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„Wir müssen niemandem etwas beweisen“


Reiter Revue International - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 24.04.2019

Wolfgang Marlie geht auf die 80 Jahre zu. Er ist Ausbilder, hat bei Paul Stecken gelernt, war Schüler von Horst Niemack, Heinrich Boldt, Egon von Neindorff. In seiner Reiterpension an der Ostsee lernen vor allem ältere Menschen das Reiten.


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Bildquelle: Reiter Revue International, Ausgabe 5/2019


„Ein Senior will nicht mehr zu den Olympischen Spielen. Ihnen geht es mehr um die Beziehung zum Tier.“
Wolfgang Marlie


Sie haben sich mit Ihrer Reiterpension auf Reitschüler älteren Semesters spezialisiert – warum?

Vielleicht weil ich selbst ein älteres Semester bin? (lacht) Und weil man nie zu jung oder zu alt ist, um eine schöne Zeit mit Pferden zu verbringen. Ich ...

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... selbst und unsere Stammgäste werden ja auch immer älter, merken, dass es im Knie zwickt oder die Hüfte steifer wird – und trotzdem reiten wir. Und haben wahrscheinlich noch mehr Spaß daran, als früher. Schon weil wir niemandem mehr etwas beweisen müssen. Vor ein paar Jahren haben wir eine ältere Schülerin gefragt, ob sie bei einem Film über unsere Arbeit mitwirken möchte. Sie war eher Anfängerin und saß natürlich nicht so auf dem Pferd, wie es in Lehrbüchern gezeigt wird. Wir haben im Team darüber diskutiert, ob wir sie ansprechen sollten oder ob es ihr peinlich sein könnte, in einem Film zu sehen, dass sie beim Reiten eben nicht wie eine gertenschlanke, durchtrainierte 20-Jährige aussieht. Ich habe sie trotzdem gefragt und vorsichtig darauf hingewiesen, dass ich normale Leute und keine Top-Models zeigen möchte. Daraufhin hat sie gelacht und gesagt: „Klar mache ich mit! Ich bin Mitte 50. Was soll ich denn noch beweisen müssen? Außer, dass Reiten Spaß macht!“ Ihre Einstellung hat mich sehr ermutigt.

Worin liegt Ihrer Erfahrung nach die Motivation älterer Menschen, nochmal mit dem Reiten anzufangen?

Da decken sich meine eigenen Wünsche mit denen unserer Schüler: Es geht uns um Lebensqualität und das ist für mich die schönste Motivation, um mit Pferden zu tun zu haben. Dazu kommen die häufig günstigen Rahmenbedingungen: Beruflich etabliert oder im Ruhestand, die Kinder sind groß, es ist Zeit, um an sich selbst zu denken. Wir hatten im März einen 69 Jahre alten Herrn zu Gast, der nach einem Hobby für den Ruhestand suchte. Er war gemeinsam mit seinem Sohn bei uns, den die Idee, Reiten zu lernen, auch interessiert hat. Manchmal werden die älteren Leute auch von ihren Kindern und Enkeln inspiriert. Nach dem Motto „Ich fahre sie jede Woche zur Reitstunde und habe Lust, es auch mal auszuprobieren.“ Reiten kann also auch ein generationenübergreifendes Hobby sein.

Wonach suchen Senioren-Reitschüler im Vergleich zu jüngeren?

Ich denke, es geht ihnen eher, wie mir inzwischen ja auch, mehr um die Freude am Tun, das Zusammensein mit Pferden und mit gleichaltrigen Pferdefreunden, als um Ehrgeiz und Erfolg. Und das kommt meinen Schulpferden sehr entgegen. Ein junger, sportlicher Reiter mit einer riesigen Portion Ehrgeiz kann viel eher bedrohlich für ein Pferd sein, als ein freundlich-neugieriger Senior, der vielleicht nicht mehr ganz geschmeidig in den Sattel gleitet, dafür aber auch nicht im Traum daran denkt, nächste Woche bei Olympia anzutreten. Wenn ich manchmal höre, wie viel in unseren Kursen für ältere Leute gelacht wird – auch darüber, wenn vielleicht mal etwas nicht so klappt. Gute Laune wirkt ansteckend, auch auf Pferde. Insofern habe ich meistens ein sehr gutes Gefühl dabei, wenn meine Pferde in solchen Stunden im Einsatz sein dürfen.

Es hat, das sage ich auch aus meinem eigenen Erleben, mit Lebenserfahrung zu tun, ob man etwas vorbehaltlos genießen kann oder gedanklich immer schon bei übermorgen ist und dabei das Glück im Augenblick verpasst.

