Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 5 Min.

„Wir brauchen ein neues Kindergeld“


Leben & erziehen - epaper ⋅ Ausgabe 11/2020 vom 24.09.2020

Franziska Giffey (SPD) ist seit zweieinhalb Jahren Familienministerin - und seit elf Jahren Mama eines Sohnes. Wir haben die 42-Jährige zum exklusiven Interview auf einem Berliner Spielplatz getroffen und mit ihr darüber gesprochen, wie sie Eltern im Jahr der Pandemie unterstützt, warum sie ein neues Kindergeld fordert und welchen schönen Traum sie manchmal hat


UNSER INTERVIEW MIT FAMILIENMINISTERIN FRANZISKA GIFFEY

Artikelbild für den Artikel "„Wir brauchen ein neues Kindergeld“" aus der Ausgabe 11/2020 von Leben & erziehen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Leben & erziehen, Ausgabe 11/2020

Treffpunkt Ritterburg-Spielplatz! Den Ort für das Interview schlug die Ministerin auf unsere Bitte selbst vor - weil sie findet, dass das 13 000 qm große Areal im Stadtteil Neukölln zu ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Leben & erziehen. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 11/2020 von Team Stoffwindel. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Team Stoffwindel
Titelbild der Ausgabe 11/2020 von “Aus ökologischer Sicht macht es keinen Unterschied“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
“Aus ökologischer Sicht macht es keinen Unterschied“
Titelbild der Ausgabe 11/2020 von Hi, da bin ich wieder!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Hi, da bin ich wieder!
Titelbild der Ausgabe 11/2020 von Vanessa bekam erst Zwillinge … und dann Drillinge. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Vanessa bekam erst Zwillinge … und dann Drillinge
Titelbild der Ausgabe 11/2020 von Sucht ihr noch - oder sammelt ihr schon?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Sucht ihr noch - oder sammelt ihr schon?
Titelbild der Ausgabe 11/2020 von Ein guter Ort für ein zweites Zuhause. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Ein guter Ort für ein zweites Zuhause
Vorheriger Artikel
Hi, da bin ich wieder!
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Vanessa bekam erst Zwillinge … und dann Drillinge
aus dieser Ausgabe

Treffpunkt Ritterburg-Spielplatz! Den Ort für das Interview schlug die Ministerin auf unsere Bitte selbst vor - weil sie findet, dass das 13 000 qm große Areal im Stadtteil Neukölln zu Berlins besten Spielplätzen zählt


Leben & erziehen: Liebe Frau Giffey, wie waren die vergangenen sechs Monate für Sie - nicht nur als Politikerin, sondern vor allem auch als Mutter?

Franziska Giffey: Es war keine leichte Zeit. Solch eine Krise als Ministerin in Verantwortung für die Familien, für die Kinder in diesem Land zu erleben, zum anderen aber eben auch als Mutter: Das war natürlich auch für mich ein Ausnahmezustand. Und anfangs war es auch für uns als Familie - wie ja für Millionen andere - eine riesige Herausforderung, das alles hinzubekommen.

Wie haben Sie sich organisiert?

90 Prozent meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben im Homeoffi ce gearbeitet, das ging durch unsere digitale Aktenführung sehr gut, die komplette Ausrüstung für das fl exible Arbeiten zu Hause war aus Vereinbarkeitsgründen auch schon vor der Pandemie vorhanden. Der innerste Leitungsstab aber kam ins Ministerium - ich war also jeden Tag im Büro. Zu Hause haben wir uns das aufgeteilt, auch beim Homeschooling.

Hat Ihnen da Ihr Lehramtsstudium weitergeholfen?

Ach, ich glaube: Wenn man einigermaßen zugewandt mit seinen Kindern umgeht und sich auch mal die Zeit nimmt, um sich mit dem Stoff zu beschäftigen, dann braucht man dafür kein Lehramtsstudium. Außerdem haben wir Glück, unser Sohn hat das auch selbstständig ganz gut hinbekommen. Da haben auch die technischen Möglichkeiten geholfen, mit denen sich die Kinder untereinander austauschen können.

