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»Wir haben unseren Gott«


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 34/2018 vom 17.08.2018

Diplomatie Die türkische Wirtschaft kollabiert, Präsident Erdoğan streitet sich erbittert mit Donald Trump: Das Desaster am Bosporus gefährdet den Zusammenhalt der Nato. Und nur Wladimir Putin könnte profitieren.


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 34/2018

Gegenspieler Trump, Erdoğan im Juli im Brüsseler Nato-Hauptquartier: Krisenherd an der Südflanke des Bündnisses


Brückenbau am Bosporus: Boom auf Pump


Berat Albayrak ist einer der mächtigsten Männer der Türkei, doch auf der Bühne im Dolmabahçe-Palast in Istanbul am Freitag vor einer Woche fühlte er sich erkennbar unwohl: Er hatte Konzernchefs und Banker einbestellt, um seinen Plan gegen den ...

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... Währungsverfall zu präsentieren. Die türkische Wirtschaft taumelt in den Abgrund, er ist der Finanzminister. Er musste etwas sagen, er musste Mut machen, einen Plan vorlegen. Aber er rang hilflos um Worte und schwitzte.

Dann klickte er sich durch eine Powerpoint-Präsentation, die Teilnehmer an die Arbeit eines Studenten erinnerte: Volkswirtschaft, erstes Semester. »Es war gespenstisch «, erzählt der Vorstandschef eines türkischen Unternehmens.

Bis vor wenigen Wochen galt Albayrak, 40, vielen Menschen in der Türkei noch als ein Glückskind, wenn auch ein sehr arrogantes. Er ist der Schwiegersohn des türkischen Autokraten Recep Tayyip Erdoğan und kann sich über eine beeindruckende Karriere freuen. Albayrak leitete schon die Çalık Holding, einen türkischen Mischkonzern. 2015 wurde er Energieminister. Im Juli beförderte ihn der Schwiegerpapa dann zum Finanzminister. Regierungsanhänger sahen in Albayrak Erdoğans Kronprinzen. Nun aber ist er das Gesicht der schweren Wirtschaftskrise in der Türkei geworden.

Verantwortlich für das Desaster ist jedoch in Wahrheit Erdoğan selbst, der sich mit einem Wirtschaftsboom auf Pump die nahezu uneingeschränkte Macht gesichert hat. Nun bricht das Kartenhaus zusammen. Verschärft wird die Krise dadurch, dass sich der jähzornige Autokrat mit einem Mann ähnlichen Charakters, aber größeren Kalibers angelegt hat: Donald Trump.

Im Streit um einen inhaftierten US-Prediger in der Türkei hat der Amerikaner vor zwei Wochen zugelangt: Er hat Sanktionen gegen zwei türkische Minister verhängt und angekündigt, die Zölle auf Aluminium und Stahl aus der Türkei zu verdoppeln, was den Wert der Türkischen Lira zwischenzeitlich um ein Fünftel einbrechen ließ. Bei Redaktionsschluss lag der Dollar-Lira-Kurs bei 1:6. Unternehmen, die einen Großteil ihrer Kredite in Dollar und Euro aufgenommen haben, stehen kurz vor dem Bankrott.

Die Krise ist ein Desaster, nicht nur für die Menschen in der Türkei. Ausländische Banken, die der Türkei 265 Milliarden Dollar geliehen haben, bangen um ihr Geld. Ökonomen warnen vor einer Kettenreaktion, die einen Kollaps des internationalen Finanzwesens auslösen könnte wie 2008 die Lehman-Pleite.

Zudem bringt das Chaos das Sicherheitsgefüge der Welt durcheinander und gefährdet den Zusammenhalt der Nato. Weder Trump noch Erdoğan scheinen gewillt, in dem Konflikt zurückzustecken. Erdoğan betrachtet die US-Sanktionen als Verschwörung gegen die Türkei. Er spricht von einem »Wirtschaftskrieg« und gar von »Wirtschaftsterrorismus«. »Sie haben ihren Dollar, wir haben unseren Gott«, sagt er.


»Sie zocken mit hohen Einsätzen – sie begreifen nicht, was für beide Länder auf dem Spiel steht.«


Trump gab sich ebenso hart. Sein Sicherheitsberater John Bolton teilte der türkischen Regierung diese Woche mit, bis zur Freilassung des Predigers werde es keine Treffen mehr geben.