Welche Wünsche haben Senioren in Sachen Reitunterricht? Welche Pferde reiten sie besonders gerne?

Die Wünsche unterscheiden sich nicht großartig von denen der jüngeren Leute: Manche strahlen, wenn sie ein Pferd streicheln dürfen, andere träumen davon, am Strand Wind und Wellen entgegen zu galoppieren.

Senioren sind häufig ein bisschen vorsichtiger, wünschen sich beispielsweise eher ein kleineres Pferd oder begeistern sich sehr für unsere älteren Vierbeiner. Diese Pferde sind in der Regel so lebenserfahren und gelassen, dass sie den Schülern sehr freundlich entgegenkommen und wenn man selbst vielleicht schon ein bisschen hüftsteif ist, hat man eher Verständnis dafür, dass das Pferd die Hufe beispielsweise nicht mehr ganz so geschmeidig gibt, wie ein Fünf- oder Zehnjähriger.

Welche Sorgen und Ängste haben ältere Reitanfänger?

Viele Menschen treibt vor allem die Angst vor einer Blamage um. Davor, nicht gut genug zu sein, zu versagen, vor anderen oder vor sich selbst als Loser dazustehen. Wie oft stehen Schüler mit Tränen in den Augen vor mir und beichten mit zitternder Stimme, riesige Angst vor dem Galopp zu haben? Ich frage dann, wofür es wichtig sein soll zu galoppieren, wenn man im Schritt oder Trab sehr glücklich auf einem Pferd sein kann. Wenn ein Pferd den Galopp zu seiner Gesunderhaltung brauchen sollte, kann man ihn bei der Bodenarbeit oder an der Longe üben. Kein Pferd ist darauf angewiesen, mit Reiter auf dem Rücken zu galoppieren. Und ich finde, dass auch kein Mensch darauf angewiesen sein sollte, es zu können. Wofür?

Wie sollte sich eine Reitschule auf die älteren Semester einstellen?

Am besten mit Lust und Laune! Und vielleicht mit einer höheren Aufstiegshilfe. Die hat mein Kollege Sascha ursprünglich extra für unseren Stammgast Nathalie gebaut. Sie ist Mitte 80 und hat künstliche Hüftgelenke, dreht aber immer noch gern im Sattel ihre Runden.

Was macht das Reiten mit den Senioren?

Im Idealfall macht es Spaß! Und es berührt oder gibt in schwierigen Lebenssituationen einen neuen Impuls. Unser Stammgast Renate kam beispielsweise nach dem Tod ihres Mannes zu uns. Sie war 69 Jahre alt und auf der Suche nach Aufmunterung. Ich habe schon so viele Leute, junge wie alte, am oder auf dem Pferd vor Glück weinen sehen.

Außerdem tun die Menschen beim Umgang mit Pferden etwas für ihre Gesundheit: Sie sind an der frischen Luft, kommen sanft in Bewegung, knüpfen vielleicht neue Kontakte zu anderen Pferdefreunden. Wir haben ein altes Schulpony, es ist Mitte 30, hat Cushing und Arthrose, freut sich aber immer, wenn unsere erfahreneren Gäste es zu einem Waldspaziergang mitnehmen. Das ist dann eine Win-win-Situaton, weil der Mensch ohne das Gefühl, etwas für dieses alte Pony tun zu können, vielleicht gar nicht spazieren gehen würde.

Gibt es Senioren-Reitschüler oder Momente mit ihnen, die Sie niemals vergessen werden?

Oh ja! Viele! Meine Kollegen und ich durften schon öfter dabei helfen, einen Lebenstraum zu erfüllen und es berührt mich immer wieder. Zum Beispiel, wenn Renate mit unserem ältesten Schulpferd Karim über den Reitplatz joggt und dabei „So kommen wir beiden Alten richtig in Schwung!“ jubelt. Oder wenn ich an Georg denke. Er kam in den 1980er Jahren zu mir und war damals mit Ende 60 mein ältester Schüler. Obwohl er körperlich eher schlechte Voraussetzungen, einen Wirbelsäulenschaden und ein Reitverbot von seinem Arzt, mitbrachte, war er beseelt von dem Wunsch, auf einem Pferd sitzen zu dürfen. Als er nach jahrelangem Üben zum ersten Mal allein über ein Stoppelfeld galoppierte, habe ich mich so sehr mit ihm gefreut. Größer kann die Freude über einen Olympiasieg gar nicht sein.

Buchtipp

Berührende Geschichten von Wolfgang Marlie in „Pferde – wie von Zauberhand bewegt“. Die gebundene Ausgabe kostet 26,99 Euro. www.kosmos.de