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Willkommen in der Hölle


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G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 17.06.2022

PROLOG

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Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 7/2022

Tränen in den heißen Sand der Wüste. Europäische Gefangene einer Sklavenkarawane

Soziemlich das Erste, was der völlig erschöpfte und zerlumpte Haufen Engländer an diesem sonnigen Morgen im Jahre 1716 im Palasthof in Meknès zu Gesicht bekommt, ist ein wohlbeleibter Mann, der auf einem vergoldeten Triumphwagen gottesgleich einherschwebt. Der Wagen wird nicht von Pferden gezogen, sondern von Eunuchen und Frauen.

Dann zieht der Mann, Sultan Mulai Ismail, urplötzlich sein Schwert und schneidet einem seiner Korsaren-Kapitäne den Kopf ab, vermutlich weil man sich nicht über den Preis der Sklaven einigen kann. Nicht erst jetzt bereut der elfjährige Thomas Pellow, dass er gegen den Willen seiner Eltern wenige Wochen zuvor auf dem Handelsschiff seines Onkels angeheuert hat.

Kabinenjunge Pellow aus dem englischen Cornwall gehört zu den schätzungsweise 175 000 Europäern, die allein zwischen 1680 und 1800 in Nordafrika versklavt werden (siehe Tabelle Seite 17). Es ist ein Kapitel ...

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... der Weltgeschichte, über das man wenig weiß und das frühzeitig verklärt wird.

Pellow wird in Ketten gelegt und wie ein Tier durch die Straßen getrieben

Wenn heute Urlauber ins marokkanische Landesinnere fahren, um in Meknès die Überreste der Königspaläste zu bestaunen, dann ist es für die Touristen immer wieder überraschend zu hören, dass jedes herrliche handgefertigte Mosaik, jede zerbrochene Säule, jedes Restgestein der Befestigungsmauer der ehemaligen Hauptstadt von einer Armee christlicher Sklaven errichtet wurde.

Thomas und seine 51 zerlumpten Leidensgenossen, die jetzt dem Sultan schutzlos ausgeliefert sind, haben eine wochenlange Tortur hinter sich. Auf der Rückfahrt von Genua wurden das Handelsschiff seines Onkels John Pellow, die »Francis«, und weitere Schiffe von marokkanischen Korsaren angegriffen, die Besatzungen gefangen und in die Küstenstadt Salé verschleppt. Dann sind die Seeleute in Ketten gelegt und wie Vieh durch die Straßen getrieben worden, von Einheimischen angepöbelt und bespuckt, um anschließend 190 Kilometer durch die Hitze Nordafrikas nach Meknès zu marschieren.

Immerhin – alle Engländer haben den Marsch überlebt. Viele andere Europäer sterben dabei an Erschöpfung und Hitze. Die übrig gebliebenen Gefangenen werden dann gezwungen, die abgeschnittenen Köpfe der Gestorbenen zu tragen. Denn die Wächter fürchten, der Sultan könnte sie beschuldigen, sie hätten die Sklaven verkauft oder fliehen lassen.

Mulai Ismail ist entzückt über die vielen Neuankömmlinge, die allesamt in guter körperlicher Verfassung zu sein scheinen. Der 70-jährige Sultan ist ein grausamer, sadistischer und unberechenbarer Herrscher, der mit Hilfe seiner Korsaren seit vielen Jahren gezielt Europäer aus dem Mittelmeerraum und dem Atlantik von Küsten und Schiffen verschleppen lässt. Menschenraub und Lösegelderpressungen sind seine Haupteinnahmequelle.

Leidensbilder der englischen Sklaven in Nordafrika

Thomas Pellow erweckt schnell die Aufmerksamkeit des Despoten, sticht er durch sein junges Alter und seine Präsenz aus der Masse der anderen Engländer hervor.

Der Sultan beschließt, Thomas seinem Sohn Mulai Spfa zu schenken, der ihn schnellstmöglich zum Islam bekehren möchte. Als Pellow sich weigert zu konvertieren, legt Mulai Spfa ihn in Ketten und sperrt ihn für mehrere Monate ein. Der elfjährige Junge wird täglich durch Stockschläge auf die Fußsohlen gefoltert, bleibt aber standhaft. Erst als ihm durch Feuer das Fleisch von den Knochen gebrannt wird, gibt er nach, wohlwissend, dass er damit jegliche Hoffnung verliert, von der Regierung seines Heimatlandes freigekauft zu werden. Denn die Engländer betrachten konvertierte Christen als Verräter, die kein Mitgefühl verdienen.

