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WINTERANGELN: Härteprüfung


karpfen - epaper ⋅ Ausgabe 20/2020 vom 21.02.2020

Rafaels zweiter Streich in diesem Heft: Diesmal geht er ganz detailliert auf die Angelei im Winter ein.


Artikelbild für den Artikel "WINTERANGELN: Härteprüfung" aus der Ausgabe 20/2020 von karpfen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: karpfen, Ausgabe 20/2020

Der größte Vorteil am Winter: Man ist meist allein am Wasser.


In meinem Artikel über französische Stauseen kamen alle Jahreszeiten vor - bis auf den Winter. Denn dieser Zeit möchte ich noch einmal spezielle Aufmerksamkeit widmen. Dabei soll es jedoch um die Angelei an allen Stillgewässern gehen, nicht nur an Stauseen!
Der Winter gilt nicht umsonst als schwierigste Zeit des Jahres. Er ist die ultimative Belastungsprobe für uns Angler - nicht nur wegen der kalten Außentemperaturen. Der Stoffwechsel der ...

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... Fische reduziert sich auf ein Minimum, ihre Bewegungen werden langsamer und sie nehmen deutlich weniger Nahrung auf. Diese Jahreszeit fordert uns alles ab, doch bringt sie auch einige wichtige Vorteile mit sich, die uns auch jetzt zum Erfolg verhelfen können. Nutzen wir diese Vorteile, so können wir uns dieser Herausforderung mit gutem Gewissen stellen und unserem Zielfisch so lange nachgehen, bis das Wasser hart wird. Lasst euch von der Witterung nicht entmutigen und geht die Sache richtig an! Wie ihr das an den Stauseen in Frankreich anstellt, möchte ich euch zuerst in diesem Artikel aufzeigen. Und dass die erfolgreiche Winterangelei an heimischen Baggerseen auch kein Hexenwerk ist, macht die zweite Hälfte dieses Artikels aus!

Das Wasser der Bäche kann kälter sein als der See. Also Vorsicht!


RUHEZONEN

Die großen und tiefen Stauseen brauchen zwar im Frühjahr lange, um auf Temperatur zu kommen, dafür halten sie diese aber auch länger und sind im November und Dezember meist noch ein paar Grad wärmer als die umliegenden künstlichen Gewässer, Flüsse und flachen Stauseen. Eine Eigenschaft, die es möglich macht, noch erfolgreicher zu angeln, wenn andere Gewässer schon dem Gefrierpunkt nah sind. Nicht selten bleiben die großen Stauseen auch aufgrund von Wind und Wellen vom Eis verschont oder frieren nur teilweise zu. Somit können sie durchgehend befischt werden. Nichtsdestotrotz macht es diese Zeit keinem Angler einfach - und die Fische wollen erst einmal gefunden werden.

Wie spätestens nach den Videos von Robert Arlinghaus und seinem Projekt iFishman bekannt ist, stellen die Fische ihre Bewegung im Winter nicht ein. Sie werden jedoch langsamer und suchen Ruhezonen auf. Diese gilt es zu finden. Es können markante Stellen wie Brücken und Brückenpfeiler, Dämme, überhängende Bäume, alte Krautfelder und Stege sein, wo die Fische Schutz suchen. Meistens bringen diese Bereiche auch noch ein natürliches Vorkommen an Nahrung mit sich, an welchem sich die Fische vergreifen können. Auch wenn es oft schwer fällt, an einem großen See nur wenig Futter zu nutzen, so darf es hier doch auch mal nur eine Hand voll von sehr feinem Futter sein. Wenn der Spot richtig gewählt wurde, dann braucht es nicht mehr als die eine Hand Futter. Um diese doch sehr weitreichende Spotauswahl ein wenig einzugrenzen, möchte ich auf ein paar Bereiche gesondert eingehen.

auch wenn es idyllisch aussieht - die winterangelei ist echt hart!


