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Wir haben zu viel Kohlenhydrate in unserer Gesellschaft


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Iss dich gesund - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 08.07.2022

Experten-Talk

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TALK ZU ZWEIT Dr. Matthias Riedl (links) und Prof. Dr. Martin Merkel trafen sich zum intensiven Gespräch über die neue Volkskrankheit Diabetes im Endokrinologikum Hamburg

Heimlich schleicht sich der Diabetes an, still und leise macht er sich im Körper breit: Die Stoffwechselstörung zeigt keine nennenswerten Symptome, und oft genug wird sie erst bei einer Routine-Untersuchung zufällig entdeckt. Dabei ist Diabetes inzwischen eine Volkskrankheit. Jeder zehnte Bundesbürger leidet daran, die Tendenz ist steigend, und: Die Patienten werden immer jünger. Derzeit sind weltweit 537 Millionen Menschen an Diabetes erkrankt, schätzt die International Diabetes Federation. Im nächsten Jahrzehnt könnte die Zahl rasant anwachsen, ergab eine neue Studie des Deutschen Diabetes-Zentrums in Düsseldorf. Der führende Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl und der Diabetes-Experte Prof. Martin Merkel erörtern, wie der Volkskrankheit wirkungsvoll vorgebeugt werden kann und wie sich die Blutwerte wieder normalisieren lassen.

Was genau ist ein Diabetes?

Prof. Martin Merkel: Eine Zucker- Stoffwechselerkrankung. Die Blutzuckerwerte sind erhöht, weil die Patientinnen und Patienten zu wenig Insulin haben oder Insulin nicht richtig wirkt. Aber zunächst einmal muss zwischen Diabetes Typ 1 und Typ 2 unterschieden werden. Typ 1 ist eine Autoimmunerkrankung, die meist im Kindesalter beginnt. Bei dieser Variante zerstört das körpereigene Abwehrsystem die insulinproduzierenden Zellen. Das betrifft vielleicht 0,4 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung. Typ 2 dagegen wird im Lauf des Lebens erworben. Die Reaktion der Zellen auf das Insulin nimmt ab, und in der Folge ist zu viel Zucker im Blut. ...

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Prof. Martin Merkel: Eine Zucker- Stoffwechselerkrankung. Die Blutzuckerwerte sind erhöht, weil die Patientinnen und Patienten zu wenig Insulin haben oder Insulin nicht richtig wirkt. Aber zunächst einmal muss zwischen Diabetes Typ 1 und Typ 2 unterschieden werden. Typ 1 ist eine Autoimmunerkrankung, die meist im Kindesalter beginnt. Bei dieser Variante zerstört das körpereigene Abwehrsystem die insulinproduzierenden Zellen. Das betrifft vielleicht 0,4 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung. Typ 2 dagegen wird im Lauf des Lebens erworben. Die Reaktion der Zellen auf das Insulin nimmt ab, und in der Folge ist zu viel Zucker im Blut.

Problematisch sind aber nicht nur der erhöhte Blutzucker, sondern die Begleit- und Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall Nieren- und Augenerkrankungen oder das diabetische Fußsyndrom.

Warum ist Diabetes Typ 2 zur Volkskrankheit geworden?

Prof. Martin Merkel: Früher wurde die Krankheit kaum beachtet, denn sie kam viel zu selten vor. Ja, es gab den Altersdiabetes, natürlich, aber der war selten und wurde oft nicht gesondert therapiert. Dagegen entwickelt heute jeder zehnte Deutsche einen Diabetes Typ 2.

Der Grund dafür ist im Lebensstil zu suchen.

Dr. Matthias Riedl: Ja, viele Menschen essen zu viel, und sie essen leider oft genug das Falsche. Zu viel Zucker, zu viel schlechtes Fett, zu viele Kohlenhydrate. Das hauptsächliche Problem in unserer Gesellschaft ist ja, dass jede Art von Nahrung jederzeit und überall verfügbar ist und dass der Mensch gern zugreift.

Prof. Martin Merkel: Übergewicht ist tatsächlich einer der Hauptfaktoren, die einen Diabetes begünstigen und auslösen können. Deshalb muss eine der wichtigsten Maßnahmen bei der Behandlung sein, das Übergewicht der Patientin oder des Patienten abzubauen. Eine Gewichtsreduktion beugt dem Diabetes außerdem vor.

