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WIR MUSSEN REDEN BABY!


Leben & erziehen - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 09.01.2019

Sprache ist der Schlüssel zur Welt. Damit Kinder sie erobern, müssen wir mit ihnen sprechen — von Anfang an. Wie Eltern Plappermäuler fördern und was sie tun können, wenn sich die Knirpse wortkarg zeigen


Artikelbild für den Artikel "WIR MUSSEN REDEN BABY!" aus der Ausgabe 2/2019 von Leben & erziehen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Leben & erziehen, Ausgabe 2/2019

Unsere Experten

Dr. Christina Kauschke ist Professorin für Klinische Linguistik an der Philipps- Universität Marburg

Dr. Andreas Mayer ist Professor für Sprachheil - päda gogik an der Ludwig- Maximi lians- Universität in München

Für ein Baby gibt es kein schöneres Geräusch als die Stimmen seiner Eltern. Schon Neugeborene sind ganz Ohr, wenn Papa beim Wickeln singt. Und wenn Mama den Zwerg in den Arm nimmt ...

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... und beruhigend in sein Ohr flüstert, fühlt sich das Kind geborgen und lernt – ganz nebenbei – seine Muttersprache. Bereits mit sechs Monaten „reden“ Kinder und Eltern miteinander, es finden erste kleine Dialoge statt. Die Zwerge reagieren immer bewusster auf die Ansagen von Mama und Papa – sie glucksen, sie juchzen, sie brabbeln und brummen. Die Reise in die Welt der Kommunikation hat begonnen. Auf dem aufregenden Weg vom ersten „Dada“ bis zur Diskussion über den richtigen Käse fürs Pausenbrot brauchen Kinder vor allem eins: geduldige, interessierte Ansprechpartner.

Die Ammensprache hilft beim Sprechenlernen

„Wenn sie mit Babys reden, machen Eltern meist intuitiv alles richtig: Sie sprechen langsam, in höherer Stimmlage, mit ausgeprägter Betonung, in kurzen Sätzen“, sagt Dr. Christina Kauschke, Professorin für Linguistik an der Universität Marburg. Dieser „Baby- Talk“, die Ammensprache, hilft wunderbar beim Sprechenlernen. „So können Babys und Kleinkinder den Input ideal verarbeiten“, erklärt die Expertin und empfiehlt Eltern, viel mit den Winzlingen zu plauschen.

„Sagen Sie, was Sie tun. Benennen Sie die Dinge in Ihrem Umfeld, gern immer wieder“, regt die Logopädin an. Jede Situation im Alltag ist dafür geeignet – vom Gang zum Bäcker bis zum Planschen in der Badewanne. Wenn Mama kommentiert, wie sie das warme Wasser einlässt, mit dem Shampoo die Haare wäscht, die Badeente quietschen lässt und zum Abtrocknen das Handtuch zurechtlegt, lernt der Knirps nicht nur neue Wörter, sondern kann sie auch mit dem verknüpfen, was gerade passiert.

