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WIRTSCHAFT: Boubou-Business


Deutsch perfekt - epaper ⋅ Ausgabe 7/2019 vom 29.05.2019

In Westafrika tragen viele Muslime feine Kleidung aus Damast, bekannt als Boubous. Einer der wenigen Lieferanten für den wertvollen Stoff ist eine Firma aus Sachsen. Die Geschichte einer überraschenden Beziehung.


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Bildquelle: Deutsch perfekt, Ausgabe 7/2019

Wie dieser Moslem im Senegal tragen viele Menschen in Westafrika Boubous.


Malek Souleiman steht zwischen Stoffrollen und freut sich. Gerade hat ein Lieferwagen einige Pakete in seinen Laden in der Innenstadt von Dakar, der Hauptstadt des Senegals, gebracht. Zwei Mitarbeiter ziehen ein großes Paket heraus und schneiden es auf. Blau schimmert ihnen feinster Damast entgegen.

Der Baumwollstoff hat ...

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... eine lange Reise hinter sich: 514 deutsche Autobahnkilometer, 2850 Seemeilen auf einem Containerschiff, knapp zwei Kilometer vom Hafen bis zu Maleks Laden. Die Stoffbahnen kommen aus Sachsen, aus dem Erzgebirge, aus Aue, entworfen und hergestellt von der Curt Bauer GmbH.

Aue – ein Ortsteil der Kleinstadt Aue-Bad Schlema mit rund 20 000 Einwohnern – kennen auch die meisten Deutschen nur durch den Fußballverein FC Erzgebirge Aue, der in der zweiten Liga spielt. Malek Souleiman aber war schon dort. Er kennt das Bauer-Werk, hat gesehen, wie die Stoffbahnen aus den Webmaschinen liefen. Er ist durch die idyllischen Berge des Erzgebirges gefahren, hat Christstollen probiert. Souleiman ist einer der Textilhändler aus Westafrika, mit denen die Firma aus Aue zusammenarbeitet. Bauer und seine Kunden von dem anderen Kontinent, das ist eine Beziehung, die man sicher nicht erwartet. Eine, von der sowohl im Erzgebirge als auch in Afrika Arbeitsplätze abhängen.

Der Damast raschelt, wenn man ihn zwischen den Fingern reibt. In Westafrika wird aus ihm ein festliches Gewand genäht, der Grand Boubou: langärmliges Hemd, weite Hose, ein Überwurf mit weiten, körperlangen Ärmeln. Je glänzender der Stoff, je feiner sein Muster, desto wichtiger die Person, die ihn trägt. Boubous sind ein Statussymbol. Sie werden verschenkt oder von Generation zu Generation weitergegeben. Wer ihn trägt – es sind vor allem Männer – schreitet eher, als dass er geht. Am wichtigsten ist der Boubou in der Moschee und an islamischen Feiertagen. Im Senegal, einem Land mit mehr als 90 Prozent Muslimen, sind Boubou und Islam eng miteinander verbunden.


Die Firma Bauer und ihre Kunden aus Afrika: eine Beziehung, wie man sie nicht erwartet.


Bei der Curt Bauer GmbH in Aue laufen die Webmaschinen. Tausende Fäden werden zu Stoffbahnen, 80 und 140 Zentimeter breit, für Bettwäsche, Tischdecken – und für Boubous. Westafrika ist der wichtigste Exportmarkt für die Firma. In einem Jahr stellt Bauer rund zwei Millionen Meter Stoff für die Region her. Das ist so viel wie die Distanz von Stockholm bis Rom.

Nur wenige Schritte von der Weberei entfernt sitzt Karsten Kämpe vor seinem Computer. Auf dem Bildschirm: rote und weiße Quadrate. Sie visualisieren die Richtung der Fäden beim Weben. Je nach Kombination der Quadrate sieht der Stoff anders aus. An einigen Stellen ist er glatt und glänzt nach der weiteren Behandlung wie ein Diamant. In Westafrika ist das ein wichtiges Verkaufsargument.