Die USA und die Türkei haben die beiden größten Armeen der Nato. Schon jetzt schwächt der Streit die Allianz, die auch die Sicherheit Deutschlands garantiert. Und die beiden Machtmenschen in Ankara und Washington haben sich derart verhakt, dass im Extremfall die Türkei sogar die Nato verlassen könnte. Demonstrativ sucht Erdoğan den Schulterschluss mit Russlands Wladimir Putin. Und bereits vor mehreren Monaten hatte er gedroht, dass seine Soldaten im Syrienstreit durchaus auch amerikanische Truppen unter Feuer nehmen könnten.

»Trump und Erdoğan zocken mit extrem hohen Einsätzen«, sagt Sinan Ülgen, Vorsitzender des Thinktanks Edam in Istanbul. »Sie begreifen nicht, was für beide Länder auf dem Spiel steht.« Erdoğan auf jeden Fall steht wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand. Die Versuchung ist groß, mit Attacken gegen andere vom eigenen Versagen abzulenken.

Der Große Basar im Istanbuler Stadtteil Fatih ist ein Labyrinth aus Schmuck-, Gewürz- und Teppichläden. Sultan Mehmed II. hat ihn im 15. Jahrhundert angelegt. Seither zieht er Besucher aus aller Welt an.

»Wir werden mit jedem Tag ärmer«, klagt Osman Güldağı, der Baklava und Nüsse auf dem Basar verkauft. Güldağı muss, wie die anderen Händler auch, seine Miete in Dollar begleichen, während seine Kunden aber in Lira bezahlen. Als er seinen Laden vor fünf Jahren eröffnete, stand der Dollar im Vergleich zur Lira bei 1:2. Seither hat die Lira mehr als zwei Drittel ihres Werts verloren. Das Geschäft sei ruinös, klagt Güldağı. In den vergangenen zwei Jahren mussten Hunderte der einst 2000 Läden auf dem Basar schließen.

Güldağı, 32 Jahre alt, sitzt auf einem Schemel in seinem leeren Laden. Er trägt Vollbart und einen traditionellen Hut, den Fes. In seiner Hand hält er eine Gebetskette. Güldağı hat immer schon Präsident Erdoğan unterstützt – im Glauben, dass der Populist die Türkei stärken werde. Jetzt zweifelt er zum ersten Mal am Staatschef. »Ich habe Frau und Tochter. Ich weiß nicht, wie ich die beiden noch länger durchbringen soll«, sagt er.

Wie Güldağı geht es vielen Menschen in der Türkei: Sie stimmten bei der Wahl am 24. Juni für Erdoğan, im Vertrauen darauf, dass sich die Wirtschaft rasch wieder erholen würde. Schließlich hatten sie den Boom der vergangenen Jahre gesehen. Sie hatten nur nicht erkannt, dass Erdoğan mit geliehenem Geld gespielt und seine Karten überreizt hatte. Dass er eine Show inszenierte, um die fast absolute Macht zu erhalten. Nun sehen sie, dass sich ihre Lebensbedingungen rapide verschlechtern.

Die Inflation liegt bei 16 Prozent. Strom kostet 9 Prozent mehr als noch vor wenigen Monaten, Brot inzwischen 15 Prozent mehr. Jeder fünfte Türke unter 25 Jahren ist ohne Arbeit. Türkische Unternehmen haben mehr als 200 Milliarden Euro Schulden angehäuft, über ein Viertel des türkischen Bruttoinlandsprodukts (BIP), das meiste davon in ausländischen Währungen. Schulden also, deren Wert nun ständig steigt.

Basar in Istanbul: »Wir werden mit jedem Tag ärmer«


Die US-Sanktionen wirken in dieser Situation wie ein Brandbeschleuniger: Schon bald, prophezeien Ökonomen, könnten die ersten türkischen Großkonzerne pleitegehen, was zu Massenarbeitslosigkeit führen würde. Und sollte die Lira weiter einbrechen, warnt die Investmentbank Goldman Sachs, werde das türkische Bankensystem kollabieren.

»Die Türkei weist die Anzeichen eines ›failed state‹ auf«, sagt die Chefökonomin des internationalen Vermögensverwalters Indosuez Wealth Management, Marie Owens Thomsen. Und der Istanbuler Wirtschaftswissenschaftler Hurşit Güneş bezeichnet einen Crash sogar schon als »unvermeidlich «.

