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WIRTSCHAFTSGESCHICHTE: WIE DISKRIMINIERUNG DER WIRTSCHAFT SCHADET


Harvard Businessmanager - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 16.04.2019

Als die Nazis ab 1933 jüdische Führungskräfte aus den Unternehmen warfen, fehlten plötzlich die fähigsten Leute. Der ökonomische Schaden war erheblich. Eine neue Studie zeigt, was wir aus historischer Datenanalyse lernen können – und warum das Thema immer noch aktuell ist.


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Bildquelle: Harvard Businessmanager, Ausgabe 5/2019

TALENTMANGEL ALS FOLGE VON RASSISMUS
Deutsche Großunternehmen, wie hier Mercedes-Benz im Werk Sindelfingen, beschäftigten im Jahr 1938 praktisch keine jüdischen Manager mehr.


Dass Staaten bestimmte Bevölkerungsgruppen bewusst diskriminieren, ist vielen Deutschen heute nur noch als historisches Phänomen bekannt – oder als Problem nicht ...

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... westlicher, diktatorisch geführter Volkswirtschaften. Doch so entfernt, wie wir denken, ist das Phänomen nicht. Auch in Industrieländern unterdrücken und schikanieren Regierungen Menschen, die zu einer nicht erwünschten Gruppe gehören. Nur zwei Beispiele: Anfang 2017 belegte US-Präsident Donald Trump Bürger aus sieben muslimisch geprägten Ländern mit einem Einreiseverbot. US-Unternehmen fürchteten daraufhin, dass wachsende Diskriminierung es ihnen erschweren werde, Talente zu rekrutieren, zu halten und weiterzuentwickeln. Und in der Türkei ließ Staatspräsident Erdoğan nach dem Putschversuch von 2016 mehrere Tausend Führungskräfte verhaften, die angeblich Anhänger von Fetullah Gülen waren; viele weitere Türken flohen ins Ausland. Seitdem mehren sich die Stimmen, die vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch warnen.

Wenn Staaten Teile ihrer Bevölkerung diskriminieren, hat das nicht nur für die Betroffenen schlimme Folgen. Diskriminierung durchdringt die gesamte Gesellschaft – auch die Wirtschaft. Eine häufige Methode ist der Ausschluss talentierter Menschen von Führungspositionen. Daher wollten wir wissen: Wie hoch sind die volkswirtschaftlichen Kosten dieser Praxis? Werden Unternehmen weniger rentabel, wenn sie selbst zu diskriminieren beginnen und hoch qualifizierte Personen nicht mehr für Managementaufgaben einsetzen? Und schließlich: Wie sehr leidet eine Volkswirtschaft, wenn ihre Regierung bestimmte Gruppen diskriminiert?

Obwohl das Thema extrem relevant für Unternehmen und Staaten ist, haben wir derzeit nur wenige Belege dafür, wie kostspielig es sein kann, wenn staatliche Institutionen hoch qualifizierte Führungskräfte diskriminieren. Deshalb sind wir in unserer Studie „Discrimination, Managers, and Firm Performance: Evidence from ‚Aryanizations‘ in Nazi Germany“ neue Wege gegangen und haben die wirtschaftlichen Verluste durch Diskriminierung gemessen. Konkret analysierten wir die Diskriminierung von Führungskräften jüdischer Herkunft im Deutschland des Nationalsozialismus. Dafür werteten wir Daten zu den größten deutschen Unternehmen jener Zeit aus und ermittelten, wie sich Aktienkurse und Rentabilität von Unternehmen entwickelten, deren jüdische Manager wegen des wachsenden Antisemitismus ihre Posten verlassen mussten.

Dafür mussten wir zuerst verstehen, wie sich die Gruppe der Führungskräfte in Deutschland in den 1920er und 1930er Jahren zusammensetzte und veränderte. Für unsere Studie digitalisierten und untersuchten wir Daten zu rund 30.000 Führungspositionen in 655 deutschen Unternehmen, die an der Berliner Börse gelistet waren – der mit Abstand größten Börse in Deutschland. Darunter waren Manager ohne jüdische Vorfahren, Manager in gemeinhin als jüdisch wahrgenommenen Unternehmen und Führungskräfte in Unternehmen, die nicht als jüdisch wahrgenommen wurden, aber zufällig Manager jüdischer Herkunft beschäftigten (zum Beispiel Allianz, BMW, Daimler-Benz und IG Farben).

