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„Wir alle tragen eine Familienbibliothek mit uns“


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Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 09.02.2022

Psychologie und Literatur: Anna Katharina Hahn

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Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 3/2022

E in Bücherschrank aus dunklem Holz.Tiefrote Plüschsessel und ein Beistelltisch mit Schachbrettmuster. Ein Hocker mit Füßen in der Form von Vogelkrallen. Die Bibliothek des Hotels Nizza in Frankfurt sieht bereits ein wenig aus wie ein Schauplatz aus einem von Anna Katharina Hahns Romanen. Die Schriftstellerin wirbelt freundlich in den Raum, ein Frühstückstablett in der Hand. Bei Kaffee aus geblümten Tassen und Brötchen entsteht sofort ein angeregtes Gespräch über die Psychologie als Profession. Hahn erkundigt sich mit erkennbarem Vorwissen nach Arbeitsfeldern von Psychologen, nach Strategien, mit denen sich Therapeutinnen gegen das Leid anderer abgrenzen, nach Suchtpersönlichkeiten – gibt es das? Dem Fach Psychologie stehe sie mit großer Sympathie gegenüber, betont sie mehrfach. Vielleicht hängt das auch mit ihrem unbedingten Interesse an ...

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... Lebensgeschichten und Werdegängen zusammen. Sie bringt das Gegenüber dazu, sofort alle möglichen Anekdoten zu erzählen. Sie selbst denke häufig in Geschichten, sagt sie, überall sucht und findet sie Erzählbares, spinnt es fort. Ein Thema taucht dabei immer wieder auf.

Frau Hahn, Ihre Bücher beleuchten oft die Dynamik in Familien. Ob im magisch-realistischen Roman Das Kleid meiner Mutter oder in Ihrem jüngsten Buch Aus und davon. Was interessiert Sie am Thema?

Ich habe selbst eine vielfältige Familie, so verbrachte ich beispielsweise meine Kindheit mit sehr präsenten Großeltern. Mit den Eltern meiner Mutter haben wir zusammen in einem Haus gelebt. Die Eltern meines Vaters waren geschieden, beide neu verheiratet, allesamt Künstler und Schauspieler mit zum Teil faszinierenden Biografien. Mein Großvater ist aus der Gerberlehre weggelaufen, die sein Vater für ihn vorgesehen hatte, hing ständig im Theater und in literarischen Salons herum. Aber nicht nur diese Familiengeschichten interessieren mich, ich bin selbst Familienmensch, pf lege nicht nur meine Ursprungsfamilie, sondern habe sie auch erweitert, habe einen Mann und zwei Söhne. Vieles an Familien finde ich positiv und spannend. Gleichzeitig sind sie auch schrecklich und gefährlich.

Was finden Sie gefährlich an Familien?

Es gibt diesen alten Witz: Was ist der Unterschied zwischen einer Mutter und einem Rottweiler? Die Pointe lautet: Der Rottweiler lässt irgendwann los (lacht). Die Familie schlägt einem also die Zähne in den Leib. Entweder man läuft davor weg oder man setzt sich damit auseinander und macht es anders. Doch auch dann ist man nicht frei, sondern reagiert immer wieder auf das, was vorgelebt wurde. Es ist eine ständige Auseinandersetzung, ein immerwährender Wunsch, die übermächtigen Eltern und deren Lebensmodell zu besiegen. Ein Satz von Augustinus beschreibt das gut: „Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem die Kinder lesen.“ Wenn man das weiterspinnt, ergibt sich ein einprägsames Bild: Die Eltern geben ihre Geschichte und ihren Lebensweg weiter, diese Bücher werden fortgeschrieben, man verfasst ein eigenes Buch, reicht aber die vorhergegangenen ebenfalls weiter, so entsteht eine ganze Bibliothek. Und die hat man lebenslang auf dem Buckel.

Haben Sie während des Schreibens diese große Macht von familiären Verbindungen gespürt?

Wie stark familiäre Prägungen sein können, stelle ich auch bei mir selbst fest. Es gibt Dinge, die ich genauso mache, wie meine Eltern oder Teile der Familie es stets getan haben, obwohl ich sie nicht wichtig finde: Zu Verabredungen komme ich immer zu früh, bringe immer etwas mit und räume auf, wenn die Party vorbei ist. Dann denke ich manchmal, es wäre besser, wenn ich diese Sachen weniger ernst nehmen könnte. Sachen, von denen ich selbst denke, dass sie einer Künstlerin egal sein sollten. Obwohl diese Abwehr natürlich ein Klischee ist, denn Schreiben ist ein Beruf, der viel Disziplin und Selbstmotivation erfordert. Dennoch: Die Stärke der Prägung verblüfft mich. Schwieriger wird es allerdings, wenn man Gefahr läuft, Familientraditionen fortzuführen, die zum eigenen Lebensweg nicht passen.

