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Wir sind so frei


Vital - epaper ⋅ Ausgabe 7/2019 vom 12.06.2019

Unser Gefühl des Monats schenkt uns die Kraft, auf eigenen Beinen zu stehen und unseren Weg selbstbestimmt zu gehen. Unabhängigkeit – das klingt nach Aufbruch und Abenteuer, ein Leben lang. Doch mit den Jahren, so weiß vital-Autorin Evelyn Holst, fällt es uns leichter zu sagen, was wir denken. Und zu tun, was wir wollen


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FOTO: GETTY/BUENA VISTA IMAGES


Geschafft! Noch heute spüre ich dieses rauschhafte Gefühl, mit dem ich die schwere Eingangstür zuschlug.


Mündliche Prüfung in Biologie ganz knapp geschafft, Abitur: Hauptsache, bestanden! Mit den Worten „Gehen Sie mit Gott, aber gehen Sie“ hatte mich meine ...

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... strenge Biologielehrerin Dr. Helene Beyn aus dem Gymnasium für Mädchen entlassen. Noch am selben Abend zog ich zu meinem damaligen Freund. Meine Eltern wähnten mich bei einer Freundin, denn sie glaubten noch an den Kuppelparagrafen, der Eltern bestrafte, die „der Unzucht Vorschub leisteten“, obwohl der seit 1970 nicht mehr gültig war. Außerdem glaubten sie an die Heiligkeit der Ehe. „Endlich unabhängig“ war deshalb mein einziger Gedanke, als ich in der WG meines Freundes meinen Koffer auspackte. Tun und lassen können, was ich wollte, ohne elterlichen Zapfenstreich, ohne Anwesenheitspflicht in der Schule – sag dem Abenteuer, dass ich komme!

Unabhängigkeit – ein Wort mit Ausrufungszeichen! Das nach Aufbruch, Freiheit, nach einem Sprung in die Luft klingt. Und ist es nicht unglaublich, wie weit und wie hoch wir Frauen in den letzten Jahrzehnten gesprungen sind? Noch vor 5o Jahren gab es die sogenannte Hausfrauenehe, wir brauchten die Erlaubnis von Ehemännern, wenn wir berufstätig sein wollten. Erst 1974 wurde Paragraf 218 reformiert, seitdem sind Schwangerschaftsabbrüche in den ersten drei Monaten straffrei. Inzwischen gibt es jede Menge Männer, die in Elternteilzeit gehen. Und seit 2005 eine Bundeskanzlerin. Wir können stolz sein auf uns, auch wenn wir noch immer ein Fünftel weniger verdienen als die Männer.

Die Freiheit, über unser Leben ohne Einflussnahme von außen oder innen selbst zu bestimmen, ist ja deshalb ein so hohes Gut, weil Abhängigkeit eigentlich der normalere Zustand ist. Als Baby von unseren Eltern, als Teenager von der Meinung anderer Teenager, als Erwachsener von Beruf und Familie, später von Gesundheit und Rentenhöhe – wir sind unser Leben lang abhängig. Weil wir keine Insel sind, sondern eine Gemeinschaft. Und das ist auch gut so. Es gilt deshalb abzuwägen, wie viel Abhängigkeit wir zulassen und wie viel Unabhängigkeit wir brauchen, um selbstbestimmt und glücklich zu sein.

„Man kann nicht alles haben, eine dicke Frau und viel Platz im Bett“, hat der Schriftsteller Paul Maar gesagt. Diese Erkenntnis trifft auch auf die Unabhängigkeit zu. Weil sie eine Münze mit zwei Seiten ist.

Als meine Tochter Lea sich zum ersten Mal auf ihren kleinen, dicken Beinen hochstemmte und ihre ersten Schritte watschelte – was für ein Moment! Man sieht es diesen kleinen Wesen an, wenn sie, erst zaghaft, dann vor Begeisterung kreischend, ihre Fühler Richtung Unabhängigkeit ausstrecken. Am Klettergerüst hochklettern, auf dem Kinderfahrrad mit Stützrädern im Affenzahn davonrollen, die erste Ahnung, wie es sich anfühlt, die Richtung ohne die Eltern vorzugeben. Das ist die eine Seite. Dass sich ohne deren Liebe und Aufmerksamkeit das Kind diese Unabhängigkeit nicht zugetraut hätte, die zweite.

Wir sind unser ganzes Leben lang abhängig. Von Menschen, die wir lieben, von Gefühlen, von Politikern, von Sachzwängen (Geld). Aber da die Qualität unseres Lebens auch von der Qualität unserer Gedanken abhängt, stört mich das inzwischen viel weniger, als die Abhängigkeit, die ich mir früher so oft selbst verschaffte. Von diesem nagenden „Bin ich attraktiv, erfolgreich, beliebt und gut genug?“, auf das wir ja nie eine zufrieden stellende Antwort bekommt.

Da ich kein Suchtmensch bin, war ich zum Glück nie von Zigaretten, Alkohol oder Süßigkeiten abhängig. Nur von einem Mann, der mir nicht guttat. Er trank zu viel, lag mit einer anderen Frau im Bett, als ich ihn mit Brötchen zum Frühstück überraschen wollte. Ich litt, ich hielt durch, bis er ohne Abschied nach Südamerika auswanderte. „Betrachte diesen Mann wie eine Impfung“, riet eine Freundin, „du bist jetzt für alle Zeit gegen toxische Typen gefeit.“ Sie hatte recht. Und da die schönste Form der Unabhängigkeit die freiwillige Abhängigkeit ist, bin ich jetzt seit 32 Jahren mit einem Mann verheiratet, dem ich zwar jeden Morgen frische Brötchen mitbringe, den ich aber noch nie mit einer anderen Frau im Bett angetroffen habe.

Ich glaube, dass wir im Älterwerden immer unabhängiger werden. Von der Weltpolitik, der Meinung anderer, der Karriereleiter, vielen Ängsten und Zwängen. Alles kann, nichts muss. Wir wissen, die Restzeit ist begrenzt, wir dürfen etwas sein, wir müssen nichts mehr werden. Wir sagen, was wir denken, wir tun, was wir wollen. Deswegen trage ich noch immer Skinny Jeans, obwohl ich eigentlich viel zu alt dafür bin. Wie heißt es so richtig? Von hinten Lyzeum, von vorn Museum. Tja, aber ganz ohne Botox. Doch ich könnte es mal probieren.

Schließlich bin ich unabhängig.

Evelyn Holst, 67, genießt die Freiheit zu schreiben, was sie will. Auch mal einen Roman wie „Gipfelglück“ (Atlantik).

FOTO: GETTY/RYAN MCVAY