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Wir leben auf Kredit


ÖKO-TEST Spezial Umwelt & Energie - epaper ⋅ Ausgabe 11/2010 vom 18.11.2010

Während in den Industrienationen die Wachstumskurve kontinuierlich nach oben steigt, schmelzen die Polkappen und Gletscher mit bedrohlicher Geschwindigkeit. Dennoch halten wir an der Politik des permanenten Wachstums fest. Oberste Leitlinie ist das Bruttoinlandsprodukt, das blind ist gegenüber den Umweltgefahren. Dabei ist nachgewiesen, dass Wachstum und Wohlstand die Menschen nicht automatisch glücklicher machen.


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Foto: Patrik Dietrich/Fotolia.com

Wachstum bedeutet Wohlstand. So ist es früher immer gewesen. Und glaubt man den Politikern und Ökonomen, dann stimmt diese Formel heute noch genauso wie vor 50 ...

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Wachstum bedeutet Wohlstand. So ist es früher immer gewesen. Und glaubt man den Politikern und Ökonomen, dann stimmt diese Formel heute noch genauso wie vor 50 Jahren. Deshalb hat die schwarz-gelbe Bundesregierung auch ein Wachstumsbeschleunigungsgesetz beschlossen. Das andere Zauberwort heißt Bruttoinlandsprodukt, in Kurzform BIP. Für die Statistiker ist das BIP schlicht die Summe aller Güter und Dienstleistungen eines Landes, die im Jahr produziert und gehandelt werden. Für viele Bundesbürger verbindet sich das BIP noch heute mit den Erinnerungen an das Glück des deutschen Wirtschaftswunders. Damals, in den Fünfzigern, hieß das BIP noch Bruttosozialprodukt und stieg jährlich um sagenhafte acht Prozent. Und nach den Entbehrungen des Krieges bescherte es den Menschen wieder bescheidenen Konsum: einen Kühlschrank, den ersten Fernseher, eine Reise nach Italien. Um 1960 herrschte in Deutschland sogar Vollbeschäftigung – dem rasanten Wirtschaftswachstum sei Dank.

Heute leben die Kinder und Enkel dieser Generation im Überfluss. Legt man das Bruttoinlandsprodukt zugrunde, dann kann Otto Normalverbraucher sich fast fünf Mal mehr kaufen als seine Großeltern vor 40 Jahren. Die Autos sind größer und schneller, die Wohnungen komfortabler, Urlaubsreisen mit dem Billigflieger zur Selbstverständlichkeit geworden. Vollautomatische Geschirrspüler und Wäschetrockner erleichtern uns die tägliche Hausarbeit, im Supermarkt haben wir die Qual der Wahl, über Handy und Internet sind wir rund um die Uhr weltweit vernetzt. Schon jetzt besitzt jeder Deutsche im Schnitt 20.000 Teile, wie Zählungen ergeben haben. Von einem echten Bedarf kann also keine Rede sein. Wachstum ist zum Selbstzweck geworden.

Zugleich ist der Optimismus der Wirtschaftswunderjahre dahin. Stattdessen werden die Menschen von düsteren Vorahnungen und Zukunftsängsten geplagt. Sie sorgen sich um ihren Arbeitsplatz, ihre Ersparnisse und ihre Rente. Von Vollbeschäftigung ist schon lange keine Rede mehr. Und als Folge der internationalen Finanzkrise schrumpfte das BIP im Jahr 2009 sogar um historische fünf Prozent. Aus Sicht der Wirtschaftspolitiker ist das der Super-GAU jeder Nationalökonomie. Es bleibt Skepsis, auch wenn die Wirtschaft 2010 wieder kräftig wuchs.

Die Erde heizt sich auf , die Gletscher schmelzen. Je stärker die Industrie wächst, desto mehr Energie und Rohstoffe werden verbraucht – und desto mehr klimaschädliches CO² wird in die Umwelt geblasen.