Erdoğan hat beinahe sämtliche staatlichen Institutionen unter seine Kontrolle gebracht, auf die Wirtschaftskrise jedoch findet er keine Antwort, im Gegenteil, er verschärft sie: Sein Eskalationskurs gegenüber den USA lässt Investoren am Realitätssinn des türkischen Präsidenten zweifeln.

Vizepremier Mehmet Şimşek, ein früherer Merrill-Lynch-Ökonom, hat die Regierung verlassen. Er war unter Erdoğans Leuten einer der Letzten mit ökonomischem Sachverstand. Der als Finanzminister amtierende Albayrak wird von Experten als Erfüllungsgehilfe des Schwiegerpapas wahrgenommen.

Das System Erdoğans gelangt in der Wirtschaftspolitik erkennbar an seine Grenzen: Der Präsident hat den Konjunkturboom in den ersten Jahren seiner Amtszeit vor allem durch Milliardeninvestitionen in die Bauindustrie befeuert. Er hat Straßen bauen lassen, Hochhaussiedlungen, Krankenhäuser. Im Oktober wird in Istanbul sogar der größte Flughafen der Welt eröffnet.

Die radikale Wachstumspolitik der Regierung ging gut, solange die Lira stabil war und Kapital aus dem Ausland floss. Nun aber gerät das Land in eine Abwärtsspirale.

Erdoğan hat durch seine Tiraden gegen den Westen, durch die Repressionen gegen Oppositionelle und seine Interventionen in die Zinspolitik das Vertrauen der Anleger zusätzlich erschüttert. Zwischen 2015 und 2017 sind die Direktinvestitionen aus dem Ausland um fast 35 Prozent auf elf Milliarden Dollar eingebrochen. Die Ratingagentur Standard&Poor’s hat die Kreditwürdigkeit der Türkei bereits im Mai auf Ramschniveau herabgestuft.

Für die Regierung in Ankara wird es so immer teurer, sich jenes frische Geld zu leihen, das sie dringend benötigt. Sie muss schon jetzt 20 Prozent Zinsen auf Staatsanleihen bezahlen.

Türkische Unternehmen sind durch den Verfall der Lira kaum mehr dazu in der Lage, ihre Schulden zu begleichen. Mehrere Großkonzerne, darunter der Lebensmittelproduzent Yıldız, verhandeln seit Monaten mit den Banken über eine Umstrukturierung ihrer Kredite. Die Türkische Telekom hat im zweiten Quartal 2018 beinahe eine Milliarde Lira Verlust gemacht. Die Aktien dreier türkischer Großbanken – Garanti, Halk Bank und Is Bank – haben seit Anfang 2018 rund die Hälfte an Wert verloren. Sechs der elf nicht staatlichen Gaskraftwerke stoppten diese Woche die Produktion. Denn importiertes Erdgas ist wegen des Liraverfalls so teuer geworden, dass sich der Betrieb nicht mehr rechnet.

Rojhat Tekes steigt eine Treppe hoch, bis er auf der Terrasse einer Penthouse-Wohnung im Zentrum von Istanbul steht. Er zeigt auf den Galata-Turm, die Hagia Sophia, das Marmarameer. »Diese Stadt hat ein unglaubliches Potenzial«, sagt er. »Erdoğan ist dabei, alles zu zerstören.«

Tekes, 39 Jahre alt, vermittelt Luxusapartments an Mitglieder der türkischen Mittel- und Oberschicht und an Mitarbeiter internationaler Firmen. Bis vor wenigen Jahren, erzählt er, habe er die Nachfrage nach Immobilien in Istanbul kaum bedienen können. Inzwischen aber sei der Markt eingebrochen. Türken sparen ihr Geld, Ausländer meiden Istanbul. Wohnungen, die Tekes noch vor zwei Jahren für eine Million Euro verkauft hätte, bringen nun nicht einmal mehr 600000 Euro.