In einer Ecke von Kämpes Büro liegt ein Stapel afrikanischer Frauenzeitschriften. Seit mehr als 15 Jahren entwirft er Designs für die Boubou-Stoffe, manchmal bis zu 100 Entwürfe im Monat. Über die Jahre lernte er, wie sich der Geschmack je nach Land ändert, wo welche Farben beliebter sind und welche Motive nicht gehen: „Tiere zum Beispiel. Oder in Nordnigeria alles, was einem Kreuz ähnelt.“ Sein Geschmack ist das häufig nicht. „Irgendwann ist mir egal, was ich entwerfe.“ Kämpe setze das um, was die Kunden Tausende Kilometer von ihm entfernt haben möchten – und das, was der Chef will.

Sein Chef ist Michael Bauer. Er kommt jeden Tag in die Firma, wenigstens für ein paar Stunden. Auch sonntags, wenn die Webstühle stillstehen. „Alles andere fühlt sich an wie Schule schwänzen“, sagt der 64-Jährige. Der Holzboden der Empfangshalle knarzt unter seinen Schritten. Über ihm, an der Wand, ein Bild seines Urgroßvaters und Firmengründers Alwin Bauer. Heute leiten Michael Bauer und sein Bruder Gert das Traditionsunternehmen in vierter Generation.

Vier Generationen, die das Unternehmen seit 1882 mit Mühe durch die deutsche Geschichte gebracht haben. Die Firma blieb in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) erst einmal in Familienbesitz. Curt Bauer, Michael Bauers Großvater, galt als Opfer der Nationalsozialisten. Teile der Firma wurden im Krieg von der Rüstungsindustrie besetzt. Curt Bauer protestierte offen gegen die unmenschliche Behandlung seiner Arbeiter. Noch bevor es zu einer möglichen Verhaftung kommen konnte, beging er 1944 Selbstmord.

Mitte der 60er-Jahre stellte sein Sohn Alexander Bauer Kontakte zu britischen und westdeutschen Exporteuren her. Sie wollten den Bauer-Damast unter ihrem Namen in Afrika verkaufen: Das Boubou-Geschäft „made in Aue“ war geboren. In der Firma war man stolz, dekorierte den Festwagen zum 1. Mai mit Werbetexten und schwarz geschminkten Frauen. Aber 1972 endete die Schonfrist. Das Unternehmen wurde verstaatlicht und Alexander Bauer Angestellter in seiner eigenen Firma. Dass ein großer Teil der gewebten Stoffe zu Zeiten der DDR in den Westen statt in die Sowjetunion exportiert wurde – „das hat uns nach der Wende gerettet“, sagt Michael Bauer.


Anders als viele Betriebe im Osten schafft die Firma Curt Bauer 1990 den Neustart.


Anders als viele Betriebe im Osten schafft die Curt Bauer GmbH auch den Neustart in der freien Marktwirtschaft. Heute ist sie eine der wenigen erfolgreichen Textilfirmen in Deutschland. Bauer setzt im Jahr rund 18 Millionen Euro um. 60 Prozent der Einnahmen stammen aus dem Export. Als Rohsubstanz wird die Baumwolle aus Ägypten, den USA und China importiert. Spinnereien unter anderem in Italien und der Schweiz verarbeiten sie zu Fäden. Bauer webt daraus Tischdecken für russische Esszimmer, Bettwäsche für chinesische Kunden oder Textilien für Airlines. Aber der wichtigste Markt – 40 Prozent aller Exporte – bleibt Westafrika. Bauer beliefert zurzeit acht Länder in der Region.

Mauretanien, Mali, Benin, Nigeria, Niger, Tschad, Elfenbeinküste und Senegal – Ralph Meincken hat sie alle bereist. Der 56-Jährige ist der Vertreter der Firma in Afrika. Vor seiner nächsten Geschäftsreise sucht er in der Lagerhalle des Unternehmens in seiner „Schatzkiste“. So nennt er einen Karton, in dem Stoffreste liegen. Wenn er Glück hat, findet er darin passende Geschenke. Einen Stoff für den Taxifahrer. Für die Färberin etwas Bunteres. Er hebt eine Stoffbahn auf den Tisch, fährt mit der Hand über den Stoff. Sonnengelb, klein gemustert, glänzend, fünf Kilo schwer. Drei bis fünf Meter davon sind genug für ein Hemd oder einen Boubou in Kindergröße. „Damit mache ich den Menschen eine große Freude. Sie können sich unseren Damast meist nicht leisten.“

