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Wir lernen nichts aus der Geschichte


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 23.03.2019

Claude-Michel Schönberg im Interview zu »Miss Saigon« im Musical Dome Köln


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Foto: Stephan Drewianka

blickpunktmusical : Wann kamen Sie und Alain Boublil auf die Idee zu »Miss Saigon«?

Claude-Michel Schönberg: Es war in den 1980ern. »Les Misérables« zog gerade vom Barbican Theatre ins The Palace Theatre in London um. Ich dachte damals schon sehr lange über eine Aktualisierung der »Madame Butterfly« nach, wusste aber nicht, wann und wie. Als ich für den Theaterwechsel von »Les Misérables« einige Beats und Teile der Partitur anpasste, fiel mir eine Zeitschrift in die Hände. Darin sah ich ein Foto und ...

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Claude-Michel Schönberg: Es war in den 1980ern. »Les Misérables« zog gerade vom Barbican Theatre ins The Palace Theatre in London um. Ich dachte damals schon sehr lange über eine Aktualisierung der »Madame Butterfly« nach, wusste aber nicht, wann und wie. Als ich für den Theaterwechsel von »Les Misérables« einige Beats und Teile der Partitur anpasste, fiel mir eine Zeitschrift in die Hände. Darin sah ich ein Foto und verstand, dass die Mutter darauf Jahr für Jahr unter zahlreichen bürokratischen Hindernissen nach ihrem Ex-Geliebten, einem GI, gesucht hatte. Inzwischen war ihre Tochter 11 Jahre alt. Ihr war immer bewusst gewesen, in dem Moment, in dem sie ihn fände, würde sie gleichzeitig ihre Tochter verlieren. Denn als Vietnamesin konnte sie nicht einfach nach Amerika einreisen. Sie konnte nur ihre Tochter dem Vater überlassen. Die Mutter brachte dieses Opfer für die Zukunft ihrer Tochter. Und ich zog die Parallele zu Cio-Cio-San, genannt Butterfly, in »Madame Butterfly«. Sie brachte das gleiche Opfer. Ich stellte sie mir am Ende des Vietnamkrieges als junge Vietnamesin vor, die sich in einen jungen, amerikanischen Soldaten verliebt.

blimu: Würden Sie das Musical jetzt, 30 Jahre später, mit einem anderen Hintergrund schreiben?

CMS: Ich liebe »Madame Butterfly« und das Opfer der jungen Mutter für ihr Kind. Auch heute haben Menschen Schwierigkeiten, wenn sie ihr Land aus politischen Gründen verlassen müssen. Ich hätte nie erwartet, dass 30 Jahre nach »Miss Saigon« Menschen in der gleichen Situation sind wie damals. Es könnte in Afghanistan, Syrien, Libyen – in so vielen Länder der Welt – geschehen. Im Augenblick sprechen wir über Venezuela, wo viele Menschen leben und darunter viele junge Frauen, die alles versuchen, um das Land zu verlassen. Sie gehen nach Brüssel und prostituieren sich. Es ist genau die gleiche Situation. Wir lernen nichts aus der Geschichte, sondern hoffen immer, es geschieht das letzte Mal. Doch die Geschichte wiederholt sich immer wieder und so wird es auch in Zukunft sein.

blimu: Wie lange dauerte damals der kreative Prozess?

CMS: Wir haben 1985 begonnen und 1989 eröffneten wir mit dem Stück im West End. Wir haben also 4 Jahre daran gearbeitet. Die Zeiten waren damals andere, um etwas zu erschaffen und zu produzieren.

blimu: Was gab es zuerst, die Musik oder die Liedtexte?

CMS: Es ist etwas komplexer. Wir kamen aus einer Popsong-Welt, in der die Liedtexte auf eine Musik geschrieben werden. Doch wir konzipierten eine Geschichte, das Buch, und erarbeiteten gemeinsam die Details für die Bühnenfassung. Wir schrieben nicht einfach Dialoge und Liedtexte, sondern in allen Einzelheiten das nieder, was dann auf der Bühne geschieht. Daher wusste ich, als ich zu komponieren begann, immer genau, in welcher Situation die Musik welche Spannung transportieren musste. Ich mag es besonders, wenn die Musik die Geschichte bereits trägt. Natürlich wird sie durch die Liedtexte noch verständlicher. Doch es kam vor, dass Alain (Boublil) mir eine Zeile gab, um ihm dazu Musik zu schreiben. Es war ein ständiger Austausch.

blimu: Was war Ihre Inspirationsquelle für die Musik?

CMS: Die Geschichte selbst und ein gewisser Tribut an Puccini natürlich. Zwei Dinge waren mir wichtig: Es sollte niemals nach »Les Misérables« klingen und zugleich ein Dankeschön meinerseits an Puccini für seine »Madame Butterfly« sein. Deshalb klingt er in der Musik auch hin und wieder an. Das habe ich absichtlich getan. (schmunzelt)

blimu: Im Musical Dome Köln haben wir jetzt 30 Jahre nach der Uraufführung die Deutschlandpremiere der Jubiläumsfassung von 2014 gesehen. Was hat sich gegenüber dem Original verändert?

CMS: Vor allem die Umsetzung auf der Bühne: das Bühnenbild, das Design ist komplett neu. Die Musik dagegen ist praktisch dieselbe. Die Ausnahme bildet ein neuer Song, mit dem wir beim Publikum mehr Sympathie für den Charakter der Ellen wecken wollen. Die Orches-trierung wurde für das 25-jährige Jubiläum vor 5 Jahren in den Beats und Arrangements von meinem guten Freund William David Brohn, der schon mit mir die Originalorchestrierung gemacht hat, überarbeitet.

blimu: Wird es eine Verfilmung von »Miss Saigon«geben?

CMS: Das kann gut sein. Die Idee ist noch nicht vom Tisch.

blimu: Würden Sie dafür einen neuen Song schreiben wie für die Verfilmung von »Les Misérables«?

CMS: Im Augenblick kann ich mir das nicht vorstellen. Solche Zusätze haben nicht immer künstlerische Gründe. Sie dienen zumeist dem Business. Bei »Les Misérables« haben wir den neuen Song auf Bitte von Tom Hooper (Regisseur)geschrieben. Er wollte, dass Valjean versteht, dass er trotz seiner Vergangenheit Zuneigung für jemanden empfinden kann, denn er empfindet sie für die kleine Cosette. Aus kommerziellen Gründen würde ich das nicht machen. Zurzeit habe ich keinerlei Absicht, einen neuen Song zu schreiben.

blimu: Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Stephan Drewianka /verschriftlicht von Barbara Kern