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Willi Schulz


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Mehr als ein Spiel Deutschland Italien 1970 - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 17.06.2020
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Willi Schulz gegen Roberto Boninsegna: das spielentscheidende Duell.

Herr Schulz, Sie haben mal gesagt: „Große, herausragende Spiele vergisst ein Fußballer nie, mögen sie auch Jahrzehnte her sein.“ Wie oft denken Sie nach einem halben Jahrhundert noch an das WM-Halbfinale von 1970 gegen Italien?

Willi Schulz (81) Um ehrlich zu sein, eher selten. Die Verdrängung hat bei mir eigentlich ganz gut funktioniert. Aber leider kitzeln ja Leute wie Sie die Erinnerung in regelmäßigen Abständen wieder wach.

Es ging damals gar nicht gut los. Schon nach acht Minuten lagen Sie 0:1 hinten.

Ja, leider. Wir waren eigentlich ziemlich gut vorbereitet. Vor allem unsere „Italiener“ im Team, Helmut Haller, der damals für Juventus spielte, und Carlo Schnellinger vom AC Mailand, hatten uns viel über unsere Gegenspieler erzählt. Italien hatte die drei Spiele der Vorrunde mit einem Torverhältnis von 1:0 absolviert. Wir wussten: Gegen sie in Rückstand zu geraten, war im Prinzip tödlich. Doch ...

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... genau das passierte.

Torschütze war „ausgerechnet“ Ihr direkter Gegenspieler: Roberto Boninsegna.

Ein kreuzgefährlicher Mann. Und vor allem ein richtig guter Fußballer. Neben Pelé vielleicht der beste, gegen den ich in meiner Laufbahn gespielt habe.

Pelé, mit dem Sie dreimal die Klingen kreuzten, sagte über Sie: „Das Leben könnte so schön sein, wenn es diesen säbelbeinigen Schulz nicht gäbe.“ Ein vergleichbares Zitat von Boninsegna sucht man vergebens.

Das ist dann wohl so. Damit kann ich leben. Boninsegna fackelte nicht lange, nutzte jede Gelegenheit für einen Abschluss. Bei seinem Treffer wollte er eigentlich Doppelpass mit Luigi Riva spielen. Rivas Bewacher Berti Vogts ging dazwischen, legte Boninsegna dadurch den Ball aber unfreiwillig perfekt vor. Franz Beckenbauer und ich kamen beide zu spät. Ein trockener Linksschuss unten links ins Eck – und wir hatten den Schlamassel.

Die Italiener riegelten ab. Der berühmt-berüchtigte Catenaccio. Ein Fest für Taktikfans und Freunde des gepflegten Defensivfußballs. Ein Graus für alle anderen. Ihr damaliger DFB-Co-Trainer Jupp Derwall verpasste Ihnen den treffenden Spitznamen „Null-zu-Null-Willi“. Wie haben Sie das Spiel des Gegners wahrgenommen?

Mich hat es natürlich genervt. Aber auch begeistert. Im Nachhinein wird immer gesagt: Die Italiener hätten damals nur geholzt, theatralisch geschauspielert, Zeit geschunden und das Spiel zerstört. Das trifft es aber nicht. Das waren alles hervorragendeTechniker. Die plötzlichenTempowechsel, die schnellen Vorstöße von Facchetti oder Domenghini. Großartig! Meisterhaftes Umschaltspiel würde man heute dazu wohl sagen. Wir hatten hinten richtig zu tun, das können Sie mir glauben.

In den Anfangsminuten gehen Sie noch ein paar Mal mit über die Mittellinie. Später gar nicht mehr. Hat es Sie mit zunehmender Spieldauer, als Sie merkten, die Kugel will einfach nicht reingehen, nicht auch mal in den Füßen gejuckt, sich mit nach vorne einzuschalten?

Nein. Ich hatte ja eine ganz klare taktische Vorgabe. Und die hieß: Boninsegna decken. Ich hatte ja schmerzhaft zu spüren bekommen, was passiert, wenn man dem auch nur etwas Platz lässt. Da war ich also durchaus lernfähig. Berti turnte dafür ab und an vorne rum und dann natürlich später unser Libero Carlo Schnellinger.

