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Willkommen im Grünen!


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plus Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 01.06.2022
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Im Gewächshaus wachsen Tomaten, draußen Bohnen und Beeren

13 500

Kleingartenvereine und rund 5 Millionen Nutzer von Schrebergärten gibt es in Deutschland

Bloß nicht zu offensichtlich über den Zaun des Nachbarn schauen, sonst denkt er noch, man sei neidisch auf seine Zucchini! Aber irgendwas stimmt nicht mit Garten Nummer 62 in der dritten Gasse. Die Gurken dicht gedrängt, die Salatköpfe ohne jeden Schneckenbefall und die Zucchini so groß, dass si pro Stück mit einem Kilo Hack gefüllt werden können. Der Garten gehört dem ehemaligen Berufsschullehrer Karl und alle fragen sich, was er wohl anders macht, zumal er in der Schule Deutsch und Religion unterrichtet hat, also nicht mal Biologie. „Vielleicht liegt es an Religion“, meint Uschi Schranz und zupft aus ihrem eigenen Garten in der ersten Gasse Löwenzahn aus dem Rasen. „Es liegt am Dünger“, sagt ihr Mann Paul und schenkt sich aus der Thermoskanne noch eine Tasse Kaffee nach, „denn keine Gurke reagiert auf ...

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... ein Stoßgebet.“ Wobei chemische Dünger in den Schrebergärten der Kleingartenfreunde Friedberg bei Augsburg ausdrücklich unerwünscht sind und auch noch niemand den pensionierten Lehrer dabei beobachtet hat, dass er so etwas einsetzt. Wie auch immer, das Gemüse-Mysterium von Garten 62 ist wieder mal das Tagesgespräch in Gasse 1 und sicher schon bald auch in Gasse 2, 3 und 4.

Das kostet ein Schrebergarten

Kleingärten werden nicht verkauft oder vermietet, sondern verpachtet

Deshalb sind sie auch sehr günstig. Im Schnitt beträgt die Pacht etwa 18 Cent pro Quadratmeter im Jahr. Für einen großen Garten sind das höchstens 72 Euro. Hinzu kommen Vereinsbeitrag, Wasser- und Müllgebühren. Insgesamt jährlich zwischen 200 und 400 Euro.

Rund 75 Kleingärtner haben in dieser Kolonie vor 40 Jahren angefangen, kleine Hütten zu bauen und die 220 Quadratmeter großen Parzellen zu bepflanzen. Dazu zählen auch Uschi und Paul, die seither jede freie Minute in ihrem grünen Refugium verbringen, in dem ein Gewächshaus steht und wo die Beete mit Brettern abgetrennt sind.

Rückzugsort im Grünen

Am Vormittag wird gearbeitet, also der Rasen gemäht, die Stauden gepflegt und im besten Fall etwas geerntet. Am Nachmittag entspannen die beiden, lesen, trinken Kaffee oder diskutieren vielleicht über das Fernsehprogramm. „Wir hatten damals viel Glück“, sagt die 72-jährige Uschi, „weil wir uns bereit erklärt haben, 5.000 Mark für eine Hütte zu bezahlen. Das war anderen zu teuer.“ In ihrer Wohnung in der Stadt haben die beiden keinen Balkon. Deshalb hatten sie sich schon immer gewünscht, nach der Arbeit selbst ein bisschen zu gärtnern. Und natürlich einen Ort zu haben, an dem man in der Sonne liegen kann.

„Ich nehme noch ein Stück Erdbeerkuchen“, ruft der 75-jährige Paul in Richtung Hütte, wo Uschi den Salat fürs Abendessen putzt. Ihr Bruder Kurt hat sich angekündigt und den Nachbarn wird sie spontan einladen. „Ein fescher junger Mann, der hier neu ist und seit 14 Tagen den Garten umgräbt“, flüstert sie. „Angeblich steht in seiner Hütte eine Bierzapfanlage.“ Aber das gehe sie nichts an, solange er keine Schnecken zu ihr rüberwerfe. Den Vorgänger, der den Garten aus gesundheitlichen Gründen im vergangenen Jahr aufgeben musste, hatte sie nämlich wegen biologischer Sabotage-Akte im Verdacht. „Ich sag’s Ihnen, hätte ich eine einzige Schnecke in der Luft gesehen – er hätte was erleben können!“

„Von wegen spießig! Die Vereine verjüngen sich ständig und es gibt jede Menge neue Ideen

Thomas Kleinworth, Fachberater im Bundesverband der Gartenfreunde

4 Pflichten von Kleingärtnern

Wer diese Regeln nicht beachtet, kann seine grüne Oase verlieren:

Mitarbeit im Verein: Pflege des Vereinshauses, Instandhaltung der Toiletten, der Wege und Zäune.

Pflanzen: Auf einem Drittel der Gartenfläche muss Gemüse für den eigenen Bedarf angepflanzt werden.

Laube: Wohnen im Gartenhaus ist verboten. Ebenso die Zucht von Tieren (Tauben, Hasen).

Grillen: Mobile Grills sind kein Problem. Wer einen Ofen mauern will, muss dies absprechen.