Dr. Matthias Riedl: Die leeren Kohlenhydrate in der Ernährung müssen reduziert werden. Das sind Zuckerstoffe, die sehr schnell Energie liefern, die aber nicht lange satt halten. Sie stecken in Produkten aus raffiniertem Mehl. Nudeln gehören dazu, Toast, Weiß-, Mischbrot, geschälter Reis, Cornflakes, Süßigkeiten und die meisten verarbeiteten Lebensmittel.

ZUR PERSON

Prof. Dr. med. Martin Merkel ist Ärztlicher Leiter des Endokrinologikums Hamburg und Honorarprofessor am Asklepios Campus Hamburg der Semmelweis Universität.

Seine Schwerpunkte sind Endokrinologie, Diabetes, Fettstoffwechsel und seltene Stoffwechselkrankheiten. U. a. ist er Vorsitzender der Hamburger Gesellschaft für Diabetes sowie der Arbeitsgemeinschaft für seltene Stoffwechselkrankheiten in der Inneren Medizin.

Erkranken schlanke Menschen denn nicht an Diabetes?

Prof. Martin Merkel: Doch, es gibt sie natürlich auch, die dünnen Diabetiker des Typs 2. Aber eher selten. Bei ihnen liegt meist eine genetische Disposition vor, das Insulin wirkt nicht so gut. Bei ihnen hat eine Gewichtsreduktion natürlich wenig Sinn, diese Patienten müssen mehr Sport machen.

Bewegung ist sowieso neben der Gewichtsabnahme ganz wichtig, denn das senkt den Blutzuckerspiegel. Sport ist neben dem Abnehmen der zweite Bestandteil der Basis-Therapie.

Dr. Matthias Riedl: Stimmt. Tatsächlich müssen Übergewichtige gar nicht so viel abnehmen, wie man immer meint. Die japanischen Sumoringer zum Beispiel, die schleppen ja extrem viel Gewicht mit sich herum. Solange sie ihren Sport regelmäßig praktizieren, sind sie kerngesund. Aber sobald sie damit aufhören, weil ihre Knochen und Gelenke nicht mehr mitmachen, fangen die Krankheiten an. Diabetes, Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte … Bewegung macht sehr viel aus.

Also sollten wir Sport treiben, um einem Diabetes vorzubeugen?

Prof. Martin Merkel: Ja, auf jeden Fall. Und vor allem auch dann, wenn schon ein Diabetes besteht.

Neue Studien besagen übereinstimmend, dass fünfmal 30 Minuten in der Woche reichen. Ich würde beides empfehlen, Ausdauersport und dazu Krafttraining, denn beim Muskelauf bau wird die Insulinresistenz verbessert.

Dr. Matthias Riedl: Ja, eine Mischung wäre ideal. Aber letztlich ist es nur wichtig, dass körperlich überhaupt etwas passiert, und dann ist es eigentlich egal, welche Art Bewegung das sein wird. Ein straffer Spaziergang ist letztlich auch durchaus okay, das ist ja auch etwas, das eigentlich jeder kann – aber der muss wirklich straff sein.

Prof. Martin Merkel: Kein Mensch tut auf die Dauer etwas, das ihm keinen Spaß macht. Der Sport muss ins Leben eingebaut werden, und deshalb ist es so wichtig, dass die Patientin oder der Patient Freude daran hat. Es nützt nichts, nur für ein paar Wochen körperlich aktiv zu werden, denn dann ist der positive Effekt auf den Zuckerhaushalt ziemlich schnell wieder verpufft. Also sollte jeder Mensch etwas finden, das er gern tut, damit diese Art von Bewegung zum normalen Alltag gehört.

’Genetisch betrachtet leben wir in der Savanne und essen Heuschrecken‘

PROF. MARTIN MERKEL

’Beim Abnehmen will der Körper gew ichtsmäßig dahin zurück, wo er hergekommen ist‘

PROF. MARTIN MERKEL

Dr. Matthias Riedl: Auch die Ernährung muss dauerhaft umgestellt werden, und zwar so, dass das Gewicht gehalten werden kann. Leider sehen wir öfter, dass es einigen Patienten schwerfällt, ihre Lebensführung zu ändern.