Selbst nach dessen erlösendem Ausgleich in der Schlussminute der regulären Spielzeit blieb die gegnerische Hälfte für Sie Tabuzone. Sie sind auf keinem der vielen Jubel-Fotos zu sehen. Anders als ihr Torwart, der einen 100-Meter-Sprint hinlegte, um dem Torschützen zu gratulieren.

Sepp hatte ja noch Luft, der ist ja zuvor nur in seinem Strafraum rumspaziert. Ich hab bewusst darauf verzichtet und mir die Körner gespart. Ich wusste ja: Da kommt jetzt noch was auf uns zu.

In derTat. Da Sie sich so gut erinnern, müssen wir jetzt leider auch nochmal über die 111. Minute sprechen.

Ich hab’s befürchtet. Na gut, es nützt ja nix. Was wollen Sie hören? Ich sehe mich mit Boninsegna noch immer zur Torauslinie laufen. Er hatte den Ball, doch Gefahr bestand unmittelbar nicht.

Im Video kann man erkennen, dass Sie zum Tackling ansetzen wollen, dann aber kurz zögern. Gerd Müllers Motto war ja: „Wenn’s denkst, ist eh zu spät“ …

Stimmt. Vielleicht hätte ich das besser verinnerlichen sollen. Später in der Kabine hieß es denn auch, unter anderem vom Gerd: „Mensch, das ganze Spiel polierst Du dem die Knochen! Warum haste ihn nicht einfach umgehauen?“

INTERVIEW -Broder-Jürgen Trede

Was haben Sie denn gedacht? Warum kamen die berühmten Schulz‘schen Säbelbeine in diesem Moment nicht zum Einsatz?

Das lag an diesem Schiedsrichter. Yamasaki. Wo kam der nochmal her?

Er war ein in Lima geborener Peruaner mit japanischen Wurzeln. Bei den Weltmeisterschaften 1962 in Chile und 1966 in England hat er den peruanischen Fußballverband vertreten, danach ist er nach Mexiko ausgewandert und hat beim Turnier von 1970 unter der Flagge seiner neuen Wahlheimat gepfiffen.

Sehen Sie! Ein ziemliches Durcheinander … Und so hat der auch gepfiffen. Ich war mir sicher, er würde hier sofort Elfmeter geben. Außerdem dachte ich, ich hätte die Situation unter Kontrolle, aber Boninsegna hat mich überlistet. Er zog den Ball plötzlich im Winkel von 90 Grad in die Mitte. Dort stand Gianni Rivera ganz allein und schoss ihn insTor. 3:4, wir hatten endgültig verloren, Italien war im Endspiel.

War Ihnen das in diesem Moment klar? Immerhin waren da noch neun Minuten zu spielen. Und in dieser verrückten Verlängerung schien doch alles möglich …

Für mich war klar: Das war’s jetzt. Ich war fertig. Gerade hatten wir uns wieder rangekämpft, und dann dieser erneute Nackenschlag. Das war zu viel. Wir waren mit unseren Kräften und der Konzentration am Ende. Die Torflut in der Verlängerung resultierte aus der zunehmenden Müdigkeit aller Spieler. Wie ich in der Szene vor dem 3:4 haben wir alle die Situationen nur noch mit Verzögerung wahrgenommen. Fast wie in Zeitlupe.

Eine Torflut, die einen Defensivstrategen wie Sie natürlich mächtig geärgert hat, die Zuschauer im Stadion und an den Fernsehschirmen aber verzauberte.

Als Mitwirkender hat man kaum ein Gespür für die Qualität des Spiels. Man ist auf seine Aufgabe fixiert, nimmt die Zuschauermassen als schwarze Wand wahr. Dass wir trotz der Niederlage Großes geleistet hatten, sagten uns erst die begeisterten deutschen Fans, als wir mit hängenden Köpfen das Aztekenstadion verließen.

Es gibt eine Fotografie, die Sie und ihren Gegenspieler Roberto Boninsegna nach dem Schlusspfiff beim Trikottausch zeigt. Eines der beeindruckendsten Bilder rund um dieses Spiel: Sie tätscheln dem Italiener die Wange. Fast zärtlich. Dazu lächeln Sie freundlich und wirken sehr gelöst.