Sie sind Schriftstellerin. Steigen Sie damit aus Familientraditionen aus?

Es gab in unserer Familie jedenfalls die Idee, dass ich die Arztpraxis meines Vaters übernehmen könnte. Ich habe das auch versucht, einen Sommer lang Praktikum bei ihm gemacht und nie aufgehört, mich für Medizin zu interessieren. Man kriegt in einer Hausarztpraxis vieles mit, bekommt einen Eindruck davon, was Menschen umtreibt. Auch unser Alltag war durchdrungen von medizinischen Themen. Deshalb dachte ich lange: Das will ich auch machen! Gleichzeitig gab es den starken Wunsch, es nicht zu tun, der anderen Linie zu folgen, den Schauspielerinnen und Schauspielern der Großelterngeneration, diesen geschiedenen Lümmeln, die keine Familienmenschen waren. Die künstlerische Seite, die brotlose Kunst, das war für meine Eltern nicht das Gute und Wahre, das habe ich ihnen angemerkt.

Wie haben Ihre Eltern gezeigt, dass ihnen Ihre Berufswahl missfällt?

Sie haben das nie offen ausgesprochen, es musste nicht verbalisiert werden, ich habe es trotzdem gespürt. Deshalb sind familiäre Ansprüche so gefährlich, es sind Unterströmungen, subtil und doch sehr wirksam. Ich meine das keinesfalls als Schuldzuweisung gegenüber meinen Eltern, sie haben mich sehr gefördert. Als ich anfing zu schreiben, fanden sie das bemerkenswert. Mein Vater hat mir aus seiner Bibliothek immer wieder Bücher gegeben, von denen er dachte, sie könnten mich interessieren. Eine Liebe zur Literatur wurde also vermittelt – und doch wusste ich, dass sie nicht wollen, dass ich das Schreiben zum Beruf mache. Ich war lange hin- und hergerissen, habe mich aber irgendwann doch getraut, den künstlerischen Weg einzuschlagen. Sonst säßen wir nicht hier und würden über meine Romane sprechen.

Dann schrumpften die Eltern zu zwei kleinen, gar nicht mehr gruseligen Puppen

Ihr Buch Das Kleid meiner Mutter thematisiert genau solche Prägungen und nonverbalen Aufträge aus der Familie.

Der Roman beschreibt den psychischen Prozess, den Versuch einer Ablösung. Anita, eine Spanierin in ihren Zwanzigern, die, bedingt durch die europäische Wirtschaftskrise, noch bei ihren Eltern wohnt, findet eines Tages ihre Eltern tot im Schlafzimmer. In den kommenden Stunden und Tagen schrumpfen diese Eltern, bis sie nur noch so klein sind wie zwei hübsche und gar nicht gruselige Puppen. Die verschenkt sie dann. Gleichzeitig geschehen weitere seltsame Dinge. Beispielsweise streift Anita häufig Kleider ihrer Mutter über – und wird dann von einigen Leuten für diese Mutter gehalten.

Die surreale Erzählung erstreckt sich über wenige Tage, die Entwicklung von Anita und der Verlust des elterlichen Einflusses verlaufen im Zeitraffer. Warum haben Sie dieses Setting gewählt?

Es klingt unglaubwürdig, aber ich habe einen Teil der Handlung geträumt. Und zwar die Geschichte der schrumpfenden Eltern. Ich hätte nie gewagt, dieses Motiv in den Mittelpunkt zu stellen, hätte ich nicht diesen faszinierenden Traum gehabt. Ich habe mich dann langsam herangetastet, zuerst mit einer Erzählung begonnen, die sich dann aber immer mehr ausweitete. Beim Schreiben hatte ich zwischendurch oft ein mulmiges Gefühl. Auch weil das Tabu berührt wird, Eltern sterben zu lassen.

