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WINTER IM WATT


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Lust auf Natur - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 10.12.2021

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Bildquelle: Lust auf Natur, Ausgabe 1/2022

Das Wattenmeer gehört zu den größten natürlichen Lebensräumen in Europa. Mit etwa 8000 Quadratkilometern Wasseroberfläche und einem zusammenhängenden Gebiet aus Schlick-, Sand- und Mischwatt ist es das größte Ökosystem seiner Art. Es erstreckt sich von der niederländischen Stadt Den Helder über das deutsche Küstengebiet bis zum dänischen Esbjerg. Ein wertvoller Lebensraum, der sich durch die hohe Dynamik, durch Wind und Wasserströmungen ständig verändert. Wenn der Winter Einzug hält, wenn sogar das Watt gefriert, offenbart sich eine atemberaubende Natur.

LEBEN IM WATT

Es ist still. Das Meer hat sich gerade aus den flachen Küstenbereichen zurückgezogen. Der Himmel ist klar, die Luft frisch. Klirrende Kälte. Tief durchatmen. Diese Stille, diese Weite, das Licht, die Geräusche, die Gerüche. Wir blicken hinaus aufs Wattenmeer und lassen die Gedanken schweifen. Am Horizont verschwimmt die Grenze zwischen ...

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... dem grau-blauen Himmel und dem silbrigen Watt. Eine magische Stimmung. Hinter dem Deich erhebt sich ein Schwarm Weißwangengänse in die Luft. Ihre „bellenden“ Rufe durchbrechen die Stille.

Bei Ebbe bietet Deutschlands letzte Wildnis auch unter dem Winterhimmel eine Welt voller Wunder. Wo gestern noch ein rauer Nordwestwind gnadenlos über den Deich peitschte, herrscht Ruhe. Hier und da ist ein sanftes Knistern zu hören. Es kommt direkt aus dem Meeresboden und ist das Geräusch von Millionen von Schnecken, Krebsen, Würmern und Muscheln, die hier leben und atmen und dabei feinste Wasserfilme zum Platzen bringen. Der norddeutsche Dichter Theodor Storm (1817–1888) brachte es auf den Punkt, als er schrieb, dies sei „des Meeres gärender Ton“.

KÜSTENKINDER

Wer genauer hinschaut, besser: wer hinhört, der kann nicht nur Watvögel, Möwen und Tausende Zugvögel im winterlichen Wattenmeer entdecken, sondern auch Scharen kleinerer Singvögel. Sie kommen offenbar gut klar mit frostigen Temperaturen, vorausgesetzt, dass sie im Spülsaum oder auf den Salzwiesen der Nordsee noch genug Nahrung finden. Zu den häufigen Wintergästen an unserer Küste gehören die Schneeammern, die nördlichsten Brutvögel der Welt. Die kleinen Singvögel mit dem niedlichen Gesicht sind hart im Nehmen. Mit ihrem schlichten Winterfederkleid sind sie an das Leben in Schnee und Eis angepasst. Zur Nahrungsaufnahme haben die geselligen Vögel eine besondere Strategie entwickelt. Sie bewegen sich in kleinen Schwärmen wie ein Fließband über den Boden, in dem die jeweils Letzten nach vorn fliegen und die neue erste Reihe bilden. So werden Salzwiesen und Spülsaum systematisch abgegrast – und die Schneeammern sparen Energie – besonders wichtig in der kalten Jahreszeit. Auch Ohrenlerchen mit ihren charakteristischen Federohren sind von November bis März Gäste im Wattenmeer. In großen Schwärmen überwintern Berghänflinge sowohl in den Salzwiesen als auch binnendeichs, je nach Nahrungsangebot.