Am Ende waren wir alle leer. Und irgendwie auch froh, dass es vorbei war. Wir hatten vorher beinhart geknüppelt, uns mit allen erlaubten und manchmal auch unerlaubten Mittel beharkt. Boninsegna hat auch ganz gut ausgeteilt, müssen Sie wissen. Aber er konnte auch einstecken und hat – was man hinterher ja vielen seiner Mitspieler angekreidet hat – überhaupt kein Theater gemacht oder geschauspielert. Das hat mir imponiert. Wir hatten Respekt voreinander und haben uns sportlich verabschiedet.

Verspürten sie überhaupt keinen Groll? Einige ihrer Mitspieler haben sich nach dem Abpfiff noch mal hochgefahren und wollten der Schiedsrichter-Kabine einen Besuch abstatten.

Ach was. Sicherlich, auch ich war tief enttäuscht. Und natürlich, die Leistung des Schiedsrichters war – vorsichtig gesagt – nicht ganz so gut. Aber so ist der Sport, das gehört doch auch zum Spiel. Damit muss man fertig werden und versuchen, das Beste draus zu machen. Und ich denke, das haben wir gemacht. Vielleicht lag es auch daran, dass ich schon ein bisschen Erfahrung mit solch bitteren Niederlagen hatte.

Sie meinen das Finale vonWembley, 1966. Auch da waren Sie ganz dicht dran. Sie persönlich in der spielentscheidenden Szene, dem berühmten 2:3, am dichtesten von allen. Sie hätten den Schuss von Geoff Hurst fast geblockt, kamen nur Sekundenbruchteile zu spät.

Schön, dass Sie mich auch daran nochmal erinnern müssen! Auch in Wembley hatten wir ja bekanntlich ein bisschen Pech mit dem Unparteiischen. Helmut Schön sagte hinterher in der Kabine: „Jungens, seid stolz! Ein guter Zweiter ist besser als ein schlechter Erster.“ Und wissen Sie was? Der Trainer hatte absolut Recht. Wir haben Haltung bewiesen und dadurch vielleicht sogar noch mehr Sympathien erworben, als wenn wir den Titel geholt hätten. Wir waren ein großer Verlierer. Hadern? Solche Gedanken hatte ich nie. Das passt nicht zu mir. Bringt auch nix!

Und in Mexiko?

Da war es im Prinzip ganz ähnlich. „Gewinnen wollen, verlieren können“, hat mein Kapitän und Freund Uwe Seeler immer so schön gesagt. Abgesehen davon: Nach den beiden kräftezehrenden Verlängerungen gegen England und Italien wären unsere Chancen im Endspiel gegen die Brasilianer wohl eher gering gewesen. Diese Mannschaft mit den vielen Weltklasseleuten wie Carlos Alberto, Clodoaldo, Gérson, Tostão, Jairzinho, Rivelinho und natürlich Pelé war die beste, die ich je bei einer WM gesehen habe. So sind wir in Mexiko eben ein sehr guter Dritter geworden. Fertig!

Noch nicht ganz! Eine Sache war da noch: Im Spiel um Platz 3 gegen Uruguay waren Sie nur Zuschauer. Es hieß, Sie hätten ihre Fußballschuhe mit Absicht im Mannschaftsquartier vergessen. Ersatz in ihrer Größe war auf die Schnelle nicht aufzutreiben. Helmut Schön soll darüber nicht sehr amüsiert gewesen sein.

Ja, ja. Noch so eine alte Geschichte. Von der gibt es so einige Versionen. Sagen wir mal so: Absicht war es nicht. Ich schlug mich aber während des Turniers ständig mit einer Verletzung herum. Als ich zurück nach Hamburg kam, musste ich mich erst einmal am Meniskus operieren lassen. Und ob ich nun ein Länderspiel mehr auf dem Konto gehabt hätte oder nicht, wo ist da der Unterschied? Max Lorenz kam so auch noch zu seinem WM-Debüt. Er hatte es verdient.

Das „Jahrhundertspiel“ war somit Ihr 66. und letztes Länderspiel für Deutschland. Fiel der Abschied schwer? Überhaupt nicht. Nicht vielen ist es vergönnt, mit so einem Spiel abzutreten. Für mich war es der ideale Zeitpunkt. Ich stand vor meinem 35. Geburtstag. Und wenn ich morgens nach einem Spiel aufstand, knackten die Knochen so laut, dass ich dachte, da läuft einer neben mir her. Ein untrügliches Zeichen für den Abschied.