WASSER UND SONNE

Ein Bereich, den man mit Bedacht angehen muss, sind Bacheinläufe. Nicht selten kommen diese aus den Bergen und bringen kaltes Wasser ein. Dieses ist dann kälter als die wärmste Stelle des Sees (vier Grad) - und somit ist der Bacheinlauf in diesem Fall kein Hotspot. Besonders an Seen in den Pyränen ist dies auch noch im Frühjahr ein Faktor, der das Wasser lange kalt hält. Hier sollte man immer mal das Thermometer zur Hand nehmen und genau prüfen, was Sache ist. Ein wärmerer Einlauf ist natürlich ein absoluter Glücksgriff und kann wahre Sternstunden bescheren.
Ein weiterer Punkt, der im Winter von großer Bedeutung ist, ist der Stand der Sonne. Im tiefen Süden kann es an einem schönen Tag mit blauem Himmel auch mal zweistellige Temperaturen geben. Jedoch nur, wenn man auf der Seite sitzt, welche der Sonne zugewandt ist! Um viele der Stauseen stehen hohe Berge. Diese werfen bei der tief stehenden Sonne des Winters im schlechtesten Fall einen riesigen Schatten. Da kann es durchaus passieren, dass ein Ufer gar keine Sonne sieht und es eisig kalt ist. Ein Beispiel dafür ist die Stelle „Kühlschrank“ am Cassien. Diese Stellen sind nicht nur für uns äußerst unangenehm zu befischen, das Wasser ist hier auch an der Oberfläche eiskalt, während sich flache Bereiche sogar über Tag aufwärmen können, wenn sie von der Sonne erreicht werden. Dies nutzen auch die Fische gerne! Also immer einen Blick auf die Sonne haben. Eine App, die einem auch ohne Orientierungssinn schnell die Sonnen- und Schattenseiten aufzeigen kann, ist Sun Surveyor.

Rafael setzt auf eine Montage mit buntem Poppi und auf eine mit ganz unauffälligem Köder. Dank der Doppeltaktik spricht er fast jeden Fisch an - ob neugierig oder vorsichtig.


Die App „Sun Surveyor“ ist wirklich durchdacht und ausgereift. Sonnenstand und -verlauf lassen sich nicht nur auf der Karte, sondern auch über eine 3D-Ansicht anzeigen. Erhältlich im App Store und Google Play Store.


EINSAMER BAGGERSEE

Nachdem ich auf die Winterangelei an Stauseen eingegangen bin, möchte ich euch jetzt die Angelei im Winter an den heimischen Baggerseen nahebringen. Während gerade an den zuvor beschriebenen südfranzösischen Stauseen oftmals über Tag noch Temperaturen herrschen, die es einen auch ohne Zeltheizung aushalten lassen, sieht das in Deutschland vollkommen anders aus. Der vermeintlich beste „Hotspot“ liegt für die meisten Leute auf dem Sofa vor dem Kamin und nicht am Wasser. Dabei kann eine gut geplante Session mit der richtigen Ausrüstung sehr erfolgreich sein!
Während im Herbst noch alle Plätze am Baggersee besetzt waren und viel gefüttert wurde, so ist der See nur kurze Zeit darauf vollkommen verlassen. Mit der richtigen Ausrüstung kann man es aber auch jetzt sehr gemütlich am See haben. Ein gutes Zelt mit Winterskin, eine Zeltheizung und eine Wärmflasche für den Schlafsack bringen einem das Wohnzimmer ans Wasser! Die wenigsten Angler nutzen diese Mittel und bleiben deshalb zu Hause - das merken auch die Fische. Rapide senkt sich der Angeldruck, es fliegt kein zusätzliches Futter mehr in den See und bis auf einzelne Ausnahmen sind auch meistens alle Plätze am See frei. Das Wasser wird nicht mehr von Schnüren durchzogen und der Lärm von Booten, Futterbooten, Echoloten und aufschlagenden Montagen und Spombs verschwindet.
Dies gilt es zu nutzen. Favorisierte Stellen können nun problemlos befischt werden und die Fische, welche zuvor aufgrund des Angeldrucks in Rückzugsgebieten anzutreffen waren, können sich nun auch wieder frei im See bewegen.

