Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 5 Min.

WIR SIND DER WIND


Theater der Zeit - epaper ⋅ Ausgabe 7/2019 vom 01.07.2019

Der norwegische Schriftsteller und Dramatiker Jon Fosse über seine Nähe zu Luk Perceval und seine Rückkehr zum Stückeschreiben im Gespräch mit Thomas Irmer


Jon Fosse, 2001 inszenierte Luk Perceval Ihr Stück „Traum im Herbst“ an den Münchner Kammerspielen. Diese Produktion stellte einen Wechsel in der Inszenierungsästhetik Ihrer Stücke im deutschsprachigen Theater dar. Sie betonte den Minimalismus der Dramaturgie mit einer kraftvollen Durchdringung der Innenwelt der Figuren, unterstützt durch Mikroports für die Stimmen von Dagmar Manzel und Stephan Bissmeier, die unter einer riesigen rätselhaften Säule ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 7,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Theater der Zeit. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 7/2019 von DIE UTOPIE VOM INTERNATIONALEN THEATER. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DIE UTOPIE VOM INTERNATIONALEN THEATER
Titelbild der Ausgabe 7/2019 von THE UTOPIA OF INTERNATIONAL THEATRE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
THE UTOPIA OF INTERNATIONAL THEATRE
Titelbild der Ausgabe 7/2019 von DER CHARMANTE BETRÜGER\. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DER CHARMANTE BETRÜGER\
Titelbild der Ausgabe 7/2019 von THE CHARMING SWINDLER. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
THE CHARMING SWINDLER
Titelbild der Ausgabe 7/2019 von SCHAM UND AMBIVALENZ. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SCHAM UND AMBIVALENZ
Titelbild der Ausgabe 7/2019 von SHAME AND AMBIGUITY. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SHAME AND AMBIGUITY
Vorheriger Artikel
THE THIN BUDDHA
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel WE ARE THE WIND
aus dieser Ausgabe

... von Katrin Brack standen. Wie erinnern Sie sich an diese Aufführung?

Rund zwanzig Jahre lang bin ich herumgereist, um meine Stücke auf der Bühne zu sehen, überall hin.
Das mache ich nun nicht mehr, aber das ist eine andere Geschichte. In einem Zeitraum von 15 Jahren fanden ungefähr einhundert Premieren an verschiedenen deutschsprachigen Theatern statt. Zugleich gab es viele Inszenierungen in anderen Ländern. Verständlich also, dass ich nur einige dieser Aufführungen gesehen habe.
Eine der besten Aufführungen war Luk Percevals Inszenierung von „Traum im Herbst“. Ich finde es interessant, was Sie sagen: dass Perceval eine neue Richtung für meine Stücke eingeschlagen habe.
Es war ja wirklich eine erstaunliche Inszenierung! Tatsächlich habe ich den Einsatz von Mikroports - etwas, was man bis dato sonst nur aus riesigen Musicaltheatern kannte - hier zum ersten Mal bei einem „regulären“ Stück erlebt, in einem kleineren Raum. Danach jedoch entdeckte ich sie überall in den Aufführungen meiner Stücke, auch in Inszenierungen anderer Stücke, selbst im kleinsten Studio.

Es scheint, als habe Perceval mit seinem Einsatz von Mikroports damals einen Trend gesetzt. Zumindest mir erschien es so. Ganz sicher gilt das für die von mir geschriebenen Stücke. Es ist ein technisches Detail, das aber die Möglichkeit einer anderen Art des Spielens eröffnet, gewissermaßen für eine neue Art des Theaters, sodass dieses Hilfsmittel doch wichtiger ist, als es auf den ersten Blick erscheint.

Was war das Besondere an Percevals Interpretation Ihres Stücks?

Einfachheit, Präzision und dazu Musikalität. Und wirklich sehr gutes Schauspiel. Perceval hat, nebenbei gesagt, viele Stellen im Text gestrichen, aber als ich dann die Aufführung sah, hatte ich das Gefühl, das ist genau das Stück, das es sein sollte. Ich habe die Striche gar nicht richtig bemerkt, außer natürlich, dass er mein Ende weggelassen hat. Danach wurde das Stück auch ohne Striche aufgeführt, beispielsweise in einer großartigen Inszenierung von Patrice Chereau.

Ich denke, mit meinen Stücken, auch mit Stücken allgemein, verhält es sich so, dass diejenigen, die eine offenere Form aufweisen, durchaus Striche vertragen, jene aber, die einer strengen, geschlossenen Form folgen, durch Kürzungen beschädigt werden. Bei „Traum im Herbst“ kann man streichen, und eine Inszenierung könnte dadurch gewinnen, während es zum Beispiel bei „Da kommt noch wer“ sehr schwer ist, Striche zu setzen, die nicht gleich das ganze Stück zerstören.

Sehen Sie Ähnlichkeiten zwischen Ihrem Schreiben und Percevals Art, Regie zu führen?

Zumindest wie er „Traum im Herbst“ inszeniert hat, harmonierte kongenial mit dem Stück und mit meiner Art des Schreibens. Es muss also Ähnlichkeiten geben. Ich hatte gehofft, dass er noch mehr von meinen Stücken inszeniert, da er mit „Traum im Herbst“ so tolle Momente erschaffen hat, aber dazu ist es nicht gekommen, jedenfalls bis jetzt nicht.

Perceval bereitet gerade eine Adaption Ihres Romans „Trilogie“ für das Norske Teatret in Oslo vor, die am 6. September 2019 Premiere hat. Das Buch verbindet die Erzählungen „Schlaflos“, „Olavs Träume“ und „Abendmattigkeit“. Was erwarten Sie von seiner Bühnenadaption?