Richtige Küstenkinder sind der Strandpieper und der Alpenstrandläufer. Sowohl für ihr Brutgeschäft als auch zum Überwintern bevorzugt der standorttreue Strandpieper das Leben am Meer und liebt Salzmarschen, Sand- und Muschelstrände. Auch die starengroßen Alpenstrandläufer sind hier gerne zu Gast und nutzen das Wattenmeer als Tankstelle auf ihrem Zug zwischen den Brutgebieten in der Arktis und den Überwinterungsgebieten am Atlantik. Sobald die Kälte nachlässt, fressen sie sich im Watt Fettreserven an und fliegen weiter Richtung Norden.

Das gilt auch für Pfeifenten, die kleinsten, vegetarisch lebenden Enten der Welt. Auf ihrem Zug in ihr Überwinterungsgebiet, das sich von Nordeuropa bis nach Sibirien erstreckt, kommt etwa ein Drittel der weltweit etwa 1,5 Millionen Pfeifenten ins Wattenmeer. Sie halten sich allerdings nur so lange an unseren Küsten auf, solange genug pflanzliche Nahrung verfügbar ist. Um ihren Energiebedarf zu decken, kann es vorkommen, dass Pfeifenten über 15 Stunden lang fressen. Weltrekord! Wenn die Nahrung an der Küste knapp wird, wechseln viele auf Grün- oder Ackerland, nicht immer zur Freude der Landwirte.

ARKTISCHE LANDSCHAFTEN

Im Kältewinter 2020/2021 war das der Fall. Es herrschten ein knackiger Ostwind und Temperaturen unter zehn Grad. Dauerfrost. Vielerorts bildeten sich glitzernde Eisflächen auf dem Watt. Nur alle paar Jahre gibt es solch’ lange Frostperioden mit Temperaturen, die tief genug sind, das Wattenmeer vereisen zu lassen und das Ökosystem kräftig durcheinander zu wirbeln. An flachen Stellen, die bei Ebbe trocken gefallen waren, trugen Gezeiten und Wind dicke Eisschollen zusammen. Lahnungen und Priele waren vereist. Zwischen den Buhnen hatte die Tide Eisgries zusammengeschoben und der Frost modellierte gläserne Kunstwerke ins Watt. Bizarre Strukturen prägten die „arktische“ Landschaft am Weltnaturerbe Wattenmeer. Für viele Tiere war dieser Kälteeinbruch eine Katastrophe. Vor allem die gefiederten Wintergäste an der Küste hatten’s schwer. Der Zugang zu Nahrungstieren im Wattboden blieb vielen Watund Wasservögeln versperrt. Um den Kälteverlust durch den eisigen Wind auszugleichen, hätten sie viel mehr fressen müssen. Doch die Nahrung war unter dem Eis festgefroren. Einige mussten kurzfristig ‘gen Süden ziehen, in der Hoffnung, dort offene Bereiche zur Nahrungsaufnahme zu finden. Wenige Wochen später aber kehrten sie an unsere Küsten zurück, denn das Nahrungsangebot im Watt ist für sie unentbehrlich, um sich die notwendigen Fettreserven für den Weiterflug anzufuttern. Für die Vögel war das Stress pur und der Energieverlust hoch. Viele überlebten diesen Winter im Wattenmeer nicht.

SPECK WÄRMT

Für die Kegelrobben, die größten in Deutschland lebenden Raubtiere, ist ein harter Winter kein Grund zur Panik. Vor allem nicht für die Alttiere. Den Jungen, die kurioserweise mitten im Winter, von November bis Januar, zur Welt kommen, können heftige Winterstürme zu schaffen machen. Während der Körper der Erwachsenen aufgrund einer mehrere Zentimeter dicken Speckschicht – dem sogenannten Blubber – gut gegen die Kälte und Wind isoliert ist, müssen sich die Jungtiere unter ihrer weißen Winterjacke erst noch Fettreserven anfuttern. Hauptsache, die Flossen bleiben beweglich. Speck wäre dort mehr als hinderlich. Damit ihre Körperwärme nicht über die Flossen ans Wasser abgegeben wird, hat die Natur die kultigen Meeressäuger mit einem besonderen Schutzsystem ausgestattet: Die Arterien, die das Blut aus dem Körper in die Flossen leiten, sind von einem Netz von Venen umringt, die das abgekühlte Blut auf dem Rückweg in die Körpermitte aufwärmen. Erfreulicherweise entwickelt sich der Kegelrobbenbestand sehr positiv.

