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»Wir sollten mental viel mehr investieren«


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Bergsteiger - Das Tourenmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 14.10.2022

Interview

BERGSTEIGER: Herr Göttler, im Mai standen Sie endlich auf dem Everest – nachdem Sie 2019 und 2021 jeweils abbrechen mussten. Eine Genugtuung, oder?

DAVID GÖTTLER: Umdrehen ist Part of the Game, nicht nur im Bergsport oder beim Wandern, sondern generell in unserem Leben. Wir sind so getrieben! Was zählt, ist Erfolg, Erfolg, Erfolg. Umdrehen ist mit Misserfolg verknüpft, kommt nicht gut an. Wäre ich 2019 und 2021 nicht umgekehrt, hätte ich nichts gelernt. Von jedem Umdrehen ist für mich wichtig, etwas daraus zu lernen – und zu akzeptieren, dass es Teil des Prozesses ist, besser zu werden. Keine Erfindung, kein Fortschritt ist ohne Misserfolg zustande gekommen. Das Schwierige ist, diesen Punkt zu erkennen, an dem ich umdrehe und sage: ›Jetzt bin ich aus meiner Komfortzone raus und habe meine Grenze schon verschoben. Wenn ich jetzt weitergehe, wird es gefährlich, dann lehne ich mich zu weit ...

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Bildquelle: Bergsteiger - Das Tourenmagazin, Ausgabe 11/2022

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... raus.‹ Im Bergsteigen kann dieses ›verkehrt gehen‹ halt sehr schnell sehr krasse Konsequenzen haben, im Vergleich zu anderen Sportarten, wo man das Spiel verliert oder den Punkt nicht macht.

» Man sollte akzept ieren, dass Umdrehen ein Teil des Prozesses ist, besser zu werden. «

Wie erkennt man den Risikobereich?

Das ist ein Prozess, der bei mir seit mehr als 20 Jahren andauert. Man sieht so viele Leute, die von 0 auf 100 in die Berge kommen, weil sie das irgendwo sehen. Es ist ja super, wenn sie in die Berge gehen. Jeder, der nicht zu Hause auf dem Sofa sitzt, in den Fernseher oder aufs Handy schaut, sondern in den Bergen unterwegs ist, ist super. Einer mehr da draußen, der die Natur genießt. Aber da sind auch wir als Profisportler gefragt, noch mehr Aufklärungsarbeit zu leisten und Angebote zu schaffen, dass auch dem Neuling möglichst viele Infos und Tipps bereitgestellt werden.

In Ihren Social-Media-Accounts sparen Sie Zweifel und Misserfolge nicht aus.

Wir müssen ein Umdenken schaffen: dass Umkehren eine Chance ist, sich zu verbessern. Wenn du umkehrst und nicht in der Lage bist, zu reflektieren ›Warum bin ich umgekehrt? Was kann ich beim nächsten Mal besser machen?‹, dann ist es für die Katz. Dann bist du Sisyphos, der seine Kugel rollt. Aber wenn du vom Moment des Umdrehens etwas lernst, ist das eine unglaubliche Bereicherung. Ein Moment, der dir geschenkt wird, um besser zu werden.

In diesem Jahr gab es am Everest eine ungewöhnlich lange Phase mit guten Wetterbedingungen. Was bedeutete das für Ihr Projekt?

Alle sind zum Gipfel rauf, und es war unglaublich schwer, unten zu bleiben und zu sagen: Bringt jetzt nichts. Ich mache ganz normal mein Programm. Für mich ist es wichtig, dass dort oben keiner ist. Da musst du dir selbst auf die Finger klopfen, weil es schwierig ist, da nicht mitzuwollen. Aber am Everest sind alle in einem anderen Stil unterwegs, das vergesse selbst ich, wenn ich dort bin. Ich muss mir immer wieder sagen: ›Hey, die sind alle mit Sauerstoff und Sherpas unterwegs. Die brauchen nicht so viel Zeit zum Akklimatisieren.‹ Wie ein Mantra musste ich mir sagen: ›Konzentrier‘ dich nur auf dich und deinen Plan!‹ Du hoffst natürlich, dass in zehn Tagen auch wieder gutes Wetter ist. Aber ich habe von 2019 gelernt: Es bringt nichts, das zu wollen und dann zu meinen: ›Das Problem löse ich dann, wenn es dort oben auftaucht.‹

Das geht halt nicht. Da sind einfach zu viele Leute an so einem Tag.

