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Wir Zahmen


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 42/2018 vom 12.10.2018

Deutschland Zum Jubiläum der Revolution von 1918: eine kleine Geschichte der dreieinhalb deutschen Revolutionen. Was ist das Muster? Was sagt es über uns aus? Und könnte es sein, dass es eines Tages neue Umwälzungen gibt, diesmal von rechts?Von Dirk Kurbjuweit


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 42/2018

Demonstrierende Matrosen in Kiel 1918 »Reicht euch die Hände«


Wer freut sich eigentlich des 9. November?«, fragte Gustav Stresemann zum ersten Jahrestag der Revolution von 1918. Alle seien enttäuscht, die Liberalen, das Zentrum, sogar die Sozialdemokratie, die »im Zeichen des Katzenjammers« stehe. Die Gefühle seiner Parteigenossen von der ...

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... nationalliberalen DVP müsse er gar nicht erst beschreiben. »Überall Niederbruch, fast nirgends ein Anfang von Neuem.«

Später freundete sich Stresemann doch noch halbwegs mit den Ergebnissen jener Revolution an, wurde Reichskanzler und Außenminister der Weimarer Republik; seine versöhnliche Politik gegenüber Frankreich trug ihm 1926 den Friedens- nobelpreis ein. Damals sah es fast so aus, als könnte sich die Demokratie in Deutschland etablieren. Aber es folgte der Zivilisationsbruch von 1933, Hitlers »Macht- ergreifung«.

Wer erinnert sich eigentlich des 9. November 1918, könnte man heute fragen, 99 Jahre nach Stresemann, kurz vor dem 100. Jahrestag jener Revolution. Sie ist beinahe vergessen, das Jubiläum wird längst nicht so gefeiert wie ein Lutherjahr oder ein Wagnerjahr. Es gibt keinen Revolu- tionsmythos, keinen Revolutionshelden. Dabei war sie zunächst erfolgreich, hat die Monarchie weggefegt, eine Demo- kratie gegründet. Aber 1918 gilt heute vor allem als die Revolution, die es nicht geschafft hat, die Nazis zu verhindern. Oder sie gar hervorgebracht hat. So wird man kein Star der Geschichte.

Dabei hat sie den Deutschen eine Menge zu erzählen. Wie sie so sind. Und was das für Gesellschaft und Politik bedeutet. Das gilt vor allem, wenn man 1918 mit den anderen deutschen Revolutionen verknüpft, denen von 1848 und 1989 und der halben von 1968. Weil es überraschende Parallelen gibt. Weil Muster erkennbar werden. Noch klarer macht dies ein Vergleich mit anderen Revolutionen, vor allem der amerikanischen von 1775, die so erfolgreich war. Zusammen mit einem Blick auf eine deutsche Spezialität, die Revolutionen von oben, ergibt das schon ein sehr deutliches Bild, ein Porträt der Deutschen im Spiegel ihrer Revolutionen.

Es geht dabei um die Frage der Entschlossenheit, um das Verhältnis zur Frei-heit, zur Nation, zur Stabilität, zur Obrigkeit. Und es geht um die Frage: War es das, oder kommt noch eine Revolution?

SPD-Chef Ebert um 1918


Revolutionärin Luxemburg 1914 »Pflaumenweiche Elemente«


Zuletzt hat der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland eine »friedliche Revolution « gefordert, ein neues »politisches System im Sinne des Parteiensystems«. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) hat das sofort zurückgewiesen: »Wir brauchen keine Revolution, sondern einen starken und toleranten Rechtsstaat.« Es gibt also im Jubiläumsjahr der Revolution sogar eine Revolutionsdebatte. Und manche würden sagen, ganz rechts sogar so etwas wie eine Revolutionsstimmung. Auch darum soll es hier gehen.

Was immer wieder vorkommen wird, ist der 9. November, mal ein heller und mal ein dunkler Tag, der große Tag der deutschen Geschichte, der in beinahe allen Revolutionen eine Rolle spielt.

Ohne das berühmte Bonmot von Lenin geht es natürlich nicht. Er soll gesagt haben: »Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas, wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte.«

Die Revolution von 1918

Am Abend des 29. Oktober gibt die Admiralität der deutschen Flotte, die vor Wilhelmshaven auf Reede liegt, den »Seeklar-Befehl«, angeblich für ein Manöver. Drei Geschwader mit 60000 Mann sollen sich zum Auslaufen bereit machen.

Die Soldaten glauben das nicht. Sie glauben, nicht zu Unrecht, dass sie sich in einer letzten Schlacht aufopfern sollen. Dabei ist der Krieg längst verloren. Das wissen auch die Seeleute. Eine Meuterei bricht aus, die schnell nach Kiel schwappt. Werftund Fabrikarbeiter schließen sich den Soldaten an. Sie wollen jetzt mehr als das eigene Leben retten, sie wollen eine andere Gesellschaft und wählen Arbeiter- und Soldatenräte. Rote Fahnen wehen bald in vielen deutschen Städten.

Im Ersten Weltkrieg hat sich das Kaiserreich ruiniert. Zwei Millionen Soldaten waren in vergeblichen Schlachten gefallen.

Die Kriegswirtschaft machte die Menschen in der Heimat arm, Hunger, Elend. Kaiser Wilhelm II. hatte seine Autorität verloren, die Oberste Heeresleitung unter Erich Ludendorff und Paul von Hindenburg hatte eine Militärdiktatur etabliert. Deutschland war reif für die Revolution.

Zunächst soll sie von oben kommen. In einem perfiden Manöver übergibt die Heeresleitung dem Parlament Ende September 1918 die Macht, damit es die Kapitulation erklären und die Folgen der Niederlage verantworten müsse. Aber für solche Spielchen ist es zu spät.

»Der 9. November 1918 ist ein Samstag, ein normaler Arbeitstag in den Berliner Betrieben. Es ist ein typischer Novembertag: 9 Grad, trüb, in der Frühe regnet es. Wie an jedem anderen Tag machen sich die Arbeiter auf den Weg in die Fabriken.« So beginnt das Buch »Die Revolution von 1918/19« von Wolfgang Niess.