Sie haben sich in der Krise viel für Familien eingesetzt, aber es gab auch Kritik: 9 Milliarden für die Lufthansa - und 4,3 Milliarden Euro für den Kinderbonus: Ist das gerecht?

Der Kinderbonus ist ja nur eine Leistung. Insgesamt gab es viel mehr Geld für Kinder und Familien. Und außerdem ist es nicht richtig, die Wirtschaft hier gegen die Familien zu stellen. Wenn Millionen von Arbeitsplätzen in der Wirtschaft gerettet werden, dann heißt das, dass Millionen von Familienmüttern und vätern ihren Kindern nicht erklären mussten, dass sie arbeitslos geworden sind und nicht wissen, wie es weitergeht. Das Kurzarbeitergeld wird jetzt noch mal von 12 auf 24 Monate verlängert: Das sind MilliardenBeträge, die am Ende eben auch den Familien zugutekommen.

Viele Eltern fi nden aber die Summe, die direkt bei ihnen ankommt, unverhältnismäßig: 300 Euro als Einmalzahlung …

Der Kinderbonus ist ja nicht dafür gedacht, die KitaSchließzeiten zu kompensieren, sondern er soll vor allem die Konjunktur ankurbeln. Er ist eine Finanzspritze für Familien, die es ihnen ermöglichen soll, etwas für die Kinder anzuschaffen oder etwas zu unternehmen. Und alle, die sich daran hochziehen, lassen leider außer Acht, dass der Kinderbonus nicht alles ist, was es an Unterstützung gibt: Wir haben gerade erst das Kindergeld erhöht. In dieser Größenordnung fi ndet man das in kaum einem anderen Land der Welt. Außerdem haben wir den Kinderzuschlag im April auch für Eltern zugänglich gemacht, die akut durch Corona spürbare Einkommenseinbußen hatten. Inzwischen helfen wir damit fast einer Million Kindern. Es gibt pro Monat und Kind bis zu 185 Euro - und zwar zusätzlich zum Kindergeld. On top werden diese Eltern noch von den KitaGebühren befreit und haben diverse andere fi nanzielle Vorzüge wie das Schulstarterpaket mit 150 Euro pro Kind pro Schuljahr, kostenlose Schülerfahrkarten, Mittagessen in Kita und Schule und kostenlose Nachhilfe. Das Problem ist nur: Viele wissen gar nicht, dass es das alles gibt und dass sie darauf einen Anspruch haben.

Aber ist das dann nicht ein Kommunikationsproblem der Politik?

Wir versuchen mit allen Kräften, die Menschen zu erreichen. Durch Entbürokratisierung und Digitalisierung sind wir schon ein ganzes Stück weiter: Man braucht für den Antrag unter www.kizdigital. de keine 15 Minuten, ein Assistent führt einen da sehr unkompliziert durch. Außerdem haben wir übersichtliche Infobroschüren zu den verschiedenen Leistungen für Familien entworfen. Zum Beispiel unser „StarkeFamilienCheckheft“. Aber da ist natürlich noch Luft nach oben.

Wie ließe sich das ändern?

Wir müssen die Anträge noch weiter entschlacken, einfacher machen und digital zur Verfügung stellen. Es darf nicht sein, dass Menschen, denen die Zuschläge zustehen, an diesem Schritt scheitern, weil sie glauben, ein halbes Verwaltungsstudium für die Antragstellung zu brauchen. Im Moment gibt es einen bunten Strauß von Dingen, bei denen viele schlicht nicht durchblicken. Wir müssen diese Leistungen zusammenfassen, bündeln - im Grunde muss eine Art neues Kindergeld her. Mit einem BasisBetrag, den jeder bekommt, aber eben auch mit einem einkommensabhängigen Betrag, mit dem man sich alle zusätzlichen Anträge sparen kann.

Coronakonformes Interview in einem Spielhäuschen - mit Abstand natürlich: Chefredakteurin Claudia Weingärtner und Herausgeber Christian Personn im Gespräch mit Franziska Giffey


Das klingt gut - aber auch nach einem langen Weg. Ähnlich wie bei der Verankerung der Kinderrechte im Grundgesetz: Das läuft zäh, oder?