Prof. Martin Merkel: Genetisch betrachtet leben wir noch immer in der Savanne und ernähren uns von Heuschrecken. Mit anderen Worten: Der Körper ist auf Entbehrung eingestellt, er nimmt alles an Energie, was er kriegen kann, und er gibt es nicht wieder her. Er will gewichtsmäßig dahin zurück, wo er hergekommen ist. Jedes Kilo wird eingespeichert, und wenn der Körper abnimmt, wird unser Organismus Mechanismen einsetzen, um Energie einzusparen, denn er denkt, er muss verhungern. Der Grundumsatz sinkt, der Mensch muss immer weniger essen, um zuzunehmen. Da sind wir noch in der Steinzeit, genetisch gesehen. Das ist richtig gemein …

Dr. Matthias Riedl: Ja. Denn das bedeutet leider auch, dass übergewichtige Menschen nach einer Gewichtsabnahme auf lange Sicht wieder zunehmen werden, wenn sie ihre Gewohnheiten nicht dauerhaft umstellen. Allerdings ändert sich der Body-Mass-Index, der BMI, mit dem Älterwerden, dann sind ein paar Kilos mehr völlig in Ordnung. Ein BMI von 27 ist ab einem Alter von 50, 60 Jahren okay, allerdings sollte der Bauchumfang auch im Alter unterhalb von 88 für Frauen und 102 Zentimetern für Männer liegen. Sonst steigt das gesundheitliche Risiko.

Also besser keine zeitlich begrenzten Diäten?

Prof. Martin Merkel: Nein, denn Diäten bringen nur einen kurzfristigen Erfolg. Gewicht wird nur durch lebenslange Maßnahmen dauerhaft verringert. Es gibt da einen Gewinner dieser Fernsehserie „The Biggest Loser“, der hat dabei 70 Kilo abgenommen. Das ist wirklich großartig. Aber: Um dieses Gewicht zu halten, muss er jetzt sein Leben lang sehr viel Sport machen und darf nicht mehr als 1200 Kalorien am Tag zu sich nehmen. Der arme Kerl lebt in einem permanenten Hungerzustand.

Dr. Matthias Riedl: Viele Menschen denken, mit Einzelmaßnahmen würde das Gewicht in den Griff zu bekommen sein, mit etwas mehr Bewegung, eine Mahlzeit ausfallen zu lassen oder Intervallfasten. Und sonst wird so weiter gegessen wie bisher. Der Erfolg kommt erst, wenn man genau analysiert, was genau falsch läuft: Meist ist es Snacking, zu wenig Gemüse oder zu viel Zucker. Das geht ohne Tagebuch und professioneller Analyse nicht.

Wie bemerke ich denn, ob ich an einem Diabetes leide?

Prof. Martin Merkel: Betroffene haben Durst, viel Durst und müssen dementsprechend oft Wasser lassen. Dazu kommen manchmal Sehstörungen durch die Schwankungen des Blutzuckers. Weil diese Symptome sehr unspezifisch sind und das Leben nicht beeinträchtigen, dauert es leider oft Jahre, bis der Diabetes erkannt wird, weil die Betroffenen nicht zum Arzt gehen. Es geht ihnen ja so weit ganz gut …

Dr. Matthias Riedl: Ja, tatsächlich muss viel öfter aktiv nach dem Diabetes gesucht werden. Wer übergewichtig ist oder eine Herzerkrankung hat, bei dem sollte geschaut werden, ob er einen Diabetes hat. Da reicht ein Zuckertest.

Das ist zwar ein bisschen zeitaufwendig, da der Patient zwei bis drei Stunden in der Praxis bleiben muss, aber das ist für die Frühdiagnostik wichtig. Dann kann man rechtzeitig eingreifen.

’Die Automaten für Fr uchtsaft und Limo müssen raus aus den Schulen!‘

PROF. MARTIN MERKEL

’Diabetes ist auch eine Stör ung des Kohlenhydrat-Stoff wechsels’

DR. MATTHIAS RIEDL

Wie wird ein Diabetes heute behandelt?

Prof. Martin Merkel: Wenn die Umstellung des Lebensstils nicht ausreicht, dann geben wir Metformin, ein altes Diabetikum. Es verlangsamt den Verlauf der Krankheit.