Fotos: irisblende.de (2)

Abschwung ist für die Umwelt ein Segen

Und noch etwas hat sich geändert. Während in den Industrienationen die Wachstumskurve trotz einiger Dellen seit Jahrzehnten nach oben klettert, schmelzen fernab die Polkappen und Gletscher mit bedrohlicher Geschwindigkeit. Die Erde heizt sich auf. Die Meeresspiegel steigen, manche Regionen werden zunehmend von Wirbelstürmen und Überschwemmungen heimgesucht. Anderswo herrscht Dürre, die Nahrungsmittel werden knapp, die Wüsten dehnen sich aus. Schuld ist der durch industrielles Wachstum verursachte Treibhauseffekt, genauer: die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas, die Abholzung der Regenwälder, die intensive Nutzung von Ackerflächen, der massenhafte Verzehr von Hamburgern und saftigen Rindersteaks. Das alles pusht nicht nur das BIP in die Höhe, sondern auch die Freisetzung des Treibhausgases CO2 .

Schon jetzt ist weltweit die Hälfte aller fossilen Energiequellen verbraucht. In den vergangenen 100 Jahren erhöhte sich die durchschnittliche Temperatur um 0,8 Grad. Und wenn wir weiter auf dem Pfad des Wachstums wandeln, kommen bis zum Jahr 2100 wahrscheinlich noch einmal vier Grad dazu – mit katastrophalen Folgen für das Öko-System unseres Planeten. Um das zu verhindern, müssten wir beispielsweise in Europa bis 2050 den Ausstoß an Treibhausgasen um 80 Prozent verringern. Insofern bedeutet der Einbruch des BIP für die Umwelt eine kleine Atempause. Tatsächlich gingen im vergangenen Jahr die CO2 -Emissionen erstmals seit langer Zeit wieder zurück.

Wir sind auf dem direkten Weg, unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu zerstören. Aber der Wohlstandsmaßstab BIP ist blind gegenüber zukünftigen Gefahren. Schlimmer noch: Er täuscht darüber hinweg. Er misst nur die Geldflüsse – egal, ob die Investitionen dazu verwendet werden, ein klimafreundliches Solarkraftwerk zu bauen, spritfressende Geländewagen zu produzieren oder die Folgeschäden eines Tankerunglücks zu reparieren. So gesehen, war der Wirbelsturm Katrina, der 2005 im wahrsten Sinne des Wortes ganz New Orleans versenkte, ein Segen für die amerikanische Volkswirtschaft. Die zig Milliarden für den Wiederaufbau der Stadt ließen das US-Bruttoinlandsprodukt in die Höhe schnellen. Die Zerstörungen dieser Naturkatastrophe, die von den Menschen möglicherweise selbst verursacht wurde, fielen dagegen glatt unter den Tisch.

Nicht nur die Umweltschäden, auch andere negative Begleiterscheinungen des industriellen Wachstums werden vom BIP nicht erfasst. Beispiel Zigarettenkonsum: Die Umsätze der Tabakbranche zählen zum BIP genauso wie die ärztlichen Leistungen für die Behandlung von Lungenkrebs oder Herzerkrankungen. Positiv zu Buche schlagen auch die Gewinnstei gerungen der Pharmaindustrie. Zum Wohlstand – im Sinne von Gemeinwohl – steuern all diese Posten aber nichts bei. Bestenfalls dienen sie dazu, die zerstörerischen Nebeneffekte von Wirtschaftswachstum zu reparieren. Das gilt ebenso für Verkehrsunfälle oder übermäßigen Alkoholkonsum. Wenn sich immer mehr Jugendliche ins Koma saufen, klettern die Einnahmen der Spirituosenhersteller und damit auch das BIP. Dass Alkoholismus in Wahrheit ein Selbstmord auf Raten ist, fällt statistisch nicht ins Gewicht.