In der Gestalttherapie gibt es eine Intervention, bei der man sich von elterlichen Anteilen verabschiedet, indem man Vater und Mutter symbolisch sterben lässt. Entscheidend dabei: Es sind nicht die realen Eltern, mit denen man arbeitet, es sind innere, subjektive Bilder.

Das finde ich interessant! Denn natürlich spielt die Frage nach der persönlichen Geschichte eine große Rolle, wenn man über Familien schreibt. Bei einer Lesung fragte mich neulich eine Zuhörerin: „Wie viel von dem, was Sie schreiben, ist autobiografisch?“ Ich habe geantwortet, dass das Autobiografische für mich ein Faden innerhalb eines dicken Strangs ist. Das Buch ist wie eine Kordel, andere Fäden sind genauso wichtig, beim Lesen Erlebtes spielt für mich eine Riesenrolle, dazu kommt alles, was ich sehe und höre, fremde Geschichten, da bin ich auch Sammlerin, das kann eine Meldung aus der Zeitung sein oder interessante Familiengeschichten anderer.

Sie haben viel Input: Wie suchen Sie aus, welche Eindrücke zu einem Buch werden?

Es gibt wohl immer eine Keimzelle, eine erste Idee, der ich intuitiv folge. Und doch würde ich von mir sagen, dass ich eine präzise Schriftstellerin bin, in Form und Ausführung sehr genau weiß, was ich tue. Das Puppenmotiv zum Beispiel habe ich auch deshalb aufgegriffen, weil es sich mit der Bildsprache der romantischen Literatur und den Schauergeschichten des 19. Jahrhunderts berührt. Das ist nicht nur meine Leib- und Magenlektüre. Ich finde auch, dass man in dieser Zeit für psychische Befindlichkeiten und Entwicklungen eindringliche und treffende Bilder gefunden hat. Und zwar lange bevor es die Psychoanalyse gab, bevor sich eine Wissenschaft rund ums Seelische entwickelte.

Können Sie ein Beispiel geben?

E. T. A. Hoffmann war ein Meister darin, Bilder für psychische Prozesse zu finden, die oft mit Täuschung, Angst, Abhängigkeit zu tun haben. Es gibt in der Erzählung Der Sandmann etwa die Gestalt des Doktor Coppelius, um den der Sandmann als schreckliche Märchenfigur spukt. Er reißt Kindern die Augen aus, gibt sie den eigenen Kindern zu fressen, er erzeugt Traumata, nimmt die klare Sicht – und damit Erklärungsmacht und Gestaltungsspielraum. Sigmund Freud hat diese Erzählung in einer Abhandlung über das Unheimliche aufgegriffen. Wenn ich Hoffmanns Erzählungen heute lese, schaudert es mich noch immer. All diese kleinen verkrümmten Gestalten, die das Schicksal in der Hand halten, die Seele zusammendrücken wie einen Schwamm, Ängste, wirklich allerschlimmste Ängste darstellen – und all das ist dann kondensiert in einem einzigen surrealen Figürchen. Das ist wirklich genial.

In Ihrem Roman sind die Bilder zwar geheimnisvoll, aber nicht schauerlich. Welchen psychischen Prozess wollten Sie zeigen?

Für Anita geht es darum, eigene Schritte ins Leben zu machen, ohne die Hilfe ihrer Eltern. Zwei psychische Vorgänge sind wichtig: Zum einen fängt Anita an, sich mit ihren Eltern zu beschäftigen. Sie fragt sich, was das für Menschen sind – über das Elternsein hinaus. Ich halte es für einen wichtigen Blickwinkel, einen Schritt ins Erwachsenwerden, die Eltern als eigenständige und zum Teil fremde Menschen zu sehen. Anita wird klar, dass es bei ihren Eltern verborgene Seiten gibt. Sie findet heraus, dass beide noch eine andere Liebesbeziehung hatten. Ein zweiter wichtiger Punkt ist, dass Anita Eigenschaften und Rollen der Eltern aufgreift und damit spielt. Sie verwandelt sich in die Mutter, sie ist schön und kraftvoll, bis sie sich irgendwann auch unabhängig von der Mutter schön fühlt. Das kann sie aber nur erfahren, weil die Eltern ihr nicht ständig alles abnehmen.

Was braucht man aus Ihrer Sicht, um mehr Freiheit von der Familie zu erlangen?

