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Wir bleiben zu HAUSE


Welt am Sonntag Gesamtausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 34/2021 vom 22.08.2021

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Bildquelle: Welt am Sonntag Gesamtausgabe, Ausgabe 34/2021

Fünf Chemnitzer Mütter mit ihren Kindern. Die Frauen engagieren sich in dem Verein ?Nestbau?

Es ist ein sonniger Sommertag, an dem sich die fünf Frauen treffen. Romy Richter, 39, Christina Werner, 38, Leonore Stoll, 36, Maria Jentsch, 33, und Ina Kreiselmeier, 42 aus Chemnitz. Sie haben den langen Tisch unter dem Apfelbaum aufgebaut, es gibt Kuchen, Gemüsesticks und frische Beeren aus dem Garten. Um die Frauen herum wuseln Kinder allen Alters, sie springen auf dem Trampolin, klettern auf Bäume. Ihre Kinder. Ein ganzes Rudel.

Die Frauen sind gekommen, um über sich zu sprechen, über das Lebensmodell, das sie für sich gewählt haben und das in Deutschland aus der Mode gekommen ist: das der Vollzeitmutter. Früher einmal war es der Standard in den Familien, der Mann verdient, die Frau kümmert sich um Haus und Kinder. Dann kamen die Emanzipation und die weibliche Bildungsexpansion und das Elterngeld und der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz ab dem ersten Geburtstag. Mutterschaft und ...

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... berufliche Erfüllung sollten sich nicht mehr ausschließen, vor allem im Westen haben Frauen hart dafür gekämpft. Im Osten, wo die fünf Frauen aufgewachsen sind, war das Ideal der werktätigen Frau ohnehin Staatsräson.

Die Erwerbstätigenquote von Müttern liegt bei 71,1 Prozent, im Schnitt – schon zwischen dem ersten und zweiten Geburtstag des Kindes geht gut die Hälfte der Mütter wieder arbeiten, nach dem dritten Geburtstag dann fast drei Viertel. „Keine Rentenpunkte für Kindererziehung können jemals eine eigene Erwerbstätigkeit aufwiegen. Wir müssen die Frauen stärker auf diese Negativperspektive hinweisen“, hat die frühere Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) einmal schonungslos gesagt. Auch dem Ehegattensplitting wollen SPD, Grüne und Linke an den Kragen. Die Vollzeitmutter, so fühlt es sich für die Chemnitzer Mütter an, ist heute ein als gestrig gebrandmarktes Auslaufmodell.

„FÜHLT SICH NATÜRLICH AN“

„In unserer Gesellschaft wird suggeriert, dass unsere Arbeit nichts wert ist, unser Modell gilt als reaktionär“, sagt Leonore Stoll, die gerade mit ihrem vierten Kind schwanger ist. „Dabei wird überhaupt nicht gesehen, dass es Frauen gibt, die gerne so leben.“ Stoll und ihr Mann Kai haben früh geheiratet, das erste Kind kam bereits am Ende ihres Pädagogikstudiums, seitdem kümmert sie sich um die wachsende Kinderschar, ihr Mann verdient das Geld. „Es fühlte sich für uns natürlich an, das so zu organisieren“, sagt sie. „Für mich ist das einfach ein ganz großes Geschenk.“ Die Stolls engagieren sich in der Kirche, ebenso wie die anderen Mütter am Tisch sind sie tief im Glauben verwurzelt. „Auch wir waren nie in der Krippe“, sagt Stoll. „Meine Schwiegermutter hat immer gesagt: Wir haben unsere Kinder für uns bekommen, nicht für den Staat.“ Ein Satz, den auch Maria Jentsch unter-streicht. „Wenn ich zu Hause bin, kann ich meinen vier Kindern meine Wertevorstellungen und meinen Glauben mitgeben“, sagt sie. „Es klingst seltsam, aber ich habe als Mutter einen unglaublichen Einfluss. Für mich wäre es undenkbar, diese Aufgabe in die Hand von fremden Erziehern zu geben. All die ersten Male, die ersten Worte, die ersten Schritte – es wäre für mich sehr schmerzlich, wenn ich nicht dabei wäre.“ Ihre Kinder hat sie erst im Vorschulalter in die Kita gegeben.

