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Wir müssen aus der Hängematte kommen, bevor es zu spät ist!


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founders magazin - epaper ⋅ Ausgabe 39/2022 vom 29.07.2022
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Sei es bei der Lufthansa, der Deutschen Bahn oder in der Gastronomie und Hotellerie – gewaltige Personallücken klaffen bei immer mehr Unternehmen. Warum die Abschaffung der Sanktionen und eine Erhöhung des Hartz-IV-Satzes gerade in dieser Situation ein falsches Signal ist und wieso sich viele Unternehmen an die eigene Nase fassen müssen? Das beleuchte ich in diesem Beitrag.

Mit dem Ausverkauf kommt der Qualitätsniedergang

Um es direkt zu Beginn deutlich auf den Punkt zu bringen: Die Situation, die wir gerade erleben, haben wir uns selbst eingebrockt. Also gesamtgesellschaftlich gesehen. Weil wir viel zu lange von der Substanz gelebt haben, die wir seit der Gründerzeit im 19. Jahrhundert und vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgebaut haben. Und zwar ohne uns dabei weiterzuentwickeln. Frei nach dem Motto: »Es ist doch immer gutgegangen.« Der Haken an der Sache: Irgendwann ist diese Substanz aufgebraucht. Wir rutschen ab, wir führen die Märkte nicht mehr an, wir machen nur noch mit. Und wir werden links und rechts überholt, während anderswo ganz neue Branchen, Technologien und Märkte entstehen. Und was passiert zeitgleich?

Wir machen das kaputt, was noch übrig ist. Weil überall am Kunden gespart wird, damit die Rendite noch stimmt. Gleichzeitig werden die Mitarbeiter maximal ausgequetscht – natürlich bei minimaler Bezahlung. Dass dieses Konstrukt früher oder später in sich zusammenbricht, ist eigentlich logisch. Doch den Zusammenhang stellt keiner her: Der Unternehmergeist schwindet; ein raffgieriges Management übernimmt; es bezahlt die Leute so schlecht, dass »Hartzen« attraktiver ist, dem Management ist die Kundenzufriedenheit völlig schnuppe – und so geht die Qualität weiter den Bach runter. Und durch das Dumping vertreiben solche Unternehmen dann die guten vom Markt. Das betrifft immer mehr Branchen. Es geht immer weiter bergab – bis unser Land nicht mehr lebenswert ist.

Zufriedene Kunden bringen mehr Gewinn als die effizienteste Sparmaßnahme

Und was dann? Dann passieren genau solche Dinge, wie wir sie aktuell erleben. Völliges Chaos an den deutschen Flughäfen. Es werden ernsthaft Leiharbeiter aus der Türkei geholt, weil es in unserem Land scheinbar nicht möglich ist, ausreichend Mitarbeiter für den normalen Betrieb eines Flughafens zur Ferienzeit zu finden. Eingebrockt haben wir uns das selbst. Weil die Unternehmen sich in der Coronakrise lieber selbst saniert haben und viel mehr Mitarbeiter als nötig gekündigt haben. Anstatt die staatliche Unterstützung dafür einzusetzen, wofür sie eigentlich gedacht war – den Erhalt von Arbeitsplätzen. Keine Frage, ich kann verstehen, warum viele der ehemaligen Mitarbeiter keine Lust mehr haben, in ihren alten Job zurückzukehren. Minimale Bezahlung, körperliche Arbeit, kaum erreichbare Zielvorgaben, Schichtsystem … Und genauso sieht es auch in anderen Branchen aus.

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Ich frage mich: Warum wachen die Verantwortlichen nicht endlich auf ? An unseren Unikliniken wird seit über zwei Monaten gestreikt! Jede Menge geplante OPs müssen gestrichen werden. Doch das Management ist nicht bereit, auch nur einen Deut nachzugeben. Dabei ist die Rechnung eigentlich so einfach: Zufriedene Kunden bringen mehr Gewinn als die effizienteste Sparmaßnahme. Nehmen wir als Beispiel mal die Deutsche Bahn. Pünktlichkeit ist eher Zufall – und was sich auf der Fahrt abspielt, ist bisweilen abenteuerlich. Gesperrte Toiletten, geschlossener Speisewagen, ausgefallene Klimaanlage – und allzu oft musst du erst mal den Müll anderer Fahrgäste wegräumen, bevor du dich überhaupt setzen kannst. In Japan ein völlig anderes Bild: Züge gelten dort als pünktlich, wenn sie nicht mehr als 15 Sekunden vom Fahrplan abweichen. Sekunden, nicht Minuten! Die Züge sind so gebaut, dass sie leicht zu reinigen sind und eine perfekt eingespielte Putzcrew keine zehn Minuten benötigt, um einen Schnellzug wie unseren ICE wieder in Topzustand zu versetzen. Doch dafür fehlen hierzulande nicht nur die Einsicht und die Prozesse, sondern vor allem auch die Mitarbeiter. Und ich bin überzeugt davon, dass sich die Lage noch weiter zuspitzen wird. Weil unsere Regierung einfach den Schuss nicht gehört hat.

Der Unternehmergeist schwindet; ein raffgieriges Management übernimmt; es bezahlt die Leute so schlecht, dass »Hartzen« attraktiver ist, dem Management ist die Kundenzufriedenheit völlig schnuppe – und so geht die Qualität weiter den Bach runter.