Am Abend zuvor hat der Vollzugsausschuss des Arbeiter- und Soldatenrats Berlin zum Generalstreik und zu Demonstrationen aufgerufen. »Heraus aus den Betrieben. Heraus aus den Kasernen! Reicht euch die Hände. Es lebe die sozialistische Republik.«

Der »Vorwärts«, das Parteiblatt der SPD, warnt dagegen vor »Unbesonnenheiten «. Die Arbeiter sollten erst einmal abwarten.

Schon ist die erste Bahnsteigkarte gelöst. Besonnen sein, abwarten. Entschlossenheit klingt anders. Die Sozialdemokraten stecken, wie eigentlich immer, in einem Dilemma. Sie haben den größten Rückhalt in der Arbeiterschaft, könnten also Antreiber der Revolution sein. Aber dafür sind sie zu zögerlich, zu vernünftig. In den vergangenen Jahren haben sie sich zu »Vernunftmonarchisten « entwickelt.

Sie hatten sogar die Kredite für den Krieg des Kaisers bewilligt. Daraufhin spaltete sich eine pazifistische Minderheit ab und gründete die USPD, die unabhängige SPD. Diese Partei steht nun, zu Beginn der Revolution, aufseiten der Radikalen. Die gespaltene Linke, auch das ist ein Thema bis heute.

Die Berliner Arbeiter folgen den Aufrufen in Massen, arbeiten nicht, sondern ziehen in die Berliner Innenstadt. Die SPD merkt, dass sie am Ende des Tages isoliert sein könnte, und stellt sich auf die Revolution ein.

Gegen Mittag wird die Abdankung des Kaisers verkündet. Im Reichstag berät die Führung der SPD, was zu tun sei. Parteivorsitzende sind Friedrich Ebert, gelernter Sattler, und Philipp Scheidemann, gelernter Schriftsetzer und Buchdrucker. Gedrängt von Arbeitern und Soldaten, die an der Sitzung teilnehmen, tritt Scheidemann auf die Balustrade eines Fensters und ruft die Republik aus. Ebert ist sauer: »Du hast kein Recht, die Republik auszurufen. « Jetzt ist sie allerdings da, und man muss etwas aus ihr machen.

Ebert schreibt einen Aufruf an das Volk: »Verlasst die Straßen. Sorgt für Ruhe und Ordnung!« Es folgt ein Aufruf an die Beamten: »Ich appelliere an Ihre Liebe zu unserem Volke. Ein Versagen der Organisation in dieser schweren Stunde würde Deutschland der Anarchie und dem schrecklichsten Elend ausliefern.« Der dritte Aufruf geht ans Militär, die Soldaten sollten »ihre Dienstgeschäfte unverändert weiterführen«. Es ist Revolution, aber es soll auch fast alles so bleiben, wie es ist.

Immerhin bildet die SPD am 10. November mit der USPD eine Regierung, den »Rat der Volksbeauftragten«. Vorsitzender ist Ebert. Die kontrollierende Macht liegt bei den Arbeiter- und Soldatenräten.

Am Abend dieses Tages telefoniert Ebert mit Generalleutnant Wilhelm Groener, einem der Köpfe der Obersten Heeres- lei tung. Groener hat später behauptet, die beiden Männer hätten ein »Bündnis« beschlossen. Das Offizierskorps verhalte sich loyal, wenn Ebert den Bolschewismus bekämpfe, also das Rätewesen. Ebert hat das nicht bestätigt, und wahrscheinlich hat Groener übertrieben. Aber tatsächlich fährt Ebert nun eine Doppelstrategie. Einerseits kooperiert er mit den Räten, andererseits mit dem Militär, von dem er sich das verspricht, was ihm als gutem Deutschen so sehr am Herzen liegt: Stabilität. »Ich hasse sie wie die Sünde«, soll Ebert über die Revolution gesagt haben.

Er will in Wahrheit keine Räterepublik, sondern eilig eine Nationalversammlung wählen lassen, die den Weg für eine par- lamentarische Demokratie ebnen soll. Am 13. Dezember sagt er: »Das Herum- und Hineinregieren der Arbeiter- und Sol- datenräte im Lande muss aufhören.« Am 29. Dezember verlässt die USPD den Rat der Volksbeauftragten. Die SPD regiert allein weiter.

Sie ist getrieben von einer Angst, der Angst vor russischen Verhältnissen. Im Jahr zuvor hatte die Oktoberrevolution ein Rätesystem etabliert, seitdem herrschen Anarchie und Bürgerkrieg. Ebert sagt: »Wer die Dinge in Russland erlebt hat, der kann im Interesse des Proletariats nicht wünschen, dass eine solche Entwicklung bei uns eintritt.«

Im Januar 1919 scheint auch Deutschland in den Bürgerkrieg zu kippen. Die Regierung will den Berliner Polizeipräsidenten entlassen, Emil Eichhorn von der USPD. Seine Partei und der noch radikalere Spartakusbund um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg rufen zur Demonstration auf dem Alexanderplatz auf. Hunderttausende kommen, der Beginn des sogenannten Spartakusaufstands. »Alle Macht den Räten«, fordert Liebknecht.

Linke kämpfen gegen Linke, die SPD stützt sich dabei auf rechtsradikale Freikorps ehemaliger Frontsoldaten. Hunderte sterben. Am 15. Januar ermorden Freikorpssoldaten Liebknecht und Luxemburg. »Angewidert«, notiert Thomas Mann in seinem Tagebuch.

Der Mann fürs Grobe bei der SPD ist Gustav Noske, der von sich gesagt hat: »Einer muss der Bluthund werden.« Den gibt er dann auch in Bayern. Dort hat sich im April 1919 eine Räterepublik gegründet. Noske lässt sie mithilfe von Freikorps und Reichswehr brutal niederschlagen.

