Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 4 Min.

„WIR STEUERN DIREKT AUF DEN EISBERG ZU.“


green Lifestyle - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 16.10.2019

HITZEREKORDE, STARKREGEN, STÜRME – DAS WETTER HAT SICH VERÄNDERT, SEIT SVEN PLÖGER VOR ZWANZIG JAHREN ZUM ERSTEN MAL IM ERSTEN DAS WETTER MODERIERT HAT. DER KLIMAWANDEL IST SPÜRBAR GEWORDEN. EIN INTERVIEW ÜBER EINE DER GRÖSSTEN MENSCHHEITS-HERAUSFORDERUNGEN.


Artikelbild für den Artikel "„WIR STEUERN DIREKT AUF DEN EISBERG ZU.“" aus der Ausgabe 4/2019 von green Lifestyle. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: green Lifestyle, Ausgabe 4/2019

INTER VIEW

Sven Plöger ist Diplom-Meteorologe, Moderator und Buchautor. Er moderiert unter anderem das Wetter vor Acht im Ersten und beteiligt sich an Wissenschafts- sowie Diskussionssendungen im Fernsehen.


Sind die Wetterextreme, wie diesesJahr der Hitzerekord in Deutschlandim Juli, direkte Auswirkungen desKlimawandels?
Ja, weil sich solche Rekorde ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,49€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von green Lifestyle. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 4/2019 von STIL bewusst. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
STIL bewusst
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von Die Neuheiten der Saison. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die Neuheiten der Saison
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von Mode für jeden MIT HERZ unterm Hemd. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Mode für jeden MIT HERZ unterm Hemd
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von MODE IST AUCH IMMER EIN STATEMENT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MODE IST AUCH IMMER EIN STATEMENT
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von Holz IN DER HÜTTE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Holz IN DER HÜTTE
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von GREEN Shopping Guide. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GREEN Shopping Guide
Vorheriger Artikel
Großputz – auch in den Köpfen
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Sie wollen die Welt retten
aus dieser Ausgabe

... weltweit auffällig häufen. Wenn Sie in die Zeitungen von vor 20 Jahren schauen, lesen Sie, dass die Klimaforscher genau das Wettergeschehen vorhergesagt haben, das wir heute erleben. Daraus sollten wir unsere Konsequenzen ziehen.

Welche?
Wir müssen jetzt sofort handeln! Aber die Entscheidungen der Politik entsprechen nicht dem, was von der fachlichen Seite her nötig ist. Lassen Sie es mich mit der Titanic verdeutlichen: Wir befinden uns gerade an der Stelle, wo der Eisberg gesichtet wurde und man nun sofort steuern müsste, um das Schiff vor dem Untergang zu bewahren. Stattdessen hat man damals lange wertvolle Sekunden gewartet und geschaut, wie man sich dem Eisberg nähert. Dann wurde zwar panisch am Ruder gedreht, aber der Ozeanriese ist wegen seiner Trägheit doch in den Eisberg gekracht. Der Rest ist bekannt. Mit dem Klimasystem und seiner Trägheit ist es das Gleiche – wir müssen deshalb sofort und jetzt den Kurs ändern.

Was passiert, wenn wir das nicht tun?
Die aktuellen Wetterveränderungen passieren aufgrund einer Erderwärmung von einem Grad innerhalb eines Jahrhunderts. Wenn wir so weitermachen wie bisher, rechnen Klimaforscher mit rund vier Grad Erderwärmung bis zum Ende dieses Jahrhunderts. Vier Grad kälter war es vor langen 11 000 Jahren – da war Eiszeit!

Die Weltgemeinschaft hat sich 2015im Klimaabkommen von Paris dazuverpflichtet, dass die Erwärmungzwei Grad Celsius nicht übersteigendarf. Wieviel Zeit bleibt unsnoch, um das Ziel einzuhalten?
Das kann man ausrechnen: Um das 2 Grad-Ziel nicht zu reißen, passen in unsere Atmosphäre noch 720 Milliarden Tonnen CO2. Aktuell emittieren wir 36 Milliarden Tonnen pro Jahr, also ist die Grenze in 20 Jahren erreicht. Als Meteorologe spreche ich mich aber dringend dafür aus, dass wir versuchen, die 1,5 Grad nicht zu überschreiten – weil wir uns sonst wundern werden, wie sehr die Wetterextreme zunehmen. Das bedeutet, wir haben noch acht bis 15 Jahre Zeit, um die Dinge zu tun, die wir uns in Paris gegenseitig versprochen haben.