Vor dem Aufstieg der Nationalsozialisten in den früher 1930er Jahren betrug der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Deutschland weniger als 0,8 Prozent. Doch wie wir in unserer Studie herausfanden, war der Anteil von Topmanagern jüdischer Herkunft (darunter praktizierende Juden, aber auch Christen mit jüdischen Vorfahren) sehr viel höher: Im Jahr 1932 lag er bei 15,8 Prozent. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 wurde Judendiskriminierung jedoch alltäglich. Viele Unternehmen entließen Manager jüdischer Herkunft von sich aus oder wurden von Nazi-Amtsträgern dazu genötigt. So zwang die Deutsche Bank ihren Vorstandsvorsitzenden Oscar Wassermann und das Vorstandsmitglied Theodor Frank, ihr Amt zum 1. Juni 1933 niederzulegen. Im Jahr 1938 gab es in den größten deutschen Unternehmen praktisch keine jüdischen Manager mehr (siehe dazu die Grafik „,Arisierung‘ deutscher Führungsetagen“ auf Seite 55).

Im nächsten Schritt verglichen wir Unternehmen, in denen jüdische Manager arbeiteten, mit Firmen, die von vornherein keine Manager jüdischer Herkunft beschäftigt hatten und ihre Führungsteams daher unverändert lassen konnten. Wir bereinigten unsere Zahlen um eine Reihe von Faktoren, die sich auf die Aktienkurse der Unternehmen ausgewirkt haben könnten, darunter Verbindungen zur NSDAP, Geschäftsjahr, Unternehmensgröße, -alter und Branche.

Unsere Studie zeigte, dass sich nach 1932 die Merkmale des Topmanagements in jenen Unternehmen änderten, die zuvor jüdische Führungskräfte beschäftigt hatten. Durch den Verlust ihrer jüdischen Manager sank nicht nur die Anzahl erfahrener Führungskräfte, sondern auch die Zahl der Manager mit Hochschulabschluss und Führungserfahrung. Auch die Verbindungen zu anderen Unternehmen (gemessen an den Sitzen in anderen Aufsichtsräten) nahmen deutlich ab. Diese Effekte hielten bis zum Ende unseres Stichprobenzeitraums im Jahr 1938 an. Die Ergebnisse zeigen, dass die Unternehmen ihre entlassenen jüdischen Manager nicht durch Führungskräfte ersetzten, die ähnliche Qualitäten aufwiesen.

AKTIENKURSE REAGIERTEN HEFTIG

Wir untersuchten jedoch nicht nur die Zusammensetzung der Führungsetagen, sondern digitalisierten und analysierten auch die Aktienkurse von Unternehmen mit jüdischen Managern zwischen 1929 und 1943 – insgesamt rund 240.000 Aktienkurse (siehe Grafik „Hohe Kursverluste“ rechts). Diese fielen nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 stark ab, als jüdische Manager nach und nach aus ihren Unternehmen gedrängt wurden. Die Kursverluste hielten bis zum Ende unseres Stichprobenzeitraums im Jahr 1943 an – also ganze zehn Jahre lang. In einem durchschnittlichen Unternehmen mit ehemals jüdischen Führungskräften sank der Aktienkurs nach 1933 um etwa 12 Prozent im Vergleich zu Unternehmen, die 1932 keine jüdischen Manager beschäftigt hatten.

VORAUSEILENDER GEHORSAM
Oscar Wassermann, jüdischer Vorstandssprecher der Deutschen Bank (sitzend, rechts), wurde 1933 aus dem Amt gedrängt. Hier besiegelt er 1929 bei einer Sitzung des Aufsichtsrats die Fusion mit der Disconto-Gesellschaft.