Anita braucht ein eigenes Umfeld, das Familie zwar nicht ersetzt, aber an den Rand drängt. Sie hat eine Clique, für die bleibt sie immer Anita, egal welche Kleider sie überstreift. Die Kleider der Mutter wirken dort befremdlich. Diese Freundesgruppe ist eine Art Ersatzfamilie. Allerdings löst sie keinesfalls alle Probleme: Anita muss den beklemmenden Prozess durchstehen, mit den toten Eltern in der Wohnung zurechtzukommen, den Verwandlungsprozess der Eltern und auch einen eigenen auszuhalten. Und sie konfrontiert sich allein mit der Vergangenheit der Eltern. So lernt sie auch den geheimnisvollen deutschen Schriftsteller Gert De Ruit kennen, den Geliebten ihrer Mutter. Für mich war es ein großer Spaß, diesen Übermann zu ersinnen.

Gert ist eine ziemlich düstere Figur. Warum hat es Spaß gemacht, über ihn zu schreiben?

Weil er überhaupt keine Erwartungen erfüllt, niemandem verpf lichtet ist. Weil er alles darf, was Männer und Frauen, die familiengeprägt sind, eben nicht können. Ich kann all das zum Beispiel gerade nicht mehr machen. Aber auf dem Papier, da kann ich es (lacht)! Natürlich ist das nicht der Grund dafür, dass es die Figur im Roman gibt. Anita und Gert De Ruit sind Spiegelfiguren: Sie stellen beide fest, dass man erst frei agieren kann, wenn man sich von der eigenen Familie löst und Position bezieht. Gert hat sich durch sein Schreiben von seiner furchtbaren Nazifamilie befreit, davon, ein verkorkstes, ungeliebtes Kind zu sein, ein Kind, das nicht weinen darf, ein Kind, das von der Mutter vernachlässigt, aufgegeben, psychisch misshandelt wird.

Warum gehört der Nebenschauplatz einer Nazifamilie in den Roman hinein?

Mich lässt einfach die Frage nicht los, wie normale bürgerliche Familien, die Beethoven hörten und klassische Kunst verehrten, anderen Menschen so grauenhafte Dinge antun konnten wie die Shoah. Um die Familienkonstellationen in der Nazizeit besser zu verstehen, habe ich viel Literatur aus dieser Zeit gelesen. Der Atem des Unmenschlichen weht aus allen Büchern, aber am schlimmsten fand ich Johanna Haarer: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind, ein 1934 erschienener und immer wieder aufgelegter Erziehungsratgeber. Die unglaubliche Grausamkeit, die Mütter bei den Kindern angewandt haben, hat mich schockiert: das Baby nicht hochzunehmen, wenn es weint; das Baby im abgedunkelten Raum schreien zu lassen, bis es aufgibt. So werden Liebe und gegenseitiges Vertrauen abgetötet. Natürlich steckte bei den Nazis Kalkül dahinter: So ein Kind verlässt leichter die Familie, um sich einer anderen Gruppe zuzuwenden, dem Volk und dem Führer. Und eine Mutter kann solche Kinder, die sie sich verwehrt hat zu lieben, auch leichter wegschicken.

Das Buch von Johanna Haarer wurde bis in die 1980er Jahre verkauft. Spielt die Härte der NS-Zeit Ihrer Ansicht nach in Familien heute noch eine Rolle?

In der Erziehung hat sich zum Glück viel getan. Ich erlebe heute Eltern und Kinder stärker partnerschaftlich, die schwarze Pädagogik ist so gut wie verschwunden. Ich gebe allerdings zu, dass ich eine Schulphobie habe. Schulen sind für mich schwierige Orte – aber es sind keine Prügelanstalten. Allerdings sehe ich für Kinder und Familien mittlerweile andere gesellschaftliche Schwierigkeiten. Ich finde es gruselig, wie stark Kinder von ihren Eltern überfrachtet werden, wie und wo sie überall funktionieren sollen. In meinem Roman Kürzere Tage habe ich das Thema Optimierungszwang aufgegriffen. Es geht um zwei Frauen, die beide übertriebene Ansprüche haben und perfektionistisch probieren, die eigene Familie gut zu gestalten. Leonie und Judith sind in sich selbst gefangen, aber es ist letztlich eine große Unsicherheit, ein Druck, es richtig machen zu müssen, der sie antreibt. Ich finde, es ist nicht leicht, die unglaublichen Ansprüche an Familien und an Frauen konkret greif bar zu machen, habe als Mutter aber selbst oft diese Art Druck gespürt. Diesen Anspruch, dass ein Kind alles können soll – es soll sportlich sein, beliebt, musisch, gut in der Schule, kontaktfreudig, gut aussehen. Privat habe ich schnell aufgehört, Ratgeber zu lesen und mich an überzogenen Maßstäben zu orientieren. Ich habe versucht, mich ans good enough mothering zu halten, also an die Idee, Familie so gut zu gestalten, wie ich eben kann.