Nach vielen Streiks und blutigen Kämpfen setzt sich die SPD durch. Bei der Wahl zur verfassunggebenden Nationalversammlung am 19. Januar 1919 wird sie die mit Abstand stärkste Partei, 37,9 Prozent. Weil die linke Arbeiterschaft immer noch in Berlin rumort, versammeln sich die Abgeordneten im Deutschen Nationaltheater in Weimar. Sie wählen Ebert zum Reichspräsidenten, Scheidemann zum Reichskanzler.

Die neue Verfassung sichert allen Deutschen Grundrechte wie die Meinungsfreiheit, aber von Rätedemokratie ist keine Rede mehr. Stattdessen wird ein Ersatzkaiser geschaffen, ein machtvoller Reichspräsident, dessen Regierungen zur Not ohne das Parlament herrschen können. Die Reichsflagge wird schwarz-rot-gold.

Aber die Handelsmarine fährt unter einer Flagge, die an das Kaiserreich erinnert. »Der Obrigkeitsstaat wurde durch die Verfassung nicht überwunden«, urteilt der Historiker Heinrich August Winkler in »Der lange Weg nach Westen«, seinem Standardwerk zur deutschen Geschichte.

Das Problem dieser Revolution war nicht nur mangelnde Entschlossenheit. Von der Politologin Hannah Arendt stammt der treffende Gedanke, dass die SPD schon aus Eigennutz nicht an einer Räterepublik interessiert sein konnte. »Die Räte bildeten von Anfang an eine tödliche Gefahr für das Parteiensystem überhaupt«, schrieb sie in ihrem Buch »Über die Revolution «. Die SPD war damals bereits Teil dieses Systems.

Man weiß nicht, was aus einer deutschen Räterepublik geworden wäre. Es gibt auch die Lesart, dass die SPD mit ihrer Politik einen großen Bürgerkrieg verhindert habe, in den sich eventuell Russland zugunsten der Räte eingemischt hätte.

Man weiß aber, was aus der Weimarer Republik geworden ist: die Voraussetzung für Hitler, den Mann mit dem größten Stabilitätsversprechen. Die Republik war nicht stabil, sondern wurde zwischen den Extremisten von links und rechts zerrieben. Die demokratische Mitte war zu schwach. Es gab zu wenig Rückhalt.

Das hatte auch damit zu tun, dass die Siegermächte die junge deutsche Demokratie nicht förderten, sondern sie mit extrem harten Friedensbedingungen belas- teten, Reparationen, Gebietsverlusten. Die Frage der Freiheit wurde fortan von einer nationalen Frage überlagert. Wie kann man diese Demütigung überwinden? So ging Ludendorffs Plan doch noch auf. Aber auch die Republik selbst hat Hitler den Weg geebnet.

Barrikadenkämpfe am Berliner Alexanderplatz 1848 (zeitgenössische Lithografie): »Lasst endlich das Geleier sein«


Rosa Luxemburg sah »pflaumenweiche Elemente« am Werk, und damit sollte sie recht behalten. Als im März 1920 Freikorps und Teile der Reichswehr gegen die Republik putschten, erwies sie sich zwar als überlebensfähig und wurde durch einen Generalstreik gerettet. Man versäumte es jedoch, die Putschisten hart zu bestrafen und sich so Respekt zu verschaffen.

Die sogenannte Überkontinuität nach der Revolution sorgte dafür, dass die alten Eliten weitgehend intakt blieben, die ostelbischen Großgrundbesitzer, das Offizierskorps, die kaisertreuen Beamten, die Wirtschaftsbarone. Sie lösten sich emotional vom Kaiser, der im niederländischen Exil Holz hackte, aber als Reichspräsident Ebert 1925 an den Folgen einer Blinddarmentzündung starb, gab ihnen die Verfassung die Chance auf einen Ersatzkaiser in ihrem Sinne. Die Deutschen wählten Hindenburg, der dann gemeinsam mit den Kumpels aus den alten Eliten Hitler an die Macht rief.

So ähnlich hatte sich das schon einmal abgespielt, 70 Jahre zuvor.

Die Revolution von 1848/49

Der Schriftsteller Georg Herwegh kannte seine Deutschen gut, als er 1841 das Gedicht »An die Zahmen« schrieb: »Lasst endlich das Geleier sein / Und rührt die Trommel nur! / Der Deutsche muss erst freier sein, / Dann sei er Troubadour.« Trotz Verbots wurde seine Gedichtsammlung »Gedichte eines Lebendigen«, die zur Revolution aufrief, ein Bestseller.

Seit 1815 hatte sich Unmut zusammengebraut, seit dem Wiener Kongress, auf dem Europa nach der Niederlage Napo- leons neu geordnet wurde. Das war eine Sache der Fürsten, aber als kleines Zuckerl versprachen sie ihren Völkern, dass die Staaten Verfassungen bekommen würden, eine Maßnahme gegen die totale Willkür. Die Preußen hielten sich nicht dran.

Aber auch anderswo waren die Zustände schwer erträglich. Der österreichische Kanzler Fürst von Metternich, damals der dominierende Politiker des Deutschen Bundes, förderte überall ein System von Spitzelei, Zensur und Repression.

Der Freiheitstraum ließ sich jedoch nicht aus den Köpfen der Bürger ver- treiben. Dazu kam die Sehnsucht nach Einheit. Die deutschen Bürger wollten in einem großen deutschen Staat leben, nicht in den 39 kleinen und mittelgroßen des Deutschen Bundes. Herwegh dichtete glühend: »Ein Reich wieein Sonnenschein! /Ein Herz,ein Volk undein Wappen! / Helf uns Gott – so soll es klappen!«

Auch wirtschaftlich ging es den Deutschen nicht gut. Karge Kartoffelernten, neue Maschinen, die den Handwerkern zusetzten. Die Weber in Schlesien machten 1844 einen Aufstand. Er blieb lokal und wurde bald niedergeschlagen.

