Lesezeit ca. 7 Min.

WILLKOMMEN BEI DEN PRIVATEN


Logo von schule
schule - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 17.06.2022
Artikelbild für den Artikel "WILLKOMMEN BEI DEN PRIVATEN" aus der Ausgabe 3/2022 von schule. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: schule, Ausgabe 3/2022

WELCHE ARTEN VON PRIVATSCHULEN GIBT ES?

Seit dem Jahr 2000 ist die Zahl der Privatschulen in Deutschland um fast die Hälfte gestiegen. Heute gibt es 5 839 Schulen in freier Trägerschaft. Rund zwei Drittel davon sind konfessionelle Schulen, werden also beispielsweise von der katholischen oder evangelischen Kirche geführt. Die meisten dieser Privatschulen nehmen zwar auch SchülerInnen anderer Konfessionen auf, der Religionsunterricht ist aber für alle obligatorisch, religiöse Bräuche und Gebete sind in den Schulalltag integriert.

Die zweite große Gruppe der Privatschulen verfolgt einen reformpädagogischen Ansatz. Dazu gehören zum Beispiel die Waldorf-, Montessori- und Jenaplanschulen, außerdem die freien Alternativschulen. In diesen Einrichtungen werden die Selbstständigkeit und Entfaltung der SchülerInnen gefördert, während gleichzeitig versucht wird, den Kindern zumindest teilweise den ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von schule. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 3/2022 von LIEBE LESERINNEN UND LESER,. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LIEBE LESERINNEN UND LESER,
Titelbild der Ausgabe 3/2022 von Initiative PRO BILDUNG. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Initiative PRO BILDUNG
Titelbild der Ausgabe 3/2022 von MAGAZIN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MAGAZIN
Titelbild der Ausgabe 3/2022 von WIE SPRECHE ICH MIT MEINEM KIND ÜBER DEN KRIEG?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
WIE SPRECHE ICH MIT MEINEM KIND ÜBER DEN KRIEG?
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
4 TIPPS FÜR DIE RICHTIGE KONZENTR ATION BEIM LERNEN
Vorheriger Artikel
4 TIPPS FÜR DIE RICHTIGE KONZENTR ATION BEIM LERNEN
Puber tät im Anmarsch – das Lernen wird kompliziert
Nächster Artikel
Puber tät im Anmarsch – das Lernen wird kompliziert
Mehr Lesetipps

... Leistungsdruck zu nehmen. Schließlich gibt es noch die bilingualen Schulen, die auf Englisch, Französisch, Spanisch oder Italienisch als zweite Unterrichtssprache setzen. An internationalen Schulen etwa wird komplett auf Englisch unterrichtet und meist auch ein internationaler Abschluss erworben.

SIND PRIVATSCHULEN EIGENTLICH NUR ETWAS FÜR REICHE ELTERN?

Das dürfen sie nicht sein. Das Grundgesetz ist in diesem Punkt sehr eindeutig: Zwar können Schulen in freier Trägerschaft ihre SchülerInnen frei wählen, aber das Gesetz gibt vor, dass „eine Sondierung der SchülerInnen nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird“. Das Schulgeld muss deswegen sozial verträglich sein, die meisten Schulen bieten auch Stipendien und Geschwisterermäßigungen an. Allgemeinbildende Ersatzschulen bekommen vom jeweiligen Bundesland Zuschüsse, je nach Region und Schule sind das zwischen 50 und 80 Prozent der Kosten je SchülerIn. Die Privatschulen selbst kritisieren den staatlichen Finanzausgleich als in den meisten Fällen zu niedrig. Einige Bildungsforscher hingegen weisen darauf hin, dass viele Schulen die Vorgaben der Bundesländer zu sozial verträglichen Schulgeldern missachten.

Jedenfalls sind die deutschen Privatschulen in den vergangenen Jahrzehnten elitärer geworden: Einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge findet man dort immer mehr Kinder von AkademikerInnen und VielverdienerInnen. Mitte der 90er-Jahre schickten etwa fünf Prozent aller Haushalte ihre Kinder auf eine Privatschule, unabhängig davon, ob die Eltern studiert hatten. Laut DIW sind diese Werte für NichtakademikerInnen seitdem kaum gestiegen. Von den AkademikerInnenkindern indes gingen 2015 in den westlichen Bundesländern 17 Prozent und im Osten sogar 23 Prozent auf eine Privatschule.