LOCATION

Wie bereits zuvor erwähnt sind die Videos von iFishman (Dr. Robert Arlinghaus) ein guter Anhaltspunkt zum Verhalten von Karpfen. Einige der Videos zeigen das Verhalten der Fische in den Wintermonaten. Was sich hierbei klar erkennen lässt, ist dass das Verhalten unvorhersehbar ist. Während die Fische während des Experiments beispielsweise im Dezember 2014 durch den ganzen See zogen, sieht man die Fische im Dezember 2015 nur auf einem Bruchteil der Fläche des Sees. Ich erkenne aber auch deutlich, dass die Fische nicht nur still am Grund stehen. Das Gegenteil ist der Fall: Sie sind durchgehend in Bewegung.
Also lasst euch nicht trügen und setzt nicht nur auf altbewährte Stellen! Sucht mit allen euch zur Verfügung stehenden Mitteln nach den Fischen und legt dann erst los! Dabei kann besonders ein Echolot von extremer Bedeutung sein, da die Fische nun so gut wie gar nicht mehr in den flachen Bereichen mittels Polbrille aufzufinden sind. Doch man sollte sich den geringen Druck zu Nutze machen und weiterhin alle „Stressfaktoren“ so gering wie möglich halten. Wenn möglich, umgehe ich es daher komplett, ein Boot und Echolot zu nutzen.

WINTER-FUTTERPLATZ

Habe ich die Fische lokalisiert, geht der Spaß erst los. Natürlich kann man auch jetzt spontan erfolgreich sein und seine Fische fangen. Ich versuche jedoch, mehr aus der Situation zu machen. Hier kommt der gesunkene Angeldruck ins Spiel. Da an den Seen nun weniger los ist, stellt es auch kein Problem dar, wenn ich an einem See, der sonst großem Angeldruck unterliegt, füttere. Der deutliche Vorteil zu den wärmeren Jahreszeiten besteht darin, dass ich mir ziemlich sicher sein kann, dass in der Zwischenzeit wenig oder gar nicht geangelt wird. Somit können die Fische in aller Ruhe Vertrauen in meinen Platz finden und das Futter annehmen. Für mich hat sich ein Zeitraum des Fütterns von zwei Wochen als geeignet herausgestellt, um selbst die misstrauischsten Fische an mein Futter zu gewöhnen. Die Intervalle der Fütterung versuche ich dabei möglichst klein zu halten.

Diesen 20,5 Kilo-Fisch konnte Rafael kurz vor Weihnachten fangen.


Jedem muss klar sein, dass der Stoffwechsel der Fische auf einem Minimum läuft und sie somit auch weniger Nahrung aufnehmen, die sie außerdem langsam verarbeiten. Ich füttere also wenig! Um mit einer kleinen Menge Futter möglichst viele Fische anzusprechen, empfiehlt es sich, kleine Boilies, Teigklumpen, Partikel oder Grundfutter zu verwenden. Besonders der Teig sorgt am Platz für ordentlich Aktivität. Ich verwende dafür konkret den Scoberry- und VNX+-Teig und -Stickmix von Successful Baits. Dieser enthält nur einen geringen Fettanteil, was ihn bei kalten Temperaturen gut arbeiten lässt. Des Weiteren ist der Scoberry durch seine weiße Farbe nicht zu übersehen. Wirft man den Teig in faustgroßen Brocken in den See, so können die Fische ihn nicht direkt aufnehmen, sondern müssen ihn erst „bearbeiten“. So verbreiten sich die feinen Partikel auf dem Platz. Selbst wenn diese durch andere Fischarten aufgenommen werden, so bleiben feinste Partikel davon im Sediment am Platz erhalten und lassen die Fische weiter suchen. So kommen selbst die Winterfische gut in Bewegung, ohne dass sie zu viel Futter auf einmal erhalten. Auch wenn es einem komisch vorkommen mag, können bereits zwei bis drei Hände Futter genug sein, um einen Futterplatz im Winter aufzubauen.