Für eine Revolution brauchten die Deutschen den Anstoß von außen, von den Franzosen. Die jagten im Februar ihren Bürgerkönig Louis Philippe I. davon und gründeten eine neue Republik. Nun nahmen auch die Nachbarn ihren Mut zusammen und forderten ihre Fürsten heraus, in Preußen, in Baden, in Österreich, fast überall in den deutschen Staaten.

Barrikaden in Berlin, Kämpfe am 18. und 19. März, mehr als 200 Tote. Und, ein Wunder, der preußische König Friedrich Wilhelm IV. gibt klein bei. Er schickt seine Soldaten aus der Stadt und verneigt sich mit bloßem Haupt vor den Toten, die im Schlosshof aufgebahrt sind.

Sieg, die Freiheit liegt auf der Straße, man kann sie sich nehmen. Was machen die Deutschen? Lösen eine Bahnsteigkarte. Die Besonnenen im Vorparlament wählen die als unbesonnen geltenden Badener Friedrich Hecker und Gustav Struve nicht in den wichtigen Fünfzigerausschuss.

Hecker zieht die Stulpenstiefel an, setzt seinen Federhut auf und versucht es auf eigene Faust. Im April 1848 soll er in Konstanz die Republik Baden ausgerufen haben. Dann zieht er mit einer winzigen Schar in Richtung Karlsruhe, um den Großherzog zu stürzen. Das wirkt entschlossen, doch dann zögert er, die Deutsche Demokratische Legion über den Rhein zu rufen.

Staatsmann Bismarck 1894 »Nur die Könige«


Der Dichter Herwegh hat inzwischen im Pariser Exil deutsche Handwerker, die in Frankreich arbeiten, zu einer kleinen Armee vereint und ausbilden lassen. Er will sie zu Hecker führen, aber der macht sich inzwischen ebenfalls Bahnsteigkartengedanken.

Würde er die Legion aus dem Ausland herbeirufen, könnte das als Landesverrat gelten, weil dort auch Franzosen mitmachen. So weit will er zunächst nicht gehen.

Als sich Hecker dann doch noch ermannt, Herweghs 650 Legionäre zur Revolution einzuladen, ist es zu spät. Bevor sich beide Trupps vereinen können, wird Heckers kleine Schar in der Schlacht bei Kandern aufgerieben. Herweghs Legion geht wenig später in der Schlacht von Dossenbach unter. Hecker flieht nach Amerika und wird eine Weile als Freiheitsheld gefeiert. Aber selbst er war ein Zauderer.

Die Folgen seines Fehlschlags wertet Historiker Winkler als fatal: »Die Idee der deutschen Republik hatte nachhaltigen Schaden genommen; im Bürgertum wuchs die Neigung, alles Heil von einer Verständigung mit den alten Gewalten zu erhoffen und einen scharfen Trennungsstrich zu Vertretern radikaler Positionen zu ziehen.« Großes Gemäßigtsein also auch hier.

Das zeigt sich schnell in der Paulskirche, wo das neu gewählte Parlament an einer Verfassung für ein vereintes Deutschland arbeitet. Die Linke tut erst einmal das, was die Linke fortan immer wieder tun wird, sie spaltet sich. Es gibt bald die Fraktionen »Donnersberg« und »Deutscher Hof«, man benennt sie nach den Wirtshäusern, in denen sich die Abgeordneten treffen.

Auch von »Linken im Frack« ist schon die Rede. Der spätere »Autokanzler« Gerhard Schröder von der SPD kann sich also auf eine Tradition berufen.

Das Parlament tagt und tagt, und die Revolution verliert ihren Schwung. In Wien setzt sich die Konterrevolution durch. Am 9. November 1848 wird dort Robert Blum, Kölner von Geburt, dann Theatermensch in Leipzig und einer der Anführer der ersten Stunde, hingerichtet. So beginnt die Geschichte der dunklen Seite dieses Datums.

Es habe sich gezeigt, schreibt der Historiker Wolfgang Mommsen in seinem Buch »Die ungewollte Revolution«, dass »nicht nur die Liberalen, sondern auch ein großer Teil der Linken eine gewaltsame Wende der Dinge überhaupt nicht ernsthaft ins Auge gefasst hatten«. Den Ab- geordneten war bewusst, dass die Französische Revolution von 1789 in Jahre des Terrors und einen langen Bürgerkrieg gemündet war. Das wollten sie unbedingt vermeiden.

Zudem habe im Bürgertum eine übertriebene Angst vor dem Proletarier gewa- bert, schreibt Mommsen. Zwar war das »Manifest der Kommunistischen Partei« von Friedrich Engels und Karl Marx im Februar 1848 erschienen, aber es hatte unter den Proletariern noch keine Wirkung entfaltet. Marx machte bei der Revolution nicht mit.

Reichskanzler Hitler vor Hitlerjungen in Nürnberg 1938: »Ich aber beschloss nun, Politiker zu werden«


Die Abgeordneten rieben sich überdies auf in der nationalen Frage, der Frage der Einheit. Konnte, sollte Österreich dazu- gehören? Schließlich wurde es eine kleindeutsche Lösung, ohne Österreich. Und die Revolutionäre taten das, was ihre Nach- folger von 1918 auch tun sollten: Sie suchten wieder Halt bei den alten Kräften, bei der Obrigkeit. Am 28. März 1849 wählte das Parlament den preußischen König ohne Gegenstimmen zum deutschen Kaiser, der durch eine Verfassung gebunden und durch ein Parlament kontrolliert sein sollte.

Doch Friedrich Wilhelm IV. nahm die Krone nicht an, da an ihr der »Luder- geruch der Revolution« hafte. Das Parlament war blamiert, die Revolution gescheitert. Sie flammte noch einmal kurz auf, wurde aber rasch niedergeschlagen. Die Deutschen hatten ihre Stabilität zurück, gesichert von der Knute der Fürsten.