Der Verband Deutscher Privatschulverbände e. V. (VDP) hingegen hat aus denselben Daten errechnet, dass die SchülerInnenschaft an freien Schulen hinsichtlich des Einkommens der Eltern praktisch genauso heterogen sei wie an staatlichen Schulen.

WAS KOSTET DER BESUCH EINER PRIVATSCHULE?

Das Schulgeld kann sehr unterschiedlich ausfallen: Während einige, vor allem konfessionelle Schulen gar kein oder nur wenig Geld nehmen, verlangen andere Einrichtungen monatlich einen vierstelligen Betrag. Die bereits erwähnten Stipendien und Rabatte verkomplizieren das System zusätzlich; manche Bundesländer zahlen bedürftigen Eltern auch Zuschüsse auf das Schulgeld. Durchschnittlich muss man für einen Platz an einer deutschen Privatschule zwischen 150 und 220 Euro monatlich zahlen. Genehmigte Ergänzungsschulen, die alternative Bildungsgänge und Abschlüsse anbieten, erhalten anders als Ersatzschulen gar keine Zuschüsse vom Staat. Dort ist das Schulgeld daher in der Regel höher.

SIND DIE LEHRER:INNEN AN PRIVATSCHULEN BESSER?

Was ihr Personal betrifft, sind die Privatschulen in Deutschland in einer besonderen Situation, denn der Staat hat hier das Monopol für die LehrerInnenausbildung. Zwar steht es jeder ausgebildeten Lehrkraft frei, an eine private Schule zu gehen – die Bundesländer sichern sich für ihre öffentlichen Schulen aber meist die Jahrgangsbesten, indem sie mit der Verbeamtung winken.

„Das ist in England ganz anders“, erklärt der Internatsleiter der Klosterschule Roßleben, David Lucius-Clarke. „Dort bekommen LehrerInnen an Internaten mehr Geld und mehr Urlaub als an staatlichen Schulen. Entsprechend kommen dort die Besten gleich zu uns.“ Das bedeutet aber nicht, dass die Lehrkräfte an deutschen Privatschulen schlechter wären. Viele entscheiden sich bewusst für diesen Berufsweg, weil an solchen Schulen oft die Klassen kleiner, die Entscheidungswege kürzer und die Ausstattung besser sind. Außerdem bieten die pädagogischen Profile privater Schulen meist viel Raum für die Verwirklichung eigener Ideen.

5 839 SCHULEN IN PRIVATER TRÄGERSCHAFT GIBT ES IN DEUTSCHLAND. DAS SIND GUT 50 PROZENT MEHR ALS IM JAHR 2000

Um den Nachteil auszugleichen, dass ihnen viele begabte Lehrkräfte von den Unis entgehen, investieren Privatschulen zudem vergleichsweise viel in die Auswahl und Fortbildung ihres Kollegiums, schließlich hängt das Image der Schule direkt mit der Qualität des Unterrichts zusammen. Diese Förderung und Anerkennung ihrer Tätigkeit macht Privatschulen für viele Lehrkräfte zu einem attraktiven Arbeitgeber, obwohl sie dort auch gewisse Nachteile hinnehmen müssen: Sie verdienen im Schnitt zehn bis 20 Prozent weniger als im öffentlichen Dienst und werden eben nicht verbeamtet.

IST DER UNTERRICHT SCHWERER ODER LEICHTER?

Weder noch. Zwar zeigte sich bei den PISA-Testreihen, dass SchülerInnen, die Privatschulen besuchen, tendenziell bessere Ergebnisse erzielten. „Allerdings“, so fasste es die OECD 2011 zusammen, „sind die Ergebnisse von Schülerinnen und Schülern öffentlicher Schulen, deren sozioökonomischer Kontext mit dem privater Schulen vergleichbar ist, in der Regel ebenso gut.“ Den größten Einfluss auf den schulischen Erfolg hat die Herkunft, also das Elternhaus.

