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WIRTSCHAFTS-GESPRÄCH: Drogerie-König Dirk Roßmann: … dann bin ich auf den Baum geklettert


SUPERillu - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 28.02.2019

3 930 Rossmann- Märkte in Europa, 56 000 Mitarbeiter.Wer ist der Mann , bei dem fast jeder Deutsche regelmäßig einkauft – und der mit seiner Biografie jetzt einen Bestseller geschrieben hat?


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Bildquelle: SUPERillu, Ausgabe 10/2019

Das großzügige Büro von Dirk Roßmann an seinem Firmensitz Großburgwedel bei Hannover. Jochen Wolff im Gespräch mit dem Erfolgsunternehmer, daneben Pressesprecherin Anna Lisa Kentrath


Einen besseren Zeitpunkt für ein Interview mit Dirk Roßmann hätte ich kaum finden können. Erst ein paar Tage zuvor hatte er erfahren, dass seine Biografie „…dann bin ich auf den Baum geklettert“ Platz eins der „Spiegel“- Bestsellerliste ...

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... erobert hatte. Gut gelaunt stellte sich der 72-Jährige in seinem Büro am Firmensitz in Großburgwedel bei Hannover meinen Fragen.

PHerr Roßmann, wir wollen in diesem Gespräch etwas über Sie als Unternehmer erfahren, aber auch den Menschen Dirk Roßmann kennenlernen. Wie würden Sie selbst diesen Menschen beschreiben?
Er ist einerseits sehr empfindsam, aber andererseits auch robust. Ich vereine so viele verschiedene Wesenszüge in mir. Ich bin draufgängerisch und mutig, aber auch unglaublich ängstlich. Ich bin immer für Überraschungen gut und dadurch für andere manchmal auch anstrengend. Und ich bin ein lustiger Typ.

PWas hat Sie geprägt? Wie sind Sie als Kind aufgewachsen?
Locker und frei, meine Mutter hat mich sehr geliebt. Ich bin als Kind nie geschlagen worden. Und das ist wichtig, denn es ist schlimm, wenn Kinder so gedemütigt werden.

PWelche Werte haben Ihnen Ihre Eltern vermittelt?
Wir waren evangelisch, aber ich wurde nicht durch die Religion geprägt. Meine Mutter sagte immer, wichtig im Leben sei die Herzensbildung.

PSie haben spät erfahren, dass der Mann, den Sie als Ihren Vater angesehen haben, gar nicht Ihr Vater war. Ihr leiblicher Vater war der Nachbar, mit dem Ihre Mutter eine kurze Affäre hatte. Wie sind Sie mit dieser Erkenntnis fertiggeworden?

Diese Erfahrung hat mich eher neugierig gemacht. Der Bernhard Roßmann war zwar immer sehr lieb zu mir, aber er war auch irgendwie weit weg. Das war nie so eine ganz tiefe Beziehung. Er starb ja auch, als ich zwölf Jahre alt war. Mit 16 hat mir meine Mutter dann gestanden, dass der Nachbar mein leiblicher Vater war. Was mir wehtat, war die Tatsache, dass mein Vater sich nie zu mir bekannte. Wir haben uns zwar getroffen, er hat mich auch unterstützt, aber seine Frau – die Ehe war kinderlos – sollte auf keinen Fall erfahren, dass ich sein Sohn war.

PDas muss Sie doch sehr getroffen haben?
Ich glaube heute, dass ich damals viel verdrängt habe. Ich wollte das alles nicht so nah an mich herankommen lassen.