Winkler schreibt: »Dass die Liberalen und Demokraten Einheit und Freiheit nicht aus eigener Kraft verwirklichen konnten, hatte verhängnisvolle Folgen für das deutsche politische Bewusstsein: Es blieb obrigkeitlich verformt.«

Und weiter: »Die Verschleppung der Freiheitsfrage im 19. Jahrhundert bildet eines der wichtigsten Kapitel in der Vorgeschichte der ›deutschen Katastrophe‹ der Jahre 1933 bis 1945.« Was vermasselte Revolutionen so anrichten können.

1871 und 1933: die Revolutionen von oben

»Revolutionen machen in Deutschland nur die Könige«, prahlte der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck einmal gegenüber dem französischen Kaiser Napoleon III. Ein wenig stimmte das sogar, wenn man sich nicht an die Definition von Hannah Arendt hält. Für sie sorgt eine Revolution für die »Gründung der Freiheit«. Aber das kann man auch anders sehen. Dann geht es bei einer Revolution darum, in kurzer Zeit sehr viel zu verändern.

Das hat Bismarck von 1864 bis 1871 geschafft. Er nahm einen Teil des Traums von 1848 auf und machte in Kriegen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich die deutsche Einheit klar, ohne Österreich. Den Freiheitswunsch berücksichtigte er ein bisschen, indem er im Deutschen Reich das allgemeine und gleiche Wahlrecht zuließ. In Preußen galt weiterhin das Dreiklassenwahlrecht. Für den Schweizer Historiker Jacob Burckhardt war dies »die große deutsche Revolution«, und er hatte keine Zweifel daran, dass sie eine Antwort auf 1848 war.

Genauso war 1933 eine Antwort auf 1918. Hitler war so besessen vom 9. November, dass er den Beginn seiner politischen Karriere im Nachhinein in diese Zeit legte. In seinem Buch »Mein Kampf« heißt es großspurig: »Ich aber beschloss nun, Politiker zu werden.« Seinen Münchner Putschversuch von 1923, zusammen mit Ludendorff, legte er auf genau jenen Tag. Er scheiterte, kam jedoch, pflaumenweich, mit ein paar Monaten Festungshaft davon.

Die alten Eliten hievten ihn an die Macht, um das Erbe von 1918 loszuwerden, und da hätten sie niemand anderen finden können, der das fanatischer betrieb. Seine Revolution von oben machte aus dem Deutschen Reich einen exzessiven Obrigkeitsstaat, der zudem emotionsgetrieben war. Für Europa wurde diese Mischung zur Katastrophe, in besonderer Weise für die Juden. Es ist wohl kein Zufall, dass die Reichspogromnacht 1938 auf einen 9. November fiel. Die Nazis hielten 1918 für eine »Lumpen- und Judenrevolte«.

Revolutionsgeneral Washington bei der Fahrt über den Delaware 1776*: »An Traditionen überhaupt nicht gebunden«


Beide, Bismarck und Hitler, so verschieden sie waren, hatten leichtes Spiel, die Deutschen für ihre Revolutionen zu gewinnen, anders als die klassischen Revolutionäre von 1848 und 1918. Wenn die Deutschen einem starken Mann, der sein Stabilitätsversprechen mit einer nationalen Agenda verband, folgen konnten, dann taten sie das entschlossen. Dann waren sie nicht zahm oder zaghaft, sondern zu allem bereit. Das ist die Lehre aus vier Revolu- tionen in 85 Jahren, zwei echten und zwei von oben. Zum Fürchten eigentlich.

Allerdings waren auch Bismarcks und Hitlers Stabilitätsversprechen nicht nachhaltig. Bismarcks deutsche Einheit mündete nach 43 Jahren in den Ersten Weltkrieg, Hitlers Reich währte lediglich zwölf Jahre.

So ist es oft nach Revolutionen. Sie schaffen nur selten nachhaltig stabile Verhältnisse. Frankreich brauchte nach der viel gerühmten und überaus radikalen Revolution von 1789 mehr als 80 Jahre und drei weitere Revolutionen, um eine dauerhafte Demokratie zu etablieren. Die Russische Revolution mündete in die Sowjetunion, die lange für die Ewigkeit gemacht schien, aber dann doch gut 70 Jahre später unterging. Anders ist es in den USA, wo eine besonders nachhaltige Revolution gelang.

Der Vergleich: Amerika 1775

George Washington singt. Thomas Jefferson singt. Alexander Hamilton singt. James Madison singt. Das sind vier Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika, vier Revolutionäre. Ihr Aufzug erinnert durchaus an das Ende des 18. Jahrhunderts, wirkt aber etwas schrill. Hören wir kurz rein, was Hamilton dem Kollegen Jefferson rappend zu sagen hat:

»If we assume the debts, the union gets / A new line of credit, a financial diurectic. / How do you not get it? If we’re aggressive and competitive / The union gets a boost. You’d rather give it a seda- tive? / A civic lesson from a slaver. Hey neighbor, / Your debts are paid cuz you don’t pay for labor.«

Dies ist eine Kabinettsdebatte. Die Herren streiten über die große Frage, was für ein Staat die USA nach der Revolution sein soll. Finanzminister Hamilton plädiert dafür, dass sich die Bundesregierung für ihre Politik verschulden dürfe. Er willBig Government , den starken Zentralstaat. Außenminister Jefferson möchte die Macht lieber bei den Einzelstaaten lassen. Der New Yorker Hamilton verhöhnt ihn, weil Jefferson aus Virginia kommt und eine Menge Sklaven hält. Auch das ist ein großes offenes Thema nach der Revolution: Wie umgehen mit der Sklavenfrage?

Dies ist ein Musical, »Hamilton«. Es läuft seit mehr als drei Jahren am Broadway und anderswo, und es ist nahezu unmöglich, Karten zu bekommen. Die Amerikaner nehmen ihre Kinder und schauen sich mit ihnen an, wie ihre Revolution getanzt und gesungen wird. Selten wurde komplexe Politik so unterhaltsam präsentiert. Man geht raus und summt tagelang Ohrwürmer politischen Inhalts. Kommt ja nicht oft vor.

