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„Wir haben ‚Revolver‘ aufgeweckt!“


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Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 27.10.2022
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Look who?s talking: Der Sound der Band habe sich durch das Kiffen verändert, so Paul McCartney (u. l.)

BER DAS BESTE ALBUM DER BEATLES HAT DIE Welt jahrzehntelang geschwiegen. Als es im August 1966 erschien, verbrannte man in den Südstaaten gerade Singles, LPs und Merchandise der Band, weil konservative Kräfte sich über ein pünktlich zur US-Tour vom progressiven Teen- Magazin „Datebook“ veröffentlichtes Interview aus dem britischen „Evening Standard“ echauffierten, in dem John Lennon erklärt hatte, die Religion sei auf dem Rückzug und die Beatles seien populärer als Jesus. Die Tour lief daraufhin nicht so gut und wie zur Strafe bekamen die US-Fans eine um drei Songs gekürzte Version von„Revolver“geboten. „Doctor Robert“, „And Your Bird Can Sing“ und „I’m Only Sleeping“ waren nämlich ein paar Monate zuvor bereits auf dem US-Beatles-Album „YesterdayAndToday“erschienen (mit einem auch nicht ganz unproblematischen und daher zurückgezogenen Cover, das die Beatles in Metzgermontur zwischen Fleisch- ...

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... und Puppenteilen zeigte). In den USA war daher bis zu den CD-Veröffentlichungen Mitte der Achtziger das Beatles-Album, auf dem John Lennon nur bei zwei Stücken (jeweils am Ende der Plattenseite) als Leadsänger zu hören war: „She Said She Said“ und „Tomorrow Never Knows“.

Auch auf der roten Doppel-LP„1962–1966“,für viele nachgeborene Fans in den Siebzigern die Einstiegsdroge, war das Album mit gerade mal zwei Stücken kaum präsent. Erst in den Neunzigern, als durch die „BeatlesAnthology“eine neue Generation die Band entdeckte, begann vor allem in Großbritannien der Aufstieg von „Revolver“.Wohl weil es in Zeiten von Britpop äußerst gegenwärtig klang. „Es ist fraglich, ob Oasis ohne einen Song wie ‚She Said She Said‘ überhaupt hätten existieren können“, sagt Giles Martin, Sohn des Beatles-Produzenten George Martin, der seit seiner Arbeit an dem Remix-Album „Love“(2006) für alle klangtechnischen Bearbeitungen und Modernisierungen des Beatles- Kataloges zuständig ist.

Mittlerweile scheint„AbbeyRoad“,das Classic- Rock-Album der Beatles, bei vielen das beliebteste Werk zu sein. Einfach weil es besser klingt, nicht diesen besonders für Menschen, die ihre Musik bevorzugt auf Kopfhörern übers Mobiltelefon konsumieren, ziemlich irritierenden, künstlich erzeugten Ping-Pong-Stereo-Sound hat, bei dem auf einem Kanal Gitarre, Bass und Schlagzeug zu hören sind und auf dem anderen Gesang und irgendeine Rassel oder Kuhglocke.

Aber das wird sich nun – hoffentlich – ändern, denn Giles Martin hat einen lang ersehnten Remix des Albums fertiggestellt. Der erscheint wie gewohnt in unterschiedlichen digitalen und analogen Editionen. In der Super Deluxe Version gibt es neben dem Remix noch zwei Tonträger mit Session-Outtakes, die Mono-Version des Albums, eine EP mit der Non-Album-Single „Paperback Writer“/„Rain“ in Mono und Stereo und ein 100-seitiges Hardcover-Booklet mit Fotos und ausführlichen Linernotes.