Doch Mulai Spfa hört nicht auf, das Kind zu misshandeln und verweigert den Befehl seines Vaters, Thomas in die Schule zu schicken. Als Reaktion darauf lässt der Sultan seinem Sohn das Genick brechen. Keine unübliche Prozedur: Mulai Spfa ist weder der Erste noch der Letzte seiner vielen Söhne, die Mulai Ismail aus einer spontanen Laune heraus töten lässt.

Der Sultan genießt es, seine christlichen Sklaven zu quälen

Während Thomas’ Lebensumstände sich fortan verbessern, müssen sein Onkel John und die anderen Besatzungsmitglieder der »Francis« auf den Baustellen des Sultans schuften, um den Wunsch des Sultans zu erfüllen: eine noch größere und schönere Palastanlage als die des Sonnenkönigs Ludwig XIV. in Versailles.

Die Männer arbeiten täglich 15 Stunden lang, und das fast ohne Nahrung. Einmal zwingt Mulai Ismail seine Sklaven, die Palastmauern auf einer Länge von zwölf Metern niederzureißen, die sie zuvor in viermonatiger Sisyphusarbeit aufgebaut haben – um sie danach entlang derselben Linie wieder zu errichten. Der Sultan genießt es, seine weißen Sklaven zu demütigen.

Wer nicht gehorcht, wird ausgepeitscht. Viele überleben nicht lange, Thomas’ Onkel John stirbt bereits 1717.

Thomas wird in die Obhut eines Höflings des Sultans gegeben. Er lernt, wie er in der Gegenwart des Sultans auftreten soll und wird zum Palastbediensteten erzogen. Schnell wird der intelligente Junge zum Aufseher über andere Konvertiten befördert. Schließlich weist ihm der Sultan die gefährlichste aller Aufgaben zu: Er soll sein Heiligstes bewachen, den Harem. Mulai Ismail hat angeordnet, dass niemand außer den Palasteunuchen seine Frauen zu Gesicht bekommen darf. Thomas, ein pubertierender Junge von inzwischen 15 Jahren, muss unerwünschte Besucher melden – denen dann der Kopf abgeschlagen wird. Selbst vermeidet er konsequent jeglichen Blick auf die zahlreichen Konkubinen des Sultans, denn das wäre sein Todesurteil. »Ich hielt es für angemessen, jeden meiner Schritte genau zu bedenken«, schreibt er später über jene Zeit. Für seine Standfestigkeit schenkt Mulai Ismail ihm ein edles Pferd.

Konvertiten

Trügerische Hoffnung auf Freiheit

Der Koran verbietet die Versklavung von Muslimen. Und nichts anderes als Muslime sind die zum Islam übergetretenen Christen. Trotzdem blieben die Konvertierten Sklaven. Schlimmer noch: Die europäischen Großmächte haben konvertierte Landsleute – auch wenn sie nur unter Folter den Glauben gewechselt hatten – als abtrünnige Renegaten betrachtet. Sie wurden von der Liste der Freizukaufenden gestrichen. Ein Fehler, denn ohne die Renegaten, die organisatorisch und militärisch geschult waren, hätten sich die nordafrikanischen Sultanate wohl nicht so lange an der Macht halten können.

»Niemand konnte sich auch nur für eine Stunde seines Lebens sicher sein«

Thomas Pellow über die Launenhaftigkeit des Sultans

Eine pikante Notiz am Rande: Der Sultan soll während seines Lebens 888 Kinder gezeugt haben und steht damit sogar im Guinnessbuch der Rekorde. Zwei österreichische Forscher haben herausgefunden, dass die Zahl stimmen kann. Bei Betrachtung aller Faktoren, die zu einer Schwangerschaft führen, müsste Mulai Ismail demnach zwischen 0,8 und zwei Mal pro Tag Sex gehabt haben.

Thomas erlangt mehr und mehr das Vertrauen des Sultans und reitet an seiner Seite, wenn dieser die Arbeit der weißen Sklaven inspiziert. Dadurch wird er täglich mit der Grausamkeit seines Herrschers konfrontiert. Und er ist sich trotz seiner exponierten Stellung bewusst, dass er ein Sklave ist.

Bald präsentiert ihm der Sultan seine zukünftige Ehefrau, eine Mulattin. Ob Thomas will oder nicht, er muss sie heiraten, wenn er seinen Kopf behalten will. Und der Tyrann hat weitere Pläne mit ihm. Mulai Ismail macht Thomas zu einem seiner führenden Kindersoldaten. Der Kabinenjunge aus Cornwall ist noch nicht einmal 18 Jahre alt und kämpft jetzt gegen innere und äußere muslimische Feinde des Sultans.

