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Wildwasser; Norwegen: Über den Polarkreis


Kanu Sport - epaper ⋅ Ausgabe 3/2021 vom 04.03.2021

Zwei Mehrtagestouren im hohen Norden locken Jens Klatt und Olaf Obsommer raus in die Wildnis Norwegens: Lomsdalselva und Glomåga bieten Traumwildwasser in Traumkulisse. Aber jede schöne Sache hat mindestens einen Haken.


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@Die Lomsdalselva führt viel Wasser.


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Die Euphorie ist groß, trotz langen Fußmarsches zum Einstieg: Paulo Garikano, Olaf Obsommer, Adrian Mattern, Paul Meylahn und Jens Klatt.


Da sitzen wir nun oben am Fjell, schlapp und hungrig, starren etwas dümmlich über den zugefrorenen See und wissen nicht weiter. Erst gestern haben wir unten im sommerlichen Tal die Ausrüstung und Verpflegung in unseren Kajaks verstaut, sie uns auf den Rücken geschnallt und waren zu Fuß über den Passe aufgebrochen - nun steht unsere Unternehmung kurz vorm Scheitern. Eigentlich wollten wir ab hier zum Ausfluss des Sees paddeln, jetzt sitzen wir ratlos an dessen Ufer und erhitzen ein paar Eisbrocken im Kochtopf. Wollen wir den zugefrorenen See umlaufen, verlieren wir bei diesen Schneemassen locker einen Tag - und den gibt unser Zeitplan nicht her. Der Fußmarsch über das Eis scheint uns zu gefährlich, denn schließlich haben wir Ende Juni und das Eis wirkt recht brüchig. Das hier oben auf dem Fjell im Sommer noch soviel Schnee liegen würde, war in unserer Planung einfach unter „unwahrscheinlich“ abgehakt worden - wir waren ja froh, überhaupt ein Route gefunden zu haben.

Unser Plan: Wir wollen die Lomsdalselva in der norwegischen Provinz Nordland befahren - von der Quelle oben am Fjell bis zur Mündung ins Nordmeer. Wir befinden uns knapp unterhalb des Polarkreises, und der Nationalpark, durch den unser Fluss der Begierde fließt, liegt so abgeschieden, dass ohnehin nur etwa 10 Wanderer pro Jahr hier oben gezählt werden. Sicher gibt es in Norwegen tausende lohnende Wildflüsse, die einfach neben der Straße fließen und eine Paddeltour logistisch einfach machen würden - unser Drang nach Neuland hat uns allerdings hier oben hin verschlagen. Und um mit unseren Kajaks zur Quelle der Lomsdalselva zu gelangen, haben wir uns eine Route über einen Pass rausgesucht. Veranschlagter Zeitbedarf: eineinhalb Tage reinlaufen, dann zweieinhalb Tage rauspaddeln. Ein unserer Meinung vorzüglicher Plan. „Der Typ wird ja nicht ewig auf uns warten“, Adrian bricht das Schweigen. Er meint den Fischer, der uns an der Mündung ins Fjord mit seinem Kutter abholen soll - und mit dem wir uns schon fix verabredet haben. Handy- Empfang Fehlanzeige. Wenn wir es nicht bis zum verabredeten Zeitpunkt ins Fjord schaffen, müssen wir die 20 Kilometer zum nächsten Dörfchen auch noch paddeln - mit unseren kleinen Wildwasserkajaks auf dem offenen Meer eine furchtbare Plackerei. Also was jetzt: Umdrehen und zurücklaufen oder Flucht nach vorn?

Flucht nach vorn

20 Minuten später sind die Sachen wieder im Boot verstaut. Ganz klar: Wir laufen um den See rum, und zwar jetzt noch, um 19 Uhr - schließlich wird es hier ja dank der nördlichen Breiten auch nachts nicht dunkel. Wir haben heute zwar schon fast 10 Stunden Fußmarsch hinter uns und eigentlich pfeifen alle auf dem letzten Loch, aber hier und jetzt umzudrehen wäre eine nicht hinnehmbare Niederlage. Und wenn wir die Nacht zum Tag machen, bleiben wir trotz Extratour wenigstens halbwegs im Zeitplan. Zu Hause liest meine Frau unserem Sohn wahrscheinlich gerade eine Gute-Nacht-Geschichte vor. Ich hingegen stapfe fast 3000 Kilometer von zu Hause entfernt mit ein paar Kumpels über ein riesiges Eisfeld, um einen Fluss auf der anderen Seite des Passes mit einem Kajak zu befahren. In der Tat quält mich da ein schlechtes Gewissen. Aber meine Frau sagt immer ich solle fahren, sonst bin ich eh unausstehlich zu Hause. Wahrscheinlich hat sie recht.

