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„Wir haben es in der Hand!“


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Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 01.07.2022
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Gegenüber der letzten Saison vor Corona, also der Saison 2018/19, sind die Zuschauerzahlen in der von Lockdowns durchzogenen Saison 2020/21 um über 80 Prozent zurückgegangen. Frau Schmitz, wie ordnen Sie diese Veränderungen ein?

CLAUDIA SCHMITZ In der vorangegangenen Saison 2019/20 begann der Lockdown erst im März, sodass die Rückgänge beim Publikum damals nicht so stark ausfielen. In der Saison 2020/21 sind wir nur kurz gestartet und dann in einen längeren Lockdown gegangen …

…und zum Schluss der Spielzeit konnte wieder gespielt werden, aber mit strikten Zugangsbeschränkungen. Ist dieser massive Rückgang der Besucherzahlen eher eine historische Zäsur oder ein schmerzlicher, aber zeitlich begrenzter Einbruch?

CLAUDIA SCHMITZ Keines von beidem. Von einer historischen Zäsur zu sprechen kommt mir verfrüht vor. Ich denke, dass sich eine Gesellschaft angesichts einer Pandemie transformiert; es wäre ...

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... falsch, die Entwicklung der letzten beiden Jahre zu bagatellisieren und zu behaupten, dass es nachher wieder so sein wird wie zuvor.

Mir ist noch gar nicht klar, wie die „postpandemische“ Situation sein wird – werden wir weiterhin in einer sich vorsichtig zurückhaltenden, in Wellen zur Virusaktivität entwickelnden Gesellschaft leben?

Jedenfalls konnten wir in der Pandemie erleben, dass die Bühnen ohne Publikum ihres Sinns beraubt waren. Das hat alle Häuser in eine groteske Situation geführt – einen Proben- und Produktionsbetrieb ohne ein Publikum.

Es hat den Anschein, dass sich die Theaterszene während der Pandemie noch stärker als zuvor mit sich selbst beschäftigt hat. Die Diskussionen über Arbeitsbedingungen, Diversitätsthemen und Führungsstrukturen haben zugenommen. Sehen Sie die Gefahr, dass die Theater den Kontakt mit den Menschen außerhalb der „Theaterblase“ vernachlässigen?

CLAUDIA SCHMITZ Mein Eindruck ist schon, dass die Pandemie als Katalysator für innerbetriebliche Prozesse gewirkt hat, die in dieser Zeit aufgekommen sind. Der Bühnenverein hat sich in den letzten Jahren sinnvollerweise mit strukturellen Themen der Theater beschäftigt: Nachhaltigkeit, Wertebasierter Verhaltenskodex. Jetzt aber ist es an der Zeit, dass wir zu dem Innenblick den Außenblick nehmen.

Vor genau einem Jahr führten wir das erste Gespräch mit Ihnen. Damals meinten Sie, dass das Publikum bereit sei, wiederzukommen. Hat sich da im letzten Jahr etwas verändert?

CLAUDIA SCHMITZ Das war im Mai 2021, da kamen die Menschen enthusiastisch zurück. Dann folgte der lange Winter, der mit den Menschen etwas gemacht hat. Die Gesellschaft wurde mürbe. Und nun kommt noch der Krieg dazu. Deshalb ist es nicht so, dass ein Ende der Krise klar zu markieren wäre. Während die Pandemie noch weiterläuft, kommt ein neues Ereignis, das uns als Gesellschaft tief berührt und trifft. Und es werden Fragen gestellt: in welcher Form Kunst jetzt noch Sinn macht und in welcher Form man sie derzeit rezipieren kann. Es liegt also keine Befreiungssituation vor, sodass mit einem Schlag das Leben wieder losgehen kann.