Und auch Privatschulen müssen sich an Prüfungsvorschriften halten. Eltern können also nicht automatisch einen guten Notenschnitt erwarten, nur weil sie für die Ausbildung ihrer Kinder bezahlen. Trotzdem hört man immer wieder Geschichten von SchülerInnen, die an staatlichen Schulen zu den Sorgenkindern gehörten und an Privatschulen plötzlich zu Einserkandidaten wurden. Eine mögliche Erklärung dafür könnte sehr einfach sein: Manche Kinder brauchen einfach eine intensivere Betreuung, um ihr Potenzial zu entfalten.

300 BIS MEHRERE TAUSEND EURO MONATLICH KANN EIN PLATZ IN EINEM INTERNAT KOSTEN

WIE FINDEN ELTERN DIE RICHTIGE SCHULE FÜR IHR KIND?

Nicht nur das pädagogische Konzept sollte überzeugen, der persönliche Eindruck ist mindestens genauso wichtig. Ob die Atmosphäre und das Selbstverständnis der Schule den eigenen Erwartungen entsprechen, lässt sich nur vor Ort, in Gesprächen mit SchülerInnen, LehrerInnen, anderen Eltern und bestenfalls auch der Schulleitung herausfinden. Viele Privatschulen laden regelmäßig zu Informationstagen ein, zu denen unbedingt auch die SchülerInnen mitkommen sollten. Kinder haben oft ein gutes Bauchgefühl dafür, ob sie sich an einem Ort wohlfühlen werden.

Außerdem wichtig: Eltern sollten ganz genau kalkulieren, ob sie sich das Schulgeld wirklich langfristig leisten können. Zum einen, weil sie einen Vertrag mit der Schule abschließen und sich an normale Kündigungsfristen halten müssen, vor allem aber, um einen Schulwechsel aus finanziellen Gründen zu vermeiden. Das gilt umso mehr bei Ergänzungsschulen, die nicht nach den offiziellen Bildungsplänen unterrichten. Von ihnen kann ein Wechsel ins staatliche Schulsystem sehr kompliziert werden (siehe nächste Seite).

WAS ERWARTEN PRIVATSCHULEN VON DEN ELTERN?

Wer überlegt, sein Kind auf eine freie Schule zu schicken, sollte sich darüber im Klaren sein, dass von den Eltern meist besonderes Engagement erwartet wird. Kleinere Handwerker- und Hausmeistertätigkeiten, Begleitung bei Ausflügen – die Liste möglicher Elternaufgaben ist lang. Insbesondere in alternativpädagogischen Einrichtungen wie Montessori- und Waldorfschulen sind solche Dienste selbstverständlich.

Die meisten Privatschulen setzen aus Prinzip und aus Pragmatismus auf die Mithilfe der Eltern: So kann Geld gespart und die Beziehung zwischen Eltern und Schule gefördert werden. Der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann glaubt, dass auf diese Weise sogar das Leistungsniveau gesteigert wird: „Die Eltern sind im System, lernen die LehrerInnen intensiver kennen.“ Davon profitierten dann letztlich die Kinder.

KANN MEIN KIND ZURÜCK AUF EINE STAATLICHE SCHULE WECHSELN?

Grundsätzlich ja, alle SchülerInnen haben das Recht, ins öffentliche Schulsystem aufgenommen zu werden. Zum Problem wird ein solcher Wechsel jedoch, wenn die Privatschule nicht staatlich anerkannt, sondern nur genehmigt ist. Genehmigte Ersatzschulen, zum Beispiel viele International Schools, sind nicht an die offiziellen Bildungspläne gebunden und vergeben keine staatlichen Abschlüsse wie die Mittlere Reife oder das Abitur. Ihre Zeugnisse sind bei einem Schulwechsel nicht verbindlich, die öffentlichen Schulen entscheiden durch eine Aufnahmeprüfung selbst, in welche Klasse der/die SchülerIn eingestuft wird.

FÜR WELCHE KINDER EIGNEN SICH INTERNATE?