Anders als die Remixe von„Sgt.Pepper’sLonelyHeartsClubBand“,„TheBeatles“,„AbbeyRoad“oder, leicht verspätet, „LetItBe“kommt das neue „Revolver“nicht anlässlich des 50. Jubiläums der Erstveröffentlichung, sondern einfach so, als verfrühtes Weihnachtsgeschenk. Denn die Beatles sind nach dem Erfolg von Peter Jacksons „Get Back“ drauf und dran, die nächste Hörergeneration zu erobern. „Wir haben den Remix gerade einigen Streamingdiensten vorgespielt“, sagt Martin. „Und die waren uns bei unseren letzten Projekten nicht immer so gewogen, ja auch ein bisschen angepisst, von dem was wir tun. (Lacht)Aber ‚Revolver‘haben sie sofort verstanden. ‚Diese Stücke können wir in zeitgenössische Playlists packen‘, haben sie gesagt. Und das gefällt mir natürlich. Ich finde es schön, dass diese Musik immer noch präsent ist. Ganz egal, wie alt sie ist.“ Musik sei durch die Art, wie wir sie heute konsumieren, zeitloser geworden beziehungsweise der Epoche ihrer Entstehung enthoben, so Martin. „Für meine Tochter sind Fleetwood Mac und die Beatles dieselbe Ära. Es spielt keine Rolle mehr, von wann die Musik stammt, solange sie heute noch gut klingt und einen Nerv trifft. Und ‚Revolver‘trifft einen Nerv.“

Das Erste, was mich am neuen Remix begeistert hat, waren die Harmonien. So glasklar. Man kann jede Stimme heraushören, und doch klingt es wie eine Einheit. Bei „Here, There And Everywhere“ beispielsweise.

Sie sind der Erste, der in den Interviews zu dem„Revolver“-Remix„Here, There And Everywhere“ erwähnt. Es ist interessant, dass alle unterschiedliche Sachen erwähnen. Ich schätze, weil alle unterschiedliche emotionale Verbindungen haben. Ich stecke natürlich viel Arbeit in diese Projekte, aber davon abgesehen sind diese Remixe für viele auch einfach der Anlass, sich mal wieder die Platten anzuhören.

Ja, Beatles-Alben hat man so sehr verinnerlicht, dass man sie nur noch selten hört. Und wenn man sie nach langer Zeit mal wieder auflegt, ist man jedes Mal überrascht.

Ganz genau. Ich denke manchmal, selbst wenn ich nichts verändert hätte, würden die Leute sagen: Oh, das klingt fantastisch!

(Lacht) Ja, vermutlich würde das funktionieren.

Vielleicht ist es ja genau das, was ich tue. Ich behaupte einfach nur, ich hätte einen Remix gemacht. Stimmt gar nicht. Und mein Vater hatte auch gar keinen Sohn.(Lacht)Na, Moment, das ergibt jetzt keinen Sinn.

Ihre bisherigen Beatles-Remixe waren alle sehr erfolgreich. Gibt es abgesehen davon noch einen Grund, jetzt „Revolver“ neu zu mischen?

Die Technologie. Ich habe mit Demixing-Technologie herumgespielt, als wir den Ron-Howard-Film(überdieBeatles-Tourneen)„Eight Days A Week“ gemacht haben, weil ich das Kreischen der Fans von der Musik trennen und neu zusammensetzen wollte, damit die Band besser klingt. Und ich weiß noch, dass ich mich im Zuge dessen auch mit „And Your Bird Can Sing“ beschäftigt habe. Aber die Technologie war noch nicht gut genug, um einzelne Instrumente isolieren zu können. Als ich dann mit Peter Jackson und seinem Audio-Team während der Pandemie zwei Jahre lang an „Get Back“ gearbeitet habe, gab es da ein paar Fachleute für Audio-Restauration, und ich habe sehr eng mit einem Typen zusammengearbeitet: Emile de la Rey. Den habe ich gefragt, ob er sich mal „Taxman“ anschauen kann. Da sind Gitarre, Bass und Schlagzeug auf einer Seite, Gesang, Gitarrensolo und Shaker auf der anderen. Wenn man diese Sachen nicht voneinander trennen kann, kann man unmöglich eine gute Stereo- Version aus dem Track rausholen. Also habe ich ihn gefragt: Kannst du die einzelnen Instrumente voneinander trennen? Und kannst du auch noch die Kick-Drum von der Snare trennen und von der Hi‐Hat? Wenn man dann das Schlagzeug weiter in die Mitte packt und die Gitarre auf eine Seite, dann hat der Mix mehr Kraft. Daran haben wir gearbeitet. Das heißt, er hat dran gearbeitet, und ich habe ihm gesagt, was er tun soll.