Die Regierung, klagt der Makler, habe überall im Land neu gebaut – weit über den Bedarf hinaus. In Istanbul steht mittlerweile jedes vierte Büro leer. In den Außenbezirken sind regelrechte Geisterstädte entstanden. Tekes erinnert all das an die Entwicklung in seinem Heimatland Spanien, wo eine Immobilienkrise 2008 die Wirtschaft zusammenbrechen ließ. »Auch in der Türkei wird die Blase platzen«, fürchtet er. »Die Folgen werden noch weitaus dramatischer sein als in Spanien.«

Die meisten Ökonomen sind sich einig, dass Ankara den Niedergang der Wirtschaft nur mildern kann, indem die Zentralbank die Zinsen anhebt und die Regierung ihre Ausgaben drosselt. Erdoğan jedoch will gegenüber seinen Wählern weiter mit Wachstumszahlen protzen. Er behauptet, dass höhere Zinsen zu einem Anstieg der Inflation führen, was nur zeigt, dass er von Volkswirtschaft nichts versteht. Gegenüber Investoren in London hat er angekündigt, die Unabhängigkeit der Zentralbank weiter einzuschränken. Er warnt Unternehmer davor, Lira in Dollar umzutauschen. Und seine Regierung hat Ermittlungen eingeleitet gegen Bürger, die sich im Internet negativ über die türkische Wirtschaft äußern. Absurde Maßnahmen.

Beobachter fürchten deshalb, die Krise in der Türkei könnte auf andere Länder übergreifen. Banken aus Frankreich, Spanien und Italien haben in der Türkei investiert. Allein spanische Institute haben rund 80 Milliarden Dollar in der Türkei im Feuer. Zwar ist ein Ausfall sämtlicher Darlehen unwahrscheinlich. Hinzu kommt, dass Geldhäuser wie die HSBC, BNP Paribas und Unicredit inzwischen so gut kapitalisiert sind, dass sie einen Schock aushalten könnten. Trotzdem wächst in Europa die Nervosität angesichts der Crashgefahr.

»Deutschland möchte eine wirtschaftlich prosperierende Türkei«, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel. »Niemand hat Interesse an einer Destabilisierung der Türkei.« Wirtschaftsminister Peter Altmaier warnt vor einem globalen Handelskrieg: »Die Politik hat nicht das Recht, die Arbeitsplätze von Stahlkochern, Autobauern und Aluminiumgießern aufs Spiel zu setzen.«

Am Donnerstagnachmittag telefonierte Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) mit Erdoğans Schwiegersohn, der ebenso wie der Präsident selbst ein Hilfsprogramm des Internationalen Währungsfonds (IWF) ablehnt. Scholz ermunterte den jungen türkischen Kollegen, noch mal darüber nachzudenken.

Doch Albayrak gab sich zurückhaltend. Er sagte, er werde sich in der kommenden Woche in die Golfregion aufmachen, um dort bei freundlich gesinnten Regierungen finanzielle Zusagen einzusammeln. Zudem hoffe er darauf, dass auch die Russen Geld gäben.

Der IWF plädiert nach SPIEGEL-Informationen unterdessen für eine kräftige Zinsanhebung in der Türkei. Die sei dringend erforderlich, nur so könne die Flucht aus der Lira gestoppt und die türkische Währung stabilisiert werden. Außerdem müsse die Regierung kräftig sparen. Das wären dann wohl die Bedingungen.

Experten der Washingtoner Organisation haben auch schon ausgerechnet, wie groß ein Hilfsprogramm für die Türkei ausfallen könnte. Danach würde der IWF zwischen 30 und 70 Milliarden US-Dollar zur Verfügung stellen. Denn bis zum Jahresende muss die Türkei, Staat wie private Schuldner, 230 Milliarden US-Dollar umfinanzieren. Das ist ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Insgesamt beträgt die Auslandsverschuldung der Türkei 53 Prozent des BIP.

Scholz und Albayrak wollen sich zusammen mit ihren Kollegen aus den jeweiligen Wirtschaftsressorts am 21. September in Berlin treffen, um den Staatsbesuch Erdoğans eine Woche später vorzubereiten. Bei dieser Gelegenheit werden die Deutschen wohl weiter für ein IWF-Hilfsprogramm werben.

Denn auch die Bundesregierung fürchtet, dass die Krise sich ausweiten könnte, vor allem auf Schwellenländer. In Asien etwa haben sich Unternehmen und Staaten in Dollar und Euro verschuldet. Wenden sich nun Investoren ab, weil sie das Beispiel Türkei fürchten, droht der Zusammenbruch. Manche Ökonomen warnen vor einer Asienkrise wie jener von 1997 und 1998. Damals musste der IWF die Tigerstaaten in Fernost, die unter Devisenschulden kollabiert waren, mit milliardenteuren Hilfsprogrammen retten. In Indonesien hat die Zentralbank bereits auf die Turbulenzen in der Türkei reagiert und die Währung gestützt. In Argentinien hob die Zentralbank den Leitzins auf 45 Prozent an, ein Rekordwert.