PWelche Erinnerungen haben Sie an Ihre Schulzeit?
Schlimme! Spontan fällt mir ein: Die Lehrer gaben ja immer die Arbeiten mit den besten Noten zuerst aus - und ich wurde fast immer gegen Ende aufgerufen. Die Schule hat mir eher vermittelt, du, Dirk Roßmann, bist eigentlich ein bisschen doof. Selbstwertgefühl habe ich in der Schule nie gekannt. Die schulischen Leistungen haben mich, ehrlich gesagt, daher auch nie interessiert. Viele gute Noten gibt es, wenn man ein gutes Gedächtnis hat, und Gedächtnis ist nicht meine Stärke. Aber wenn es komplexe Situationen gibt, wo man sich entscheiden muss, ob es rechtsrum oder linksrum geht, da bin ich gut …

PSpäter haben Sie dann gezeigt, dass in dem Menschen Dirk Roßmann doch ein Kerl mit Durchsetzungsvermögen steckt. Sie haben sich stark gegen Ihren Dienst bei der Bundeswehr gewehrt, weil Sie Ihre allein lebende Mutter nicht mit ihrer Drogerie im Stich lassen wollten. Sie lieferten sich mit der Bundeswehr einen regelrechten Psychokrieg. Eines Morgens sind Sie dann beim Appell einfach auf einen hohen Baum geklettert, eine Eiche, und haben dort stundenlang ausgeharrt. Sie wollten allen zeigen, der Roßmann spinnt, schickt den wieder nach Hause. Es hat geklappt - inwiefern beschreibt diese Szene den Menschen Roßmann?
Sie beschreibt mich hundertprozentig. Ich bin auf den Baum geklettert, weil sie dachten, sie haben mich kleingekriegt. An diesem Nachmittag sollte ich das Revier reinigen. Ich habe aber die Ausgehuniform angezogen und bin auf den Baum hoch! Das war eine Spitz-auf-Knopf-Situation - ihr oder ich! Ich bin zwar lieb und kooperativ, aber wenn mich jemand zur Weißglut bringt, dann ist mit mir schlecht Kirschen essen. Ich hatte da oben im Baum auch viele Ängste - aber ich habe mich durchgesetzt.

PHaben Sie später noch öfter solche Spitz-auf-Knopf-Situationen erlebt?
Das waren Krisen anderer Natur. Zum Beispiel, als unser Unternehmen Anfang der 90er-Jahre große finanzielle Probleme hatte und wir von den Krediten der Banken abhängig waren. Heute können Sie zwar sagen, der Roßmann hat alles richtig gemacht, aber damals trieb mich auch die Angst um.

PWie kamen Sie denn Anfang der 70er-Jahre auf die Idee, den Drogeriemarkt in Deutschland auf den Kopf zu stellen?
Die Preisbindung für Drogeriewaren fiel und ich wusste sofort, jetzt geht es nur über den Discount, also über die Preise. Der Billigste würde das Rennen machen. Mit dem Selbstbedienungsmarkt konnte ich den herkömmlichen Drogerien die Käufer wegnehmen - die Kunden kamen alle zu mir!

PWie wichtig war der Antrieb, Geld zu verdienen?
Meine Mutter kam ursprünglich aus einem wohlhabenden Haus, auch wenn wir später praktisch mittellos waren. Ich glaube, sie hatte immer den Wunsch, dass ich einmal ein erfolgreicher Unternehmer sein sollte. Das hat sie mir unbewusst auch vermittelt. Kinder sind hochsensible Wesen, sie nehmen solche Gefühle auf. Ich habe noch einen Bruder, aber es war immer klar, dass ich einmal die Drogerie übernehme!

PAus der Drogerie wurde der Konzern Rossmann. Was hat Sie getrieben, das ganz große Rad zu drehen?
Ich stecke einfach voller Ehrgeiz, obwohl ich mich selbst manchmal eher als faul empfinde. Wenn ich einmal auf einer Spur bin, dann muss ich immer weiter. So war es auch mit meinem Buch. Als ich auf der Bestsellerliste stand, wollte ich immer mehr - bis hin zur Nummer eins! Anfangs hat es mich gar nicht so interessiert, aber dann bin ich im Laufe der Monate immer verrückter mit dieser fixen Idee geworden - bis ich es schaffte.

P1972 eröffneten Sie in Hannover den ersten Drogerie- Selbstbedienungsmarkt in Deutschland. 18 Jahre später, als die Mauer fiel, waren Sie schon eine große Nummer …
Ja, aber ich hatte wenig Geld. Damals waren die Steuern noch viel höher und es war sehr schwer, Kapital zu bilden. Ein großer Betrieb, aber auf Schulden aufgebaut!

