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Wir sollten begreifen: Der WALD ist unser grünes Zuhause“


HÖRZU Wissen - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 16.01.2020

Mit seinen Büchern über Bäume und Tiere begeistert der Förster PETER WOHLLEBEN viele Menschen. Jetzt kommt ein Film über ihn ins Kino, der beeindruckende Naturbilder zeigt


Artikelbild für den Artikel "Wir sollten begreifen: Der WALD ist unser grünes Zuhause“" aus der Ausgabe 1/2020 von HÖRZU Wissen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU Wissen, Ausgabe 1/2020

Naturschützer und Buchautor Peter Wohlleben im Forst von Wershofen


LICHTSPIELE Morgenstimmung im Wald: Die Sonne vertreibt den Dunst

SPEICHER Niederschlag im Winter hilft den Bäumen über Dürre im Sommer hinweg

Arbeitstier: ein Kaltblüter bei der Holzernte in Wershofen


Aktiv: Eichhörnchen suchen im Winter ihre Nahrungsvorräte auf


98 Prozent

Laubbäume stünden in deutschen Wäldern, ließe man der Natur freien Lauf. Tatsächlich aber ist jeder ...

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... zweite Baum eine Lärche, Kiefer oder Fichte

TOPLEISTUNG
Ein mehr als 100 Jahre alter Baum verdunstet jeden Tag bis zu 500 Liter Wasser

WILDNIS Eine natürliche Vegetation und Artenvielfalt sind gut fürs Ökosystem


Hungrig: Ein Reh knabbert im Winter Knospen von Zweigen


„DEM ECHTEN WALD geht es gut. Das sind alte Reservate, in denen das System intakt ist. Dort haben die heißen Sommer keine Schäden verursacht.“


PETER WOHLLEBEN

KLIMAANLAGE Über Wäldern bilden sich häufiger mehr dichte und kühlende Wolken als über Freiflächen


Nützlich: Die Wildsau lockert den Boden und frisst Schädlinge


Es ist Nacht. Sterne leuchten am Himmel. Ein knorriger Laubbaum reckt sich in die Höhe, mächtig breiten sich seine kargen Äste aus. In der Finsternis wirkt er wie eine schwarze Gestalt, fast surreal. Dieses Bild, mit dem Regisseur Jörg Adolph die Dokumentation „Das geheime Leben der Bäume“ eröffnet, kann als Metapher verstanden werden: Noch liegt vieles über das Wesen und die Eigenschaften des Baums im Dunkeln. Und auch um seine Zukunft scheint es derzeit düster bestellt.

Dürren, Großbrände, Stürme, Borkenkäferplage: Es wird gerade viel geredet über die Folgen der Klimakrise für die Wälder. Wie denkt Peter Wohlleben, Deutschlands bekanntester Förster und Bestsellerautor, darüber? „Im Moment malen etliche Menschen die Zukunft sehr schwarz“, sagt er im Gespräch mit HÖRZU Wissen. „Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos – jeder von uns kann etwas tun.“

BUCHE: SYMBOL FÜR WIDERSTANDSKRAFT

Szenenwechsel im Film: Wohlleben sitzt in einem Rundfunkstudio, der Moderator fragt ihn: „Welcher Baum wären Sie gern?“ Er überlegt nicht lange und antwortet: „Eine Buche.“ Sie ist ein Symbol für Widerstandskraft.

Der 55-Jährige sieht etwas in Bäumen, das andere nicht sehen. Die Kinoproduktion, die am 23. Januar startet, versucht, dem Zuschauer diese verborgene Welt näher zu bringen. Eineinhalb Jahre haben die Filmemacher Peter Wohlleben begleitet und beobachtet, bei der Arbeit im Forst von Wershofen in der Eifel, bei Vorträgen an seiner Waldakademie, bei Waldspaziergängen mit Kindern, auf Demonstrationen im Hambacher Forst und auf Reisen, etwa zu dem fast 10.000 Jahre alten Old Tjikko in Schweden, dem ältesten Baum der Welt. Sie zeigen das Leben des Wald kenners und adaptieren zugleich dessen Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“ in faszinierenden Naturbildern. Ein erhellender Film, der an manchen Stellen nachdenklich stimmt.