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Was ist aus »fördern und fordern« geworden?

Mal Hand aufs Herz: Es ist ja nicht so als gäbe es in unserem Land keine Menschen, die diese Jobs übernehmen könnten, zumindest übergangsweise. Wir haben laut der Bundestagentur für Arbeit knapp 2,5 Millionen Arbeitslose in Deutschland. Hinzu kommen 3,2 Millionen Unterbeschäftigte. Mehr als 5,5 Millionen Menschen leben in Bedarfsgemeinschaften, die Arbeitslosengeld II beziehen. Mir ist bewusst, dass ich diese Menschen nicht alle über einen Kamm scheren darf. Natürlich sind da auch chronisch kranke und auf andere Weise arbeitsunfähige Menschen dabei. Laut einer Studie der DIW handelt es sich dabei um circa zwölf Prozent. Was ist also mit den anderen 88 Prozent? »Arbeitsfähig« ist laut Sozialgesetzbuch übrigens, wer mindestens drei Stunden am Tag arbeiten kann. Der Haken an der Sache: Damit bekommst du wahrscheinlich keine Stelle. Also kannst du diese Leute eigentlich auch noch rausrechnen. Doch selbst wenn wir nochmal einige Prozent abziehen, bleiben immer noch arbeitslose Menschen in siebenstelliger Höhe übrig, die theoretisch eine Umschulung absolvieren könnten, um am Flughafen, bei der Deutschen Bahn, in der Gastronomie oder sonst wo zu arbeiten.

Doch dafür fehlen hierzulande nicht nur die Einsicht und die Prozesse, sondern vor allem auch die Mitarbeiter.

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»Dodoland – Uns geht’s zu gut!« von Martin Limbeck

240 Seiten Erschienen: Mai 2022 Ariston Verlag ISBN: 978-3-424-20261-8

Doch was passiert, statt in diese Richtung zu planen? Seit dem 1. Juli dieses Jahres sind die Hartz-IV-Sanktionen vorerst für ein Jahr ausgesetzt. Wenn es nach der Ampel-Koalition geht, soll Hartz IV dann von einem nahezu bedingungslosen Bürgergeld abgelöst werden. Ganz ehrlich: Das kann ich nicht nachvollziehen. Was ist aus dem Prinzip »fördern und fordern« geworden? Jetzt fordert der Staat plötzlich so gut wie gar nicht mehr – fördert jedoch fröhlich weiter. Übernimmt Miete und Heizkosten und zahlt einen monatlichen Pauschalbetrag von 449 Euro, zusätzlich noch 376 Euro pro Kind. Und das ist noch nicht alles: Diesen Monat folgte dann die Forderung von SPD-Minister Hubertus Heil, die Hartz-IV-Sätze deutlich zu erhöhen – weil der bisherige Mechanismus der aktuellen Preisentwicklung hinterherhinke. Ernsthaft?

Ganz ehrlich: Aus meiner Sicht ist wirklich jeder Job besser als arbeitslos zu sein. Ich bin allerdings auch mit einem anderen Mindset großgeworden. Hier sind wir alle gefragt, um das Ruder noch herumzureißen.

Wir brauchen mehr statt weniger Leistungsanreize

Bitte versteht mich nicht falsch. Ich finde es gut, dass wir ein Sozialsystem haben. Doch durch diese aktuellen Entscheidungen gehen sämtliche Leistungs- und Bildungsanreize verloren. Denn immer weniger Menschen haben die Lust, die Motivation und den Willen, an ihrer Situation selbst etwas zu ändern. Da erscheint es einfacher und bequemer, sich mit den geringen finanziellen Mitteln abzufinden – und dafür den lieben langen Tag auf dem Sofa fläzen zu können. Natürlich gibt es Ausnahmen, diese sind jedoch immer seltener zu finden. Viele der Unternehmer in meiner Gipfelstürmer-Mastermind können ein Lied davon singen: Sie geben jemandem eine Chance, beispielsweise als Lagerarbeiter. Bezahlen ordentlich, bieten faire Arbeitszeiten, Urlaubsgeld, was weiß ich was – und nach zwei oder drei Wochen tauchen die Leute nicht mehr auf. Weil das frühe Aufstehen nicht so ihre Sache war, die Arbeit zu anstrengend – und außerdem bliebe ja viel zu wenig Geld übrig, wenn der Staat nicht mehr für Miete und Co. aufkommt.

Ganz ehrlich: Aus meiner Sicht ist wirklich jeder Job besser, als arbeitslos zu sein. Ich bin allerdings auch mit einem anderen Mindset großgeworden. Hier sind wir alle gefragt, um das Ruder noch herumzureißen. Bis 2040 werden etwa 8,7 Millionen Arbeitskräfte mehr den Arbeitsmarkt verlassen als in diesen eintreten. Das, was wir aktuell erleben, wird erst der Anfang sein, wenn wir weiterhin nur zuschauen, jammern – und die Verantwortung anderen zuschieben. Denn als Unternehmer ist es jetzt auch unsere Verantwortung, Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen zu schaffen, an denen Menschen sich gerne einbringen. Wir müssen alle mitanpacken!

Der Autor

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Martin Limbeck ist unter anderem Inhaber der Limbeck® Group, Wirtschaftssenator (EWS) und einer der führenden Experten für Sales und Sales Leadership in Europa.

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