DAVID GÖTTLER

David Göttler wurde 1978 in Starnberg geboren und ist in München aufgewachsen. Seit seinem siebten Lebensjahr geht Göttler in die Berge. Heute ist er Profibergsteiger und einer der besten Höhenbergsteiger Deutschlands. Ihm gelangen schwierigste Touren in den Alpen, in Patagonien, im Karakorum und im Himalaya, und er stand jeweils ohne zusätzlichen Sauerstoff auf sechs Achttausendern (Mount Everest, Gasherbrum II, Manaslu, Makalu, Lhotse und Dhaulagiri). Göttler lebt im Sommer mit seiner Frau in Nordspanien und im Winter in Chamonix.

» Allein der Versuch, maximal ehrlich mit sich selbst zu sein, ist sehr spannend. Kann ich jedem nur empfehlen.«

Wie lange haben Sie im Basislager gewartet?

Vielleicht zehn Tage. In der Zeit wurde das Basislager schon halb abgebaut. Man sitzt da, um einen herum werden die Zelte abgebaut, und man denkt: ›Hey, ich muss da aber erst noch hoch! Soll ich doch gehen? Oder noch warten?‹ Das war stressig. Da ruhig zu bleiben und zu sagen: ›Lass dich nicht rausbringen. Stay in the moment!‹ Vor der Expedition habe ich erstmals mit einer Mentaltrainerin gearbeitet, davor immer wieder mal lose, vor dem Everest aber sehr strukturiert, um auch von der Seite optimal vorbereitet zu sein. Ein Bereich, der hoch interessant ist: Mentaltraining, wie man selbst beeinflusst wird von Stimmungen, in welche Fallen ich bei jeder Expedition tappe, wo meine Tiefmomente sind – daran vorab zu arbeiten, das dann auch anzuwenden und zu sehen, dass es etwas bringt, das ist sehr spannend.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der Mentaltrainerin?

Ich habe damit begonnen, als ich Trainer des DAV-Expeditionskaders war, zunächst nur ein paar Sessions. Aber vor dem Everest habe ich gesagt. ›Jetzt machen wir mal sechs Ein-Stunden-Sessions!‹ Mit Hausaufgaben, darüber nachdenken und nacharbeiten. Teilweise dachte ich: ›Hui, das wird jetzt richtig schwer!‹ Allein der Versuch, maximal ehrlich mit sich selbst zu sein, ist spannend. Kann ich nur empfehlen. Generell sollten wir als Gesellschaft mehr Wert darauf legen, mental etwas zu investieren.

Sonst macht man das ja nur, wenn es zu spät ist. Eigentlich sollte sich jeder prophylaktisch alle zwei Wochen auf die Couch legen. Schon interessant, für was wir Geld ausgeben. Keiner scheut sich, für ein Gravel Bike 4000 Euro hinzulegen. Aber in die eigene Gesundheit investieren wir erst, wenn etwas im Argen ist.

Was ist so eine typische Falle?