Ist die Technologie speziell für „Get Back“ weiterentwickelt worden?

Ich bin momentan Leiter von Universal Audio, und wir sind mit dieser Technologie sehr viel weiter als alle anderen. Viele versuchen etwas Ähnliches. Aber das Peter-Jackson-Team hat es außer bei den Beatles noch nirgendwo ausprobiert. Und das hat mir die Möglichkeit gegeben,„Revolver“neu zu mischen. Es ist ein bisschen, als hätten wir das Album damit aufgeweckt. Es klingt immer noch genauso, aber wir haben ein bisschen geschüttelt.

„Revolver“ war, technologisch gesehen, auch für die Beatles ein ziemlicher Sprung: Zum ersten Mal haben sie mit Double-Tracking, der Verdopplung des Gesangs, gearbeitet, es gibt Rückwärtsgitarren, Tape-Loops und einen neuen, von Motown inspirierten muskulöseren Bass-Sound, den man am prominentesten auf der Non-Album-Single „Paperback Writer“/„Rain“ hört. Das klingt alles wesentlich edgier als der Vorgänger, „Rubber Soul“. Wahrscheinlich ist das ästhetisch der größte Sprung in der Beatles-Karriere.

„Rubber Soul“hat noch diesen Mid-Sixties-Vibe. Man hört noch den Beat raus, den Jingle-Jangle der Byrds, all das. „Revolver“bricht damit. Das ist tatsächlich ein völlig neuer Sound. Paul sagt, das liegt daran, dass sie mehr Gras geraucht haben.

Fast wäre es ein Reggae-Album geworden.

(Lacht)Man kann es wirklich hören. Es ist rhythmisch entspannter – und es ist sehr selbstbewusst. Es ist vermutlich eines der experimentellsten Pop- Alben, die es gibt. „Tomorrow Never Knows“, „Eleanor Rigby“, „Taxman“, „For No One“ – alle auf demselben Album, alles sehr, sehr unterschiedliche Stücke. Ich habe mir das mit Paul angehört, und er hat zu mir gesagt: „Das ist vielleicht das individuellste Album, das wir gemacht haben.“ Es hat einen Flow und hängt zusammen, aber die einzelnen Teile sind sehr individuell.

Das liegt vielleicht auch daran, dass Lennon seine Rolle als Bandleader langsam abgab und die anderen mehr Raum bekamen …

Man hört die vier sehr unterschiedlichen Musikerpersönlichkeiten heraus. Das ist das, was jeder Einzelne zu den Beatles beitragen wollte, aber es war noch roh, noch nicht vollkommen ausgeformt, abgeschliffen. Georges indische Einflüsse sind beispielsweise noch nicht kanalisiert, die sind quasi indischer als später, Johns experimentelle Sachen sind experimenteller, Pauls Rückgriff auf Prä-Rock’n’Roll-Formen ist ausgeprägter … Alles ist intensiver. Selbst Ringos bekanntester Auftritt als Sänger ist drauf: „Yellow Submarine“.

Obwohl „Yellow Submarine“ hauptsächlich von McCartney stammt, gibt es im Bonus-Material ein frühes Demo zu hören, das darauf hindeutet, dass Lennon da einen wichtigen Impuls gegeben hat. „In the place where I was born/ No one cared, no one cared“, singt er da zur akustischen Gitarre. Ein typischer Lennon-Text. Daraus wurde „In the town where I was born lived a man who sailed to sea“, ein typischer McCartney-Text. Er hat den Song von der Innenwelt auf die Außenwelt gekrempelt.