Ich freue mich sehr, dass er wieder etwas macht, das ich geschrieben habe. Und ich würde ihm jetzt schon gern dafür danken. Ich habe übrigens den „Schlaflos“- Teil gleich nach dem Stück „Ich bin der Wind“ geschrieben, was meinen Wechsel vom Schreiben fürs Theater zur Prosa eingeläutet hat. Jetzt habe ich zehn Jahre lang ausschließlich Prosa geschrieben - zunächst die anderen beiden Novellen für die „Trilogie“ und in den Jahren danach den längsten Text, den ich jemals geschrieben habe und schreiben werde: ein Roman mit dem Titel „Septologie“, da er aus sieben Teilen besteht, die in drei Büchern veröffentlicht werden.
Das erste Buch wird im Oktober 2019 erscheinen, gleichzeitig auf Norwegisch und Deutsch anlässlich der Frankfurter Buchmesse, bei der Norwegen in diesem Jahr Gastland ist. Später auch auf Englisch und in anderen Sprachen.

Ich habe mit dem Stückeschreiben aufgehört, weil ich dachte, dass ich meine Fähigkeit, fürs Theater zu schreiben, mehr oder weniger ausgeschöpft hatte. Ich wollte kein weiteres Stück mehr schreiben. Die einzigen Texte, die seitdem noch fürs Theater entstanden sind, waren Übersetzungen und Bearbeitungen klassischer Stoffe, meistens griechischer Tragödien.

Die „Trilogie“ beschäftigt sich mit Fragen nach Wirklichkeit, Erinnerung und Imagination - die drei Erzählungen sind gewissermaßen über ein schwebendes „Ungewisses“ verbunden. Das ist eine ganz schöne Herausforderung fürs Theater.

Der erste Teil der „Trilogie“, „Schlaflos“, wurde nur ein paar Jahre nach seiner Veröffentlichung erfolgreich für die Bühne adaptiert. Im vergangenen Jahr wurde die „Trilogie“ am Hordaland Teater in Bergen aufgeführt, und in diesem Herbst wird der Roman am Dramaten in Stockholm inszeniert.

Meine Prosa hat vermutlich etwas „Theatralisches“ an sich, wenn man sich anschaut, wie oft meine Romane schon für das Theater adaptiert wurden. Jede meiner Geschichten oder Romane seit „Melancholie 1“ landete auf der Bühne. Mit Ausnahme von „Das ist Alise“ vielleicht, zumindest kann ich mich an keine Adaption erinnern. Manche dieser Bearbeitungen führten zu wirklich großartigen Theaterabenden, zum Beispiel die Bühnenversion meines Kurzromans „Morgen und Abend“, der als Monolog am Nationaltheater in Oslo inszeniert wurde. Gegen Adaptionen habe ich natürlich nichts einzuwenden.

Es klingt vielleicht ein bisschen seltsam, aber selbst, wenn ich nichts mehr mit dem Theater zu tun haben will, will das Theater offenbar mit mir zu tun haben. Von daher freue ich mich über die Adaptionen. Und ganz besonders darüber, dass Luk Perceval, den ich sehr bewunderte, sich entschlossen hat, die „Trilogie“ auf die Bühne zu bringen.

Könnte das auch eine Inspiration für Sie sein, wieder Stücke zu schreiben, nachdem Sie so entschieden damit aufgehört haben?

Diese Frage kommt im richtigen Moment. Vor einiger Zeit schickte ich die letzten Teile der „Septologie“ an meinen Verlag, die Teile VI und VII, die als dritter Band des Romans veröffentlicht werden. Und in dieser Situation, nach dem Roman, praktisch in seiner Brandung stehend, wollte ich mit großem Drang wieder ein Stück schreiben - ganz ähnlich, wie ich eine Erzählung nach dem Abschluss von „Ich bin der Wind“ schreiben wollte - und ich setzte mich hin und versuchte, ein Stück zu schreiben. Es lief sehr gut. Es war überhaupt nicht schwer, dieses Stück zu schreiben, es schrieb sich mehr oder weniger von selbst. Das ist für mich ein sehr gutes Zeichen, wenn ein Text sich sozusagen von selbst schreibt. Wenn er zu mir kommt, irgendwie nach mir sucht und nicht ich nach dem Text suche. Dieses eher kurze Stück hat den Titel „Sterk vind“ (Starker Wind).

Das Stück wird am Norske Teatret in Oslo herauskommen, dem Theater, wo Luk Perceval die „Trilogie“ inszeniert.

Ich bin mir sicher, dass ich nicht mehr so viel fürs Theater schreiben werde, wie das in den Zeiten meiner dramatischen Raserei der Fall war, aber „Starker Wind“ wird definitiv nicht mein letztes Stück gewesen sein. Ich glaube, ich kann noch einige weitere Stücke schreiben, zusammen mit Prosa und auch Lyrik. Als ich all die Stücke schrieb, schrieb ich kein einziges Gedicht, aber als ich mit dem Schreiben fürs Theater aufhörte, veröffentlichte ich zwei Bände Lyrik. Eine Auswahl meiner Gedichte ist auf Deutsch vor ein paar Jahren in „Diese unerklärliche Stille“ erschienen. Für mich ist ein Stück näher am Gedicht als an der Erzählung oder einem Roman, deshalb, vermute ich, habe ich kein einziges Gedicht geschrieben, als ich all diese Stücke schrieb. Dieses neue Stück habe ich übrigens „ein szenisches Gedicht“ genannt.