Kaum eine Revolution war so erfolgreich wie die amerikanische. Die britische Kolonialmacht wollte den Amerikanern die Kosten für einen Krieg vor allem gegen die Franzosen aufbrummen. Die Kolonien wehrten sich, wollten nicht zahlen, ohne im Parlament mitreden zu können. 1775 stellten sie eine Armee unter dem Kommando von George Washington zusammen und führten acht Jahre lang Krieg gegen die Briten, bis sie ihre Unabhängigkeit durchgesetzt hatten.

Vieles ist nicht zu vergleichen mit deutschen Verhältnissen, aber mindestens vier Vorteile hatten die Amerikaner.

Erstens: Sie waren weder zaghaft noch zahm. Im Krieg nahm Washingtons Kontinentalarmee unglaubliche Entbehrungen auf sich, um überhaupt existieren zu können. Sie verlor viele der Schlachten gegen die weit überlegenen Briten. Die Soldaten hungerten, froren, wurden schlecht oder gar nicht bezahlt und miserabel ausgerüstet. Aber sie hielten durch, weil Washington durchhielt. Er pfiff auf Stabilität, er wartete im Chaos des Krieges auf ein Wun- der, das den Kolonien die Freiheit bescheren könnte. Das geschah 1781 in der Schlacht von Yorktown, als die Amerikaner mit ihren französischen Verbündeten die Briten schlugen.

Montagsdemonstranten in Leipzig 1989: Leiden an der eigenen Revolution


Vorteil zwei ist der Wille zur Freiheit. Als die Revolution ausbrach, waren die Kolonien gespalten. John Adams, einer der Wortführer, schätzte die Lage so ein: »Wir sind ungefähr zu einem Drittel Tories, zu einem Drittel ängstlich, zu einem Drittel wahrhaft blau.« Tories waren die Amerikaner, die dem britischen König die Treue hielten, blau stand für die Revolutionäre.

Aber im Krieg fand man weitgehend zusammen. Und danach waren die Gründerväter schlau genug, so zu tun, als gäbe es keinen großen Graben zwischen ihnen. In den südlichen Bundesstaaten wurde die Sklaverei exzessiv betrieben, in den nördlichen kaum oder mit schlechtem Gewissen. Man hielt diese Frage offen und schaffte es so, miteinander eine starke Verfassung zu erarbeiten, deren Kern bis heute gilt.

Die Politik der USA spaltete sich trotzdem rasch in zwei Lager, die Federalists, die von Hamilton angeführt wurden, und die Republikaner, die Partei Jeffersons. Es ging hässlich zu, mit Lügen, Intrigen und verbalen Attacken, die denen von Donald Trump nicht nachstehen. Hamilton starb 1804 in einem Duell mit Vizepräsident Aaron Burr. Aber es gab keine starke Frak- tion, die an der Freiheit zweifelte. Daran hielten sie fast alle fest, und das sicherte die Errungenschaften der Revolution bis heute, trotz des Bürgerkriegs von 1861 bis 1865, der die Frage der Sklaverei zugunsten des Nordens entschied.

Die Amerikaner stritten in der Demokratie, die Deutschen über die Demokratie. Das ist ein gigantischer Unterschied.

Vorteil drei: »Die Männer der Revolu- tion fühlten sich durch Traditionen überhaupt nicht gebunden«, schreibt Hannah Arendt. Sie lebten in einer neuen Welt und wollten sie auf ihre Weise gestalten. Die Deutschen hingegen sind stark von der Romantik beeinflusst. Sie schauen gern schmachtend zurück und tun sich schwer, entschlossen in eine neue Zeit zu schreiten.

Der vierte große Vorteil war schlicht George Washington, der von 1789 bis 1797 der erste Präsident der Vereinigten Staaten war. Genau wie in Deutschland gab es auch dort die Sehnsucht nach einem Ersatzkönig. Bei ihm war diese Sehnsucht bestens aufgehoben, während sie ein Ebert nicht bedienen konnte und ein Hindenburg missbraucht hat.

»In der Geschichte«, schreibt Washingtons Biograf Ron Chernow, »finden sich wenige Beispiele für einen Anführer, der so aufrichtig das Richtige tun wollte, nicht nur für sich selbst, sondern für sein Land.« Washington war nicht intellektuell, doch er war ungeheuer mutig, hatte Grandezza und das richtige Gefühl für die Lage seines Landes. Die Macht des amerikanischen Präsidenten hat er behutsam eingesetzt.

Bei aller Kritik wurde er so sehr bewundert, dass er ewig hätte regieren können. Wenngleich Washington die erste große Demokratie der Neuzeit anführte, verstand er, dass es in dieser Staatsform vor allem auf das Ende ankommt. Nach zwei Legislaturperioden hörte er auf, obwohl das damals keine Vorschrift war.

Im Musical singt er: »If I say goodbye, the nation learns to move on. / It outlives me when I’m gone.« Ohne ihn werde die Nation lernen, weiter voranzugehen. Da fließen dann Tränen im Theater, und man hat das Gefühl, dass eine Nation, die sich eines solchen Mythos erfreuen kann, wohl auch einen Donald Trump überstehen wird.

Die Revolution von 1989

Für den Staatsmythos der alten Bundes- republik spielten die Revolutionen keine Rolle, man berief sich stattdessen auf das Wirtschaftswunder, die Westbindung und das Wunder von Bern, den Sieg bei der Fußballweltmeisterschaft 1954.

Die DDR hingegen brauchte unbedingt einen Revolutionsmythos. Die Regierungen der SED beriefen sich auf Karl Marx, den wohl einflussreichsten Revolutionsdenker der Welt, sie fühlten sich der Russischen Revolution von 1917 verbunden, aber die DDR war nun einmal nicht durch eine Revolution entstanden.