Die Waldaufnahmen stammen von dem renommierten Naturfilmer Jan Haft. Mithilfe von Makro und Zeitraffer zeigt er, wie aus Knospen Blätter und Blüten werden, wie Fliegenpilze geradezu explodieren, Farne aufgehen, Raupen an Blättern knabbern, Borkenkäfer sich in Baumrinden bohren – das Werden und Vergehen, dargestellt als Wunder der Natur.

Bodenschatz: In nur einer Handvoll Walderde stecken Millionen Lebewesen


SCHUTZ Das Blätterdach mildert Hitzewellen deutlich ab – um bis zu 15 Grad


SCHÄDEN Unter zwei heißen Sommern litten Fichten und Kiefern, hier im Harz


Der Film dokumentiert auch die Wunden: Wohlleben und der Biologe Prof. Pierre Ibisch von der Hochschule Eberswalde besuchen das 2018 durch einen verheerenden Brand zerstörte Gebiet bei Treuenbrietzen in Brandenburg. Sie sehen: Überall dort, wo die verkohlten Stämme noch stehen, entwickelt sich von ganz allein neuer Wald. Dort, wo für viel Geld gerodet und alles umgepflügt wurde, sind wieder Kiefern angepflanzt worden. Ausgerechnet jene Nadelbäume also, die hierzulande Waldbrände und Borkenkäferplage nicht so gut aushalten wie die heimischen Laubbäume. „Schon jetzt, ein Jahr nach den Dreharbeiten, sind bereits 60 Prozent dieser Kiefern vertrocknet“, sagt Wohlleben im Interview.

METHODE: DER NATUR FREIEN LAUF LASSEN

Fragt man den Förster, wie es dem Wald denn nun wirklich geht, sagt er: „Dem echten Wald geht es gut.“ Er meint damit „alte Reservate, in denen das System intakt ist. Dort haben die heißen Sommer keine Schäden verursacht.“ Der Grund: Die Bäume kühlen sich gemeinsam herunter, helfen schwachen Exemplaren, nicht abzusterben.

DER BORKENKÄFER

Schädling: Borkenkäfer haben sich stark vermehrt


32 Prozent

der deutschen Landfläche sind bewaldet. Nur zwei Prozent davon gelten als ursprüngliche wilde, vom Menschen ungenutzte Wälder

„Doch von diesen stabilen Ökosystemen gibt es zu wenig“, so Wohlleben. „Was wir hierzulande finden, sind vor allem hoch technisierte Baumbetriebe und ‚aufgeräumte‘ Wälder.“ Ließe man der Natur freien Lauf , bestünde unser Wald zu 98 Prozent aus Laub- und nur zu zwei Prozent aus Nadelbäumen. Tatsächlich ist laut Schutzgemeinschaft Deutscher Wald mehr als jeder zweite Baum eine Lärche, Kiefer oder Fichte. Diese Arten kommen aus Skandinavien oder den Gebirgen. Weil es ihnen hier zu warm und trocken ist, sind sie anfällig für Krankheiten, Brände und Stürme.

Angesichts derart massiver Schäden versprach Bundesagrarministerin Julia Klöckner auf dem Nationalen Waldgipfel im September vergangenen Jahres Nothilfe: 800 Millionen Euro. Damit sollen Schadensflächen von insgesamt über 180.000 Hektar, das entspricht mehr als 250.000 Fußballfeldern, wieder aufgeforstet und der Wald „klimaangepasst“ umgebaut werden.

Doch Wohlleben wünscht sich einen Wald ganz ohne menschliche Eingriffe. So fordert er – zusammen mit 70 Wissenschaftlern und Experten – in einem offenen Brief an die Bundesministerin „eine radikale Hinwendung zu einem Management, das den Wald als Ökosystem und nicht mehr länger als Holzfabrik behandelt“. Der Förster setzt auf heimische Laubbäume. „Sie sind nicht so fragil und produzieren keine Kahlschläge. Zudem sind sie unsere stärksten Verbündeten im Kampf gegen den Klimawandel.“ Alter Laubwald kühlt sich bis zu 8 Grad Celsius stärker herunter als eine Kiefernplantage.