Weder Erdoğan noch Trump scheint die Aussicht auf eine Weltwirtschaftskrise zu schrecken. Die US-Regierung droht damit, der Türkei den Zugang zu Krediten internationaler Organisationen wie der Weltbank zu erschweren. Unbeirrt hält Erdoğan dagegen: Er erhöhte per Dekret die Zölle auf US-Importe – etwa auf Autos, Alkohol oder Reis – auf bis zu 140 Prozent und rief zu einem Boykott amerikanischer Elektronikprodukte auf, vor allem die Firma Apple hat er im Visier. Turkish Airlines will künftig keine Anzeigen auf US-Plattformen wie Google oder Facebook schalten. Im Internet kursieren Videos türkischer Bürger, die Dollarnoten verbrennen oder iPhones zerstören.

Dabei zelebrierten Präsident Trump und Staatschef Erdoğan noch vor wenigen Monaten ihre Freundschaft. Erdoğan pries Trump als Heilsbringer. Und der sagte über seinen türkischen Kollegen: »Er bekommt sehr gute Noten.« Inzwischen hat sich das Verhältnis ins Gegenteil verkehrt. Die Staatschefs streiten über die Strategie im Syrienkrieg, über die Hintergründe des Putschversuchs in der Türkei vom 15. Juli 2016, über das Nuklearabkommen mit Iran. Und in der vergangenen Woche stritten sie vor allem um den amerikanischen Prediger.

Die Türken bewachten ihn zu Redaktionsschluss am Donnerstagabend immer noch wie einen Schwerverbrecher: Sicherheitskräfte riegelten den Weg zu seiner Wohnung ab, Antiterrorpolizisten patrouillierten auf der Straße.

Andrew Brunson, 50 Jahre alt, Pastor, Vater von drei Kindern, kam in den Neunzigerjahren aus North Carolina in die Türkei, um dort seinen evangelikalen Glauben zu verbreiten. Er gründete in Izmir, im Südwesten des Landes, eine Kirche, die »Auferstehungskirche«, die nur 25 Mitglieder zählt. Nachbarn beschreiben ihn als frommen, stillen Mann, der seine Freizeit damit verbrachte, zu grillen und mit seinen Kindern im Meer zu baden.

Für die türkische Regierung ist Brunson ein Staatsfeind: Sie wirft ihm vor, für die kurdische Terrororganisation PKK und die Gemeinde des Islamistenpredigers Fethullah Gülen spioniert zu haben. Fast zwei Jahre lang saß Brunson in Untersuchungshaft, dann folgte Hausarrest. Beweise für seine Schuld hat die türkische Justiz bis heute nicht vorgelegt. Die Anklage stützt sich auf die dubiosen Aussagen anonymer Zeugen.

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Trump machte Erdoğan schon diverse Zugeständnisse, um Brunson zu befreien, wohl auch, weil konservative Evangelikale einen einflussreichen Teil seiner Wählerschaft ausmachen. Der US-Präsident sicherte der Türkei zu, die Strafe gegen einen türkischen Banker, der wegen illegaler Ölgeschäfte mit Iran in den USA im Gefängnis sitzt, abzumildern. Und er bewegte Israels Premier Benjamin Netanyahu dazu, eine türkische Staatsbürgerin, der Terrorismus vorgeworfen wird, aus der Haft zu entlassen.

Im Gegenzug sollte Brunson freikommen und in die USA zurückkehren. Der Deal platzte, nachdem die türkische Regierung in letzter Sekunde ihre Forderungen erhöht hatte.

Bereits im vergangenen Jahr nahmen laut einer Umfrage mehr als zwei Drittel der Türken den Nato-Partner USA als Bedrohung wahr. Im Streit um die Sanktionen könnten die türkisch-amerikanischen Beziehungen nun für Jahrzehnte beschädigt werden, fürchtet der Leiter des German Marshall Fund in Ankara, Özgür Ünlühisarcıklı.

Ein Bruch zwischen den beiden Ländern würde sich auf die gesamte Sicherheitsarchitektur des Westens auswirken. Die Türkei war in den vergangenen Jahren an zahlreichen Einsätzen der Nato beteiligt, etwa in Afghanistan oder im ehemaligen Jugoslawien. Sie sichert vor allem die Südostflanke des Bündnisses, ein Pufferstaat zwischen den Ländern des Westens und dem Krisenherd Nahost.