Seit der Club of Rome 1972 in seiner StudieDie Grenzen des Wachstums den Kollaps der Weltwirtschaft prognosti- zierte, haben kritische Wissenschaftler und Klimaschützer immer wieder vor den fatalen Konsequenzen eines ungebrochenen Wachstums gewarnt. Doch die Politik hält unerschütterlich an den Glaubenssätzen der Nachkriegsära fest. Danach verspricht Wachstum mehr Jobs, mehr Einkommen, mehr Konsum, mehr Investitionen, mehr Geld für die Bildung und auch mehr Hilfe für die Schwachen. Dabei hat gerade der Zusammenbruch der Finanzmärkte die Zweifel an der Wachstumsideologie bestärkt. Denn mit dem Platzen der amerikanischen Immobilienblase wurde endgültig klar, dass eine sich ständig beschleunigende Wachstumsspirale weder Arbeit noch soziale Sicherung garantiert, geschweige denn so etwas wie Gerechtigkeit.

Wachstum wird durch den Raubbau an der Natur erkauft

In Deutschland soll nun das Wachstumsbeschleunigungsgesetz den stotternden Wirtschafts motor wieder zum Laufen bringen. Doch allein um die Kosten dieses Gesetzes zu kom pensieren, so argumentiert der Essener Sozialpsychologe und Wachstumskritiker Harald Welzer, benötigen wir ein Wirtschaftswachstum von sieben Prozent. Das ist pure Illusion. Seit den 1950-Jahren ist die Wachstumsrate in allen Industrienationen kontinuierlich gesunken. In den 1970er-Jahren betrug sie durchschnittlich 2,7 Prozent, in den 1990er-Jahren 1,3 und im zurückliegenden Jahrzehnt 0,8 Prozent. In absoluten Zahlen haben sich die Zuwächse in diesem Zeitraum allerdings kaum verändert. Es wandelt sich jedoch die Verteilung des Einkommens. Das Lohnniveau ist in den letzten Jahren gesunken, denn die Teuerungsrate zehrt die Einkommenssteigerungen auf. Dagegen steigen nach Angaben des gewerkschafts nahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) die Einkünfte aus Unternehmen und Vermögen, von denen aber nur ein kleiner Teil der Bevölkerung profitiert. Das heißt: Die Einkommensunterschiede werden immer größer, die Armut nimmt zu. Über die Hälfte der neu geschaffenen Stellen sind sogenannte prekäre Beschäftigungs verhältnisse wie Zeitarbeit, Minijobs oder schlecht bezahlte Arbeiten. Heutiges Wirtschaftswachstum kommt also bei den meisten Menschen gar nicht an. Und wir leben in doppeltem Sinne auf Kredit: Zum einen gründet das Wachstum auf einem steigenden Schuldenberg, den unsere Kinder und Enkel mit Zins und Zinseszins begleichen müssen. Zum anderen wird permanentes Wachstum durch einen Raubbau an Natur und Umwelt erkauft.

Ein Zahlenspiel des Wirtschaftswissenschaftlers Meinhard Miegel verdeutlicht den ganzen Irrsinn der Wachstumsfantasien: Würde das BIP in den Industrienationen ungefähr weiter so zunehmen wie in den vergangenen 30 Jahren, die Weltbevölkerung von heute 6,8 auf 9 Milliarden anwachsen und die Kluft zwischen reichen und armen Ländern nicht größer werden, dann müsste sich die globale Wirtschaftsproduktion innerhalb von 90 Jahren versechsfachen. Sollen die armen Völker das Niveau der wohlhabenden erreichen, müssten weltweit sogar 33 Mal mehr Güter und Dienstleistungen produziert werden als heute. Angesichts versiegender Rohstoffquellen und globaler Erwärmung ist das reine Fiktion.

Die Warenflut bedeutet für viele Menschen eher ein Weniger als ein Mehr an Lebensqualität.