DAS BABY IN DIE KRIPPE GEBEN? DAS HÄTTE ICH NICHT AUSGEHALTEN

INA KREISELMEIER, Vollzeitmutter

Die fünf Frauen engagieren sich im Verein „Nestbau“, um sich zu bestärken und „das wunderbare Leben als Familienfrauen zu teilen“, wie Romy Richter sagt. Die 39-jährige Logopädin und Mutter von drei Kindern hat den Verein 2015 mit ins Leben gerufen: „Wir haben selbst durchweg positive Erfahrungen mit der häuslichen Betreuung unserer U3-Kinder gemacht und wollten dieses wertvolle Familienmodell wider allen gesellschaftlichen Trend erhalten sehen,“

Richter hat die Erfahrung gemacht, dass viele Mütter sich gar nicht bewusst darüber sind, dass ihnen eine Elternzeit von drei Jahren zusteht, obwohl das Basis-Elterngeld nur das erste Jahr gezahlt wird. Vielen Schwangeren werde schon vor der Geburt die Entscheidung abverlangt, wann sie in den Job zurückkehren. „Das ist viel zu früh. Ich wünsche mir, dass Eltern sich die Freiheit nehmen, auf die individuelle Entwicklung ihres Kindes zu schauen und auf seine Signale zu achten, wann es reif ist für einen Kindergartenbesuch.“ Für den Aufbau einer sicheren Bindung seien die ersten drei Lebensjahre essenziell. „Wir wollen Mütter ermutigen, die drei Jahre Elternzeit, die ihnen zustehen, auch in Anspruch zu nehmen.“

Ina Kreiselmeier hat für das Familienprojekt beruflich komplett umgesteuert. Während ihrer Ausbildung zur Europa- Sekretärin und des Studiums der Wirtschaftsgeografie habe sie lange auswärts gelebt und gearbeitet. „Mit Ende 20 habe ich dann gespürt, dass ich nicht nur Karriere machen will. Das Familienbild, das ich mir gewünscht habe, konnte ich mit diesem Lebensstil nicht leben.“ Heute ist Kreiselmeier selbstständig mit einer Praxis für Naturkosmetik und Massagen, die sie mit ihrer Mutter aufgebaut hat. Das Setting habe es ihr ermöglicht, ihre beiden Kinder zu Hause zu betreuen. „Ich hätte es emotional auch gar nicht ausgehalten, sie schon als Baby in eine Krippe zu geben“, sagt sie. „Eine Fremdbetreuung in so frühen Jahren folgt ausschließlich wirtschaftlichen Interessen.“

Dass viele Familien schon finanziell darauf angewiesen sind, dass beide Elternteile verdienen, erkennen die fünf Mütter durchaus an. An einigen Stellschrauben könne man aber selbst drehen. „Wir haben uns bewusst entschieden, auf Luxus und Möglichkeiten zu verzichten“, sagt Christina Werner. „Wir gehen gerne campen und kaufen auch vieles gebraucht. Das gehört für uns auch zur Wertevermittlung: Es bedeutet ja auch, nachhaltig zu leben und dass man sich nicht alles sofort kaufen kann.“ Das sächsische Landeserziehungsgeld könne wenigstens etwas abfedern. Eine Rückkehr in ihren Job als Zahnarzthelferin kann sich die vierfache Mutter nicht so bald und auch nur Teilzeit vorstellen. „Ich genieße es, ein offenes Ohr und ein offenes Haus für meine Kinder, ihre Freunde und andere Beziehungen zu haben. Und ich will auch Zeit für mein Ehrenamt in der Gemeinde haben.“

BÜRDE FÜR DEN EHEMANN

Wer die fünf Frauen reden hört, könnte glauben, dass es die Unwägbarkeiten des Lebens gar nicht gibt: auseinanderbrechende Beziehungen, Scheidung, Krieg ums Kind, Minilöhne, Altersarmut. Haben sie keine Angst vor so etwas? Und was sagen ihre Männer? Wie finden sie es, die finanzielle Verantwortung allein zu tragen? „Diese Bürde trage ich einfach“, sagt Leonores Mann Kai schlicht. „Zu Hause ist mein sicherer Bereich, in dem ich Entspannung finde und wo ich abschalten kann – sofern das mit kleinen Kindern möglich ist.“ Stoll ist voller Hochachtung für die Arbeit seiner Frau: „Was sie leistet, das könnte ich nicht.“ Dass das Alleinverdienermodell ein Wagnis ist, will er nicht in Abrede stellen. „Aber ich vertraue auf uns. Wir sollten nicht immer bangen, was kommen kann. Es ist richtig und gut, im Hier und Jetzt glücklich zu sein.“

Gottvertrauen. So etwa könnte man die Haltung beschreiben, die die fünf Familien trägt. Und dennoch, ein wenig Zweifel schleichen sich ein. Was, wenn mir zu Hause die Decke auf den Kopf fällt? Was, wenn die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt doch nicht gelingt?„Mein Selbstbewusstsein ist mit dem vierten Kind explodiert“, sagt Maria Jentsch. „Jetzt haut mich nichts mehr um. Und die Arbeitgeber können sich eigentlich die Finger lecken nach so krisenresistenten und multitaskingfähigen Arbeitnehmerinnen, wie Mütter es sind.“