Ja, leider. Eigentlich steht das ja im Koalitionsvertrag, aber wir kommen mit der Union da nicht voran. Wir Sozialdemokraten sind weiterhin ganz klar dafür, die Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern, das wäre ein starkes Zeichen, welchen Stellenwert Kinder in unserer Gesellschaft haben. Auch Kinderhilfsorganisationen sehen das so. Es geht ja um drei Punkte: um das Recht auf Schutz für Kinder, das Recht auf Förderung und das Recht auf Beteiligung. Und besonders bei Letzterem haben wir in der Koalition sehr unterschiedliche Auffassungen. Ich bin der Meinung, dass Kinder bei den Fragen, die sie betreffen, mehr einbezogen werden sollten. Das fängt bei der Gestaltung eines neuen Spielplatzes an und reicht bis zu einer kindgerechten Justiz bei Sorgerechtsprozessen oder Missbrauchsverfahren.

Stichwort Spielplätze: War es eine gute Idee, die dichtzumachen?

Wir hatten zu Beginn der Pandemie deutlich weniger Erkenntnisse über die Krankheit und ihre Verbreitung, da stand einfach der Gesundheitsschutz an erster Stelle, weil wir mit aller Macht hohe Infektionszahlen verhindern mussten. Aus der damaligen Perspektive war das richtig.

Wird das noch einmal passieren?

Das halte ich für nahezu ausgeschlossen. Inzwischen wissen wir, dass an der frischen Luft die Ansteckungsgefahr deutlich geringer ist und Spielplätze keine Orte sind, an denen man sich leicht infi ziert. In den Städten sind die Spielplätze oft die einzigen Flächen, auf denen Kinder draußen spielen können. Deshalb ist es so wichtig, dass sie offen bleiben.

… und die Kitas und Schulen?

Auch da müssen und werden wir alles tun, um neue fl ächendeckende Schließungen zu verhindern. Wir haben jetzt eine andere Ausgangslage, sind besser vorbereitet. Wir wissen, wie wir uns schützen können - und empfehlen derzeit, wenn irgendwo ein Fall auftritt: schnell reagieren, die Infektionsketten verfolgen und eingrenzen, testen, Kontakte unterbinden, die betroffenen Gruppen in Quarantäne schicken, HygieneKonzepte weiter ernst nehmen. Aber keine komplette Schließung, sondern punktuell und regional vorgehen.

Was raten Sie Eltern, die mit Sorge in den Herbst und Winter blicken?

Vernünftig bleiben und auch die Kinder dabei unterstützen. Nicht mit Fieber in die Kita. Weiter auf Hygiene und gute Raumbelüftung achten. Außerdem bitte: die gute Laune nicht verlieren, trotz allem! Und die Arbeit zu Hause fair aufteilen.

Darüber können Alleinerziehende aber ja nur laut lachen, oder?

Mir ist natürlich klar, dass Alleinerziehende stärker belastet sind, gerade auch jetzt. Deshalb unterstützen wir sie auch in besonderer Weise: mit dem erleichterten Zugang zur Notbetreuung, zum Kinderzuschlag und zum Unterhaltsvorschuss. Und wir haben den steuerlichen Entlastungsbetrag für Alleinerziehende mehr als verdoppelt.

Am Ende können Sie als Politikerin es aber ja auch nicht allen recht machen. Nervt Sie das manchmal?

Wäre es nicht eine schöne Vorstellung, an einem Ort zu arbeiten, an dem man viele glückliche Menschen erlebt? Neulich wurde ich von Gründerinnen gefragt, was meine Geschäftsidee wäre, sollte ich mich mal selbstständig machen. Vermutlich wäre es eine Eisdiele, benannt nach meinen Lieblingseissorten: „SchokoVanille“.

Gute Laune: Während die Ministerin unsere Fragen beantwortete, rieselte von dem Kletterturm über uns immer mal wieder Sand von spielenden Kindern auf ihren Kopf - sie nahm’s gelassen


Vielen Dank für das Gespräch!


FOTOS: PARWEZ