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Wissen aktuell: Bomben und Gift von der Ostsee bis nach Dresden: E xplosive s Erbe!


Super TV - epaper ⋅ Ausgabe 31/2019 vom 25.07.2019

Warum sitzen wir noch immer auf einem Pulverfass?


Artikelbild für den Artikel "Wissen aktuell: Bomben und Gift von der Ostsee bis nach Dresden: E xplosive s Erbe!" aus der Ausgabe 31/2019 von Super TV. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Super TV, Ausgabe 31/2019

MÖRDERISCHES RELIKT
Durch den sowjetischen Truppenübungsplatz bietet berlinstaiga.de Führungen


WARNUNG Schilder sollen Neugierige abschrecken


Es war der größte Waldbrand Mecklenburg-Vorpommerns seit dem Zweiten Weltkrieg. Über 1.200 Hektar Wald standen bei Lübtheen in Flammen. Doch nicht nur Wind und die Trockenheit machten den Einsatzkräften zu schaffen. Da der Boden im Einsatzgebiet hochgradig mit Munitionsresten belastet war, konnten sich die Feuerwehrleute teils nur bis auf 1.000 Meter den Brandherden nähern. Dazu musste schweres Gerät wie Löschpanzer ...

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... eingesetzt werden, um die Einsatzkräfte vor einer Explosion durch Kampfmittel zu schützen. Denn hier schlummern bis zu 45,5 Tonnen Munitionsreste pro Hektar Land! Doch nicht nur bei Lübtheen lauert ein explosives Erbe. 70 Jahre nach Kriegsende sitzen wir noch immer auf einem Pulverfass!

EXPERTE Günter Fricke bildet an der Dresdener Sprengschule Kampfmittelräumer aus


BLINDGÄNGER Fund einer Fliegerbombe auf einer Baustelle in Dresden-Neustadt


Unsichtbare Gefahr

Die Manövergelände bei Lieberose, Heidehof, Jüterbog, Sperenberg oder Wittstock, die erst die Rote Armee und später die NVA nutzten, sind noch immer gespickt mit Waffenmüll. Dazu kommt, dass die Standorte ehemaliger Abfüllanlagen oder Betriebe zur Zerlegung von Kriegsmunition in Vergessenheit geraten sind. Die Granaten haben längst Rost angesetzt, inzwischen treten darin enthaltene Chemikalien aus, werden so zu einer ständigen Gefahr für Mensch und Umwelt.

Tödliches Risiko

Denn nicht nur Kinder faszinieren die Munitionsreste. Im letzten Dezember sprengte sich ein Hobbybastler im sächsischen Ödernitz in die Luft, als er gefundene Munition mit einer Säge bearbeitete. Das enorme Risiko wird noch lange ein Thema bleiben. Experten gehen davon aus, dass es 80 bis 120 Jahre dauern wird, bis das Gebiet um Lübtheen von Munitionsresten befreit sein wird! Eine flächendeckende Kampfmittelräumung in diesem Gebiet ist gar nicht vorgesehen

Bombenfunde

Aber auch in den Städten drohen verheerende Schäden. Bis heute werden immer wieder Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden. Allein in Berlin wurden seit dem Krieg etwa 7.500 Blindgänger geborgen, weitere 3.000 werden noch im Boden vermutet. Doch warum kann man sie nicht aufspüren, bevor sie Schaden anrichten? Experten fordern zur Gefahrenabwehr „Kampfmittelbelastungskarten“, die Auskunft über die Altlasten in einer Region geben. Grundlage für sie sind die Luftbilder der Briten und Amerikaner, die im Zweiten Weltkrieg zur Vorbereitung und Kontrolle ihrer Luftangriffe Aufklärungsfotos der betroffenen Regionen gemacht haben. Etwa 330.000 dieser Bilder stehen heute der Kampfmittelbeseitigung zur Verfügung. Doch die Einschlagstellen von Blindgängern sind darauf kaum zu finden. Denn sie hinterließen oft nur schmale Löcher, nicht viel breiter als der Sprengkörper selbst. Diese wurden mit Schutt und Steinen zugeschüttet und dann baute man darauf neue Häuser und Straßen. Durch den Bauboom in vielen Regionen kommen sie jetzt wieder ans Tageslicht.

Verseuchte Ostsee

Doch das explosive Erbe des Kriegs lauert auch in Nordund Ostsee. Nach Angaben des Expertenkreises „Munition im Meer“ lagern auf dem Meeres- grund vor den deutschen Küsten insgesamt 1,6 Millionen Tonnen Kampfmittel. Verrostete Granaten, Brandbomben oder Torpedos setzen giftige Substanzen frei. Zum Beispiel weißen Phosphor, der an die Strände gespült wird. Fatal: Spaziergänger halten ihn oft für Bernstein …Wann werden diese Gefahren endlich beseitigt? Oder müssen erst Menschen verletzt oder getötet werden, damit die Politik begreift, dass es jetzt höchste Zeit zum Handeln ist?!

BRANDGEFÄHRLICH
Weißer Phosphor aus Brandbomben wird an den Küsten angeschwemmt. Fatal: Er ähnelt Bernstein, doch er entzündet sich beim Kontakt mit Sauerstoff

WAFFENMÜLL Die Truppenübungsplätze der EX-DDR sind mit Munition gespickt


GRANATENHAGEL Artillerieschießen mit Kanonen auf dem Truppenübungsplatz der NVA in Annaburg


In 400 Jahren haben wir das Problem im Griff

Kampfmittelverdacht. Aktuell hat der Munitionsbeseitigungsdienst Mecklenburg-Vorpommern 798 Flächen – insgesamt rund 155.000 Hektar – als kampfmittelbelastet erfasst. In Brandenburg stehen 350.000 Hektar unter sogenanntem Kampfmittelverdacht. Die Region Berlin-Brandenburg ist noch immer die am meisten mit Altmunition belastete Region Deutschlands, wahrscheinlich sogar ganz Europas.

Gefährlicher Job. Für Bombenentschärfungen ist der sogenannte Kampfmittelbeseitigungsdienst zuständig. Laut Schätzungen wird es 400 Jahre dauern, bis diese Experten alle Kampfmittel beseitigt haben.

Geheimaktion Hydra. 1943 wollten die Briten die deutsche Heeresversuchsanstalt für Raketenforschung Peenemünde auf der Insel Usedom zerstören. In einer einzigen Augustnacht warf die Royal Air Force damals ca. 1.400 Sprengbomben, 36.000 Brandbomben und 4.100 Phosphorbomben ab. Viele landeten als Blindgänger im küstennahen Wasser und setzen heute weißen Phosphor frei.