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Wir Trennungskinder


myself - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 13.02.2019

Wie die Partnerschaft der Eltern unsere eigene beeinflusst


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Bildquelle: myself, Ausgabe 3/2019

Zerrissene Bilder, getrennte Familien: Allein zwischen 1970 und 1980 stieg die Scheidungsquote in Deutschland um zehn Prozent.


Niemals, das wusste Anne, würde sie den Fehler ihrer Mutter wiederholen und in einer unglücklichen Beziehung ausharren. Sie erinnert sich an die Grabesstimmung in ihrem Elternhaus. Daran, dass nie gesprochen wurde bei Tisch, und wenn, nur Belangloses. Ihre Mutter zog aus, als Anne 18 war. Dass sie jemanden kennengelernt hatte, erfuhr Anne erst viel später. Sie lernte für ihre Abiturprüfungen, als Bekannte Möbel durchs Haus ...

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... trugen und Zeug zusammenrafften. „Eine tolle Mutter bist du“ war das Letzte, was ihr Vater seiner Frau hinterherrief, bevor die Tür ins Schloss fiel. Dann war es sehr lange sehr ruhig, und Anne begann von einer Familie zu träumen, die durcheinanderredet. Die diskutiert, lacht, streitet. Dass sich die heute 46-Jährige vor einem Jahr selbst von ihrem Mann getrennt hat, hängt auch mit diesem Bild einer glücklichen, lauten Familie zusammen, an dem sie festhält: Warum nur ist es so verdammt schwer, leicht miteinander zu sein?

Das fragen wir Trennungskinder uns heute, 30 oder 40 Jahre später, selber in Beziehungen, selber oft am Scheitern. Aufgewachsen in den Achtziger- und Neunzigerjahren, sind wir die Generation „Kramer gegen Kramer“. So hieß das Scheidungsdrama, das 1979 in den Kinos lief, in dem Meryl Streep und Dustin Hoffman um das Sorgerecht ihres Sohnes stritten. Der mit fünf Oscars ausgezeichnete Film lenkt den Blick darauf, was Trennung damals bedeutete, nämlich das Ende jeder Gemeinsamkeit: „Sag deiner Mutter, am Freitag kann ich nicht.“ – „Sag deinem Vater, er soll nicht mit seiner neuen Familie aufkreuzen.“ Damals lag die Scheidungsquote bei 28 Prozent, heute liegt sie bei 38 Prozent. In den Nullerjahren stieg sie sogar auf rund 50 Prozent. Ist es ein Erbe unserer Eltern, dass auch wir immer häufiger Beziehungen lösen? Aber was haben uns ihre Trennung und unsere Erfahrungen eigentlich gelehrt?

Dass wir es besser machen müssen, um jeden Preis. Das ist ein Vorsatz, der uns Trennungskinder eint, glaubt man den Beobachtungen von Mediatorinnen und Therapeutinnen. Unsere Kinder, das haben wir uns vorgenommen, sollen nicht in Loyalitätskonflikte stürzen. Sich nicht auf Türschwellen verabschieden müssen. Deshalb gehen wir zur Mediation, wenn es so weit ist, deshalb fokussieren wir uns auf die Kinder, bemühen uns um wertschätzende Kommunikation. Doch: Scheidung vererbt sich. Wissenschaftler nennen das „Transmission von Scheidung“. Eine Studie der Pennsylvania State University von 2016 fand heraus, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Trennung bei Paaren deutlich höher lag, bei denen ein Teil als Kind die Trennung der Eltern miterlebt hatte.

Wir wissen also, dass Zusammenbleiben nicht unsere Stärke ist. Aber dann wollen wir wenigstens die Trennung einigermaßen hinkriegen. Das sei auch gut so, findet Sabine Walper, Professorin für Psychologie und Pädagogik, Forschungsdirektorin am Deutschen Jugendinstitut in München. Die Beratung habe sich verbessert. Viele Institutionen feierten in diesen Tagen 20- oder 30-jähriges Jubiläum. Aber dass wir nun deshalb eine Generation unbelasteter, sorgloserer Trennungskinder heranziehen, davon sei leider nicht auszugehen. Zwar sei die Scheidungsquote mit 38 Prozent im Jahr 2017 auf den niedrigsten Stand seit 24 Jahren gesunken, aber die Zahl der Trennungen nehme zu, sagt Sabine Walper: „Ein Drittel aller Kinder wird von Eltern geboren, die nicht verheiratet sind. Und die trennen sich häufiger als verheiratete.“ So wie Imke, 39, die vor fünf Jahren mit ihrem Freund auseinanderging. Sie erinnert sich daran, wie ihre Tochter sagte, sie könne schneller aufzählen, wer in ihrer Klasse kein Trennungskind sei. Nur wenige Elternpaare seien noch zusammen, behauptete das Kind. Genau das bereitet Sabine Walper Sorgen: „Langfristig etablieren sie ein ungünstiges kulturelles Muster.“ Eines, das mangelndes Vertrauen in Beziehungen nach sich ziehe.


Die Zahlen beweisen: Scheidung vererbt sich


Wie sehr prägt die Trennung der Eltern unser Beziehungsverhalten? Sehr.