Man behalf sich damit, dass man der DDR von Anfang an den Auftrag gab, »planmäßig die revolutionäre Umwälzung auf dem Weg zum Sozialismus fortzuführen «, wie es Erich Honecker ausgedrückt hat. Damit wurde die DDR zum Staat der permanenten Revolution erklärt.

Aber was konnte der Mythos sein, die Tradition, in die man sich stellte? Die Aufstände von 1848 und 1918 kamen nicht infrage. Das verhinderte auch die »Misere-Theorie«, die in der DDR eine Zeit lang gehätschelt wurde. Demnach waren die deutschen Revolutionen von Bürgern (1848) und Sozialdemokraten (1918) verraten worden. Man berief sich lieber auf den Bauernkrieg, den Thomas Müntzer Anfang des 16. Jahrhunderts gegen die Fürsten geführt hatte, zudem auf die Befreiungskriege gegen Napoleon Anfang des 19. Jahrhunderts. Das war ziemlich wackelig, allerdings sind Mythos und Tatsachen ohnehin nicht gerade Schwestern.

Bekanntermaßen hielt sich der Gott der Geschichte nicht an Honeckers Planungen, sondern beendete die permanenten revolutionären Umwälzungen der SED im Herbst 1989 durch eine echte Revolution. Gründe: Die DDR konnte ihr karges Wohlstandsversprechen kaum noch halten, und im Mai hatten gefälschte Kommunalwahlen den Bürgersinn für die Vorteile der Freiheit stärker denn je aufflammen lassen.

Republikflucht in Massen, Montagsdemonstrationen zuerst in Leipzig und bald in vielen anderen Städten brachten das SEDRegime zu Fall, ohne dass ein Schuss fiel. Am 9. November öffneten sich die Grenzübergänge, die Mauer war Geschichte.

Winkler: »Die Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989 war für die DDR das, was der Sturm auf die Pariser Bastille am 14. Juli 1789 für das franzö- sische Ancien régime gewesen war: der Schlag, von dem sich die bisherige Ordnung nicht mehr erholen konnte.«

Diese friedliche Revolution gilt als die einzige, die Deutschen wirklich gelungen ist. Ein repressiver Staat wurde weggefegt, eine Obrigkeit abgeschafft, Freiheit gegründet. Das war mutig und großartig.

Und doch zeigt sich auch hier das Muster von 1848 und 1918. Die Bürger suchten schnell nach Stabilität. Deshalb wurde erneut die Frage der Freiheit mit der nationalen Frage verknüpft. Dies war die berühmte Wende in der Wende. Die Demonstranten riefen nicht mehr »Wir sind das Volk«, sondern »Wir sind ein Volk«.

So ganz ins Freie mochte man nicht treten, keine neue DDR bauen, nicht einmal einen neuen Gesamtstaat entwickeln, der eine reformierte Bundesrepublik hätte sein können. Bei der ersten freien Wahl zur Volkskammer der DDR am 18. März 1990 entschieden sich mehr als zwei Drittel der Wähler für Parteien, die Richtung Westen strebten. »Die Wahl war zu einem Plebiszit für den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik geworden«, schreibt Winkler. Man könnte es so zuspitzen: Was den Revolutionären von 1848 der preußische König war, denen von 1918 das Militär und die alten Eliten, war den Revolutionären von 1989 die Bundesrepublik: ein Garant für Sicherheit und Stabilität.

Immerhin ging es nicht mehr um eine Obrigkeit. Die war der Bundesrepublik inzwischen ausgetrieben worden.

Studentenführer Dutschke 1968 »Machtergreifungsplan ausgepackt«


Die halbe Revolution von 1967/68

»In der Kneipe Machtergreifungsplan ausgepackt. « Diese schönen Worte notierte Rudi Dutschke Ende Juni 1967 in seinem Tagebuch. Am 2. Juni hatte ein Polizist den Studenten Benno Ohnesorg bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien vor der Deutschen Oper in Berlin ohne erkennbaren Grund erschossen. Daraufhin begann das, was später ‘68 genannt wurde.

Der Studentenführer Rudi Dutschke hatte diesen Aufstand durchaus als Revolution geplant. »Es bleibt nicht mehr viel Zeit«, schrieb er mit dem Pathos jener Tage in einem Artikel im »Oberbaumblatt«, »und ich weiß nicht, wie ich euch nennen soll … es sei denn, ihr akzeptiert den Begriff und die Anrede des Revolutionärs.«

Dutschke nahm das Erbe von 1918 voll an und plante den »Freistaat West-Berlin«, kontrolliert von Räten. Gerd Koenen, der später die Geschichte der 68er in seinem Buch »Das rote Jahrzehnt« beschrieb, hörte Dutschke bei einer Rede im Februar 1968 sagen: »Die Revolutionierung der Revolutionäre ist so die entscheidende Voraussetzung für die Revolutionierung der Massen. Es lebe die Weltrevolution und die daraus entstehende freie Gesellschaft freier Individuen.« Man kann das wohl Revolutionsbesoffenheit nennen.

Viele Studenten der späten Sechzigerjahre hatten das Gefühl, noch immer in einem Obrigkeitsstaat zu leben. Der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer hatte die Bundesrepublik ziemlich autoritär geführt, Staat und Wirtschaft waren durchsetzt mit Leuten, die früher in der NSDAP waren oder in jener Zeit Karriere gemacht hatten. Zwar war Adenauer schon seit 1963 nicht mehr im Amt, und die Gesellschaft hatte bereits begonnen sich zu liberalisieren, doch Dutschke und seine Gefolgschaft glaubten, eine Revolution müsse noch sein.

Sie war dann, das versteht sich von selbst, nicht so radikal wie in Frankreich, wo Studenten und Arbeiter so viel Rabatz machten, dass Präsident Charles de Gaulle vorübergehend aus Paris floh. In Berlin gab es die »Schlacht am Tegeler Weg« und einige andere gewaltsame Proteste, aber der Elan verflog bald. Dutschke musste sich zurückziehen, nachdem ihn ein Rechtsextremist am 11. April 1968 niedergeschossen hatte.