CLAUDIA SCHMITZ

» 1970 geboren » Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Trier

» nach dem 2. juristischen Examen von 1996 bis 2000

Referentin des Generalintendanten am Nationaltheater Mannheim

» 2000 bis 2002 Leiterin des Künstlerischen Betriebsbüros am Musiktheater der Theater und Philharmonie Essen

» 2002 bis 2006 Verwaltungsund Organisationsleiterin bei der Gründung des JES – Junges Ensemble Stuttgart

» 2006 bis 2011 Verwaltungsdirektorin und Geschäftsführerin des Deutschen Theaters in Göttingen

» 2011 bis 2016 Verwaltungsdirektorin und Stellvertretende Generalintendantin am Staatstheater Braunschweig

» 2016 bis 2022 Kaufmännische Geschäftsführerin am Düsseldorfer Schauspielhaus

» Seit Januar 2022 Geschäftsführende Direktorin des Deutschen Bühnenvereins

Vielmehr türmt sich in dieser Zeit ein Problem auf das andere. Wir werden in jedem Fall nicht in den Status der Gesellschaft zurückkehren, in der sie Anfang 2020 war.

Müssen die Theater etwas ändern in der Ansprache des Publikums?

CLAUDIA SCHMITZ Da sich die Gesellschaft verändert hat, müssen auch die Bühnen in eine Transformation eintreten. Dabei bin ich sicher, dass sie Orte der Begegnung bleiben. Ich glaube allerdings, dass man in der Ansprache des Publikums stärker auf digitale Medien setzen muss.

Die Welt hat sich an die digitale Kommunikation gewöhnt. Und dass das nicht nur schlecht ist, merken wir etwa bei digitalen Sitzungen. Sie können reale Treffen vor Ort nicht grundsätzlich ersetzen, sind aber eine hervorragende, Zeit und Ressourcen sparende Ergänzung.

Ist das Theaterabo noch zeitgemäß? Müssen neue Strategien fürs Ticketing her?

CLAUDIA SCHMITZ Eine langfristige Planbarkeit des Abos ist in diesen Zeiten schwierig. Deswegen geht die Tendenz wohl weiter zu kurzfristigen Angeboten.

Wichtig wird sein, die Programme den unterschiedlichen Interessengruppen spezifisch nahezubringen. Und das wirkt sich nicht nur auf Marketing und Vertriebsstrukturen aus, es wird auch Einfluss auf die Narrative nehmen. Das Publikum wird diverser; das Stadttheaterpublikum existiert nicht mehr, vielmehr existieren verschiedene Gruppen, die sich für bestimmte inhaltlich diversifizierte Programme interessieren.

Ältere Menschen sind immer noch ein wichtiger Teil des Publikums. Hilft das Abosystem nicht, sie wieder in die Häuser zu bekommen?

CLAUDIA SCHMITZ Ich höre dazu aus den Häusern Unterschiedliches. Manche Abonnenten wollen ihr Abo weiter aussetzen, sind also verunsichert, planen aber wiederzukommen. Es gibt aber auch Berichte, dass gerade die Älteren zurückkommen. Die uns fehlende Publikumsschicht sind ja weder die ganz Jungen noch die ganz alten Menschen, sondern die dazwischen, die über den Start ins Berufsleben und Familiengründung dem Theater abhanden kommen. Die gewinnt man nicht mit der klassischen Abokampagne zurück. Die zu klärende Frage wird sein, für welche Erzählungen und Formate sich diese Menschen interessieren.

Sie sprechen also nicht nur von Marketing und Kartenverkauf. Inwiefern sollte sich die Ansprache des Publikums noch ändern?

CLAUDIA SCHMITZ Ich glaube, die räumliche Öffnung der Theater, was Basel im Foyer gemacht hat und Düsseldorf oder jetzt Kassel, ist ein wichtiger Schritt, der zu funktionieren verspricht. Auch die Bürgerbühnen oder Stadtkollektive sind durch die inhaltliche Beteiligung, ihren partizipativen Charakter in dieser Zeit wichtig und laden auch andere Menschen in die Häuser ein.

Wie ist denn aktuell die Stimmung in den Theatern nach zwei Jahren kräftezehrender Pandemie?

CLAUDIA SCHMITZ Die letzten Monate waren die schwierigsten. Man durfte zwar öffnen, konnte durch die zahlreichen Infektionen innerhalb der Ensembles und der Häuser aber nicht mehr zuverlässig planen. Das hat bei den Mitarbeitenden an den Nerven gezehrt, aber auch bei den Zuschauer:innen. Eine kurzfristige Absage macht man mal mit, wenn sich das aber häuft, wird es für die Bühnen schwierig.