Glaubt hier noch jemand an funktionierende Beziehungen? Ja, wir haben diesen Knacks, und wir pflegen ihn. Irgendwann haben wir mal eine Therapie gemacht oder ein Verhaltensmuster entdeckt, für das wir fortan eine Schonhaltung einnehmen. Immerhin – wir sind uns dessen bewusst. Je öfter wir zu zweit scheitern, desto wertvoller und erstrebenswerter scheint uns das Zusammenbleiben, und über allem schwebt das Kindeswohl. Es überschreibt alte religiöse oder gesellschaftliche Werte und hält Patchworkfamilien mit den Ausmaßen eines Dreigenerationenhaushalts zusammen. „Meine Familie hat sich durch die Trennung vergrößert“, sagt Imke. Ihre Töchter haben Stiefgeschwister, eine Stiefmutter, Stiefgroßeltern. Wer sie auf welche Weise beeinflusst, kann Imke nur vermuten: Sie sieht ihre Kinder nur noch jede zweite Woche. Sie musste Kontrolle abgeben und hat doch das Gefühl, etwas dazugewonnen zu haben – andere Sichtweisen, Traditionen. „Wenn wir alle zusammen Kindergeburtstag feiern, ist es stressig, ja, aber es fühlt sich an, als hätte jemand im Ofen eingeheizt.“ Und deswegen fragt sich Imke manchmal, ob Familie nicht neu definiert werden müsste: Ist sie letztlich nichts anderes als gelebte Solidarbeziehungen? Und eine „Bezugsperson“ einfach ein Mensch, der bereit ist, Verantwortung zu übernehmen? Und, weitergesponnen: Werden wir uns eines Tages für Familien entscheiden, anstatt sie zu gründen und emotional zu überladen?

Auch wenn sich unser Verständnis von Familie verändert, bleibt unsere Sehnsucht nach ihr total konservativ, beobachtet Katrin Normann. Die Familientherapeutin arbeitet beim Familien-Notruf München, einer Beratungsstelle für Partnerschaftskrisen. Seit Jahrzehnten ist hier die Zahl der Hilfesuchenden konstant – etwa 60 Familien kommen jedes Jahr, um zu prüfen: Haben wir als Mutter-Vater-Kind noch eine Chance? Meistens ist es dann zu spät, sagt Katrin Normann. Für diese Eltern bietet die Einrichtung ein Programm an, das sich „Kinder im Blick“ nennt. Hier lernen Eltern getrennt voneinander, was sie für sich und ihr Kind tun, wie sie die Kommunikation mit dem Ex-Partner verbessern können. Die Kurse sind bis Jahresende ausgebucht. „Sich zu trennen ist nicht einfacher geworden“, sagt Katrin Normann. „Die emotionalen Prozesse bleiben dieselben.“ Wurde früher ums Sorgerecht gestritten, so gehe es heute um die Zeit mit den Kindern. Das neue paritätische Erziehungsverständnis ende nicht mit der Trennung, ein Glück. Oft steht Katrin Normann vor dem Flipchart und zeichnet komplexe Pläne, wer wann die Kinder hat. „Damit sich bei den Eltern ein Gefühl von Gerechtigkeit einstellt. Da wird um einzelne Übernachtungen gefeilscht“, sagt sie. Sie nennt es auch „Kampf“. Kramer gegen Kramer – also immer noch.

Imke hatte immer gedacht, das Kämpfen sei typisches Achtzigerjahre-Trennungsverhalten. Aber seit in ihrem Bekanntenkreis die Paare reihenweise auseinandergehen, ahnt sie, dass es immer noch so abläuft. Dass Streit meistens dazugehört. Sie hingegen feiert mit ihrem Ex-Partner, seiner neuen Frau, Kindern, Verwandten und Stiefverwandten zusammen Weihnachten, während ihre Eltern 36 Jahre nach ihrer Trennung nichts mehr miteinander zu tun haben und selbst einen gemeinsamen Spaziergang mit ihrer Tochter ablehnen.

Der Anspruch von uns Trennungserprobten ist heute ein anderer: Unsere Kinder sollen nicht nur möglichst unbeschadet die Krise ihrer Eltern überstehen, sondern eines Tages etwas dazugewonnen haben. Was das sein kann, danach fragt die Familientherapeutin Katrin Normann alle Frauen und Männer, die zu ihr kommen. Raus aus den familienbedingten Gesetzmäßigkeiten. Anne will offen zu ihren Kindern sein und die Sprachlosigkeit vermeiden, der sie selbst ausgesetzt war. Imke will, dass ihre Töchter wissen, wie großartig ihr Vater ist, denn glücklicherweise empfindet sie das immer noch genauso.

Wir wollen für das sorgen, was wir selbst vermisst haben, uns und unsere Kinder davor schützen, was uns Kummer bereitet hat. Das gelingt, wenn wir gemeinsam getrennt erziehen, dafür braucht es zwei Eltern. Anne und ihr Mann haben sich für „Kinder im Blick“ angemeldet, um zu lernen, wie sie ihre Kinder, acht und zehn Jahre alt, bestmöglich in der neuen Situation mit zwei Haushalten begleiten können. Dass sie sich Hilfe suchen, war für das Paar so selbstverständlich wie Annes Feststellung, dass ihre Mutter sich niemals hätte beraten lassen. Sie versucht, sich vorzustellen, wie ihre Eltern, die zu Hause schwiegen, einem Therapeuten gegenübersitzen. Ein unwirkliches Bild. Und dieses Gespräch ist genau das, was uns von unseren Eltern unterscheidet: dass wir uns zusammenreißen und austauschen. Reden schützt uns nicht vorm Knacks. Aber es hilft uns und unseren Kindern, mit dem Knacks umzugehen.


FOTOS: GETTY IMAGES (3), ANOUK NITSCHE/FREDA + WOOLF

FOTO: GETTY IMAGES; STILL-LIFES: ANGELIKA RÖDER/STUDIO CONDÉ NAST