Wenn ich immer wieder zum selben Berg oder zum selben Ziel gehe, vergleiche ich mich stets mit meinem Selbst von davor: ›Das letzte Mal hat es sich aber besser angefühlt.‹ Oder: ›Oh mein Gott, dieses Mal bin ich nicht richtig trainiert. Ich bin fünf Minuten später dran!‹ Genau so war es an Lager 2: Ich war zehn Minuten langsamer, habe meine ganzen Zeiten über die Jahre gewusst – und gedacht: ›Mist! Zehn Minuten langsamer.‹ Das kann sich zum Drama entwickeln, zu einem schwarzen Loch. Daran haben wir gearbeitet und gesagt: ›Das ist okay. Diese zehn Minuten haben keine Aussagekraft, ob ich am Ende zum Gipfel komme oder nicht.‹ Wenn du dich in das Loch reingräbst, kann dich das fertig machen. Am Ende kann es auch sein, dass ich mit den zehn Minuten vielleicht auf der Uhr etwas verliere, aber in meinem Energiespeicher etwas gewinne. Diese Parameter habe ich ja nicht zur Hand. Wenn ich doppelt so lange gebraucht hätte - statt drei plötzlich sechs Stunden -, dann musst du natürlich fragen: ›Was stimmt heute nicht?‹

Was fällt Ihnen außerdem noch schwer?

Kontrolle abzugeben. Ich trainiere seit Jahren absolut strukturiert mit einem Trainer, über eine Trainingsplattform. Der Coach ist in Amerika, wir schreiben täglich über Whatsapp. Ich überarbeite alles hundert Mal, versuche jedes Gramm Ausrüstung zu sparen – gleichzeitig habe ich mir aber eine Sportart ausgewählt, wo Erfolg im Sinne von oben ankommen so stark vom Wetter abhängt. Oder von anderen Leuten um mich herum, wenn ich am Everest bin – Faktoren, die ich nicht kontrollieren kann. Und ich weiß: Das macht mich fertig. Weil ich alles infrage stelle. Weil ich da sitze und denke: ›Unglaublich! Wieso sind die Götter wieder gegen mich?‹ Ich nehme das dann persönlich, dass das Wetter schlecht ist.

Was tun?

Meine Mentaltrainerin empfahl mir, einen Vertrag mit dem Berg zu machen. Klingt bescheuert, aber ich habe das wirklich aufgeschrieben: ›Vertrag zwischen Everest 2021 und David Göttler‹. Da schreibe ich dann rein: ›Ich habe mich maximal gut vorbereitet. Ich habe alles getan, was in meiner Kontrolle steht. Ich kann Wetterverhältnisse nicht kontrollieren. Ich mache niemand anderen dafür verantwortlich.‹ Dann unterschreibe ich den mit einem Datum. Klingt total Banane, wenn ich aber auf Expedition genau diesen Moment wieder habe, wo das Wetter schlecht ist, schaue ich mir den Vertrag an, den habe ich immer dabei. Ich lese mir das durch – und bumm: geht es mir besser. Ich bin positiv und sage: ›Das habe ich davor alles akzeptiert.‹ Das hat sehr geholfen. Damit herumzuspielen, mit sich selbst zu experimentieren, finde ich absolut spannend. Was da möglich ist, und wie man mental viel gesetzter wird!

Respekt, dass Sie das nach all den Jahren noch angegangen sind!

Das ist etwas, wozu ich jeden animiere: Dass man nie faul wird, mehr von sich selbst zu lernen, sich weiterzuentwickeln. Das hoffe ich zumindest, dass ich nie an den Punkt komme zu sagen: ›Jetzt habe ich alles, weiß alles und fertig.‹ Ich liebe es auch, wenn ich auf Expedition bin, zu schauen, was Andere machen. Bei meiner ersten Expedition 2003 war ich derjenige, der noch nie auf einem Achttausender war. Ralf Dujmovits, Gerlinde Kaltenbrunner, Veika Gustafson, Taka Takeuchi und Michi Wärthl haben mich eingeladen, an den Kangchendzönga zu gehen. Da habe ich viel gelernt, sie haben mir alles gezeigt, mich aber als vollwertiges Mitglied akzeptiert. Ich hoffe, dass ich das auch so mache, im Rahmen des Expeditionskaders zum Beispiel. Dass ich nicht nur den Jungen etwas zeige, sondern auch versuche, von denen etwas zu lernen, zu schauen, wie jüngere Generationen unterwegs sind.