Ein Kraftakt

Der Wind peitscht mir ins Gesicht. Nun sind wir auch schon wieder ein paar Stunden unterwegs, es ist mittlerweile kurz nach Mitternacht und sogar die Mitternachtssonne hat sich hinter einen Bergrücken verabschiedet. Es hat sich nochmal abgekühlt hier oben auf dem Fjell, aus meinen Zehen ist mittlerweile jegliches Gefühl gewichen. Von den 8 Müsli-Riegeln, die ich für die 4 Tage dabei habe, sind schon 5 weggefuttert - und mein Magen knurrt leise vor sich hin. Wir sind immer noch nicht wirklich weit gekommen, bei jedem zweiten Schritt sacke ich bis über den Knöchel in den Schnee ein. Ein Kraftakt. Und das wir es in den nächsten Stunden in tiefere Lagen und somit aus dem Schnee schaffen, wird immer unwahrscheinlicher. Wir beschließen die Nacht im Schnee zu verbringen. Hinter einem Felsen bauen wir unser kleines Tarp auf und mummeln uns darunter in unsere Schlafsäcke. Der Wind pfeift, dunkle Regenwolken am Horizont verdüstern die Szenerie. Zum Glück bin ich körperlich zu müde, um mir Sorgen zu machen. Ich ziehe mir die Mütze ins Gesicht und bin eingeschlafen, bevor ich bis 3 zählen kann. Als wir am nächsten Nachmittag endlich am geplanten Einstieg zur eigentlichen Paddeltour sind, liegen weitere 6 Stunden Schneemarsch hinter uns. Hinter unserem Zeitplan hinken wir ordentlich hinterher, auch körperlich sind wir recht platt von der Nachtwanderung. Zudem führt die Lomsdalselva viel Wasser, was die Befahrung mit den vollbeladenen Kajaks nicht unbedingt einfacher machen wird.

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@Alle Kräfte werden bei der Mitternachtssonnenwanderung zum Einstieg mobilisiert.


Absolutes Traumwildwasser voraus

Und dennoch, die nächsten 48 Stunden passieren komplett im Rausch: Die Strapazen des Anmarsches sind vergessen, die Gewissheit, das vor uns nur wenige Menschen in dieser Gegend unterwegs waren, schafft eine gewisse Ehrfurcht, aber auch ein erhabenes Gefühl. Der Kopf ist frei und fokussiert, der Rest der Welt vergessen.

Wir arbeiten uns Stück für Stück den Fluss hinab; viele kleine Stufen, aber auch höhere Wasserfälle und Rutschen beglücken unser Paddlerherz. Zwar müssen wir immer wieder unfahrbare Wasserfälle und Stromschnellen umtragen, und teils sogar umseilen, dennoch werden wir danach stets belohnt mit absolutem Traumwildwasser. Wir zirkeln um die Hindernisse herum und genießen den Flow. Zwar gleicht unsere Fahrt einem Rennen, denn wir wollen das Fischerboot ja noch erreichen, aber wir funktionieren gut als Team. Einer von uns fährt vor, weist den anderen den Weg - oder steigt aus und besichtigt die Folgestrecke vom Ufer. Wichtig ist, dass wir trotz aller Eile und Euphorie den Sinn für die Gefahren des Flusses nicht verlieren, denn der ist nunmal mächtiger und stärker als wir. Soweit die Theorie. In der Praxis passiert natürlich, was passieren musste: Ein paar Kilometer vor der Mündung wähnen wir uns eigentlich schon fast im Fjord, als ein kurzer Moment der Unachtsamkeit uns alle fürchterlich auf die Probe stellt. Der Fluss hat sich mal wieder in eine kleine Schlucht gegraben, vor uns knickt er rechts ab, die Folgestrecke ist nicht einsehbar - und ein Anhalten auf einmal nicht mehr möglich. Ehe ich verstehe, was hier gerade passiert, sind wir mittendrin im Chaos. Die Felswände rechts und links wachsen plötzlich senkrecht gen Himmel und verengen den Fluss auf nur wenige Meter, zudem nimmt das Gefälle weiter zu. Vor mir sehe ich ein gelbes Boot durch die Luft fliegen, danach wird es weiß um mich herum, das Wasser tobt und spritzt - ich überschlage mich samt Kajak. Es wird ruhig um mich herum.