Neulich gab ihr die Mutter einen Koffer voller Briefe des Großvaters: „Es ist ein Schatz“, sagt Hahn

In den meisten Familien gibt es Wendepunkte: Man rauft sich neu zusammen

Von den Ansprüchen an moderne Familien handelt auch Ihr neustes Werk Aus und davon. Statt um Ablösung geht es hier darum, wie man ein Familiensystem mit verschiedenen Akteuren wieder zusammenbringt. Wie kamen Sie auf das Thema?

Ich erwähnte ja schon, dass ich eine faszinierende Großelternkindheit hatte. Zu Beginn des Buchs hat mich vor allem die Beziehung zwischen Enkeln und Großeltern interessiert. Es gibt Elisabeth, die sich ein paar Wochen lang um die beiden Enkel kümmern möchte, um der alleinerziehenden Mutter Cornelia eine Auszeit zu verschaffen. Doch so einfach ist das alles nicht, denn jeder bringt seine eigenen Befindlichkeiten mit ein: Die Großmutter Elisabeth wurde nach 50 Jahren Ehe von ihrem Mann verlassen, ihre pietistische Prägung quält sie, ihr enormes Pf lichtbewusstsein entfernt sie auch manchmal von Tochter und Enkelkindern. Entscheidend ist dann, dass die Familienmitglieder vor eine neue Situation gestellt werden, sie müssen sich zusammenraufen. Sie lernen sich neu kennen, weil sie aufeinander zurückgeworfen sind – solche Wendepunkte gibt es in den meisten Familien.

Wie gelingt es Menschen aus drei Generationen, sich neu aufeinander einzustellen?

Es hilft, sich selbst und die anderen neu zu bewerten, die Veränderungen der anderen genau wahrzunehmen und zu akzeptieren. Gerade in engen Beziehungen ist es spannend, wie sich das Bild, das man von dem anderen Menschen hat, mit den Jahren ändert. Wenn man die eigenen Eltern anschaut, aber auch den Partner oder die Partnerin und die Kinder, ist es doch so, als wäre man im Laufe der Jahrzehnte mit verschiedenen Personen zusammen. Kinder sind dafür wohl das beste Beispiel, erst sind es diese kleinen Menschen, die einen nur anhimmeln, und dann werden sie zu Teenagern, die einen vollkommen infrage stellen. Und die eigenen Eltern sind auch nicht mehr jene übermenschlichen Figuren, die sie einst waren, sondern zeigen sich schwach, man sieht, wo sie Hilfe brauchen. Sehr häufig hört man ja auch den Satz: „Jetzt, wo ich selbst Kinder habe, kapiere ich, warum meine Mutter so viel Angst um mich hatte.“ Das sind Erkenntnisse, bei denen man merkt, dass sich Sichtweisen, Rollen, Einschätzungen ändern. Davon habe ich in Aus und davon erzählt. In Familien ist alles immer in Bewegung.

Sie schlagen den Bogen auch zur Urgroßmutter. Dieser Teil der Familiengeschichte wird erzählt vom „Linsenmaier“, einer mit Linsen gefüllten Stofffigur, über vier Generationen weitergereicht. Dieser Erzähler ist in allen Wirrungen die einzige Figur, die immer gleich bleibt.

Stimmt, und er ist nicht umsonst mit Linsen gefüllt! Er ist zwar ein guter Erzähler und ein witziger Typ, aber er ist eben kein Mensch – im Gegensatz zu den anderen Figuren. Es ist komplex. Familie, das sind letztlich nicht nur die, die jetzt in der Gegenwart leben, das sind alle, die hinter uns stehen, die vor uns waren, die nach uns kommen, und allein dadurch, dass es so eine lange Linie von Einf lüssen gibt, kann das Gebilde gar nicht statisch sein.

Bruno, ein übergewichtiger Grundschüler, findet einen Draht zu Elisabeth, seiner Großmutter. War das der Ausgangspunkt der Geschichte?