Ja, erstaunlich. Wir fragen uns natürlich immer: Können wir den Leuten irgendwas Neues geben, das sie noch nicht kennen? Ich meine, macht der Remix wirklich einen so großen Unterschied? Braucht man nicht noch mehr, was den Unterschied macht, damit die Leute sich so eine Box kaufen? Und die Extras sind tatsächlich ziemlich gut dieses Mal, das hat mich selbst etwas überrascht. Ich habe an diesen Extra-Stücken gearbeitet, als ich„LetItBe“und „Get Back“ fertiggestellt habe. Da war das wie ein frischer Lufthauch, weil das alles so eine jugendliche Energie hat. Ich meine, „Get Back“ ist cool und nur drei Jahre später oder so – aber das war für die Beatles eine lange Zeit, weil sie gelebt haben wie Eintagsfliegen. Es ist eine ganz andere Attitude, eine Frische – und die Outtakes haben so eine Lebendigkeit.

Wie war denn generell die Stimmung im Studio? Kann man das anhand der Aufnahmen nachvollziehen? Vermutlich haben sie da noch nicht jeden Dialog mitgeschnitten, wie später beim „White Album“ …

Sie hatten viel weniger Zeit. Zu der Zeit gingen sie ja noch auf Tour. Sie hatten allerdings schon mehr Zeit als beim Album davor, und das hört man dem Ergebnis auch an. Im Laufe der Zeit haben die Beatles immer später angefangen und immer länger gearbeitet. Mein Vater sagte: Jedes Jahr sind sie eine Stunde später ins Studio gekommen. Zu Anfang haben sie um zehn Uhr morgens angefangen, am Ende ihrer Karriere um fünf Uhr nachmittags. Bei den„Revolver“-

Sessions waren sie noch sehr tight, sie waren eine Band, jeder kannte vorher die Songs und wusste, was er zu tun hatte. „Paperback Writer“ zum Beispiel, das natürlich nicht auf dem Album ist, aber zur gleichen Zeit entstand, haben sie in zwei Takes aufgenommen. Erster Take abgebrochen, zweiter Take – zack, fertig. Nicht wie später bei „Sexy Sadie“ Take 77. Sie waren effizient. Sie wollten ein Album aufnehmen, keine Box mit Outtakes.

War die ursprüngliche Mono-Version wieder die Referenz für den Remix?

Ja, aber nicht in dem Maße wie bei„Sgt.Pepper’s“oder beim „White Album“. Vermutlich zündet mir jetzt irgendwer mein Haus an, weil ich das gesagt habe. Es gibt auch Momente, wo der Stereo-Mix einfach besser klang, und mit dem sind die Leute auch vertrauter. Ich habe beim Arbeiten immer Mono, Original-Stereo und das Stereo-Remaster als Referenz für den Mix auf Taste, auch für die Dolby-Atmos- Version, die es ebenso wieder geben wird – und die ziemlich gut klingt. Was mir aufgefallen ist: Was einen Song gut klingen lässt, ist nicht ein perfekter Klang. Es ist das Gefühl, das er vermittelt. Das schönste Gesicht ist auch nicht das perfekteste Gesicht. Es ist die Betonung bestimmter Nuancen, manche Sachen sind zu laut oder zu leise oder verzerrt oder irgendwie durcheinander, und das macht es gut. Darauf muss man die Aufmerksamkeit richten, um den Charakter eines Stücks nicht zu verändern.

Wie stand Ihr Vater denn zu „Revolver“?