Mama, Papa, Wauwau: Das macht Eltern glücklich

Wenn die erste Kerze auf der Geburtstagstorte brennt, ist es oft so weit: Aus dem niedlichen Geplapper formen sich erste Wörter. Mama, Papa, Ball, Wauwau, das macht Eltern glücklich und genau diese Freude animiert Kinder, weiterzumachen. „Nach und nach beginnen sie, immer neue Begriffe aktiv zu verwenden“, erklärt Dr. Andreas Mayer, Professor für Sprachheilpädagogik an der Universität München. „Sie verlangen nach Milch oder rufen ,Papa‘, wenn es an der Tür klingelt.“ Manche Kinder starten mit zehn, andere mit zwölf und einige erst mit 14 oder 16 Monaten damit, ihre Eltern mit Wörtern zu überraschen. Jedes Kind hat sein eigenes Tempo und seine individuellen Prioritäten: Manche sind mit Sprechenlernen, andere mit ersten Schritten beschäftigt.
Zwischen 18 und 24 Monaten machen viele Kinder einen weiteren Sprung. „Langsam sollte ein Kind etwa 50 Wörter im aktiven Wortschatz haben“, erklärt Mayer. Verstehen kann es deutlich mehr. Das merkt man, wenn die Kleinen einfache Aufträge erfüllen – zum Beispiel ihre Schuhe holen, wenn sie darum gebeten werden. Zweiwortsätze wie „Auto rot“, „Oma weg“ oder „Ball da“ markieren gleichzeitig den Einstieg in die Grammatik. Und auch die Neugier der Kleinen wächst. Mit einem Fingerzeig und der Frage „Is das?“ werden eifrig die Namen aller möglichen Gegenstände abgefragt.
In der folgenden Zeit legen Kinder einen richtigen Wortschatzmarathon hin. „Rund um den zweiten Geburtstag haben Kinder im Schnitt ein Vokabular von rund 200 Wörtern, mit 36 Monaten sind es bereits 1 000 und Studien zufolge lernen sie bis zum Alter von sieben Jahren jeden Tag zehn neue Wörter zu verstehen und drei aktiv zu verwenden“, schwärmt Mayer. Ab dem dritten Geburtstag werden viele Knirpse zu Plaudertaschen: Sie sprechen immer mehr in ganzen Sätzen und beherrschen langsam die grundlegenden Grammatik- Strukturen. „Nur beim Dativ, bei komplexen Satzstrukturen und bei einzelnen Pluralformen hapert es noch bis ins Grundschulalter“, weiß Prof. Kauschke.
Noah dagegen fiel durch alle gängigen Spracherwerbs-Raster. Deutlich jüngere Kinder riefen in der Spielgruppe längst begeistert „Bagger“ oder „Tütata“, wenn es darum ging, Autos zu sortieren. Andere nannten beim Spaziergang den Vierbeiner an der Leine nicht nur völlig korrekt „Hund“, sondern lieferten auch gleich ein „Wau, wau“ dazu. Nur Melinda Scholtens Sohn Noah kam mit fast zwei Jahren kaum mehr als ein „Mama“ über die Lippen.

Mit zwei Jahren sagte Noah weder Muh noch Mäh

Noah machte weder „Muh“ bei der Bilderbuchkuh noch „Mäh“ beim Schäfchen im Streichelzoo. „Zur Sicherheit sind wir zum Hörtest beim Kinderarzt gegangen. Doch da war alles in Ordnung“, erzählt die 33-jährige Ulmerin. Die Diagnose: Noah war ein „Late Talker“. So nennt man Kinder, die im Alter von zwei Jahren deutlich weniger als 50 Wörter parat haben und noch keine Zweiwortsätze bilden.
Rund 10 bis 20 Prozent aller Kinder gehören zu dieser Gruppe: Sie reden wenig bis gar nicht, obwohl organisch alles in Ordnung ist.
„Die Hälfte der Kinder holt den Rückstand bis zum dritten Lebensjahr auf, beim Rest besteht ein erhöhtes Risiko, dass sich eine Sprach entwicklungsstörung ausbildet“, sagt Prof. Andreas Mayer, „und die führt dann leider oft auch zu Problemen beim Lesen- und Schreibenlernen.“