Und dann waren Sie am Everest tatsächlich ganz allein auf dem Gipfel?

Das war das Karma und das Schicksal, das mich wieder eingeholt und beschenkt hat. Es war heuer einfach sehr lange stabiles, gutes Wetter. Deswegen waren die Expeditionen mit Sauerstoff alle schon früh durch. An dem Tag, an dem ich dann gegangen bin, sind 15 vom letzten Lager Richtung Gipfel, alle mit Sauerstoff, ein paar waren vor mir am Gipfel, ein paar nach mir – und ich hatte so eine Lücke erwischt, gerade am Südgipfel, dem neuralgischen Abschnitt, wo es so schwer ist, aneinander vorbeizukommen und wo sich immer dieser Stau bildet. Da war ich komplett allein – der Wahnsinn! Ich weiß auch nicht, wann zuletzt jemand allein, ohne Sauerstoff und ohne Sherpa da oben war.

Viel Zeit zum Feiern bleibt ja nicht.

Ich war vollkommen angespannt und habe versucht, konzentriert zu bleiben, weil ich viel Respekt hatte vor dem Rückweg. Das gilt ja für jede Tour. Man meint, der Gipfel ist das Ziel. Das Ziel muss aber sein, wieder heil vom Berg runterzukommen. Der Gipfel ist, wenn wir Glück haben, die Halbzeit. Das Runtergehen gerade an den hohen Bergen kann so viel härter sein. Weil die Motivation, dieser eine Punkt, auf dem man den Fokus legt, weg ist. Runtergehen kann genauso anstrengend sein wie Hochgehen. Das sieht man auch oft in den Alpen, wenn der Weg rutschiger ist. Runter sind die Leute oft wie versteinert. Gerade am Everest gibt es zig Geschichten, wo das tödlich geendet ist. Ich wusste schon beim Aufstieg: Da sind ein paar Gegenanstiege am Rückweg! Auch wenn das nur zehn Schritte waren: Da oben ist das sehr viel. Ich habe konstant mit mir dieses Selbstgespräch geführt: ›Horch‘ in dich rein! Schaffe ich das noch zurück? Passt das von der Kraft? Fühlt sich noch okay an, gehen wir weiter.‹

Der Everest ist also geschafft. Was kommt nach dem höchsten aller Berge?

Das war sicher eines meiner Highlights, aber eben nur eines. Ich werde nicht in Ruhestand gehen. Gerade mit so einem Erfolg verspüre ich noch mehr Motivation, wieder neue, andere Sachen anzugehen. Genießen tue ich es sicher noch, bin aber schon wieder auf die nächsten Ziele fokussiert. Dieses voll relaxed unterwegs sein, hat nicht so lang angehalten, wenn ich ehrlich bin. Zu vier, fünf Achttausendern habe ich noch Pläne, auf die ich mich in den nächsten Jahren konzentrieren will. Dazwischen baue ich mir immer kleinere Ziele ein, aus denen ich Motivation für mein tägliches Training nehme, zum Beispiel einen Ultra Trail in Nordspanien. Auch das Winterthema an einem Achttausender finde ich spannend. Oder Achttausender, wo ich nicht den Normalweg, sondern andere Routen gehen will. Das Schöne am Profibergsteigen ist: Es ist eine Sportart, die ich sehr lange machen kann, anders als im Sportklettern, Skibergsteigen oder Trailrunning. Da wäre ich mit meinen 44 Jahren schon in der Kategorie Alte Herren II.

Eine deutlich ausführlichere Version des Interviews lesen Sie unter

Dort spricht David Göttler vor allem über das Umdrehen am Berg.

Mit seinen 57 Jahren stiefelt Thomas Becker bald als Silver Ager durchs Gebirge. Göttlers Probleme mit dieser kleinen Nervensäge im Kopf kennt er nur zu gut - vom Tennisplatz.