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„Wir sind nicht ABBA“


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Siegessäule - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 29.12.2021

MUSIK: R.E.M.-FRONTMANN MICHAEL STIPE

Artikelbild für den Artikel "„Wir sind nicht ABBA“" aus der Ausgabe 1/2022 von Siegessäule. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
R.E.M. 1996, zur Zeit von ?New Adventures In Hi-Fi?, mit Michael Stipe rechts

R.E.M.: New Adventures In Hi-Fi – 25th Anniversary Edition (Concord Rec./Universal), jetzt erhältlich

Zehn Jahre nach dem Ende von R.E.M. spricht Michael Stipe zum Re-Release des 1996er-Albums „New Adventures In Hi-Fi“ erstmals offen über Zukunftspläne, sein Leben zwischen Berlin und New York, das Ende der Ära Merkel und darüber, warum seine Band kein Comeback plant. Marcel Anders hat den pressescheuen Sänger in seinem New Yorker Atelier und Studio besucht

Herr Stipe, Sie pendeln zwischen Berlin und New York. Wo haben Sie die erste Phase der Pandemie verbracht? In New York, was nicht immer leicht war. Ich war jetzt seit Anfang 2020 nicht mehr in Berlin und vermisse die Stadt sehr. Ich möchte so schnell wie möglich zurück, was hoffentlich 2022 der Fall sein wird – nach über zwei Jahren. Mein Partner und ich haben ein Apartment, und wenn wir dort sind, besuchen ...

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... wir auch oft seine Familie in Frankreich. Wir nutzen Berlin als Ausgangspunkt für viele kleine Trips. Ich fühle mich dort wirklich sehr wohl.

Weil Sie dort anonymer sein können als in den Staaten? Oder bedurfte es dazu eines massiven Rauschebarts, wie Sie ihn über Jahre kultiviert haben? (lacht) Das war nur eine Laune – ich wollte sehen, wie mir das steht. Anfangs habe ich das noch genossen, doch irgendwann wurde es mir zu viel. Ich wollte kein Hipster sein. Und ich fürchte, in Berlin gibt es genauso viel Paparazzi wie in New York. Ich bin aber längst nicht mehr so interessant für die Medien, wie ich es mal war, und das ist gut so.

Wie denken Sie über das Ende der Ära Merkel? Was halten Sie von ihrem politischen Lebenswerk? Ich habe nie vollends mit dem übereingestimmt, was Merkel gesagt und getan hat. Aber: Als Weltpolitikerin und gerade im Umgang mit der sogenannten Flüchtlingskrise hat sie Moral, Rückgrat und Stärke bewiesen. Da ist sie zur echten Anführerin geworden. Und sie hat Deutschland sehr gutgetan. Das kann man nicht anders sagen. Deswegen wollten viele Amerikaner 2016 ja ebenfalls eine Präsidentin haben – wegen Merkel. Leider war Hillary Clinton keine sonderlich überzeugende Kandidatin. Mehr noch: Ihre Schwäche hat Trump alle Türen geöffnet, was – wie wir mittlerweile wissen – verheerend war.

Was ist mit Biden: Erfüllt er Ihre Erwartungen? Ich hatte überhaupt keine Erwartungen an ihn. Mein Kandidat war Bernie Sanders, der fälschlicherweise als Kommunist abgestempelt wurde. Insofern kann ich nicht viel zu Biden sagen – außer, dass es bei der letzten Präsidentschaftswahl lediglich darum ging, nicht wieder Trump vereidigen zu müssen.

Könnten Sie sich vorstellen, eines Tages selbst in die Politik zu gehen – als erster Rockmusiker aller Zeiten? Niemals! Das ist eine absurde Vorstellung. So weit wird es nicht kommen.

Dabei scheinen Sie doch Zeit zu haben. Sind Sie nicht im Ruhestand? Oder haben Sie sich nur aus dem Musikgeschäft verabschiedet? Ich bin komplett raus aus der Industrie: Ich habe keinen Plattenvertrag und kein Management mehr, aber ich arbeite an neuen Songs. Ich war die ganze letzte Nacht – bis heute Morgen um 07:00 Uhr – im Studio. Von daher lege ich wieder Nachtschichten ein. Außerdem veröffentliche ich Bücher und habe im nächsten Herbst eine Fotoausstellung im ICA in Mailand. Ich habe nicht vor, in Rente zu gehen. Das ist einfach nicht mein Ding, auch wenn ich mir ein paar Jahre Pause von der Musik gegönnt habe. Ich war müde und brauchte Abstand.