Foto: irisblende.de

Nicht mehr Glücksgefühl durch mehr Wohlstand

Wachsender Wohlstand steigert auch nicht automatisch das Glück und die Lebenszu frieden heit der Menschen; das ist durch viele Studien belegt. Die Glücksforschung liegt im Trend. Den Anfang machte 1972 ein aufgeklärter Monarch in dem kleinen Himalaya-Staat Bhutan, der seine Untertanen zufriedener machen wollte. Als ironischen Gegenentwurf zum BIP entwickelte der weise König das sogenannte Bruttonationalglück, das noch heute Güter wie Kultur, Tradition, einen angemessenen Umgang mit der Zeit oder eine intakte Natur als wichtigste Entwicklungsziele erfasst. Inzwischen haben viele Wissenschaftler Ähnliches versucht. Es gibt den Human Development Index (HDI), den Happy Planet Index (HPI) oder die World Map of Happiness, zu Deutsch: den Weltatlas des Glücks. In all diesen Studien geht es darum, den nationalen Gemütszustand durch Indikatoren wie subjektive Zufriedenheit, Gesundheit, Bildung, Lebensstandard, Lebenserwartung oder Nachhaltigkeit zu ermitteln. Je nach Gewichtung kommen sie zu unterschiedlichen Ergebnissen. Die britischen Autoren des HPI beispielsweise erklärten 2009 die Bewohner Costa Ricas zu den glücklichsten Zeitgenossen – als ein Volk mit hoher Zufriedenheit und Lebenserwartung und einem maßvollen Umweltverbrauch. Dicht dahinter folgten weitere kleinere Staaten aus Mittelamerika. Dagegen mussten sich die USA wegen ihrer schlechten Öko-Bilanz unter 143 Ländern mit Rang 114 begnügen.

In anderen Glücksmessungen schneiden die entwickelten Industrienationen besser ab, obwohl auch dort die reichsten und größten Länder meist nicht zur Spitzengruppe gehören. Auf dem Weltatlas des Glücks haben kleinere Staaten wie Dänemark, die Schweiz und Österreich die Nase vorn, die vor allem dur ihr Bildungs- und Gesundheitssystem punkten. Der HDI wiederum, der von UNForschern entwickelt wurde, bescheinigt Norwegen, Australien, Island und Kanada die höchste Lebensqualität, allesamt dünn besiedelte Länder mit weitgehend unberührter Natur. Deutschland als eine der reichsten Industrienationen rangiert auf der Stufenleiter des Glücks durchgehend im Mittelfeld – je nach Studie zwischen dem 22. und 51. Platz. Schlusslichter sind überall die schwarzafrikanischen Länder.

Menschen vergleichen sich mit den anderen

In zwei entscheidenden Punkten stimmen die Studien überein: Die glücklichsten Menschen leben dort, wo es ihnen materiell gut geht. Aber ab einer bestimmten Grenze macht Geld nicht glücklicher. Anders gesagt: In armen Ländern finden die Wissenschaftler einen deutlichen Zusammenhang zwischen Wachstum, Wohlstand und Glücksempfinden. Wenn in einem Land aber ein bestimmtes Grundniveau erreicht ist, hat Wirtschaftswachstum statistisch nichts mehr mit einem Zuwachs an Lebensfreude zu tun. Wo die durchschnittliche Einkommensgrenze liegt, ab der dieser Effekt eintritt, lässt sich in Geld nicht so genau beziffern. Manche Forscher taxieren sie auf 20.000 bis 50.000 Dollar im Jahr. Allerdings sind die Ansprüche in den Ländern unterschiedlich. Auch die Einkommensverteilung spielt eine Rolle. Wo sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet wie in Russland, China oder Indien, hinkt das subjektive Wohlbefinden klar hinter den Wachstumsraten hinterher.