Manchmal ist es eine besondere Begabung, z. B. musikalisch oder sportlich, die Kinder auf ein Internat führt, oder die Eltern sind beruflich sehr eingespannt. Auch manches Lern- oder Verhaltensproblem bessert sich in der Ferne. Die rund 600 Internate in Deutschland haben unterschiedliche Konzepte, in einem Punkt ähneln sie sich aber: Die intensive Betreuung ist teuer. Staatliche Einrichtungen verlangen etwa 300, konfessionelle schon 500 und manche Eliteschmieden mehrere Tausend Euro im Monat. Internate im Ausland versprechen Fremdsprachenkenntnisse, sind aber meist noch teurer.

Viele SchülerInnen schätzen das Gemeinschaftsgefühl eines Internats, Alumni/ae bleiben ihrer Schule oft ihr Leben lang verbunden. Aber nicht jede/r verkraftet die Trennung von der Familie: Je nach Konzept kehren die SchülerInnen entweder am Wochenende oder erst in den Ferien wieder nach Hause zurück.

BeraterInnen helfen bei der Auswahl geeigneter Internate, in jedem Fall sollten sich Eltern gemeinsam mit ihrem Kind das Internat vor Ort ansehen. Und ganz wichtig: In keinem Fall sollte ein Kind gegen seinen Willen auf ein Internat geschickt werden.

LIEBER EIN INTERNAT IN ENGLAND WÄHLEN?

Unser Bild vom Alltag im Internat ist je nach Generation von „Hanni und Nanni“ oder von „Harry Potter“ geprägt. Tatsächlich haben diese Bücher realistische Bezüge – allerdings zu englischen Internaten, wie David Lucius-Clarke, Internatsleiter der Klosterschule Roßleben, erklärt, der mehr als 30 Jahre in britischen Internaten gearbeitet hat:

Sie haben 30 Jahre Erfahrung in beiden Ländern: Welche Internate sind besser – englische oder deutsche?

Das ist eine schwierige Frage. Auf den ersten Blick glänzt in England alles wie Gold: Die Schuluniformen, die reichhaltigen Freizeitangebote, die attraktiven Gelände. Aber ich denke, dass das Akademische in Deutschland etwas gründlicher ist – eine sehr gute Vorbereitung, wenn man in Deutschland studieren möchte.

Wer eher international ausgerichtet ist, für den lohnt sich wiederum das englische System mit dem International Baccalaureate (IB), also dem international anerkannten Schulabschluss. Was in deutschen Internaten auf jeden Fall besser ist, ist der Betreuungsschlüssel.

Inwiefern?

Britische Internate sind im Schnitt größer als deutsche. Und sie sind tatsächlich so aufgebaut wie bei „Harry Potter“: Es gibt mehrere Häuser für jeweils etwa 60 SchülerInnen, von denen jedes seine eigene Tradition und Identität hat. Jedes Haus hat nur einen Housemaster und Assistant, die sich um die Kinder kümmern.

Hier in Roßleben teilen sich zehn bis 15 SchülerInnen einen Betreuer, das ist viel intensiver.

23 % DER AKADEMIKER:INNENKINDER IN DEN ÖSTLICHEN BUNDESLÄNDERN BESUCHEN EINE PRIVATSCHULE

Trotzdem wirken englische Internate oft wesentlich strenger als deutsche.

Nach außen, ja. Auf dem Papier ist in England alles verboten. Aber ich könnte Ihnen Anekdoten erzählen … Sagen wir so: Es ist wie beim Militär, sobald die SchülerInnen freihaben, herrscht Chaos. In Deutschland gibt es mehr Freiheit, aber dafür lernen die Kinder nach und nach, damit umzugehen. Deshalb gehen die SchülerInnen hier wohl mit ihrer Freiheit gesitteter um.

Gibt es auch Gemeinsamkeiten?

Ja, viele. Vor allem die Gemeinschaft – die ist in beiden Ländern das Wichtigste. Wenn man einmal eine solche Schule besucht hat, ist man verbunden. Diese Kontakte begleiten einen ein Leben lang. Und sie können sehr hilfreich sein.

TEXT: MATHIAS BRÜGGEMEIER, CHRISTIAN PERSONN