Kinder sollten im Alltag in Sprache baden

Auch wenn noch immer viele Kinderärzte zum Abwarten raten, empfiehlt er, lieber früher aktiv zu werden, „und sich Rat beim Logopäden oder Sprachtherapeuten zu holen, weil sich die Fehler dann noch nicht verfestigt haben“. Es geht nicht darum, kleinen Sprachmuffeln sofort eine Therapie zu verordnen, oft helfen schon ein paar Tipps von Profis, um die Knirpse voranzubringen.
„Eltern können Wortschatzerweiterung und Sprachverständnis ihrer Kinder aktiv unterstützen“, erklärt Mayer. Nicht indem sie einzelne Ausdrücke pauken, sondern den Alltag „möglichst sprachförderlich gestalten“. Zum Beispiel immer genau beschreiben, was gerade passiert. „Natürlich sollen Eltern nicht ständig auf ihr Kind einreden, sondern vor allem dann mit ihm sprechen, wenn es aufmerksam zuhört. Blickkontakt ist dabei ganz wichtig.“ Zweiwortsätze lassen sich behutsam erweitern. Ruft das Kind: „Da, brumm, brumm“, können die Eltern das bestätigen: „Ja, genau, da fährt ein rotes Auto.“ So fühlen sich schon die Kleinsten in ihrer Beobachtung bestätigt und lernen die richtigen Wörter, ohne dass man sie direkt korrigiert.
Noah, inzwischen drei Jahre alt, tut nun schon länger seine Wünsche lautstark kund. Seine stille Zeit hat er mit zielgerechter Ansprache und sprachtherapeutischer Unterstützung hinter sich gelassen.
Dass die Jüngsten im Kindergarten Grammatik- und Aussprachefehler machen, ist bis zum vierten Geburtstag völlig normal. „Die Kinder mit dem Kopf darauf zu stoßen, wäre genauso verkehrt wie zu viel zu verlangen – nach dem Motto: Jetzt sag’s schon, du kannst es doch“, warnt Christina Kauschke. Besser ist, den Fehler unbefangen aufzunehmen und im Gespräch zu berichtigen. Wenn das Kind etwa sagt: „Morgen ich Kindergarten gehe“, können Mama und Papa antworten: „Stimmt. Morgen gehst du in den Kindergarten.“

Manchmal ist professionelle Hilfe nötig

Ein Turbo-Booster für den Wortschatz sind Bilderbücher und Geschichten. „Beim Vorlesen können Kinder Fragen stellen, Eltern neue Wörter erklären oder ein Gespräch über das Gelesene und Gesehene beginnen. Dazu kommt der Wohlfühlfaktor beim Kuscheln auf dem Sofa“, sagt Andreas Mayer.
Doch manchmal reicht der Input von Eltern allein nicht aus. „Fünf bis zehn Prozent aller Kinder haben eine Sprachentwicklungsstörung“, erklärt Prof. Christina Kauschke, „sie brauchen professionelle Hilfe, weil das, was normalerweise zum Spracherwerb ausreicht, für sie nicht genug ist.“ Das ist kein Grund, sich als Eltern Vorwürfe zu machen. „Oft ist die Störung genetisch bedingt. Das merkt man immer dann, wenn sich die Fälle in der Familie häufen. Jungs sind dabei häufiger betroffen als Mädchen.“

Lade statt Marmelade, Nane statt Banane

Wenn ein Kind mit drei Jahren auf Fragen nicht angemessen reagiert, unverständlich spricht, die Satzbildung auffällig oder der Wortschatz sehr klein ist, sollten Eltern in jedem Fall hellhörig werden. Das Argument: „Mein Kind spricht nicht viel, aber es versteht alles, was ich sage“, ist bei der Beurteilung nur begrenzt aussagefähig. „In diesem Fall sollten Sie unbedingt einen Experten konsultieren“, rät Kauschke.

Vorschulkind Lina aus München zum Beispiel verschluckte auch mit fast fünf Jahren noch immer einzelne Silben. „Statt Marmelade sagte sie Lade, statt Banane nur Nane“, erzählt Mama Marianne Gassner. „Aufgefallen ist uns das vor allem, weil die Kinder im Kindergarten angefangen haben, sie deshalb zu hänseln.“ Nach acht Besuchen beim Logopäden war das Problem gelöst. „Lina war richtig traurig, als die Therapie vorbei war – so viel Spaß hat sie ihr gemacht.“ Für den Schulstart und die Welt der Schriftsprache ist sie jedenfalls gut gewappnet.

FOTOS: GETTY IMAGES, PRIVAT (2),

Was ist das denn?