Er hat es geliebt. Er war sehr stolz drauf. Am meisten vermutlich auf„Sgt.Pepper’s“,aber er hat diese Phase der Beatles-Karriere allgemein geliebt. Für ihn wurde es erst schwieriger, als (Beatles-Manager)Brian Epstein gestorben war. Da hat sich für ihn und die Band vieles verändert. Mit „Revolver“fing es vermutlich an, dass die Beatles ihn angetrieben haben. Er war nicht mehr die alleinige Autorität, sie wollten mitreden, hatten selbst Ideen für Sounds, an die er nicht gedacht hatte. Und er hat das genossen. Die Arbeit wurde so auch für ihn noch interessanter. Auf „RubberSoul“gibt es zwar auch schon eine Sitar, aber es gab noch nicht die Ansage: „Wir wollen, dass das fett klingt.“ „Revolver“ist ein sehr selbstbewusstes Album. Die Beatles waren ziemliche Draufgänger. Die Bläsersektion auf „Got To Get You Into My Life“ ist unfassbar laut, und selbst wenn man sich „Eleanor Rigby“ anhört – Paul bellt das förmlich raus. Oder „Tomorrow Never Knows“. Da ist ein bisschen Tambura, Bass und Schlagzeug und ein paar Bandschleifen. Das ist diese Reinheit und Effektivität, die aus Aggression entsteht. Ein einfacher Faustschlag trifft einen härter als eine flache Hand. Das haben die Beatles verstanden.

Ihre letzten Projekte, vor allem das „White Album“ und „Get Back“, waren auch deshalb eine Sensation, weil Sie die Bandgeschichte neu geschrieben haben, weil man Zeuge wurde, dass das nicht so eine quälende Zeit für die Beatles war, wie man immer dachte. Gibt’s so einen Aha-Moment auch bei „Revolver“?

So eine Sensation bleibt hier aus, weil allgemein bekannt ist, dass das für die Beatles eine gute Zeit war. Was wir bisher über„Revolver“nicht wussten: Es gibt auf einmal eine Kick-Drum. Sogar auf „Here, There And Everywhere“. Ringo spielt sie die ganze Zeit, aber man hat sie nie gehört. Oder „For No One“ – ich habe vorher nicht mal gewusst, dass Ringo auf dem Track überhaupt spielt. Ich will hier nicht die Geschichte verändern, aber sie waren zusammen in einem Raum, da sollte man sie auch alle hören. Sie waren halt alle auf einer komprimierten Spur gefangen, und wir haben sie jetzt freigelassen wie Vögel.

Gibt es Anzeichen von verstärktem Drogenkonsum im Studio? Bei einem Take von „And Your Bird Can Sing“ hört man Lennon und Mc-Cartney bekifft giggeln. Aber das kannte man schon aus der „Beatles Anthology“.

Das ist die einzige Stelle, wo man es hört. Während der Gespräche klingen sie nicht stoned. Mein Vater hat erzählt, dass sie nie voll auf irgendwas drauf waren, wenn sie gearbeitet haben.

Außer als er Lennon aufs Dach geschickt hat, um frische Luft zu schnappen …

(Lacht)Das war ein anderes Album! (BeidenAufnahmenzu„Sgt.Pepper’s“imMärz1967).Aber da wusste er nicht, dass John sich wegen des LSDs nicht so wohlfühlte. Vielleicht hatte er nicht die richtige Antenne für so was. Aber ich denke, so was wie „Tomorrow Never Knows“ kann man vermutlich auch nicht schreiben, ohne vorher a few tokes from a spliff gehabt zu haben.

Es gab zumindest laut Mythos am letzten Aufnahmetag einen Streit, bei dem es um LSD ging. Und McCartney soll dann irgendwann gegangen und bei den Aufnahmen zu „She Said She Said“ nicht dabei gewesen sein. Bei Take 15, der sich im Bonus-Material befindet, kann man allerdings seine Stimme hören.

Auch auf der Version, die auf dem Album drauf ist, hört man definitiv Paul spielen. Das ist ein klassischer McCartney-Bass. Viele dieser Mythen sind entstanden, weil man diese Spannungen innerhalb der Band herbeischreiben wollte. Natürlich gab es da Spannungen. Das sind Typen aus Liverpool, da streitet man sich auch mal. Aber verglichen mit anderen Bands war das eher selten. Man denke an die Geschichte des großen Streits, den George und Paul während der „Get Back“-Sessions gehabt haben sollen. Wenn man den dann auf Film sieht, ist man doch ziemlich enttäuscht.(Lacht)Es gibt eine neue Dokumentation von Mary McCartney über die Abbey Road Studios, die sehr gut ist. Ich komme auch drin vor. Das ist aber nicht der Grund, warum sie gut ist. Liam und Noel sind auch dabei. Und Noel sagt: „Wir wurden mal aus dem Abbey-Road-Studio rausgeschmissen, weil wir uns so laut gestritten haben.“ Und Liam sagt: „Wir wurden niemals aus dem Studio geschmissen!“ Die streiten sich sogar über so was. Sie streiten sich über den Streit.