In der Eifel fördert er die Selbstregulierung des Waldes. Wo etwas stirbt, wächst anderes nach. Kritiker von einst sind heute stumm, weil der naturnahe Forst so viel Ertrag abwirft. LangzeitÖkologie sei Langzeit-Ökonomie, so lautet Wohllebens Bilanz. „Wir sollten begreifen, dass der Wald unser grünes Zuhause ist. Dann ergibt sich der Rest von allein“, sagt er. Denn: „Wer verwüstet schon sein Wohnzimmer?“

BÄUME: KEINER IST WIE DER ANDERE

Längst ist wissenschaftlich belegt, dass Bäume im Wald nicht einfach nur herumstehen. Vielmehr bilden sie eine Gemeinschaft, die lebt und kommuniziert wie soziale Wesen, die ihre Nahrung teilen, sich um den Nachwuchs kümmern und einander über Duftstoffe vor Gefahren warnen. Auch haben Forscher inzwischen bewiesen: Ein Baum kann Schmerzen empfinden. Und, davon ist Wohlleben überzeugt: „Jeder Baum hat seinen eigenen Charakter.“

An der Landstraße zwischen Wohllebens Heimatdorf Hümmel und der nächsten Ortschaft im Ahrtal stehen drei Eichen. „Ihr Abstand ist außergewöhnlich eng: Die hundertjährigen Stämme trennen nur wenige Zentimeter voneinander“, erzählt der Förster. Er halte sie für ideale Beobachtungsobjekte, weil die Umweltbedingungen für alle drei Bäume identisch sind. „Boden, Wasser, lokales Kleinklima, all dies kann sich nicht innerhalb eines Meters dreifach unterscheiden.“

Tatsächlich aber verhalten sich die drei Eichen unterschiedlich. Filmbilder, aufgenommen mit einer Drohne im Jahreszeitenzyklus, belegen eindrucksvoll, was Wohlleben seit Jahren beobachtet: „Während sich die rechte Eiche im Herbst schon verfärbt, bleiben die mittlere und die linke noch in vollem Grün. Erst ein bis zwei Wochen später folgen sie ihrer Kollegin in den Winterschlaf.“ Sein Fazit: Wann der richtige Zeitpunkt ist, sein Laub abzuwerfen, bestimmt ein Baum offenbar selbst. Kann sein, dass er milde Herbsttage nutzt, um weiter Fotosynthese zu betreiben und ein paar Extrakalorien Zucker zu bunkern. Kann aber auch sein, dass er lieber auf Nummer sicher geht und sein Laub abwirft, falls doch ein plötzlicher Frosteinbruch kommt.

„Jeder der drei Bäume entscheidet anders“, sagt der Experte. „Die eine ist ein wenig ängstlicher oder auch vernünftiger, die beiden anderen Eichen sind etwas mutiger. Wer weiß, was das nächste Frühjahr bringt, wie viel Kraft eine plötzliche Insektenattacke verschlingt und was danach noch an Reservestoffen übrig ist.“

DER ÄLTESTE BAUM: 10.000 Jahre alt

Reverenz: Wohlleben besucht die uralte Fichte im schwedischen Dalarna


DER DICKSTE BAUM: 58Meter Stammumfang

Koloss: Diese Sumpfzypresse steht in Santa María del Tule in Oaxaca, Mexiko


MONOKULTUR Fichten und Kiefern sind die „Brotbäume“ der Förster


Schmarotzer: Baumpilze ernähren sich von lebendem und totem Holz


Wohlleben versteht die Bäume – und entdeckt sie doch immer wieder neu. Etwa, wenn er sich fragt, wie Wasser eigentlich in die Baumkrone kommt, und eine Antwort der Forschung findet. „Wissenschaftler beobachteten, dass sich der Durchmesser der Stämme periodisch um 0,05 Millimeter verringert, um sich dann wieder auszudehnen.“ Er hält es für möglich, dass Bäume das Wasser durch Kontraktionen Schritt für Schritt nach oben pumpen – sie also einen „Herzschlag“ haben.

RUHEPHASE: NACHTS SENKEN SICH DIE ÄSTE

Weiterhin haben Forscher mithilfe von Laserscans im Infrarotbereich herausgefunden, dass Bäume in der Nacht ihre Äste hängen lassen und in sich zusammensinken. Zwar ist diese Veränderung nicht extrem, aber immerhin soll dieser Effekt bei einem Baum mit einer Höhe von fünf Metern bis zu zehn Zentimeter ausmachen.

So endet der Kinofilm, wie er begonnen hat: mit dem knorrigen Baum unter dem Sternenhimmel. Starr und schlafend. Doch es bleibt nicht dunkel. Das Sonnenlicht kommt zurück. Der Tag beginnt. Und der Baum erwacht zu neuem Leben.