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Wir weinen um unsere Heimat


B.Z. am Sonntag - epaper ⋅ Ausgabe 434/2021 vom 22.08.2021

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Zohre Esmaeli (35), Model und Unternehmerin, ist mit 13 Jahren nach Deutschland geflohen: ?Ich weine jede Nacht.?
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Shafiqa Hashemi (41) lebt seit sechs Jahren mit ihren drei Kindern in Berlin: ?Meine Freundin versteckt sich vor den Taliban.?

„Uns blutet das Herz“

Worüber die Menschen in Berlin nachdenken

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Kinder spielen am Stacheldrahtzaun mit Soldaten
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Tausende Afghanen versuchen über den Flughafen in Kabul ihre Heimat zu verlassen, um nicht unter den Taliban leben zu müssen

„Meine Freundin versteckt sich vor den Taliban“

Shafiqa Hashemi (41) lebt seit sechs Jahren mit ihren drei Kindern (21,19,14) in Berlin. Sie engagiert sich bei verschiedenen Projekten für Frauen, unter anderem bei der Initiative „Berliner Frauen Isaar e Noor“ in Lichtenberg.

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„Viele unserer Freunde schicken uns Nachrichten per Facebook oder Telefon. Die Taliban verprügeln Menschen und vor allem Frauen auf der Straße. Alle haben Angst vor den Terroristen. Eine Freundin hat für die Polizei gearbeitet und jetzt sind die Taliban auf der Suche nach ihr, Helfer von Soldaten werden getötet, Frauen und Mädchen dürfen nicht mehr alleine in die Öffentlichkeit. Der Westen hat den Taliban das Land geschenkt und jetzt müssen vor allem Frauen darunter leiden.”

Menschen klammern sich an Flugzeuge, drängen sich an die Mauern des Flughafens. Eltern drücken ihre Kinder verzweifelt fremden Soldaten in die Arme.

Seit einer Woche hält die Lage in Afghanistan die Welt in Atem. Fast kampflos sind die Taliban nach 20 Jahren zurück an der Macht. Es ist ein Desaster. Für den Westen, der ein Chaos hinterlässt und die Lage völlig falsch eingeschätzt hat. Doch vor allem für Frauen und Mädchen, für Künstler, Politiker und Journalisten, die schutz- und rechtlos zurückbleiben.

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Schneller als Experten und Geheimdienste erwartet haben, sind die Taliban zurück an der Macht gekommen

Die Taliban wollen das Land zurück in dunkelste Zeiten führen. In eine Welt, in der Frauen keine Rechte haben. Andersdenkende eingesperrt und getötet werden.

Auch wenn die Amerikaner und ihre Alliierten jetzt in Windeseile per Luftbrücke doch noch mehrere Tausend Helfer ihrer Armeen evakuieren, auch wenn wir Deutschen panisch Flugzeuge und Hubschrauber nach Afghanistan verlegen, werden die Bilder der letzten Tage in Erinnerung bleiben.

In Berlin leben 15 000 Afghanen. Seit Jahrzehnten verlassen sie ihr Land.

Sie hatten immer wenig Hoffnung, jetzt erlischt selbst der letzte Funken, dass ihr Land irgendwann Frieden und Freiheit erleben wird.

„Mein Bruder versteckt sich im Auto vor den Taliban“

Ahmad M. (31) lebt seit 2014 in Berlin. Er hat es aus dem Flüchtlingslager in die eigene Wohnung geschafft und eine Ausbildung zum KfZ-Mechatroniker abgeschlossen. Von diesem Leben träumt sein Bruder Mahoud (29) auch. Er steckt in Afghanistan fest. Als ehemalige Ortskraft ist er ins Visier der Taliban gerückt und lebt jeden Tag in Angst. Seit acht Jahren hat er ihn nicht mehr gesehen. Bis zu zehnmal täglich telefonieren sie.

Im größten Feldlager der Bundeswehr, im Camp Marmal, hatten die Brüder eine Stickerei. Ahmad kam 2014 nach Deutschland, sein Bruder Mahoud blieb.

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„Immer wieder wurde gesagt, dass er mitgenommen wird, wenn die Truppen abziehen. Eines Tages ist er aufgestanden und die Soldaten waren weg“, erzählt Ahmad M. Sein Bruder stellte daraufhin einen Asylantrag, doch die Taliban waren schneller als die Bürokratie. Mahoud musste sich seit der Machtübernahme der Taliban verstecken. Aus Angst wechselt er immer wieder seinen Aufenthaltsort. Wie andere berichtet auch er davon, dass die Taliban-Kämpfer mit Listen von Haus zu Haus gingen, um Menschen wie ihn ausfindig zu machen. Vor wenigen Tagen gelingt ihm die Flucht nach Kabul. Mit seiner Frau und drei Kindern schläft er seit Tagen im Auto.

Sara Orlos Fernandes

„Die Menschen fühlen sich im Stich gelassen“

Zohre Esmaeli (35) ist vor 22 Jahren mit ihrer Familie aus Afghanistan nach Deutschland geflohen. Sie ist Unternehmerin und Model, lebt in Berlin und hat das Integrationsprojekt „Culture Coaches“ gegründet.

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„Wenn ich die aktuellen Nachrichten sehe, blutet mir das Herz. Ich weine fast jede Nacht und gleichzeitig wünsche ich mir, ich hätte eine Armee junger bewaffneter Frauen, die die Taliban aus dem Land vertreiben. Mit dem Verein „Afghanistan – Hilfe, die ankommt“ unterstützen wir Familien vor Ort. Aber unsere Koordinatorin musste untertauchen. Wie viele andere Afghanen hat sie Angst vor der Rache der Taliban. Niemand glaubt deren Versprechen, dass es keine Vergeltung geben soll. Alle Afghanen sind von den Taliban bedroht. Vor allem Frauen und Mädchen. Jeden Tag erreichen uns Hilferufe oder Videos, in denen die Taliban Bewohner schlagen und misshandeln. Die Menschen fühlen sich im Stich gelassen. Meine Hoffnung ist, dass die Bevölkerung, die Kraft findet, sich zu wehren. Viele haben in den letzten 20 Jahren die Freiheit kennengelernt. Ihnen müssen wir helfen.”

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