Zuverlässig belegt ist auf jeden Fall, dass die Deutschen heute nicht glücklicher sind als in den 70er-Jahren. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Warum stagniert die Zufriedenheit, wenn wir uns doch so viel mehr Angenehmes und Schönes leisten können? Eine wichtige Ursache sieht der amerikanische Psychologe Barry Schwartz gerade in der enorm gestiegenen Wahlfreiheit in allen Lebensbereichen: Die alltäglichen Entscheidungsqualen angesichts eines unüberschaubaren Angebots an Pizzasorten, Jeansmarken oder digitalen Kameras. Die Vielfalt der Möglichkeiten an Fernsehkanälen, Telefonanbietern oder Freizeitvergnügen. Das alles sei, glückstechnisch gesehen, eher eine Last als ein Gewinn. Es gibt noch eine andere Erklärung. Die Glücksforschung hat nämlich herausgefunden, dass Menschen sich mit anderen vergleichen – mit Kollegen, Nachbarn, Bekannten – und dass ihre Zufriedenheit zum großen Teil vom Ergebnis dieses Vergleichs abhängt. Wenn sie gefragt werden, ob sie 90.000 Euro verdienen wollen in einer Welt, in der die meisten nur 80.000 verdienen, oder ob sie lieber 120.000 bekommen wollen in einer Welt, in der die meisten 130.000 verdienen, entscheiden sie sich fast immer für die ersten 90.000 Euro. Das Wichtigste ist ihnen nämlich nicht – wie viel, sondern dass sie mehr auf dem Konto haben als die meisten anderen.

Reiche haben mehr Zukunftsängste als Normalverdiener

Ziehen wir unser Glück also aus dem Unglück der anderen? Es sind der Status und die soziale Anerkennung, die zählen. Und wer oben angekommen ist, fürchtet in der Krise den Absturz umso mehr. Das berichtet der Berliner Soziologe Jürgen Schupp, der im Rahmen der LängsschnittstudieSozio-oekonomischer Panel (SOEP) die Befindlichkeiten und Einstellungen der Deutschen erforscht. Danach leiden Menschen mit sehr hohem Einkommen heute sogar unter größeren Zukunftsängsten als Normalverdiener. Schupp nennt das den „Schickedanz-Effekt“. Gemeint ist die Erbin des Quelle-Konzerns, deren gigantisches Vermögen im vergangenen Jahr um einige Milliarden schrumpfte. Kurz darauf klagte die immer noch vielfache Millionärin viaBild -Zeitung über ihren gesunkenen Lebensstandard: „Wir leben von 500 bis 600 Euro im Monat. Wir kaufen auch beim Discounter. Gemüse, Obst und Kräuter haben wir im Garten.“ In der ganzen Republik erntete sie dafür Spott und Häme.

Viele Wissenschaftler stehen der Glücksforschung allerdings skeptisch gegenüber. Denn wie Menschen ihre Freude und Zufriedenheit bewerten, hängt teilweise von psychologischen Faktoren ab, die durch die Politik gar nicht beeinflusst werden können. Und wie sich Befragte über ihre Gefühle äußern, ist auch kulturell bedingt. Beispielsweise gelten die Deutschen als Weltmeister im Jammern und schneiden vielleicht auch deshalb in Glücksumfragen schlechter ab als etwa die Dänen oder die Schweizer. Vor allem aber können Umfragen zum persönlichen „Well-Being“, wie man heute sagt, langfristige Gefahren wie den Klimawandel nicht richtig erfassen. Möglicherweise widersprechen sie den Zielen einer nachhaltigen Umweltentwicklung sogar. Es kann ja sein, dass die Menschen nicht gerade glücklich darüber sind, dass sie in Zukunft für einen Liter Sprit 2,50 Euro bezahlen, weniger Fleisch essen und mehr Bio-Gemüse kaufen sollen. Und vielleicht hängt ihr momentanes Wohlbefinden ja davon ab, regelmäßig zum Skilaufen in die Alpen zu fliegen. Nur muss man dort die Pisten wegen der globalen Erwärmung zunehmend mit Kunstschnee präparieren, was andererseits den Klimawandel weiter verstärkt. Die über 3.000 Schneekanonen in Europa verbrauchen in jedem Winter so viel Energie wie eine Stadt mit 150.000 Einwohnern und so viel Wasser wie die Millionenstadt Hamburg im Jahr.