Unachtsamkeit ist Mist

Ich sortiere mich unter Wasser, lege das Paddel an: kein Druck. Zweiter Versuch: Kein Druck. Wenn wir alle ertrinken, wer wird meinem Sohn eigentlich erzählen wie sein Vater gestorben ist? Dritter Versuch: Bämm, oben! Ich sortiere mich, erwarte das Schlimmste, aber vor mir wird das Wasser wieder ruhiger, die Schlucht macht wieder auf. Abgesehen von Paul, der in der Außenkurve unliebsam Bekanntschaft mit der Felswand gemacht hat und dadurch sein Boot verlassen musste, sind alle wohl auf. Eine leichte Schockstarre hat uns alle ergriffen, es herrscht Einigkeit: Das war Mist! Wir haben Karten studiert, Satellitenbilder mit den Höhenangaben verglichen um schon im Vorfeld die steilen und gefährlichen Abschnitte zu erörtern. Wir haben ein Garmin-GPS dabei zur Orientierung, und normalerweise fahren wir nie blind in eine Klamm ein. Wieso in aller Welt konnte eine Millisekunde Unachtsamkeit uns am letzten Haltepunkt vor der Klamm vorbeifahren lassen? Für mich als Kontrollfreak ein katastrophaler Moment. Das wir eine halbe Stunde später mit lediglich 30 Minuten Verspätung zum verabredeten Termin auf dem Fischerboot sitzen und Richtung Zivilisation schippern, entbehrt nicht einer gewissen Situationskomik. Doch als die Anspannung von uns abfällt, verstummen wir nach und nach. Wir sind platt: körperlich wie mental. Was für ein Ritt!

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@Olaf Obsommer visiert eine Stufe der Glomåga an.


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@Kurz nach Mitternacht und trotzdem hell, der norwegische Sommer macht’s möglich. Erstes Camp beim Fußmarsch zur Lomsdalselva.


Mutter Natur als stilles Monument - aber das genügt, um uns glücklich zu machen.


Zweiter Streich: Glomåga

Ein paar Tage später, nachdem wir uns etwas regeneriert haben, nehmen wir einen weiteren Fluss in Angriff. Die Glomåga entwässert den Svartisen, den zweitgrößten Gletscher Norwegens. Der Gletscher liegt knapp oberhalb des Polarkreises, würden wir es schaffen bis zur Mündung zu kommen, würden wir dabei den Polarkreis auf dem Fluss überqueren. Geil!

Der Svartisen zählt insgesamt 60 Gletscherarme, zwischen den beiden Hauptgletschern liegt das mächtige Tal der Glomåga. Und weil es letztes Mal so gut geklappt hat (Achtung: Ironie!), wollen wir über einen kleinen Nebenpass von hinten zur Quelle vordringen - natürlich zu Fuß. Aber diesmal sind wir besser vorbereitet: mehr Müsli-Riegel, mehr Tütensuppen, mehr Zeit, mehr Fluss-Infos. Durch die Erstbefahrer der Glomåga wurden wir bereits vor der letzten Schlucht gewarnt, unliebsame Überraschungen wie im Lomsdalen sollten also aus bleiben. Und außerdem gibt es da dieses Bild in meinem Kopf, was ich von den Erstbefahrern gesehen hatte: Inmitten dieser Gletscherwelt stürzt die Glomåga über einen fast 100 Meter hohen Wasserfall, um sich dann ein paar Meter weiter in einem kristallklaren See aufzulösen. Dahinter thront auf einem Podest aus steilen Felsklippen der mächtige Gletscher - ein mystischer Ort. Und genau dort will ich hin!

Unser Fußmarsch ist dieses Mal nicht ganz so anstrengend. Und vor allem müssen wir keine Abholtermine einhalten, unser Auto steht direkt am Ausstieg. Zwar müssen wir immer wieder Schneefelder überqueren, und das macht kalte Füße, aber die zu passierenden Seen sind alle halbwegs aufgetaut. Die Gedanken werden klarer mit jedem Schritt, ich fühlt sich ein bisschen so an, als stapfte ich mit meinem Boot auf der Schulter direkt zur Himmelsforte, so unschuldig und rein fühlt man sich inmitten dieser Szenerie.