ÜBERLEBENSSTRATEGIEN

Was bedeutet es für die dort lebenden Weichtiere, wenn eisige Kälte übers Wattenmeer zieht? Dazu muss man wissen, dass der Gefrierpunkt des Meerwassers bei einem durchschnittlichen Salzgehalt von 3,5 Prozent bei minus 1,9 Grad Celsius liegt. Da das Meer durch Wind, Wellen, Strömungen und Gezeiten ständig in Bewegung ist, gefriert es häufig erst nach längeren Frostperioden. Fische, Schnecken oder Muscheln haben ihre eigenen Strategien entwickelt, um in solch einem Fall „gut über den Winter“ zu kommen.

Wer „mobil“ ist wie zum Beispiel die Scholle, die Nordseekrabbe oder die am Boden lebende Sandklaffmuschel, der flüchtet kurzerhand in tiefere Bodenschichten, wo ihnen der Frost nichts anhaben kann. Auch die Krebse zieht es hinab. Und nicht zuletzt den Wattwurm, das bekannteste Tier im Wattenmeer und das fleißigste: Wattwürmer fressen den Sand, in dem sie leben, verdauen die Giftstoffe und scheiden den Rest wieder aus. Der Boden oder Schlick wird mit Sauerstoff angereichert, wovon wiederum andere Meeresbewohner profitieren. Diese Reinigungsmission der braunschwarzen Würmer ist unverzichtbar für das Ökosystem Wattenmeer. Während sie im Sommer den Meeresboden umgraben und mit unzähligen Spaghetti-Häufchen überziehen, haben die glitschigen Würmer in der kalten Jahreszeit eine effiziente Methode entwickelt, um zu überleben: Sie passen ihre Körpertemperatur der Außentemperatur an, verbrauchen dadurch weniger Energie und benötigen wenig Nahrung. Ganz entspannt verkriecht sich der Wattwurm bei Frost in eine 30 Zentimeter tiefe, u-förmige und mit Schleim ausgekleidete Röhre.

ZERSTÖREND UND LEBENSSPENDEND

Eine Überlebenskünstlerin im Winterwatt ist auch die Herzmuschel. Sie verfügt über ein körpereigenes „Frostschutzmittel“, eine Mischung aus Salz und Eiweiß, die den Gefrierpunkt der Zellen absenkt und so vor dem Erfrieren schützt. Dennoch ist sie auf ihrer Muschelbank nicht vor „Vereisung“ gefeit. Ein Schicksal, das sie mit der Miesmuschel teilt. Wie die Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer erläutert, können „Teile der Muschelbank an den Eisschollen anfrieren, bei der nächsten Tide aufschwimmen und in Bereiche verdriftet werden, wo die Muscheln nicht überlebensfähig sind.“ Im letzten Winter wurden die Muschelbänke von den Eisschollen regelrecht abrasiert. Aber wie vieles im dynamischen Wattenmeer hat auch dieses Phänomen zwei Seiten: „Nicht selten wird ein entsprechender Bestandsverlust dadurch ausgeglichen, dass die Fressfeinde des Miesmuschelnachwuchses wie Strandkrabbe, Nordseegarnele und Seestern in Eiswintern später als sonst und häufig in geringerer Zahl aus den Tiefwasserbereichen wieder ins Wattenmeer zurückkehren.“ So erzielen die Miesmuscheln nach einem eisigen Winter durchaus hohe Fortpflanzungserfolge, weil es weniger hungrige Krebse gibt.

Eiswinter im Weltnaturerbe Wattenmeer können also zerstörend und lebenspendend zugleich sein. Auf jeden Fall sind sie atemberaubend schön, fast schon mystisch in diesem einzigartigen faszinierenden Lebensraum.

Text: Susanne Höh