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Wir sind nicht allein!


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Leben & erziehen - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 24.03.2022

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„Ich würde es immer wieder tun“

Hanna Schiller (41), Projektleiterin aus Lüneburg, bekam ihren Sohn (5) durch eine Samenspende

Hannas Sachbuch „Warum nicht solo?! Mama-Werden geht auch ohne Märchenprinz“ ist im Januar 2022 erschienen

„Ich möchte ein Kind, möchtest du das auch?“ Als Hanna ihrem Freund nach viereinhalb Jahren Beziehung diese Frage stellte, war die Antwort ein klares Nein. Hanna war 35 Jahre alt, erkannte den Ernst der Lage. Nach reiflicher Überlegung entschied sie sich für die Trennung – und eine Samenspende. „Natürlich habe ich mich gefragt, ob ich das nötig habe: Geld für Sperma ausgeben?“ Aber ein One-Night-Stand kam für Hanna nie infrage, die überstürzte Suche nach einem neuen Partner sowieso nicht. 2017 kam Hannas Sohn zur Welt. „Ich bin komplett allein für ihn verantwortlich, mir steht kein Unterhaltszuschuss zu“, fasst sie zusammen. „Aber ich habe auch keine Erwartungen, keine ...

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... Konflikte, keine nervige Schwiegermutter, ich kann jede Entscheidung selbst treffen.“ Insgesamt glaubt Hanna, dass ihr Leben weniger stressig ist als das von gemeinsam erziehenden Paaren: „Beziehungsprobleme bleiben mir komplett erspart.“ Was ihr nicht erspart bleibt, sind Sprüche von Außenstehenden: „,Du hast wohl keinen abbekommen, der es mit dir aushält‘ ist ein Satz, der mich zum Nachdenken bringt – weil er meine eigene Unsicherheit bestätigt“, räumt Hanna ein. Doch dann erinnert sie sich an ihr Credo: keine Vergleiche! „Natürlich ist es nicht immer die beste Lösung, ohne Partner ein Kind zu bekommen“, erklärt sie. „Aber in meinem Fall war es das – und ich würde es immer wieder tun.“

Alleinerziehend – das Wort ist für Statistiken klar definiert: Es bezeichnet Mütter und Väter, die ohne Partner oder Partnerin mit den eigenen Kindern zusammenwohnen. Im Jahr 2020 traf das auf mehr als zwei Millionen Mütter und fast eine halbe Million Väter in Deutschland zu.

In der Realität lassen die sich aber längst nicht alle mit derselben Bezeichnung zusammenfassen: „,Die typische Alleinerziehende‘ – so etwas gibt es gar nicht“, bringt es Hanna Schiller auf den Punkt. Hanna ist eine der Mütter, die wir für diesen Artikel interviewt haben. Und die weiß, welche Klischees und Vorurteile mit dem Begriff „alleinerziehend“ einhergehen: „Wir sind nicht alle per se dauergestresst und armutsgefährdet. Und vor allem sind wir eines nicht: zu bemitleiden!“

Hanna bekam ihren Sohn per Samenspende, Jennifer ihre Tochter mit einem platonischen Freund. Michelle wurde kurz nach der Geburt verlassen. Sophie Charlotte ist seit Kurzem getrennt, Markus schon seit Jahren. Sie haben gemeinsam, dass sie zum anderen Elternteil ihres Kindes keine romantische Beziehung (mehr) führen. Doch die jeweiligen Wege dorthin und die Familienmodelle der fünf sind völlig verschieden. Hier erzählen sie von ihren schönsten Momenten und ihren größten Herausforderungen. Geschichten, die uns zeigen, wie überholt die meisten Klischees sind – und wie wunderbar verschieden all die Familien sein können, die die Statistik als „alleinerziehend“ bezeichnet.