Was wäre von fachlicher Seite aus nötig, um der Erderwärmung gegenzusteuern?
Um die Ziele zu erreichen, müssen wir alle Bereiche, die Energie kosten, umstellen: Kühlen, Heizen und natürlich müssen wir ganz grundsätzlich die Mobilität überdenken. Alles, was CO2 produziert, muss meines Erachtens sehr teuer werden, alles, was es nicht tut, muss sich finanziell auszahlen. Aktuell ist das Motto der Politik aber eher: „Wasch mich, aber mach mich nicht nass.“

Sie meinen, die Politik verfolgt einen Klimaschutz, der niemandem wehtun soll.
Wir brauchen eine Transformation, aber sie muss so ausfallen, dass sich für den Bürger nichts ändert – das funktioniert nicht. Wir brauchen klare Regeln, auf die sich die Gesellschaft einigt und nach denen wir uns strikt verhalten. So läuft das in einer Demokratie.

An welche Regeln denken Sie?
Ein Beispiel ist die Mobilitätsdiskussion. Wenn man ein neues klimafreundliches Konzept entwickeln will – beginnend zunächst bei den größeren Städten, wo es zu viele Autos gibt – muss ich doch alles machen, was das Autofahren in der Stadt wahnsinnig teuer und wahnsinnig unpraktisch macht: Alle Ampeln so schalten, dass Fußgänger zuerst entspannt gehen können, breite begrünte Fahrradwege anlegen statt Parkhäuser zu bauen. Ich muss allen Raum geben, außer den Autos. Und wenn Leute etwas haben möchten, das den gesellschaftlichen Zielsetzungen widerspricht, zum Beispiel einen drei Tonnen schweren Geländewagen in der Stadt, muss man die Preise und Steuern exorbitant nach oben ansteigen lassen, sodass es wehtut, aber gleichzeitig mit dem Geld an anderer Stelle Sinnvolles für die Umwelt getan werden kann. Es braucht Veränderung, die die Gesellschaft mit Entschlossenheit mitträgt. Und wir haben in der Vergangenheit bereits gezeigt, dass wir das können!

Wann zum Beispiel?
1987 beim Ozonloch. FCKW-Gase durften nicht mehr verwendet werden, da sie die Ozonschicht zerstören. Das war eine gesellschaftlich durchgesetzte Regel, ein Verbot. Wir müssen auch heute den Leuten sagen: Ja, es wird einiges kosten, aber dafür wird es in 50 Jahren viel Geld einsparen und unseren Kindern ein gutes Leben möglich machen.

KLIMAFAKTEN:

→ Auf der Pariser Klimaschutzkonferenz im Dezember 2015 haben sich 195 Länder erstmals auf ein rechtsverbindliches weltweites Klimaschutzübereinkommen geeinigt: Die Erderwärmung soll auf 1,5 Grad Celsius, aber mindestens deutlich unter 2 Grad Celsius begrenzt werden.

→ Der 25. Juli 2019 war mit einer Spitzentemperatur von 41,4 Grad der heißeste Tag in Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

→ In Baden-Württemberg hat Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) im Juli den Notstand des Waldes ausgerufen – weil immer mehr Bäume sterben.

→ CO2 ist das am häufigsten durch menschliche Tätigkeiten erzeugte Treibhausgas, auf das die durch den Menschen verursachte Klimaerwärmung zu 63 Prozent zurückgeführt wird.(Quelle: https://ec.europa.eu/clima/change/causes_de)

→ Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre ist heute um 40 Prozent höher als zu Beginn der Industrialisierung.(Quelle: https://ec.europa.eu/clima/change/causes_de)

→ 32 Länder sind für 80 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich: China liegt bei den CO2-Emissionen auf Platz Eins, gefolgt von den USA und Indien. Deutschland liegt auf Platz Sechs. (Quelle: Klimaschutz in Zahlen, www.bmu.de)

→ Die jährlichen Pro-Kopf-CO2-Emissionen sind in Deutschland mit 9,6 Tonnen ungefähr doppelt so hoch wie der internationale Durchschnitt von 4,8 Tonnen pro Kopf.(Quelle: Klimaschutz in Zahlen, www.bmu.de)

→ Costa Rica nutzt bereits zu 99 Prozent erneuerbare Energien.

→ Marokko ist das einzige Land, dessen Klimabemühungen kompatibel mit dem 1,5 Grad-Ziel sind.
(Climate Action Tracker, www.climateactiontracker.org)


INTERVIEW SILVIA SCHUMACHER

Foto: Sebastian Knoth; Illustrationen: © Netkoff, Sketchi / Shutterstock.com

Illustrationen: © Netkoff, Sketchi / Shutterstock.com