Zehn bis 15 Euro kostet der Meter. Für einen Boubou braucht man sechs bis zwölf – je nach Modell und Größe. Aus China gibt es extrem viel billigere Stoffe, darunter auch Imitate von Bauer-Stoffen. „Doch Händler und Kunden kennen den Qualitätsunterschied“, sagt Meincken. Ernst zu nehmende Konkurrenten der Curt Bauer GmbH kommen aus Tschechien und Österreich. Im Senegal sind die Österreicher die Nummer eins. „Alle kennen Getzner, alle wollen Getzner, überall ist Getzner“, schimpft Meincken. „Sie überfluten den Markt.“

Was in Aue bei der Firma Bauer aus der Maschine kommt (rechts), wird zum Teil später zu einem feinen Boubou wie dieses Modell in Violett (links).


Meincken, der für den Job von Hamburg nach Aue zog, ist schnell; wenn er über das Firmengelände läuft, wenn er redet. Er bricht Sätze in der Mitte ab, springt zwischen Themen hin und her. Immer wieder checkt er die Wetter-App auf seinem iPhone. Aue: 24 Grad, Dakar: 26 Grad, Bamako: 26 Grad. „Ich war nie ein geduldiger Mensch.“ Eine Tugend, die er in Afrika lernen musste: „Einfach das Programm abspulen, das geht dort nicht. Man muss sich Zeit nehmen.“

Manchmal kommen seine Kunden auch zu ihm. „Ich zeige denen natürlich die Firma, aber durch Aue laufe ich mit meinen Afrikanern eher nicht. Hier gibt es nichts Besonderes, und ich habe keine Lust auf blöde Bemerkungen“, sagt Meincken. Man soll sich doch nur einmal vorstellen, „einer meiner Kunden kreuzt in Aue im Grand Boubou auf. Da kommen die hier doch gleich mit der Zwangsjacke und liefern dich ein.“ Dass Bauer Damast für Afrika produziert, die 130 Arbeitsplätze und neun Lehrlingsstellen also auch an diesem Geschäft hängen, weiß in Aue, wo die rechtspopulistische Partei Alternative für Deutschland bei der letzten Bundestagswahl mit 28 Prozent die meisten Zweitstimmen bekam, kaum jemand. Im Schaufenster des kleinen Werksverkaufsladens zeigt Bauer Damastbettwäsche.

In wenigen Jahren wird mit Ralph Bauer die fünfte Bauer-Generation das Geschäft übernehmen. Auch in Westafrika gibt es eine neue Generation an Geschäftsleuten. Vereinbarungen und Aufträge kommen immer häufiger per Mail und Whatsapp. Das ändert die Zusammenarbeit. Meincken ist sich sicher: Das Geschäft wird so schnell nicht aufhören, sondern sogar wachsen. In vielen afrikanischen Ländern, auch im Senegal, steigt langsam der Lebensstandard. Gleichzeitig achten viele Afrikaner auf die eigenen Traditionen. Auch dafür steht der Boubou.

Dass im Geschäft von Malek Souleiman Bauer-Damast lagert, erkennt man von außen kaum. Kein Schild weist auf das teure Produkt im Inneren hin. Rechts und links, auf dem Boden, in hohen Regalen stapeln sich die Stoffe aus Aue.

Früher wurden Boubous im Senegal aus handgewebter Baumwolle oder Seide hergestellt. Aber seit Anfang des 19. Jahrhunderts dominiert der Damast den Markt, industriell gewebt und in großen Mengen: Colonial-Chic aus Frankreich. Auch heute stammen alle Stoffe für die Boubous aus dem Ausland. Die billigen Varianten aus China, die teuren aus Europa. Versuche, den Stoff weiter im Senegal herzustellen, hatten keinen Erfolg. Senegals große Textilunternehmen mussten Ende der 80er-Jahre schließen.