MIXEDZONE: DIE O-TÖNE NACH DEM SPIEL

„Welch ein Triumph. Nach einer Zwei-Stunden-Schlacht gegen die Deutschen, die als unschlagbar galten, ist Italien im Finale. Wir brachten die Deutschen zum Leiden, mehr als das die Briten getan haben."

La Stampa (Italien)

„Eigentlich darf es nach solch einer Schlacht keinen Sieger geben.“

Bernd Patzke

„Wie sehr mich das alles mitgenommen hat, sieht man daran, dass ich in der Verlängerung immer zur Leuchttafel blicken musste. Ich konnte mir nie merken, wie es gestanden hat.“

Hannes Löhr

„Das Spiel war eines Endspiels würdig. Ich habe unendlich viel erlebt im Fußball, aber diese Partie war an Spannung nicht zu steigern. Den Italienern gratuliere ich.“

Helmut Schön

„Der Beifall prasselte auf 22 Spieler nieder wie ein Regenguss. Wir dürfen unserer Mannschaft gratulieren, denn sie hat nicht verloren, auch wenn es das Ergebnis so will.“

Bild

„Die Welt sah Fußball in einer neuen Dimension.“

Hamburger Abendblatt

„Wembley war schon gut. Aber das war das Größte, was ich bisher erlebte.“

Franz Beckenbauer

„In drei Worten: Der helle Wahnsinn!“

Walter Lutz, Sport Zürich (Schweiz)

„Wie ist es möglich, dass Menschen derartige Energien haben, um in dieser Art und Weise ein so langes Spiel durchzuhalten?"

Les Sports (Belgien)

„Ich bin zu alt für solche Aufregungen. Der Sieg ist umso wertvoller, weil er gegen eine ungeheure Mannschaft errungen wurde.“

Ferruccio Valcareggi

„Wie die Zuschauer uns nach dem Spiel vom Straßenrand aus gefeiert haben. Ich habe geheult und nicht mehr aus dem Busfenster geguckt.“

Berti Vogts

„Das war das Spiel des Jahrhunderts.“

Sepp Maier

„Wer es gesehen hat, wird es nie vergessen. Im Kampf zweier absolut gleichwertiger Mannschaften hatten die Italiener zu ihrem Computer-Fußball ebenso ihr heißes Herz entdeckt."

Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Uwe Seeler und ich haben uns mit Haken und Ösen bekämpft. Wenn das ein alter Mann ist, dann bin ich ein Kind.“

Mario Bertini

„Wer diese Deutschen geschlagen hat, kann auch die Brasilianer besiegen.“

Giancarlo Facchetti

„Man wusste nie, wer gewinnt. Alles ging Schlag auf Schlag. Wir hatten sie so schön im Sack. Wir vergaßen nur, den Sack zuzubinden.“

Uwe Seeler

„Keine Unterhaltung kann so viel bieten. Kein Thriller kann stärkere Effekte haben. Keine Tapferkeit kann besser geschildert werden.“

Expressen (Schweden)

„Ein Tor wäre die Krönung meiner Laufbahn gewesen.“

Reinhard Libuda

„Was mit unserer Abwehr nur los war? Ich verstehe es nicht.“

Gerd Müller

„Ich bin mit meinen Nerven völlig am Ende. Die größte Überraschung war nicht die deutsche Mannschaft, sondern das gegen uns eingestellte Publikum.“

Luigi Riva

„Bei meinem Fehler, der zum 2:2 führte, hätte ich mich am liebsten vergraben.“

Sigfried Held

„Ich bin stolz, dass ich dieses Spiel erleben durfte.“

Wolfgang Overath

„Erwachsene Männer, Millionäre, Superstars sitzen in der Kabine und schluchzen hemmungslos wie kleine Kinder.“

Jürgen Grabowski

„Das beste Spiel, das ich je gepfiffen habe. Ich sah keinen Elfmeter.“

Arturo Yamasaki

„Das Spiel kann vom Finale nicht übertroffen werden."

Evening News (England)