Unter Metformin entwickeln die Darmbakterien eine blutzuckersenkende Wirkung. Abgesehen davon sind inzwischen sehr viele und sehr gute Medikamente für Diabetiker auf dem Markt. Wir haben heutzutage auch Mittel, die das Gewicht reduzieren. Insulin verschreiben wir so spät wie möglich, denn das Hormon bekämpft nur die Symptome, nicht die Krankheit. Leider verordnen es manche Ärzte zu schnell.

Dr. Matthias Riedl: Ja, da gäbe es viele andere Möglichkeiten. Insulin macht außerdem dick, es ist ein Masthormon. Und damit wären wir wieder beim Übergewicht …

Prof. Martin Merkel: Ja, unsere Gesellschaft ist tatsächlich zu dick.

Rund zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen haben Übergewicht. Leider ist in unserer Gesellschaft noch nicht angekommen, dass Adipositas eine Krankheit ist, die behandelt werden kann und muss. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft hat vermeldet, dass eine große Wahrscheinlichkeit besteht, dass sich schon bei 15 Kilo Gewichtsabnahme die Möglichkeit um 86 Prozent erhöht, dass sich die Zuckerwerte eines Diabetikers wieder normalisieren.

Dr. Matthias Riedl: Wir sind viel zu sehr auf Süßes konditioniert, und es ist meiner Meinung nach die Aufgabe der Politik, dieses zu ändern und präventiv zu arbeiten.

Das ist nicht nur die Aufgabe von uns Ärzten, das können wir allein auch gar nicht schaffen.

Was könnte die Politik denn verändern?

Prof. Martin Merkel: Die Konditionierung auf Süßes fängt ja schon im Kindesalter an. Die Automaten mit Fruchtsaftgetränken und Limo müssen raus aus den Schulen, stattdessen sollte Wasser angeboten werden. Da gab es hier in Hamburg schon Ansätze, aber es hat sich dann leider doch nichts getan.

Da könnte der Staat tatsächlich wirkungsvoll eingreifen, dann wäre schon eine ganze Menge bei der Diabetesprävention gewonnen.

Dr. Matthias Riedl: Antidiabetische Nahrungsmittel wie Gemüse oder Nüsse könnten von der Mehrwertsteuer befreit werden.

Prof. Martin Merkel: Auch die Werbung ist ja irreführend. So ein Schokoriegel für Kinder besteht hauptsächlich aus Fett und Zucker.

Um den beworbenen Kalziumbedarf eines Tages zu decken, müsste man 200 Stück davon essen.

Was sollte der Mensch überhaupt essen, um Diabetes vorzubeugen und zu bekämpfen?

Dr. Matthias Riedl: Ein Diabetiker kann Kohlenhydrate nicht gut verstoffwechseln. Diabetes ist im Grunde also auch eine Störung des Kohlenhydratstoffwechsels. Haben wir zu viel Kohlenhydrate in unserer Gesellschaft?

Prof. Martin Merkel: Ja, das haben wir, eindeutig. Und zwar die falschen. Denn es kommt ja auch immer auf die Art der Kohlenhydrate an. Salat hat auch welche, und er macht satt. Natürlich vertreiben auch ein Burger oder ein Schokoriegel den Hunger, aber nach einer Viertelstunde will ich dann schon wieder etwas essen.

Dr. Matthias Riedl: Das ist das Prinzip der Ballaststoffe: Sie machen satt. Die Energie, die man mit dem Essen zu sich nimmt, wird durch sie verdünnt. Ballaststoffe können nicht verdaut werden, das ist ein ganz wichtiger Punkt. Erwachsene sollten mindestens 30 Gramm Ballaststoffe pro Tag verzehren, im Schnitt sind es aber nur 22 Gramm. Sie stecken in Pflanzenfasern. Die unlöslichen Ballaststoffe quellen zusammen mit Flüssigkeit im Magen auf und machen auf diese Art satt. Sie sind in Vollkornprodukten, Pilzen und Hülsenfrüchten enthalten. Die löslichen stecken hauptsächlich in Obst und Gemüse. Sie ernähren die guten Bakterien im Darm.

Also viel Gemüse und Müsli?

Dr. Matthias Riedl: Ja, das wäre gut. Nach wie vor empfehlen wir unseren Patienten die Mittelmeerdiät …

Prof. Martin Merkel: Ja, aber ohne Nudeln und Pizza!