Mulai Ismail lässt die Ohren seiner toten Feinde an der Stadtmauer aufhängen

Nach den Kämpfen wendet er sich voller Grauen ab, wenn die besiegten Feinde auf dem Schlachtfeld enthauptet werden. Der Sultan lässt die Ohren der Geköpften gerne mal in Salzfässern aufbewahren, damit sie später auf Schnüre aufgezogen an die Stadtmauern gehängt werden.

Thomas hat inzwischen eine kleine Tochter und spricht fließend Arabisch. Als er Zeuge wird, wie ein britischer Gesandter es schafft, einige weiße Sklaven freizukaufen, er selbst aber nicht dabei ist, ist das für ihn ein Schlüsselmoment. Thomas weiß, dass er als Muslim niemals auf der Liste der britischen Regierung stehen wird, und beschließt zu fliehen.

Ein erster Fluchtversuch scheitert schon nach wenigen Tagen. Durch glückliche Umstände erfährt der Sultan nichts davon. Sieben Jahre später wagt Thomas einen zweiten Fluchtversuch, schlägt sich zur Küste durch und wird verraten. Aber auch diesmal hat er Glück, entgeht dem Schwert des Scharfrichters und kehrt unbehelligt in seine Garnison zurück.

Dann überschlagen sich die Ereignisse. Mulai Ismail stirbt mit 82 Jahren, und unter sieben seiner Söhne bricht ein brutaler Machtkampf um das Sultanat aus. Der neue Sultan Mulai Abdallah ist mindestens so grausam wie sein Vater und wacht mit äußerster Brutalität über seine Sklaven. An Flucht ist momentan nicht zu denken. Als Thomas’ Frau und seine Tochter an einer Infektionskrankheit sterben, denkt Thomas sogar daran, sich seinem Schicksal zu fügen und seine Hoffnungen auf eine Rückkehr endgültig zu begraben. Auch wenn er nie Liebe für seine Ehefrau empfunden hat, der Tod seiner Tochter grämt ihn sehr. Sein Plan war es immer gewesen, irgendwann nach geglückter Flucht nach Marokko zurückzukehren und seine Tochter nach England zu holen.

Neun Jahre und viele Schlachten später gelingt Pellow doch noch die Flucht. Er gibt sich als Wanderdoktor aus, was man ihm dank seiner dunkel gebräunten Haut und dem gewachsenen langen Bart allerorten abnimmt.

Diesmal wählt er aber nicht die direkte Route zum Meer, wie bei den ersten beiden Fluchtversuchen, sondern schlägt sich südlich über das Atlasgebirge bis zur Atlantikküste durch. Sechs Monate braucht er dafür.

Am 10. Juli 1738 segelt er an Bord eines irischen Schiffes unbehelligt aus Marokko ab und landet drei Monate später in Falmouth in Cornwall, dort wo er als elfjähriger Junge auf der »Francis« anheuerte.

Thomas ist 33 Jahre alt und hat die vergangenen 22 Jahre in Sklaverei verbracht, als er sich dem Haus seiner Eltern nähert. Sämtliche Einwohner des kleinen Fischerdörfchens sind auf den Beinen und begrüßen den verlorenen Sohn als Helden. Seine Eltern erkennen ihn nicht wieder, trotzdem fällt man sich schluchzend in die Arme.

Thomas Pellow schreibt seine Geschichte auf und publiziert 1740 seine Erinnerungen in dem Buch »The History of the Long Captivity and Adventures of Thomas Pellow«. 2004 nimmt der britische Bestsellerautor Giles Milton die Schrift als Vorlage für sein ungemein spannendes Sachbuch »Weißes Gold« (Lesetipp unten).

Von Thomas Pellow verliert sich irgendwann die Spur. Keiner weiß, wo und wann er gestorben ist. 1816, genau 100 Jahre nach seiner Versklavung, schießen britische Kriegsschiffe die Stadt Algier sturmreif und befreien die 1642 Sklaven, die zu der Zeit noch dort leben. Das Kommando führt Sir Edward Pellew, ein entfernter Verwandter von Thomas Pellow.

LESETIPP

Giles Milton: »Weißes Gold. Die außergewöhnliche Geschichte von Thomas Pellow und das Schicksal weißer Sklaven in Afrika«. wbg Theiss 2010, antiquarisch