„Das Schönste ist die Freiheit“

Michelle Bluhm (29), virtuelle Assistentin, bereist mit Sohn Marlon (3) die Welt

Mit ihrem Instagram-Account @alleinerziehend. reisen inspiriert Michelle andere alleinerziehende Mütter: „Einige haben sich durch uns auf ihre erste eigene Reise getraut. Darauf bin ich stolz!“

Marlon kam im Oktober 2018 zur Welt, drei Wochen später ist sein Vater abgehauen. Doch Michelle machte das Beste aus der neuen, ungebundenen Situation: Sie entschied, mit Marlon die Welt zu entdecken. Seit November reisen die zwei durch Mexiko. Zum Vater hat Michelle keinen Kontakt, Unterhalt zahlt er nicht. Das Leben auf Reisen finanziert sie allein – hauptsächlich durch den Handel mit Kryptowährung. „Wir Frauen sind stärker, als manche denken“, weiß Michelle. Eine Partnerschaft vermisse sie trotzdem: „Es gibt immer wieder Tage, an denen ich am liebsten alles mit einem Partner teilen würde.“ Oft wird Michelle gefragt, wo denn der Papa sei und ob sie wirklich allein reise: „Da kommt dann meist großes Staunen und Respekt.“ Von Mexiko aus reisen sie bald weiter nach Chiapas und Guatemala: „Das Schönste an unserem Leben ist die Freiheit: Wir können selbst bestimmen, wann wir wo sind. Ich habe das alleinige Sorgerecht und brauche kein Einverständnis. Wir können die Zeit zu zweit genießen. Probieren neue Dinge aus. Lachen und essen das beste Essen. Ich denke, dass das auch möglich ist mit Partner. Und vielleicht haben wir auch irgendwann genau das. Aber es geht auch ohne. Manchmal ist es besser, den Weg allein mit Kids zu gehen als in einer unglücklichen Beziehung.“

„Alles macht jetzt mehr Sinn“

Sophie Charlotte ist erst seit einigen Monaten alleinerziehend: „Das Bittere ist, dass die Veränderung gar nicht tiefgreifend war. Ich habe mich vorher um alles gekümmert und tue es immer noch.“ Streng genommen habe sie durch die Trennung vom Vater sogar nun eher weniger Aufgaben, weil sie sich nicht auch um seine Belange kümmern muss: „Ich muss mit niemandem darüber diskutieren, wer was macht. Ich mache es halt einfach.“ Erschwert ist der Alltag vor allem, weil keine zweite Person mehr da ist, die das Kind betreuen kann: „Mein Alltag erschlägt mich noch vollkommen.“ Unterstützung bekommt sie von ihren Eltern: „Ich fühle mich wieder abhängig von ihnen. Das macht viel mit meinem Selbstwertgefühl.“ Trotzdem rät sie anderen Müttern, solche Hilfe anzunehmen – und um Hilfe zu bitten: „Du musst niemals denken: ‚Das muss ich allein können.‘ Nein, du schaffst gerade schon so wahnsinnig viel allein. Dir steht Hilfe zu!“ Der Alltag als Alleinerziehende ist anstrengend, weiß Sophie Charlotte. Doch insgesamt war es für sie schlimmer, sich in der Beziehung für alles allein verantwortlich zu fühlen, als jetzt, wo es real so ist: „Irgendwie passen die Dinge so besser zueinander“, sagt Sophie Charlotte, „alles macht jetzt mehr Sinn.“

Sophie Charlotte Rieger ist Gründerin eines feministischen Filmmagazins und arbeitet als Speakerin und Dozentin zu Themen wie gendergerechtes Erzählen und Diversität in den Medien. Mehr Infos: filmloewin.de

„Wir sind noch immer ein Team“

Markus Schmeing (30), Gesundheits-und Krankenpfleger aus Velbert, erzieht seine Tochter (5) gemeinsam mit seiner Ex