400

Quadratmeter ist die maximale Größe für einen Schrebergarten in Deutschland

„Hast du noch Sahne für den Erdbeerkuchen?“, ruft Paul. Auch drei Parzellen weiter geht’s ums Essen: „Wo ist die Kohle für den Grill?“, hört man aus dem Garten, wo eine bayerische Fahne über den Apfelbäumen weht und neuerdings die der Ukraine direkt darunter. Derweil fliegen ein paar Schmetterlinge von Sommerflieder zu Sommerflieder, Vögel zwitschern, ein Rasenmäher rattert und die Gartenzwerge grinsen hinter ihrem Rauschebart. Gartenzwerge? „Wir haben einen“, schmunzelt Paul, „aber ganz versteckt.“ Den hat er von Freunden bekommen, die der Ansicht waren, dass ein Kleingarten ohne Gartenzwerg nicht komplett sei.

Für schlechte Zeiten

Tatsächlich haftet den akkurat angelegten Laubensiedlungen bis heute nicht selten der Ruf eines Kleinbürger-Eldorados an, in dem ärmellose Unterhemden eine Art Uniform sind. „Wer an dieses Klischee glaubt, war seit Jahren in keiner Kleingartenkolonie“, sagt Thomas Kleinworth, Fachberater im Bundesverband der Gartenfreunde. „Die Vereine verjüngen sich ständig und es gibt jede Menge frische Ideen.“

Dabei sind die Vorgaben aus den Pachtverträgen heute wieder viel wichtiger als noch vor 10 oder 20 Jahren. Etwa jene, dass auf 30 Prozent der Fläche Obst und Gemüse angepflanzt werden muss. Eine Regel, die in schlechten Zeiten die Versorgung der Bevölkerung sicherstellen sollte, aber angesichts militärischer Krisen und steigender Lebensmittelpreise wieder aktuell ist. „Die neuen Pächter sehen es als Chance, in einer digitalisierten Welt die eigenen Produkte zu verwerten“, so erklärt Kleinworth den Trend.

Der 28-jährige Simon Kalo hat genau deshalb den Garten neben Uschi und Paul gepachtet.

Nach fünf Jahren Wartezeit möchte er für seine Familie zum Selbstversorger werden. „Unsere Tochter ist ein Jahr alt“, sagt der Ingenieur, „und soll gesundes, biologisches Gemüse bekommen.“ Die Tipps, wann was wo gesät werden muss, hat er sich im Internet auf YouTube-Videos angeschaut. „Aber die besten Ratschläge kommen von so erfahrenen Nachbarn wie Uschi und Paul“, gibt er zu. Beispielsweise der Hinweis, nicht mit Spargel oder Blumenkohl anzufangen, sondern mit Kartoffeln und Radieschen. „Auch Beerensträucher und Kräuter sind genügsam“, erläutert Paul, „die verzeihen Fehler.“

„Gemeinsames Gärtnern erdet diejenigen, die – aus welchen Gründen auch immer – aus der Heimat geflüchtet sind

Spürbarer Klimawandel

Wobei sich das alles rasch ändern kann, denn die Schrebergarten-Pächter der Zukunft müssen aufgrund der Erderwärmung umdenken. Fachberater Thomas Kleinworth: „Ich bin mir sicher, dass schon in einigen Jahren klassische Obst- und Gemüsesorten wegfallen, weil diese nicht mit dem neuen Klima zurechtkommen. Sie finden keinen Kleingärtner, der die Erwärmung leugnet. Die bekommen das unmittelbar zu spüren.“

Also Feigen statt Boskoop-Äpfel und Datteln anstatt Kirschen? Neu-Kleingärtner Simon Kalo kann sich das durchaus vorstellen, aber zunächst ist ihm ein anderes Projekt wichtiger: ein plastikfreier Garten.

Uschi und Paul stehen an ihrer Gartentür, rechts und links die Thuja-Hecke, sie schauen zu ihrem Nachbarn rüber und fragen sich, wie das gehen soll.

Also Tomaten ohne Folie, Bohnen ohne Schutznetz und Müll ohne Beutel. Wobei: „Tüten, Beschilderungen, Besen und Gartenmöbel müssen wirklich nicht aus Plastik sein“, findet Paul. „Und Torf kommt bei mir seit Jahren nicht in den Garten.“

Endlich mein eigener Garten!

Die Wartelisten sind lang und Geduld ist gefragt

Wer einen Schrebergarten pachten möchte, muss sich bei den örtlichen Vereinen anmelden und Fördermitglied werden. Bis eine Parzelle frei wird, kann es drei Jahre dauern oder sogar länger. Wer dann eine eigene Laube bauen will, muss dafür 5.000 bis 10.000 Euro investieren.