Als ich am nächsten Morgen wach werde, grüßt die Sonne unter unserem Tarp. Es liegen nur noch ein paar Hundert Meter vor uns, bis die Glomåga genügend Wasser gesammelt haben wird, sodass wir unsere Kajaks zu Wasser lassen können. Wir frühstücken ausgiebig, schließlich haben wir doppelte Rationen dabei. Die Hungerpartie vom letzten Mal wollten wir uns nicht antun - der Energieverbrauch im kalten Wasser ist einfach enorm. Die ersten paddelbaren Meter fühlen sich gut an, der Fluss baut über Stufen, Rutschen und kleine Wasserfälle stetig sein Gefälle hab. Aufgrund des geringen Wasserdrucks hier oben sind die Schwierigkeiten überschaubar und wir kommen gut voran. Als sich nach ein paar Stunden am Horizont eine Abrisskante auftut und der Fluss im Nichts verschwindet, ahne ich, wo wir nun sind. Mit gehörigem Sicherheitsabstand landen wir an, als wir vorne an der Abrisskante stehen, blicken wir in einen Schlund aus weißer Gischt, aus dem weit unten ein quirliges weißes Band an Wildwasser entspringt, dahinter der See, dann Felswände und Gletscher, obendrauf kitschig blauer Himmel. Alles in Übergröße, surreal, und irgendwie doch echt. Wir stehen, starren, schweigen, grinsen, plappern - alles abwechselnd und nacheinander. Wir machen Selfies vor der Kulisse wie Touristen vor dem Eifelturm. Und eigentlich passiert im Hintergrund nichts. Selbst nach Mittagspause, Nickerchen, Müsli-Riegel und unzähligen Bildern: Es passiert nichts! Mutter Natur als stilles Monument - aber das genügt, um uns glücklich zu machen.

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@Irgendwo hier entsteht ein Fluss: Olaf Obsommer auf den ersten paddelbaren Metern der Lomsdalselva.


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@Paul Meylahn im Kernstück der Lomsdalselva.


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@Von der Mündung der Lomsdalselva ins Meer fährt ein Fischerboot das Team zurück in die Zivilisation.


24 Stunden später: Meine Euphorie hat sich angesichts der vor mir liegenden Tatsachen wieder etwas gelegt. In der letzten Schlucht vor dem Ausstieg verschwindet durch einen Felssturz das komplette Wasser wie bei einer überdimensionalen Klospülung unter riesigen Felsbrocken, rechts und links ragen fast vertikale Schluchtwände empor. Unser Auftrag für die nächsten Stunden: Einer nach dem Anderen muss vor dem Syphon auf die andere Flussseite queren, um dort auf einem Felsvorsprung auszusteigen, hoch zu klettern, um dann unterhalb wieder ins Wasser zu springen. In Momenten wie diesen hasse ich mich immer ein bisschen. Warum eigentlich solch ein Quatsch? Warum nicht zu Hause auf der Couch die Wampe streicheln? Ich weiß es nicht. Aber es sind eben Tage wie diese, die einem die Routine des Alltags wieder schätzen lassen.

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Inmitten dieser Gletscherwelt stürzt die Glomåga über einen fast 100 Meter hohen Wasserfall, um sich dann ein paar Meter weiter in einem kristallklaren See aufzulösen.


Als ich mich für die Querung ins Boot setze, durchlaufe ich mein Ritual: Spritzdecke schließen, Schwimmweste nachziehen, Helmverschluss kontrollieren, kaltes Wasser ins Gesicht spritzen. Die Glomåga führt hier unten bedeutend mehr Wasser als oben am Einstieg, aus dem entspannten Bächlein ist ein mächtiger Fluss mit ordentlich Druck geworden. Ich kontrolliere die Spritzdecke nochmal, jetzt bloß nichts übersehen! Technisch gesehen ist die Querung einfach, die Konsequenzen eines Fehlers allerdings könnten drastischer nicht sein. Würde durch eine nicht richtig geschlossene Spritzdecke Wasser ins Boot laufen oder das Paddel brechen, könnte mir niemand mehr helfen. Ich inspiziere mein Paddel: keine Haarrisse erkennbar. Ich muss an Andrew McAuley denken, einen australischen Seekajakfahrer, der vor ein paar Jahren bei seiner 4-wöchigen Mammuttour von Australien nach Neuseeland ein paar Kilometer vor dem neuseeländischen Südinsel aufgrund eines Materialbruchs ertrank. Seine Frau und sein Sohn erwarteten an diesem Tag seine Ankunft. Wo hört eigentlich Selbstverwirklichung auf und wo fängt Egoismus an?

Ich kontrolliere die Spritzdecke nochmal, spritze mir Wasser ins Gesicht: zwei, drei kräftige Paddelschläge und ich bin in der Hauptströmung. Zwei, drei weitere Schläge zum Ausrichten des Bootes. Jetzt Vollgas ins Kehrwasser - geschafft! Ich glaube, ich bin jetzt wieder bereit für meinen Alltag daheim.

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Technisch einfach, aber hohe Konsequenzen bei Fehlern: Das letzte Kehrwasser links vor dem Siphon ist Pflicht!

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