Es fehlte, mal wieder, die Entschlossenheit. Bald war ‘68mehr Kneipe als Machtergreifungsplan, man konzentrierte sich auf die sexuelle Revolution, machte sein Studium brav zu Ende und trat den Marsch durch die Institutionen an.

Ein paar Leute allerdings waren finster entschlossen. Sie gingen in den Untergrund und suchten die Bundesrepublik bis in die Neunzigerjahre mit Terror heim, Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und ihre Nachfolger, die sich als Revolutionäre ohne Bahnsteigkartenhemmungen verstanden und komplett scheiterten.

Die anderen, die Zahmen, waren erfolgreicher. Sie trugen eine Menge dazu bei, aus der Bundesrepublik eine zutiefst liberale Gesellschaft zu machen. ‘68 war ein großer Schlag gegen die Obrigkeit und das Obrigkeitsdenken. Es ist nicht ausgerottet, es kann sich wieder breitmachen, aber die halbe Revolution hat durchaus ihre Verdienste. Im Untertitel seines Buches nennt Koenen sie »Unsere kleine deutsche Kulturrevolution «. Das trifft es.

Und heute?

Es sieht aktuell nicht nach einer Revolution in Deutschland aus, weder von links noch von rechts. Linke Proteste gegen die Globalisierung, zum Beispiel von Occupy, nahmen nie richtig Schwung auf. Gewaltausbrüche wie beim Hamburger G-20-Gipfel 2017 blieben lokal und zeitlich begrenzt. Die rechtsextreme Gruppe Revolution Chemnitz traute sich dem Namen nach eine Menge zu, hat aber zum Glück wenig zustande gebracht und wurde schnell ausgehoben. Alexander Gauland und die AfD scheinen von einer Revolution weit entfernt zu sein.

Allerdings kamen die Umstürze für die Zeitgenossen meist überraschend. Auch die Gründerväter der USA hatten nicht mit einer Revolution gerechnet, sie hatten sie nicht einmal im Sinn gehabt, sondern waren lange dazu bereit, sich mit dem englischen König Georg III. zu verständigen.

Wir könnten also in vorrevolutionären Zeiten leben und würden es nicht ahnen. Es ist jedoch interessant, sich vorzustellen, dass wir in nachrevolutionären Zeiten leben. Die Aufstände von 1968 und 1989 liegen ein paar Jahrzehnte zurück, doch Geschichte hat einen langen Atem. In beiden Fällen ging es, bei allen Unterschieden, um einen antiautoritären Impuls. Deutschland West und Deutschland Ost haben sich zu verschiedenen Zeiten liberalisiert und sind nun in einer sehr liberalen Bundesrepublik vereint. Angela Merkels Flüchtlingspolitik ist auch ein Ausdruck fortgeschrittener Liberalität.

Fast jeder Revolution folgt irgendwann der Konter, so war es 1848, so war es 1918. Der Konter auf die antiautoritären Revolutionen würde autoritär sein, logisch.

Was ist derzeit los in Deutschland? Proteste gegen die Flüchtlingspolitik, ein Unbehagen gegen gesellschaftliche Liberalität, gegen eine angeblich linke Diskursherrschaft. All das drückt sich im Erfolg der AfD aus. Fast 20 Prozent der Deutschen finden eine Partei, die den Kampf gegen das Antiautoritäre kämpft, so attraktiv, dass sie die AfD wählen würden.

Im Osten kommt das Leiden an der eigenen Revolution dazu. Inzwischen gilt es als Demütigung, dass die Bundesrepublik die ehemalige DDR einfach übernommen hat, ohne größere Zugeständnisse. Damals war dies den meisten Ostdeutschen recht, bloß weg von der DDR. Und der Westen war allzu dankbar, den Osten schlucken zu können, ohne große Anerkennung für die mutige Revolution.

Mittlerweile wirkt in Teilen Ostdeutschlands das Prinzip der Romantik: Der Deutsche schaut ganz gern zurück und findet die Vergangenheit meist behaglicher als die Gegenwart. Manche vermissen sogar die Obrigkeit.

Für den Osten, aber auch für den Westen verbindet sich wieder einmal die Frage der Freiheit mit einer nationalen Frage. Die lautet diesmal: Wer darf in Deutschland leben, darf dazugehören, wer nicht? Bei nationalen Fragen sind die Deutschen als verspätete Nation traditionell sehr empfindlich.

Das alles heißt nicht, dass bald wieder Barrikaden aufgetürmt werden, um die Macht zu erringen. Die deutsche Revolutionsspezialität ist ja eine andere: Sie kommt von oben, von denen, die die Macht schon haben und dann radikal für nationale autoritäre Politik einsetzen. Die finden leicht Gefolgschaft. Deshalb darf es dahin nie kommen.

Was kann man tun? Für die Antwort noch einmal der Blick auf die amerikanische Revolution. Die erste Regel, die sich dort findet: nicht halsstarrig sein. Wäre Georg III. den späteren Gründervätern der USA entgegengekommen und hätte ihnen eine parlamentarische Vertretung gestattet, hätte er seine Kolonien behalten. Man muss Protest ernst nehmen.

Die zweite Regel steht schon weiter oben und kommt vom größten aller Revolutionäre: Die amerikanische Demokratie hat auch deshalb 230 Jahre überdauert, weil George Washington nach acht Jahren abgetreten ist und damit einen Maßstab geschaffen hat. Es hält Gesellschaften zusammen, wenn jeder, der mit den Re- gierenden nicht einverstanden ist, ein Datum vor Augen hat, zu dem sich garantiert etwas ändern wird. Das ist das beste Mittel gegen Revolutionen und Konter- revolutionen.

Deshalb, zum Schluss, ein Lektüretipp auch für die Bundeskanzlerin: »Washington « von Ron Chernow, ein sehr gutes, ein lehrreiches Buch.

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Pegida-Demonstranten in Chemnitz im August: Fast jeder Revolution folgt irgendwann der Konter


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