Doch jetzt droht Erdoğan offen damit, die Nato zu verlassen. »Wir können nun ›Auf Wiedersehen‹ sagen zu jedem, der eine strategische Partnerschaft … aufgibt für Beziehungen zu Terrororganisationen«, sagte er vergangenen Sonntag.

Türkische Regierungspolitiker fordern ihren Chef Erdoğan auf, den Luftwaffenstützpunkt Incirlik im Süden der Türkei für US-Truppen zu schließen. Eine Gruppe regierungsnaher Juristen bereitet sogar Terrorismusanklagen gegen US-Offiziere in Incirlik vor.

Gegenüber türkischen Botschaftern sagte Erdoğan, die Türkei werde nun ihre Beziehungen zu anderen Staaten wie China und Russland ausbauen. »Die Türkei ist zu groß und zu einflussreich, um sich einer einzigen Achse auszuliefern.«

Trump wiederum hat diese Woche die Lieferung von 100 Tarnkappenflugzeugen des Typs F-35 an die Türkei gestoppt – wohl auch aus Angst, dass Geheiminformationen über Schwachstellen der Maschine via Türkei nach Russland gelangen könnten.

Sollte die Türkei tatsächlich aus der Nato ausscheiden, würde davon vor allem Putin profitieren, der seit Jahren die Spaltung des Westens betreibt. Zwar standen sich Russland und die Türkei 2015 feindlich gegenüber, nachdem türkische Soldaten einen russischen Kampfjet über Syrien abgeschossen hatten.

Makler Tekes
»Unglaubliches Potenzial


Seither nähern sich beide Staaten einander jedoch wieder an. In Syrien stimmen Erdoğan und Putin ihre Politik schon weitgehend ab. Die Türkei hat sogar gegen den Widerstand der USA von Russland für 2,5 Milliarden Dollar das hochmoderne Raketenabwehrsystem S-400 gekauft. Zudem baut Russland im Süden der Türkei ein Atomkraftwerk.

Erdoğan telefonierte nach Trumps Ankündigung der Sanktionen denn auch umgehend mit Putin. Und der russische Außenminister Sergej Lawrow sagte bei einem Besuch in Ankara der Türkei seine Unterstützung im Konflikt mit den USA zu: Die Amerikaner wollten sich nur einen Vorteil im internationalen Handel verschaffen. »Diese Politik darf nicht fortgesetzt werden.«

Die US-Botschafterin bei der Nato, Kay Bailey Hutchison, hatte bereits im Juli gewarnt, Putin wolle die Türkei auf seine Seite ziehen.

Auf jeden Fall ist es Erdoğan schon gelungen, durch seine antiamerikanische Rhetorik die Reihen im eigenen Land zu schließen. Selbst die Opposition, mit Ausnahme der linken HDP, unterstützt seinen harten Kurs gegenüber den USA. Aber die Frage ist, wie lange dieser Patriotismus alles andere verdecken kann.

Die Türkei betreibt knapp zwei Drittel ihres Handels mit dem Westen. Laut einer Umfrage betrachtet jeder zweite Türke die Wirtschaft als das größte Problem des Landes, vor zwei Jahren war es nur jeder zehnte.

Zwar ist Erdoğans Herrschaft nach seinem Wahlsieg vom 24. Juni so gefestigt wie nie zuvor. Mit seinem wirtschaftspolitischen Amoklauf riskiert er jedoch, dass seine Partei, die AKP, bei der nächsten Kommunalwahl im kommenden Frühjahr abgestraft wird.

Hakan Bayrakçı, Direktor des türkischen Meinungsforschungsinstituts Sonar, geht davon aus, dass der Liraverfall die AKP gut zehn Prozent Stimmen kosten wird. »Je dramatischer die Krise, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass die AKP in große politische Schwierigkeiten gerät«, sagt Michael Werz, Politikwissenschaftler am Center for American Progress in Washington.

Erdoğan ist es gewohnt, dass die Mehrheit seines Volkes ihm gehorcht. Vielleicht lernt er jetzt, dass die Weltwirtschaft nicht so pariert wie seine Wähler daheim.

Tim Bartz, Maximilian Popp, Christian Reiermann

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Erdoğans Brandbeschleuniger

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BRENDAN SMIALOWSKI / AFP

SIPA PRESS / ACTION PRESS

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