Die Aktienkurse sanken jedoch nur in jenen Unternehmen, bei denen die Entlassung jüdischer Manager dazu führte, dass der Anteil an Führungskräften mit Hochschulstudium sowie die Zahl der Verbindungen zu anderen Unternehmen erheblich abnahm. Dort, wo die Entlassungen diese beiden Messgrößen kaum beeinflussten, fielen die Aktienkurse nicht signifikant. Das deutet darauf hin, dass der Verlust hoch qualifizierter Führungskräfte für die schlechtere Börsenentwicklung der untersuchten Unternehmen verantwortlich war. Es gibt keine Hinweise darauf, dass andere Erschütterungen nach 1933 die Kursverluste dieser Unternehmen erklären könnten.

Interessanterweise ähnelt der kurzfristige Effekt, den der Verlust jüdischer Manager auf die Aktienkurse hatte, den Reaktionen des Aktienkurses, die prominente Managerabgänge in jüngster Zeit hatten. So brach die Aktie von Apple im Januar 2011 um 6 Prozent ein, nachdem sich CEO Steve Jobs aus Krankheitsgründen dauerhaft hatte beurlauben lassen. Und als FiatChryslers CEO Sergio Marchionne 2018 wegen Komplikationen nach einer Operation zurücktrat, verlor die Aktie des Autokonzerns 5 Prozent. Das deutet darauf hin, dass die Reaktion des Aktienkurses auf den Verlust hoch qualifizierter Manager auch heute noch so heftig ausfallen kann wie in den 1930er Jahren.

Im dritten Teil unserer Studie analysierten wir schließlich, wie sich der Verlust jüdischer Manager auf zwei weitere Kennzahlen der Unternehmensperformance auswirkte: auf die Dividenden und auf die Kapitalrendite. Dabei fanden wir heraus, dass nach 1933 die Dividendenzahlungen jener Unternehmen, die jüdische Manager verloren hatten, im Schnitt um 7,5 Prozent sanken – verglichen mit jenen Firmen, bei denen es keine Verluste an jüdischen Managern gegeben hatte. Auch die Kapitalrendite sank dort, wo noch 1932 jüdische Führungskräfte gearbeitet hatten, um durchschnittlich 4,1 Prozentpunkte nach 1933. Die Ergebnisse zeigen, dass der Verlust jüdischer Manager reale Rückgänge bei Effizienz und Rentabilität der Unternehmen verursachte.

GROSSER WIRTSCHAFTLICHER SCHADEN

Unsere Forschungsergebnisse helfen uns zu verstehen, welchen wirtschaftlichen Schaden es anrichten kann, wenn sich eine diskriminierende Ideologie verbreitet. Eine überschlägige Rechnung lässt erahnen, was der Verlust ihrer jüdischen Manager für die an der Berliner Börse gelisteten Unternehmen bedeutete: einen Rückgang ihrer Marktbewertung um 1,04 Milliarden Reichsmark, was 1,8 Prozent des gesamten deutschen Bruttonationaleinkommens im Jahr 1933 entsprach. Das ist ein wirtschaftlicher Schaden erster Ordnung.

In unserer Studie haben wir uns mit der wohl schwersten Form der Diskriminierung beschäftigt, die eine Gruppe von Mitarbeitern treffen kann. Doch auch weniger schwere Formen der Ausgrenzung können dazu führen, dass Talente verloren gehen. Schon das Gefühl, nicht willkommen zu sein, kann dazu führen, dass hoch qualifizierte Menschen das Land verlassen. Die Ergebnisse unserer Studie deuten darauf hin, dass ein solcher Exodus Menschen, Unternehmen und der Wirtschaft erheblich schaden könnte. Im Umkehrschluss heißt das, dass eine Politik, die Diskriminierung einzelner Bevölkerungsgruppen unterbindet, erhebliche ökonomische Vorteile haben kann.
© HBP 2019 siehe Seite 102

AUTOREN

KILIAN HUBER
ist Fellow in Makroökonomik am Becker Friedman Institute der University of Chicago. Ab Juli 2019 arbeitet er als Assistant Professor of Economics an der Booth School of Business der University of Chicago.

VOLKER LINDENTHAL
ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der volkswirtschaftlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München.

FABIAN WALDINGER
ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zu seinen Forschungsgebieten zählen Wirtschaftsgeschichte, Arbeitsmarktökonomie und Innovationsökonomie.


FOTO: OLIVER J. GRAF / INTERFOTO

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