PWaren Mauerfall und Wiedervereinigung nicht ein Turbo für Ihr Unternehmen?
Ja, aber sie waren auch ein Turbo für neue Schulden. Jede neue Filiale bedeutete mehr Schulden. Dann habe ich 1996 einen Herz- infarkt bekommen - die schöne heile Welt hatte ihre Risse und ich stand wirtschaftlich und gesundheitlich am Abgrund!

PSie hätten ja nicht auch noch nach Polen und Ungarn gehen müssen!
Ja, ich hätte auch verkaufen können. Aber es hat mich einfach gereizt, weiter- und immer weiterzumachen. Wenn Sie ein Unternehmen mit über neun Milliarden Umsatz aufbauen, das heute schuldenfrei ist - dann müssen Sie auch Krisen überwinden. Von Phlegma kommt nichts.

PWar Ihnen schnell klar, dass sich da in Ostdeutschland ein neuer Markt entwickeln würde?
Erst im Laufe der Monate. Ich war viel in Thüringen und Sachsen unterwegs und war fasziniert von der Landschaft und von den ganzen Sehenswürdigkeiten. Es war ein spannendes und großes Gefühl, plötzlich in einem vereinten Deutschland zu leben. Heute betreiben wir fast 450 Drogeriemärkte in den ostdeutschen Bundesländern und beschäftigen 6 600 Mitarbeiter.

PSehen denn Drogeriemärkte in Cottbus anders aus als in Kaiserslautern zum Beispiel?
Nein, das hat nur etwas damit zu tun, wann wir den Markt eröffnet haben. Für unsere neuen Märkte mit einem erweiterten Sortiment brauchen wir einfach größere Flächen mit mindestens 700 Quadratmetern, und die stehen nicht überall zur Verfügung. Wo es sie gibt, werden die kleineren Läden Schritt für Schritt zugemacht.

PWie zufrieden sind Sie denn mit Ihren Mitarbeitern im Osten Deutschlands?
Sehr zufrieden - vom ersten Tag an. Die Menschen zeichnet eine besondere Herzlichkeit und Lockerheit aus.

PVerdienen denn die Mitarbeiter im Osten Deutschlands genauso viel wie im Westen?
Ich kann mit Stolz sagen, da gibt es so gut wie keine Unterschiede. Das Gehaltsgefüge ist eher von regionalen Besonderheiten und Arbeitszeiten abhängig. Durch geringere Lebenshaltungskosten in manchen Regionen stehen die Mitarbeiter aus dem Osten oft besser da als die Kollegen im Westen.

Partner im Leben: Roßmann mit seiner Ehefrau Alice. Sie haben zwei Söhne


Freunde im Leben: Mit dem Hörgeräte- Unternehmer Martin Kind (Foto) liefert er sich heiße Tennis-Schlachten


PHaben Sie etwas dagegen, wenn eine muslimische Mitarbeiterin in der Filiale ihr Kopftuch trägt?
Nein, das stört uns nicht. Uns stört, wenn eine Kassiererin ein missmutiges Gesicht macht. Wir haben Mitarbeiter aus 94 Ländern, das Miteinander funktioniert sehr gut.

PWas sagt der Unternehmer Roßmann zu dem Erfolg der AfD in Ostdeutschland? Wie ist da Ihr Bauchgefühl?
Wenn jemand AfD wählt, dann wählt er AfD. Wir sind eine Demokratie. Aber ich weiß, was dieser zynische Verbrecherstaat unter Hitler Andersdenkenden angetan hat. Die Verbrechen an den Juden sind ein Teil unserer Geschichte und jeder anständige Deutsche müsste sich dafür schämen. Wenn ich dann vor diesem Hintergrund AfD-Leute sehe, wie sie zusammen mit Neonazis mit Hakenkreuz und Hitlergruß gemeinsam demonstrieren, dann sage ich: Das geht gar nicht, da ist bei mir die Null-Toleranzgrenze erreicht!