Genau. Und es war eine bewusste Entscheidung, das Tabuthema des dicken Kindes aufzugreifen. Alkoholismus und Fettsucht sind in unserer Gesellschaft täglich sichtbar, werden aber gleichzeitig geahndet. Dicke Menschen werden für schwach gehalten und oft verachtet. So geht es auch Bruno. Seine Mutter, eine Physiotherapeutin, meint es gut, aber sie geht teilweise grausam mit ihrem Sohn um, ist verzweifelt, dass sie seinen Körper nicht schlank kriegt. Die Großmutter hat da eine lässigere Art, sie macht dann halt Fertignudeln, damit es überhaupt Essen gibt, und plagt sich nicht mit der Gemüsekiste. Die neue Sicht der Großmutter auf Bruno verändert etwas – und das ganze System balanciert sich neu aus.

Wenn man sich Ihre Romane anschaut, gibt es eine Entwicklung. Kann es sein, dass der Blick auf Familien und Beziehungen hoffnungsvoller und heiterer geworden ist?

Tatsächlich habe ich auch selbst den Eindruck, dass ich zuversichtlicher geworden bin. Die Figuren haben nach wie vor Ecken und Kanten, aber sie schaffen es, mit ihren Problemen besser umzugehen. Mein düsterster Roman Am Schwarzen Berg war für mich selbst eine Zäsur. Dort gibt es keinen Ausweg und alles endet in Sucht, Ratlosigkeit, Destruktion. Ich denke schon, dass ich mittlerweile mehr von der Hoffnung getragen werde, dass Menschen sich positiv entwickeln können. Letztlich glaube ich: Wenn man Kinder in die Welt setzt, ist dies ohnehin das größte Hoffnungszeichen, das es gibt. Dahinter steckt doch der Wunsch, dass es irgendwie weitergeht, dass etwas Neues entsteht. Daran glaube ich. Und das verbietet ein vollständiges Abtauchen in Verzweif lung.

Psychologie und Literatur

In unserer Serie sprachen zuletzt:

Helga Schubert über das Erinnern (Heft 12/2021)

Judith Hermann über das Trennende zwischen Liebenden (Heft 9/2021)

Thomas Hettche über das Märchenhafte im Alltäglichen (Heft 6/2021)

Anke Stelling über subtile soziale Ausgrenzung (Heft 3/2021)

Raphaela Edelbauer über das Mysterium der Zeit (Heft 12/2020)

Benjamin Maack über die Innenansicht eines Zusammenbruchs (Heft 9/2020)

Daniel Kehlmann über Magie und Wissenschaft (Heft 6/2020)

… und viele mehr. Sie können diese Hefte über unsere Website nachbestellen: psychologie-heute.de/shop

Leseprobe

Cornelias Kaffeebecher steht noch auf dem Wochenblatt, das beim Kreuzworträtsel aufgeschlagen ist. Das Gitter ist leer, bis auf ein paar braune Spritzer und ein einziges Wort. Zerstörung durch Feuer: BRAND. Elisabeth rümpft die Nase, schiebt die Tasse darüber. Am Rand der griechischen Flagge klebt Lippenstift. Cornelia möchte sich nicht von dem hässlichen Pott trennen, auch nicht von der kleinen Mokkakanne aus Messing. Dimitrios und Cornelia sind schon eine Weile geschieden. „Wir kommen besser klar als vorher“, behauptet ihre Tochter. Kunststück, wenn man sich bloß einmal die Woche per Skype unterhalten muss. Elisabeth steht auf und räumt den Becher in die Spüle. Aus der Obstschale steigt ein Schwarm Fruchtf liegen auf, als Elisabeth sie anhebt, um die Zettel darunter hervorzuziehen. Cornelias unruhige Schrift eilt schräg über das Papier. Sie hat die Blätter gefaltet und so in zwei Spalten aufgeteilt. „Bruno“ steht über der einen, „Stella“ über der anderen. Elisabeth entziffert Namen und Telefonnummer der Kinderärztin. In Brunos Rubrik springen ein paar Zeilen in Blockbuchstaben hervor: „keine Dosen, keine Fertiggerichte, keine Fertigsaucen“. Cornelia hat ihre Mahnungen doppelt unterstrichen. „Rezepte im roten Ordner. Süßigkeiten, Eis und Limo absolut tabu.“

Aus dem Roman Aus und davon von Anna Katharina Hahn. Suhrkamp, Berlin 2020