Immerhin ein Mythos, der nun platzt.

Das erste Mal, dass ich von dem „She Said She Said“-Streit gehört habe, war, als ich jetzt an dem Remix gearbeitet habe. Mein Vater hat davon nie was erzählt. Aber wie Sie von früheren Treffen mit mir wissen, bin ich auch ziemlich schlecht, wenn es um diese Geschichtssachen geht. Da gibt es viele Leute, die mehr wissen als ich. Deswegen war es für mich nie eine Frage, ob er da mitspielt. Man hört ihn ja. Aber er ist dann ja auch wenig später gestorben(eineAnspielungaufdie„Paulisdead“-Verschwörungstheorie,derzufolgeMcCartneyam7.Januar1967beieinemAutounfallumsLebenkamunddurcheinenDoppelgängerersetztwurde).

Stimmt, wir können ihn heute nicht mehr fragen. Dann gibt es noch diesen Mythos zu „Taxman“: dass Harrison das Solo nicht hingekriegt hat und McCartney dann eingesprungen ist. Jedenfalls behauptet Geoff Emerick das in seinem Memoir „Here, There And Everywhere“.

Das bezweifle ich. George und Paul hatten sehr unterschiedliche Stile. Paul hatte vermutlich eine Idee, nahm sich eine Gitarre und hat gefragt: Was hältst du davon, George? Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber ich war schon öfter mit Paul im Studio und kenne ihn ein bisschen. Das klingt nach typisch Paul. Es ist schwierig, ihn zurückzuhalten.

Warum sollte man auch?

Genau. Er ist wirklich ziemlich gut. Ich will damit nicht sagen, dass er ein besserer Gitarrist ist als George. George hat auch viele tolle Soli gespielt. Aber dieses Buch von Geoff ist seltsam … Ich habe es sehr gern gelesen. Aber der Geoff Emerick in diesem Buch ist nicht der Geoff Emerick, mit dem ich aufgewachsen bin. Geoff war ein brillanter Toningenieur, aber vollkommen uncool. Ein verschwitzter Typ mit roten Haaren, der zu viel trank. Und in diesem Buch hat man das Gefühl, er war Mr. Swinging Sixties. Und er schreibt Sachen wie, dass die Beatles „Blackbird“ im Garten aufgenommen haben. Aber es war Studio 2, Abbey Road. Am schlimmsten ist es, wenn er schreibt, wie sie die verschiedenen Teile von „A Day In The Life“ zusammengesetzt haben.

Es war alles in einem Take.

Genau. Aber so ist es mit den Beatles. Da wurde so viel geschrieben, so viele Meinungen, die existieren. Paul sagt immer: „Am Ende waren es nur vier Typen, die wirklich die ganze Zeit dabei waren – die Beatles selbst. Und selbst wir können uns nicht an alles, was passiert ist, erinnern. Wie können es dann die anderen?“

Tatsächlich gibt es in der ganzen Beatles-Geschichte keinen zuverlässigen Erzähler.

Paul hat mir mal erzählt, wie sie Elvis getroffen haben. Und auf dem Weg dorthin haben sie einen Spliff geraucht. Sie waren sich anschließend einig, dass Priscilla Presley unfassbar schön gewesen war, aber sie hatten keine Ahnung mehr, was sie anhatte. Paul sagte: „Ich dachte, sie hätte ein Gingham-Kleid getragen, aber Ringo dachte, sie hätte eine Tiara aufgehabt.“ Niemand kann sicher sein, wie es wirklich war. Wo man sich sicher sein kann: Sie waren im Studio fantastisch. Das kann man hören, denn das ist auf Band. Kids, die erstaunliche Ideen hatten. Und meine Aufgabe ist es, die Bänder zu entstauben, sodass sie einen aus den Lautsprechern anspringen.