Die Glücksforschung ist nicht blind wie das BIP. Aber sie ist doch zu kurzsichtig, um den gesellschaftlichen Fortschritt anzutreiben. Diese Rolle könnte in Zukunft der nationale Wohlfahrtsindex für Deutschland (NWI) übernehmen, den der Heidelberger Wirtschaftswissenschaftler Hans Diefenbacher und der Berliner Nachhaltigkeitsforscher Roland Zieschank im Auftrag des Bundesumweltministeriums entwickelt haben. In einem aufwendigen Rechenverfahren versucht der NWI, eine möglichst realistische Entwicklung der nationalen Wohlfahrt abzubilden. Die NWI-Autoren haben statt Wohlstand den Begriff „Wohlfahrt“ gewählt, weil sie klarmachen wollen, dass sich ihr Modell nicht nur an ökonomischen Kriterien orientiert. Wohlfahrt heißt für sie auch sozialer Ausgleich und gerechte Einkommensverteilung. Für das BIP spielen dagegen soziale Gesichtspunkte keine Rolle. Wohin das im Extremfall führen kann, zeigt ein Beispiel aus den USA: Dort steigern die aberwitzigen Bonuszahlungen an Bankmanager das BIP um mehrere Hundert Milliarden Dollar pro Jahr. Sie täuschen nicht nur einen illusionären Wohlstand vor, sondern auch eine illusionäre Gerechtigkeit. Während unzählige Menschen durch den Finanzkollaps ihre betriebliche Altersversorgung verloren haben, kassieren die eigentlichen Verursacher heute schon wieder Boni auf Rekordniveau.

Kaum zu glauben. Doch wer einmal ganz oben angekommen ist, fürchtet sich vor dem Absturz und leidet oft mehr unter Zukunftsängsten als Normalsterbliche.


Foto: ccvision.de

Ein zweites Beispiel betrifft den Faktor unbezahlte Arbeit. Ehrenamtliche Jobs sind ebenso Teil der Wertschöpfung eines Landes wie Kochen, Waschen, Putzen und Windeln wechseln. Im Bruttoinlandsprodukt tauchen solche Leistungen aber nicht auf. Deshalb schrumpft das BIP, wenn ein Pfarrer seine Haushälterin heiratet und sie anschließend für ihre Arbeit nicht mehr entlohnt. Im NWI dagegen wird unbezahlte Arbeit und ehrenamtliches Engagement miterfasst. Der entscheidende Unterschied zum BIP ist jedoch, dass im Modell des NWI erstmals die enormen ökologischen und sozialen Folgeschäden der Wachstumsspirale berechnet werden – die Kosten der Umweltzerstörung, des Verbrauchs von Flächen, der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, der Freisetzung des Klimagases CO2 . Auch die mit Verkehrsunfällen, Lärm oder Alkoholsucht verbundenen Belastungen werden beziffert und am Ende vom Gesamtwert der erwirtschafteten Güter und Dienstleistungen abgezogen.

Trotz Wachstum bleibt weniger Wohlstand

Wenn man die Verlaufskurven des BIP und des NWI übereinanderlegt, zeigt sich ein gegenläufiger Trend: Seit 1996 steigt das Bruttoinlandsprodukt langsam an, während der nationale Wohlfahrtsindex entsprechend sinkt. Das bedeutet, dass wir in Deutschland trotz Wirtschaftswachstum immer weniger gesellschaftlichen Wohlstand haben. Der NWI liefert zwar keine politischen Patentrezepte. Aber würde er das BIP als Kontrollsystem und Leitlinie der Politik ersetzen, müssten wohl sämtliche Warnlampen anfangen zu blinken. Das Signal ist klar: Die Politik befindet sich mit ihrem Wachstumskurs auf dem falschen Weg, und es ist allerhöchste Zeit, das Steuer herumzureißen. In Teilen der Gesellschaft ist die Debatte längst in vollem Gange. Auch in der EU beginnt man umzudenken. In Frankreich berief Präsident Nicolas Sarkozy sogar eine hochrangige Forschungskommission, die unter der Führung des Wirtschaftsnobelpreisträgers Joseph Stiglitz neue Indikatoren erarbeitete, um das BIP zu reformieren. „Es wird deutlich, dass dieses Wachstum mehr zerstört, als es schafft“, verkündete Sarkozy. „Wir ändern unsere Verhaltensweisen nicht, wenn wir nicht die Art und Weise, unsere Ergebnisse zu messen, ändern.“