PSollen sich Unternehmer aus der Politik raushalten?
Nein, wir sind eine Demokratie. Und diese Demokratie hat nur Bestand, wenn sich die Menschen an ihr beteiligen.

PDas Ansehen der Unternehmer ist beschädigt - Skandale bei der Deutschen Bank, in der Automobilindustrie. Wie denken Sie darüber?
Das Ganze bedrückt mich! Sie werden über Roßmann nie lesen, dass er sein Geld ins Ausland gebracht oder zwielichtige Bankgeschäfte gemacht hat. Wissen Sie, ich zahle gerne Steuern. Ich finde unser Steuersystem fair und ich habe kein Verständnis für Manager oder Unternehmer, die Millionen verdienen und durch Gier oder Schummeln noch den letzten Cent rausholen wollen.


„Ich zahle gerne meine Steuern. Für gierige Manager, die auf den letzten Cent aus sind, habe ich kein Verständnis.“


PSie sind mit 20 Prozent auch an dem Bundesligisten Hannover 96 beteiligt. Wie denken Sie über die horrenden Summen, die im Profi-Fußball mittlerweile bezahlt werden?
Wenn ich solche Summen höre, wie zuletzt bei dem Brasilianer Neymar in Paris, da denke ich, die Welt ist nur noch verrückt. Eine Bundeskanzlerin verdient vielleicht 20 000 Euro im Monat und ein Fußballer zwei Millionen. Das ist doch nicht mehr zu erklären.

PMit wem würden Sie gerne mal einen Abend verbringen?
Mit Angela Merkel.

PWelche Weisheiten haben Sie in Ihrem Leben gewonnen?
Das Wichtigste im Leben ist, Balance zu halten. Nicht zu viel riskieren, aber auch nicht mutlos sein. Eine Mitte finden, das gilt für alle Bereiche.

PSie sind mit dem früheren Bundespräsidenten Christian Wulff befreundet. Hätte er noch eine Chance in der aktuellen Politik verdient?
Unbedingt, denn er hat in den letzten Jahren einen enormen Weg zurückgelegt. Einen Weg zu sich selbst. Ich glaube, dass er als Persönlichkeit heute viel reifer geworden ist. Er hat sich geistig und seelisch weiterentwickelt.

PSie spielen Tennis und wandern gerne. Ein Match mit Roger Federer oder eine Wanderung mit Reinhold Messner. Was würde Sie reizen?
Beides nicht! Reinhold Messner habe ich kennengelernt und von seinem Händedruck tat mir die Hand noch tagelang weh. Und mit Federer kann ich nicht Tennis spielen, das ist eine andere Welt. Lieber mit spannenden Leuten ein Gespräch führen …

Die Rossmann-Erfolgsgeschichte in Bildern: eine deutsche Karriere

Dirk mit 15 Jahren. Damals kannte er das Geheimnis um seinen Vater noch nicht


März 1972: Der erste Rossmann-Selbstbedienungsmarkt in Hannover war ein großer Erfolg. Kunden stürmten den Laden


Sommer 1973: die erste Zentrale des schnell wachsenden Unternehmens in Hannover


Heute: die Rossmann-Zentrale in Burgwedel. Die Logistik-Zentrale steht in Ostdeutschland


Dirk Roßmann ist ein lockerer Typ. Oben ein Foto von 1973


Sein Bestseller
Mit seiner Biografie „…dann bin ich auf den Baum geklettert“ eroberte Roßmann Platz eins der „Spiegel“-Bestsellerliste. Roßmann oder Rossmann? Die Antwort ist einfach: Der Familienname schreibt sich mit scharfem ß, der Konzern mit zwei „s“. Großes Foto: Roßmann mit dem Bild der ersten Drogerie der Familie (1909)


FOTOS: Nikola für SUPERillu (2)

FOTOS: Nikola für SUPERillu, laif (2), imago, privat (4), PR