Die Härteprüfung

Wenn es dann endlich ans Wasser geht, gehe ich gern wie folgt vor: Eine Rute lege ich auf dem Futterplatz ab. Der Hakenköder sollte dem Futter so nah wie möglich kommen und wird nur mit einem Wafter der gefütterten Sorte Boilies oder dem Teig abgelegt. Dabei verzichte ich komplett auf bunte Pop-Ups. Dies hat den einfachen Grund, dass ich den Fisch über zwei Wochen an eine Futtermischung gewöhnt habe und ich mich von diesem Futter so wenig wie möglich abheben möchte.
Für neugierige Fische lege ich meine andere Rute aus. Das Blei wird mit Teig ummantelt, und es kommt entweder ein einzelner Boilie oder etwas Buntes ans Haar. Die Rute wird spätestens alle zwei Stunden umgelegt und dient dazu, die Fische aktiv zu suchen. Es wird kein weiteres Futter eingebracht, um den Fischen keine Wahl zu lassen. So ist es mir möglich, sowohl die misstrauischen als auch die neugierigen Fische anzusprechen, sowie relativ aktiv und gleichzeitig stationär zu angeln.
Die größte Herausforderung der Winterangelei liegt klar darin, auch wirklich zu dieser Jahreszeit ans Wasser zu fahren. Die Bedingungen sind hart und die Fische sicher nicht in bester Stimmung. Doch haben gerade jetzt viele Fische ihr maximales Gewicht. Wir haben Ruhe am Heimpool, können endlich die besten Plätze befischen und dort sogar füttern. Das sind klare Argumente für eine Wintersession! Und jeder gefangene Fisch ist nochmal wertvoller.

iFishman: Bewegungsmuster im Winter

Im Experiment von Prof. Dr. Robert Arlinghaus und Dr. Christopher Monk fielen vor allem zwei Dinge auf. Zum einen führte das Verhalten der Fische zu Kopfzerbrechen, da sich die Bewegungsmuster zwar in einigen Aspekten ähnelten, aber unterm Strich von Jahr zu Jahr schwankten. Zum anderen war auffällig, dass die Fische keine Winterstarre zeigten. Sie bewegten sich zwar nicht so viel wie im Sommer, waren aber durchaus aktiv. Sie bildeten dabei kleine Grüppchen. Außerdem interessant: Sie hielten sich (im Testgewässer) nie in der tiefsten Ecke auf, sondern auf drei Metern. Mit anderen Worten: Will man im Winter Karpfen fangen, müssen die Standorte der Karpfentrupps gefunden werden. Das muss aber nicht zwingend die tiefste Stelle des Sees sein!

ifishman: Nachlesen

Auf der Facebook-Seite „ ifishman. science“ finden sich alle Videos, die die Grundlage der Darstellungen sind. Es werden jeden Monat neue Videos von Wels, Karpfen, Barsch, Hecht, Schleie und Co. gepostet. Weiterführende Spezialpublikationen zum Karpfen, die umsonst auf www.ifishman.de einsehbar sind, oder in Kürze dort erscheinen, umfassen:

Klefoth, T., Pieterek, T., Arlinghaus, R. (2013). Impacts of domestication on angling vulnerability of common carp, Cyprinus carpio: the role of learning, foraging behaviour and food preferences. Fisheries Management and Ecology, 20, 174-186.

Baktoft, H., …, Arlinghaus, R. (2015). Performance assessment of two whole-lake acoustic positional telemetry systems - Is reality mining of free-ranging aquatic animals technologically possible? PLoS ONE, 10(5), e0126534

Monk, C. T., Arlinghaus, R. (2017). Encountering a bait is necessary but insufficient to explain individual variability in vulnerability to angling in two freshwater benthivorous fish in the wild. PLoS ONE, 12(3), e0173989.

Mehner, T., …, Arlinghaus, R. (im Druck). Feeding aquatic Eeosystems: whole-lake experimental addition of angler’s ground bait strongly affects omnivorous fish despite low contribution to lake carbon budget. Ecosystems, im Druck.