Ein Kanguru

INTERVIEW: Vorlesen ist super

Kinder verstehen viel mehr, als wir denken – darum sollten wir Eltern sie sprachlich auch nicht unterfordern, erklärt Professor Andreas Mayer, Inhaber des Lehrstuhls für Sprachheil pädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er plädiert für eine altersgerechte Sprache und Zeit für regelmäßige Plauderstündchen

Wie sollten wir mit unseren Kindern reden?
Einfacher Babytalk ist super für die Kleinsten. Aber wir sollten den Absprung nicht verpassen — und Hunde nicht ewig Wauwau nennen. Kleinkinder lernen mehr, wenn sich unsere Sprache auf einem etwas höheren Niveau befindet als die der Kinder.

Überfordern wir sie damit nicht?
Eine leichte Überforderung finde ich ganz prima. Ich höre oft, dass Eltern absichtlich nur die Wörter verwenden, die ihr Kind kennt. Das ist Unfug. Dann können Kinder keine neuen Wörter lernen. Im Dialog können sie nachfragen, wenn sie etwas nicht verstehen. Neugier zu wecken, ist wichtig, und die Fragen der Kinder sind das größte Geschenk. Auch Vorlesen ist dafür perfekt und der größte Antriebsmotor für die Erweiterung des Wortschatzes.

Warum?
In Büchern kommen völlig andere Wörter und Satzstrukturen vor als in unserer Alltagskommunikation. Das ist toll. Dazu kommt: Beim Vorlesen können Eltern ihre Kinder motivieren, Vermutungen über den Inhalt anzustellen, oder sie beim wiederholten Betrachten des Bilderbuchs bitten, Teile der Geschichte selbst zu erzählen. All das fördert Sprach erwerb und Eloquenz. Hörspiele oder Filme können das nicht ersetzen, da wird das Kind sprachlich nicht aktiv.

Der Wortschatz von Grundschulkindern verschlechtert sich zunehmend, heißt es. Was läuft schief?
Das kann ich so nicht bestätigen. Ich glaube eher, dass viele Pädagogen heute einfach sensibler sind und genauer hinsehen. Und natürlich verfügen Kinder mit Migrationshintergrund, die erst spät mit der deutschen Sprache konfrontiert wurden, über geringere Ausdrucksmöglichkeiten. Generell hat sich der Umfang des aktiven Wortschatzes nicht verringert — höchstens verändert.
Trotzdem ist es wichtig, dass Eltern sich Zeit nehmen, weil sich Sprache nur in der Kommunikation entwickelt. Wenn Kinder beim Essen von ihren Erlebnissen erzählen, sind sie gezwungen, mit ihren sprachlichen Mitteln eine Situation herzustellen, bei der Mama und Papa nicht dabei waren. Das ist anspruchsvoll und gleichzeitig toll für die Eltern. Also: Handy und Fernseher ausschalten und zuhören.

Ein sönes glünes Dododil

Tatze statt Katze, lot statt rot, Sule statt Schule: Dass Kinder nicht alle Laute gleich korrekt aussprechen, ist völlig normal. Vor allem mit r, k, ch, sch und s haben die Kleinen zu kämpfen. Andere lassen den ersten oder letzten Laut eines Wortes oder gleich alle unbetonten Silben weg. Das klingt oft sehr niedlich und gibt sich meistens von ganz allein. Bis zum Ende des fünften Lebensjahres sollte die Aussprache aber korrekt sein. Ausnahme ist der S-Laut. Lispeln, also Sigmatismus, ist eher ein kosmetisches Problem und kann gut vor oder nach dem Zahnwechsel behandelt werden. Bei der U9, der Vorsorgeuntersuchung kurz vor der Einschulung, liegt der Schwerpunkt deshalb auf der Sprachentwicklung. Bei Auffälligkeiten überweist der Kinderarzt Vorschulkinder an einen Logopäden oder Sprachtherapeuten zur genaueren Diagnostik.