Dr. Matthias Riedl: Genau. Das sind ja exakt die Kohlenhydrate, von denen wir nicht so viel essen sollten. Die Mittelmeerernährung wie vor 30 Jahren, die ist gesund. Also viel Fisch und Gemüse, mageres Fleisch, Geflügel. Es sollten nur hochwertige Fette gegessen werden, und wenn Kohlenhydrate aus Getreide, dann Vollkorn. Drei Mahlzeiten am Tag sollten in einem Abstand von vier bis sechs Stunden aufgeteilt werden, damit in den Essenspausen der Fettstoffwechsel in Schwung kommt. Auf kleine Snacks zwischendurch besser verzichten.

Spielt die Darmflora bei Diabetes eine Rolle?

Prof. Martin Merkel: Ja, aber wir wissen noch nicht genau, welche. Wir tragen ja etwa ein Kilo Bakterien im Darm mit uns herum, die noch nicht alle erforscht sind. Wir wissen zwar, dass es Bakterien gibt, die mit Übergewicht und Diabetes assoziiert sind, aber sonst wissen wir noch nicht viel. Wir stehen da noch ganz am Anfang.

Dr. Matthias Riedl: Wenn man einem übergewichtigen Menschen die Darmflora eines Schlanken gibt, dann nimmt er ab, das ist faszinierend! Das Problem dabei: Irgendwann pendelt sich die Darmflora des Übergewichtigen leider wieder genau da ein, wo sie vorher war, und er nimmt wieder zu.

Prof. Martin Merkel: Die Zusammensetzung der Darmflora ist nur teilweise beeinflussbar, denn sie ist auch genetisch bedingt. Natürlich hat auch der jeweilige Lebensstil etwas damit zu tun, aber eben nicht alles. Aber auch hier wissen wir noch nicht viel.

’Die Zusammensetzung der Darmflora lässt sich nur teilweise beeinflussen‘

DR. MATTHIAS RIEDL

Könnte eine aus der Balance geratene Darmflora denn überhaupt durch die Ernährung nachhaltig beeinflusst werden?

Prof. Martin Merkel: Die Datendichte der Studien reicht noch nicht aus, als dass wir wirkliche Empfehlungen aussprechen könnten. Aber ja, ich denke schon, dass die Ernährung damit zu tun hat.

Wird denn jeder übergewichtige Mensch Diabetiker?

Dr. Matthias Riedl: Nein, nicht jeder. So wie es schlanke Menschen gibt, die einen Diabetes Typ 2 bekommen, so gibt es auch übergewichtige, die gesund sind.

Prof. Martin Merkel: Daran wird zurzeit geforscht. Es ist ja auch so, dass manche Diabetiker überhaupt keine Folgeerkrankungen haben, die müssen vielleicht weniger intensiv therapiert werden. Beim Altersdiabetes könnte das so sein.

Das Gefährliche am Diabetes ist ja eben, dass die Organe dabei geschädigt werden, die Augen, das Herz, die Nieren, die Nerven, die Gefäße. Aber eben nicht bei jedem.

Die Forschung ist seit zwei, drei Jahren dabei, herauszufinden, warum das so ist. Dabei kristallisiert sich heraus, dass der Diabetes Typ 2 aus noch mindesten drei oder vier Untergruppen besteht.

Manche Patienten tragen ein besonderes Risiko für eine bestimmte Folgeerkrankung, und deshalb müssten sie auch individuell behandelt werden. Aber das ist Zukunftsmusik.

Dr. Matthias Riedl: Ja, wir sehen in der Praxis Menschen, die seit 20 Jahren Diabetes haben und gesund sind, und daneben einen jungen Menschen, der seit fünf Jahren erkrankt ist und massive Folgeschäden erleidet. Und – wie gesagt – die Ernährung spielt hier eine große Rolle. Aber Empfehlungen zur individuell ausgerichteten Ernährung können wir noch nicht aussprechen, wir wissen zu wenig.

Was empfehlen Sie bis dahin?

Dr. Matthias Riedl: Ballaststoffe und Gemüse essen! So oft und so viele wie möglich!

’Es kristallisier t sich gerade heraus, dass der Diabetes Ty p 2 aus drei oder vier verschiedenen Unterg r uppen besteht‘

PROF. MARTIN MERKEL