Wie haben Paul und Ringo auf den neuen Mix reagiert?

Paul hatte ein paar berechtigte Einwände – er wollte, dass die Gitarren lauter klingen. Vor allem bei „And Your Bird Can Sing“. Das habe ich gemacht. Ringo fand alles super. Es ist allgemein ein sehr einfaches und gutes Arbeiten mit ihnen. Sie hören sich das gern an, weil es sie in eine schöne Zeit zurückbringt. Erinnerungen kommen hoch und sehr, sehr viel Liebe. Deshalb hat Paul gesagt: „Mensch, man hört die Persönlichkeit jedes Einzelnen von uns raus! Und wie wir alle möglichen Ideen ausprobieren.“ Sie haben wirklich jede Idee verfolgt. Eigentlich sollte das Album „Shall We Try This?“ heißen. In vielerlei Hinsicht ist es viel experimenteller als„Sgt.Pepper’s“.

Denken Sie, wenn Sie bei so einem Remix Entscheidungen treffen müssen, öfter darüber nach, wie Ihr Vater sich entschieden hätte?

Ich weiß, was mein Vater mochte. Aber man muss bei dieser Arbeit schon sein eigener Boss sein. Ich glaube, dass ich mehr auf Risiko gehe, als mein Vater es getan hätte, weil er Angst vor den Reaktionen gehabt hätte. Aber er ist nicht mehr da. Er ist definitiv tot. Ich habe ihn sterben sehen. Es geht eher darum, das, was er gemacht hat, in Ehren zu halten und seine Leidenschaft dafür zu ehren, als ihn auf meiner Schulter zu haben und er sagt mir, was zu tun ist. Das ist unmöglich. Ich weiß, das klingt jetzt nicht besonders spirituell, aber genau das bringt mich ihm näher. Manchmal würde ich ihm natürlich gern Fragen stellen. Aber ehrlich gesagt eher über das alltägliche Leben als über die Beatles. Als er taub wurde, sagte jemand: „Du bist bestimmt frustriert, dass du dir keine Musik mehr anhören kannst.“ Und er sagte: „Nein, ich bin frustriert, dass ich meine Enkelkinder nicht mehr verstehen und keine Gespräche mehr führen kann.“

Die Beatles und Ihre Familie hängen ja eng zusammen. Sie haben bei Twitter dieses Video geteilt, in dem Ihr Vater Ihrer Tochter erklärt, warum er damals die Beatles unter Vertrag genommen hat.

Ich habe den Clip seinerzeit gepostet, weil es mir sehr viel bedeutet, Teil dieses Erbes zu sein. Darüber hinaus gefällt es mir, wie natürlich sich das für mich anfühlt. Ich habe Leute getroffen, die ich mag, also wollte ich Musik mit ihnen machen. Wenn ich Paul nicht so lieben und er mich nicht mögen würde – und Ringo und Olivia und Sean und Dhani … Das sind keine kalten Beziehungen, das ist keine Businessgeschichte. An diesen Beatles-Projekten sind nur wenige Leute beteiligt. Natürlich gibt es ein Marketingteam, aber das ist an dem eigentlichen Prozess nicht beteiligt. Das sind erst mal nur ich und manchmal Sam(Okell,Toningenieur)in einem Raum, und dann spiele ich es Leuten vor. Das ist alles, was passiert. Das finde ich schön. Und dann denke ich an meinen Vater, und dann reden sie über meinen Vater, und Paul sagt: „Mensch, dein Vater war so toll und er hat mit uns das und das gemacht oder das und das gesagt!“ Er war für sie auch eine Art Vaterfigur. Paul hat das öfter gesagt: dass mein Vater irgendwie auch sein Vater war. Und diese Verbindung ist das eigentlich Wichtige für mich.