Also starten Sie demnächst eine Solokarriere? Nein, ich habe nicht vor, eine neue Karriere zu starten – schließlich hatte ich schon eine, und die war toll. Aber: Ich interessiere mich immer noch für Musik und singe gern. Deshalb nehme ich wieder auf. Sobald ich fertig bin, werde ich mit spannenden Regisseuren Videos dazu drehen und die Stücke als Singles veröffentlichen. Wer weiß, vielleicht habe ich irgendwann genug Material für ein Album, aber ich habe keine Ahnung, wann das sein wird. Es ist einfach etwas, das ich tue, weil ich Spaß daran habe und weil mir das aktuelle Material gefällt. Ich nehme mit unterschiedlichen Leuten auf, was eine ganz andere Erfahrung ist, als mit R.E.M. zu arbeiten.

Das klingt, als wäre Musik in erster Linie ein Hobby für Sie? Ganz genau. Ich muss nichts mehr beweisen – ich kann einfach genießen.

Gleichzeitig haben Sie die Neuauflage von „New Adventures In Hi-Fi“ kuratiert – als opulentes Boxset mit zahlreichen Extras. Wie war es, sich 25 Jahre nach der Erstveröffentlichung wieder mit diesem Album zu befassen? Toll. Schließlich war es immer mein Lieblingsalbum von R.E.M. – noch vor „Reveal“. Zum einen, weil es unser letztes mit Bill Berry, unserem Originalschlagzeuger, war. Aber auch, weil es sich aus meiner Sicht als Sänger und Texter sehr gelungen anfühlte. Sprich: Es befasst sich mit Themen, auf die ich immer noch stolz bin. Und ich finde, mein Songwriting hat da einen Höhepunkt erreicht. Das Einzige, was mich im Nachhinein stört, ist, dass die Songs zu lang ausgefallen sind. (lacht) Einige dauern über sieben Minuten. Aber: Dieses Boxset hat nicht irgendeine Plattenfirma designt, sondern Bill und ich. Wir haben uns alles angehört, was es an Material gab, und haben das Artwork, die Videos und die ganzen Live-Sachen zusammengestellt. Außerdem enthält es erstmals die Texte, die ich genau überprüft habe, damit sie wirklich korrekt sind, denn im Internet kursiert viel Falsches. Deshalb habe ich mir die Stücke zum ersten Mal seit einem Vierteljahrhundert ganz genau angehört. Und es war spannend, wieder in meine damalige Gedankenwelt einzutauchen.

In die eines Rockstars, Mitte 30, der zum Sprachrohr der Generation X und zur Ikone des Alternative Rock geworden war? Das war doch Blödsinn. Ich war nie ein Sprachrohr oder gar eine Ikone. Und wenn, dann höchstens für die berühmten Warhol‘schen 15 Minuten. Aber: Das war mir nie wichtig.

Dabei zählt „New Adventures In Hi-Fi“ zu den erfolgreichsten Veröffentlichungen Ihrer Karriere – mit über sieben Millionen verkauften Exemplaren. Haben Sie eine Erklärung dafür? Scheinbar war es genau das Album, auf das die Leute gewartet hatten. Nach zwei sehr langsamen Platten wollten sie wieder etwas Schnelleres, Direkteres. Das haben wir ihnen gegeben – wir haben die Songs live eingespielt, waren mit Leidenschaft bei der Sache und griffen eine Menge Glam-Rock- Referenzen auf. Vom Sound her ist es ein Hybrid aus der Traurigkeit von „Automatic For The People“ und der kraftvollen Rockmusik von „Monster“. Dabei habe ich mich nie als Rock ´n´ Roller gesehen – und war darin auch nie sonderlich gut. Was wir als Band gemacht haben, war eher Punk-Rock – von Anfang bis Ende. Und: Wir waren nie richtig im Einklang mit dem, was in den Charts passierte oder im Radio lief. Wir haben lediglich unseren Weg verfolgt. Doch „New Adventures In Hi-Fi“ kam dem damaligen Mainstream ziemlich nahe.

Jetzt, da sich sogar ABBA reformiert haben, was ist mit R.E.M.? (lacht) R.E.M. wird sich nicht reformieren. Ich freue mich zwar für alle Kolleg*innen, die sich dazu berufen fühlen, noch einmal gemeinsam Musik zu machen, aber: Wir sind nicht ABBA. Für uns war es definitiv klüger, das Vermächtnis unserer 32-jährigen Karriere zu sichern und vor zehn Jahren aufzuhören. Und ich bin froh, dass wir das getan haben. Da spreche ich für Peter, Mike und mich.