Markus und die Mutter seiner Tochter sind seit mehreren Jahren voneinander getrennt. Als alleinerziehend bezeichnet er weder sie noch sich selbst: „Wir teilen uns ja die Erziehungsaufgaben. Und unsere Tochter lebt auch nicht in einer Ein-Eltern-Familie – sie hat zwei Eltern.“ Markus’ Ex-Partnerin und er streben im Alltag eine 50/50-Lösung an. Die meisten Menschen sind überrascht, wenn Markus von diesem Modell berichtet. „Ich habe häufig das Gefühl, viele erwarten, dass meine Ex und ich ständig im Streit sind. Natürlich gehören Konflikte dazu. Aber wir führen keinen Rosenkrieg.“ Wie das klappt? „Man muss sein eigenes Ego aus der Gleichung streichen.“ Und: „Solange Liebe und Geduld die Erziehung prägen, kann, glaube ich, wenig schiefgehen. Der Rest ist Bauchgefühl.“ Für Markus, seine Tochter und ihre Mutter läuft es dank dieser Eckpfeiler zurzeit sehr gut. „Aber das hat Zeit gebraucht und war nicht einfach“, räumt Markus ein. Und ihn befallen immer wieder Zweifel und das Gefühl, dass es anders eben doch noch besser wäre. „Schlussendlich gibt mir die Kleine aber selbst die besten Rückmeldungen, dass alles für sie ‚normal‘ und ‚in Ordnung‘ ist.“

Markus ist Fachkrankenpfleger und arbeitet unter anderem in einem Kinderhospiz. Jedes zweite Wochenende und jeden zweiten Wochentag kümmert er sich um seine Tochter.

„Familie ist da, wo Menschen sich lieben“

Jennifer Sutholt (40), Flugbegleiterin aus Berlin, hat Tochter Mathilda (5) mit einem Freund bekommen

Auf ihrem Blog unterstützt Jennifer Frauen auf dem Weg zum Wunschkind: „Am wichtigsten sind gute Informationen, Vernetzung und eine ausgiebige Vorbereitung.“ Mehr Infos: planningmathilda.com

Als Jennifer fast 35 war, zerbrach ihre Beziehung am Kinderthema. Direkt nach der Trennung lernte sie das Konzept der Co-Elternschaft kennen – und den künftigen Co-Vater ihrer Tochter: „Ich bin also nicht alleinerziehend, sondern getrennterziehend. Eine Solomutter in einer Co-Elternschaft. Ich habe mit einem Freund ein Kind.“ Tochter Mathilda lebt zu 70 Prozent bei Jennifer, die Kosten für das Kind teilt sie mit dem Vater. „Alle Lebenshaltungskosten wie die Miete muss ich allein aufbringen.“ Auch die Sicherheit einer Beziehung fehlt: „Wenn ich nicht arbeiten gehe, gibt es niemanden, der das auffängt.“ Dafür hat Jennifer regelmäßig wertvolle Pausen vom Mamasein, wenn die Kleine beim Vater ist: „Viele meiner Freundinnen in Beziehungen haben solche Auszeiten nicht.“ Das Klischee, dass nur eine gemeinsam lebende hetero-normative Kleinfamilie für Kinder gut sei, nervt Jennifer: „Das stimmt einfach nicht. Und bildet nicht die Realität ab. In Berlin lebt jedes fünfte Kind bei nur einem Elternteil.“ Natürlich sei eine liebende Familie das A und O, findet Jennifer. „Aber das kann eben auch eine Ein-Eltern-Familie sein. Oder zwei Freunde mit gemeinsamen Kind. Familie ist bunt und genau da, wo Menschen sich lieben und füreinander sorgen.“

Wie heißt es denn nun richtig?

Der Begriff „Alleinerziehende“ passt nicht auf alle Eltern, die allein mit ihrem Kind in einem Haushalt leben. Mögliche Alternativen sind je nach Situation: Getrennterziehende, Ein-Eltern-Familie, Solomütter, Co-Eltern. Ihr seid unsicher, welche Bezeichnung ihr nutzen sollt? Einfach nachfragen! Welcher Begriff der richtige ist, wissen die betreffenden Eltern selbst am besten.