Dazu kommt die Diskussion vieler Häuser mit ihren Rechtsträgern über die finanzielle Ausstattung. Alle wissen, dass die Kassen der Kommunen strapaziert wurden. Und jeder weiß, dass, wenn die Bundespolitik Geld gegeben hat, es andernorts fehlt. Deswegen überlegen wir, wie wir mit den Ende dieses Jahres auslaufenden Programmen, wie Neustart Kultur, umzugehen haben. Wir sind noch weit von einem Neustart entfernt. Alle teilen das Bewusstsein, dass wir aus einer schwierigen Situation in eine neue schwierige Lage kommen, von der wir die Details noch gar nicht kennen.

Die gerade explodierenden Energiepreise betreffen auch die Theater. Gleichzeitig sprechen wir mit den Gewerkschaften über die notwendige Erhöhung von Mindestgagen. Eigentlich erhöht sich der Druck derzeit von allen Seiten. Und das wird eine große Herausforderung.

„Es liegt keine Befreiungssituation vor, sodass mit einem Schlag das Leben wieder losgehen kann.“

Claudia Schmitz

Ist es in dieser Situation Ziel des Bühnenvereins, die Politik vom alleinigen Blick auf Auslastungszahlen abzubringen?

CLAUDIA SCHMITZ Ich glaube, dass es kurzsichtig ist, wenn wir bei den alten Kennzahlen bleiben. Wir machen uns gerade vielseitig Gedanken über Nachhaltigkeit. In einer sich ändernden Gesellschaft müssen auch die Bühnen den Raum für eine Transformation haben; da wäre es kulturpolitisch falsch, den Druck auf sie zu erhöhen und weiter nur auf die Auslastungszahlen zu starren.

Letztlich entscheidet sich ja Theaterkunst vor Ort: In jeder Stadt, an jedem Haus und in jeder Kommune sind die Bedingungen unterschiedlich. Was kann der Bühnenverein als Bundesverband in dieser kulturpolitisch heiklen Konstellation tun?

Immerhin stehen auch Kürzungen von Kulturetats bevor, und die enormen Publikumsrückgänge sind kein gutes Argument für die Theater.

CLAUDIA SCHMITZ Der Bühnenverein braucht starke Argumente, um bei den Rechtsträgern für den Prozess der Transformation zu werben. Diesen Weg müssen wir gemeinsam gehen. Und natürlich werden die Häuser ihren Beitrag leisten, sie können das ohne die Rechtsträger aber nicht schaffen. Und es braucht deren Verständnis dafür, dass es um einen Prozess geht, an dessen Beginn keine Ergebnisse stehen können. Es ist ja für uns alle eine neue Situation.

Es geht also auch um die Lobbyarbeit in den Verband hinein?

CLAUDIA SCHMITZ Genau, nach innen und nach außen. Die gute Nachricht ist, dass unsere Mitglieder nicht nur die Theater, sondern auch die Rechtsträger sind. Wir haben es in der Hand, alle notwendigen Parteien zu adressieren.

Was hat der Deutsche Bühnenverein aus der Krise gelernt? Wie will er sich neu aufstellen? Welche zentralen Themen wollen Sie in den nächsten Monaten im Verband angehen?

CLAUDIA SCHMITZ Der Verband hat gelernt, was die Gesellschaft gelernt hat. Dass Digitalisierung wichtig ist, aber auch, dass uns realer Raum für den Diskurs fehlt – und das spürt und sieht man der Gesellschaft derzeit deutlich an. Die Art und Weise der Diskurse verweist auf ein Vakuum der letzten Jahre. Man muss zurückerinnern und vorauserinnern. Wir haben gesehen, dass wir viel dafür tun müssen, um wieder eine Rolle zu spielen.

Das frühere Motto „Theater muss sein“ wurde widerlegt, jetzt muss es lauten: „Theater tut Not“. Theater verleiht Kraft, muss aber an den gesellschaftlichen Veränderungen dranbleiben, sonst koppelt sich die Gesellschaft ab, und das Theater verliert seine Relevanz.