mehr Wildunfälle, Abschnitt 2, ohne Reflektoren = gleichbleibend. Nun tauscht man wie in der GdV-Studie die Reflektoren: Abschnitt 1 = Demontage, gleichzeitig werden in der Fruchtfolge Zuckerrüben bestellt. Abschnitt 2 Reflektormontage, in der Fruchtfolge Raps. Das Ergebnis der Studie würde mit hoher Wahrscheinlichkeit aussagen: Mit Reflektoren passieren mehr Wildunfälle.

UDV-Studie: Eine im Auftrag der UDV von der Uni Göttingen in Kooperation mit der Uni Zürich erstellte Studie kommt zu dem Ergebnis, das Wildwarnreflektoren wirkungslos sind. Die zentrale Frage war, ob neuartige blaue oder mehrfarbige Reflektoren die Zahl der Wildunfälle nachhaltig reduzieren. Dies ist nicht der Fall. Dazu wurden zum einen 76 vorhandene Studien ausgewertet, zum anderen an 150 jeweils zirka zwei Kilometer langen Streckenabschnitten das Wildunfallgeschehen ausgewertet. An den ausgewählten Abschnitten waren zuvor keine Reflektoren angebracht. Neben der statistischen Auswertung wurden Wärmebildkameras an den ausgewählten Abschnitten angebracht, um das Verhalten von Wildtieren an Straßen mit und ohne Wildwarnreflektoren zu untersuchen. Auch hier kann in der Zusammenfassung nachgelesen werden, dass der Untersuchungszeitraum zu kurz gewählt war.

ADAC-Studie: Wildunfälle verhindern und die Sicherheit von Mensch und Tier zu steigern, das haben sich der ADAC zusammen mit dem Deutschen Jagdverband vorgenommen. Die Zwischenbilanz eines vierjährigen Forschungsprojekts zeigt jetzt, dass durch den Einsatz von Duftzäunen und blauen Reflektoren die Zahl der Wildunfälle örtlich um bis zu 80 Prozent reduziert werden konnte. Erprobt werden die Präventionsmaßnahmen an 25 Versuchsstrecken in Schleswig-Holstein, an denen besonders oft Wildunfälle passieren. Ziel ist es, in den nächsten beiden Jahren die langfristige Wirksamkeit der Maßnahmen wissenschaftlich zu untersuchen und ihren Einsatz zu optimieren. Für die Durchführung ist das Institut für Wildbiologie in Göttingen zuständig. Hier betrug der Untersuchungszeitraum vier Jahre! Interessant sind die Erfolgszahlen: 80 Prozent! Wie eingangs beschrieben ist das platte Land (in dem Fall Schleswig-Holstein) besonders geeignet.

Die Wirkung der Reflektoren, nicht nur der blauen, steht und fällt mit ihrer Sauberkeit. Im Winter kann hier hochgewirbeltes Streusalz zum Problem werden, das sich aber rasch vom Jäger beheben lässt.


FOTO: PETER BURKHARD

Eines ist sicher: Leitpfosten ohne Reflektor verhindern keinen einzigen Wildunfall.


FOTO: JENS KRÜGER

MEIN VORSCHLAG

Stabile und geeignete Wildwarnreflektoren müssten in die Fertigung neuer Straßenleitpfosten integriert werden und bei einem sukzessiven Austausch der alten Leitpfosten zum Einsatz kommen. Innerhalb weniger Jahre wären alle Straßen abgesichert. Defekte Leitpfosten würden in der Folge auch ergänzt. Die Material- und Herstellungskosten können als Ausschreibung erörtert werden, dürften jedoch je Pfosten nicht mehr als wenige Euro Mehrpreis betragen. Hier müsste der Staat eintreten, egal ob Bundes-, Land-, Kreis- oder Gemeindestraße. Was ist ein Menschenleben wert? Wo bleibt der Tierschutz? Die Sicherheit von Menschen und Tieren kann dauerhaft nicht aus den Taschen der Jäger bezahlt werden.

Bewuchsfreie Straße in ebenem Gelände: hier funktionieren die Wildwarnreflektoren am besten. Das reflektierende Licht kann ungebremst in richtiger Höhe seine wildvergrämende Aufgabe übernehmen.


FOTO: MICHAEL MIGOS