Grillen mit den Nachbarn

Überhaupt müsse nicht mehr alles so penibel geschnitten und so sauber sein wie früher, denn Totholz, Wasserstellen, Nisthilfen und Trockenbiotope seien ein Paradies für Insekten. „Und bares Geld für den Imker von Gasse vier“, sagt Uschi, „denn seine Bienen werden an unseren Blüten satt. Der könnte uns mal ein Glas Honig schenken.“

„Ich möchte, dass meine kleine Tochter gesundes, biologisches Gemüse isst

Simon Kalo (28), Ingenieur und Kleingärtner

Erst mal ist es jedoch höchste Zeit, den Grill anzuheizen, den Tisch zu decken und den Sonnenschirm so auszurichten, dass Bier, Wein und Wasser im Schatten stehen. In der Hütte ruft der Kuckuck aus der Schwarzwälder Uhr fünf Mal und von der CD erklingt Heinos Lied „So ’n kleiner Garten vor der Stadt“. Uschi und Paul haben sich in ihrer Holzhütte eine kleine Küche eingerichtet, einen Esstisch mit Eckbank für Regentage und ein Schlafsofa. Eigentlich ist das Übernachten ja im Schrebergarten nicht erlaubt, aber manchmal, wenn es spät wird, bleiben sie einfach hier. „Aber nur manchmal“, versichert Paul, „denn wir haben ja nur eine Kaltwasserdusche und eine Gemeinschaftstoilette.“

Wie die Hütten in einer Kleingartenanlage ausgestattet sein dürfen, legen die jeweiligen Satzungen fest, wobei es sogar den Trend gibt, ganz ohne Gartenhaus zu gärtnern. Viele Vereine bieten zum Beispiel Schnuppergärten für eine Saison an oder vermieten Hochbeete, um den Anwohnern die Möglichkeit zu bieten, Gemüse anzubauen.

Gärtnern hält gesund

Zumal das Gärtnern tatsächlich glücklich macht, wie eine Studie der Hochschule Geisenheim belegt. Menschen mit Garten sind demnach zufriedener als andere. Die Farbenvielfalt der Blumen entspannt, die Arbeit mit Erde, Pflanzen und Harke setzt Glückshormone frei, senkt den Blutdruck und stärkt das Herz.

Die Münchner Soziologin Dr. Christa Müller forscht aktuell zum Thema Gärtnern in der Stadt. In Gemeinschaftsgärten sieht sie besonders für Flüchtlinge eine Chance. „Gemeinsames Arbeiten im Garten erdet Weitere Fotos: privat (2)

Wohnung in der Stadt die Menschen, die aus welchen Gründen auch immer vertrieben wurden“, sagt sie. „Es hilft ihnen, an etwas anderes zu denken und Erfolgserlebnisse zu haben.“

In vielen neuen Anlagen, die wegen der langen Wartelisten von Kleingarten-Bewerbern in den Städten gerade entstehen, würden deshalb interkulturelle Gärten mit exotischen Pflanzen integriert. Auch, um die gärtnerischen Erfahrungen von Menschen aus dem Ausland zu bewahren. In den Internationalen Gärten in Göttingen wachsen etwa neben alten Kultursorten auch koreanische Kürbisse.

Kürbisse kommen bei Uschi und Paul allerdings nicht in den Garten, denn der pensionierte Lehrer aus Nummer 62 würde wahrscheinlich alles daransetzen, um beim stillschweigenden nicht so gern, dafür Tomaten umso lieber. Die gibt es heute zum Salat mit Gurke, griechischem Schafskäse und Oliven. Nachbar Simon grillt dazu Lamm-Koteletts und Würstchen.

Und wundersam angezogen vom Holzkohle-Duft kommen noch ein paar Nachbarn vorbei.

Blick in fremde Gärten

„Habt ihr schon gehört, dass der Lehrer seinen Dill neben den Gurken pflanzt?“, erzählt die 63-jährige Ulli. „Neben Dill sollen sie besonders gut wachsen.“

Das könnte eine Erklärung sein, sind sich alle einig und finden, dass der versierte Gärtner ein guter Kandidat ist, wenn demnächst der neue Vereinsvorstand gewählt wird. Vor allem deshalb, weil er eine wichtige Eigenschaft mitbringt: „Er schaut nicht ständig in andere Gärten, um sie zu beurteilen“, lobt Uschi. Für Kleingärtner eine wichtige Voraussetzung für ein friedliches Miteinander. Und mindestens so wichtig wie die Frage, warum auf demselben Boden die Zucchini dort so viel besser wachsen als hier.

24 Größenwettbewerb abermals Quadratmeter darf eine als Sieger hervorzugehen. Schrebergarten-Hütte groß sein – inklusive überdachter Terrasse Außerdem mag Paul die Kürbisse Quelle: Bundesverband Deutscher Gartenfreunde

Rettung im Schrebergarten

Der jüdische Quizmaster Hans Rosenthal (1925 – 1987; „Dalli Dalli“) überlebte in einem Schrebergarten die Shoah. Freundinnen seiner Großmutter gewährten ihm zwei Jahre lang Schutz vor den Nazis in einer Laube. Der 17-Jährige hatte die älteren Damen aufgesucht und gesagt: „Ich muss mich verstecken. Ich wollte Sie höflich fragen, ob Sie mich vielleicht aufnehmen und verstecken könnten.“ Als sich am 25. April 1945 russische Soldaten Berlin-Lichtenberg näherten, lief Rosenthal seinen Befreiern voller Freude entgegen.