In den alten Fabrikhallen verrotten heute die Maschinen. Moderne Webstühle sind teuer, und man braucht für die Produktion eine konstant gute Wasserqualität und Baumwolle von hoher Qualität. Die Baumwolle, die im Südosten des Senegals wächst, und zum größten Teil exportiert wird, erfüllt die Qualität für den Damast nicht. Wenigstens soll bald ein Teil der senegalesischen Baumwolle wieder im Land gesponnen und verarbeitet werden. In der Nähe von Dakar hat eine Spinnerei mit finanzieller Unterstützung der Regierung eröffnet.

Malek Souleiman ist im Senegal der einzige Großkunde von Bauer. Von seinem Laden gehen die Stoffbahnen weiter zu den Händlern auf dem Textilmarkt, zu den Schneidereien und in die Wannen der Färber – zum Beispiel in die von Samba Sall. Der Färber steht in einem staubigen Innenhof zwischen einem Dutzend Fässern. Er hält ein paar Meter weißen Stoff in eine Wanne voller Farbe. Sie schäumt über.

Nach dem Bad schimmert der Stoff tief violett und golden. Bevor Sall ihn an einer Leine aufhängt, wird er noch gestärkt. Dafür legt ihn eine Frau in ein klebriges Bad aus Blütenstaub des Baobabs, einem afrikanischen Baum. Um die Ecke schlagen Männer mit schweren Holzkeulen auf gefärbte Stoffe, plätten sie und bringen sie zum Glänzen. Von morgens bis abends sind die Schläge zu hören.

Einige Hundert Meter weiter sitzen andere Arbeiter am Straßenrand und raffen Stoffe so zusammen, dass nach dem Färben Batikmuster entstehen. Bei besonders komplexen Aufträgen kostet dieses Färben, Batiken und Plätten des Boubou-Stoffes umgerechnet um die 90 Euro. Dafür wird aus einem weißen Damast aus Europa ein kunstvolles Unikat.

Ein paar Straßen von Samba Sall entfernt warten Kunden im Verkaufsraum der Schneiderei von Madou Fall. Sie wollen sich eine festliche Tracht herstellen lassen. Neben ihnen drei Schaufensterpuppen im Grand Boubou: Jeder kostet umgerechnet 400 Euro. Das ist viel Geld im Senegal, wo das jährliche Pro-Kopf-Einkommen etwa 1000 Euro beträgt.


Alle Stoffe für die Boubous kommen aus dem Ausland in den Senegal.


In den Nähräumen der Schneiderei liegen überall Stoff- und Papierreste auf dem Boden. Neben den Nähmaschinen liegen Türme aus Damast. Auf zwei Stockwerken arbeiten rund 100 Schneider für Madou Fall. Jeder von ihnen schafft einen Boubou pro Tag. Sie messen die Größe der Kunden, bringen die Stoffe in die richtige Form und Größe und besticken sie mit Verzierungen.

Stoffbahn für Stoffbahn saust durch ihre Hände. Sie zeichnen Motive, sticken goldene Streifen auf schwarzen Damast oder brennen mit einem heißen Metallstift kleine Löcher in den Stoff – so entstehen Boubous für wichtige Familienfeste oder das Freitagsgebet in der Moschee.

Es ist kurz vor zwei am frühen Freitagnachmittag. Betende schreiten eilig aus allen Richtungen zur Grande Mosquée de Point E im Südwesten Dakars. Ihre Gebetsteppiche tragen sie in Plastiktüten oder als Schutz gegen die Mittagsonne auf dem Kopf. Einige wenige kommen in T-Shirt oder Anzug. Die meisten tragen aber einen Boubou: bunt gestreift, dunkelblau mit hellen Stickereien vor der Brust, auch ein Exemplar in Silber.

Als sie zum Gebet in die Knie gehen, einer neben dem anderen, verstummen die Gespräche. In der Stille ist nur noch ein leichtes Rascheln zu hören. Es stammt von den Boubous. Es stammt vom Damast. Es stammt auch aus dem Erzgebirge.


Foto: Photononstop/Alamy/mauritius Images

Fotos: Curt Bauer GmbH