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WISSEN: In sekten in Gefahr


Bild + Funk - epaper ⋅ Ausgabe 12/2020 vom 13.03.2020

Weltweit gibt es immer weniger Bienen und Käfer. Experten erklären die Folgen und was wir tun können, um die Tiere zu schützen


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Bildquelle: Bild + Funk, Ausgabe 12/2020

ARBEITSTIER Die Hummel bestäubt bis zu 18 Stunden lang Blüten, manchmal 3800 an einem Tag


EXPERTE

ÖKOLOGE

Prof. Wolfgang Weisser

33.300

Insektenarten sind in deutschen Wäldern und Wiesen heimisch

Da ist viel in Bewegung. Im Lavendelfeld schwingen die Halme leicht nach rechts und links, hin und her. Erst aus der Nähe erkennt man, dass es nicht der Wind ist, der die violetten Blüten zum Wogen bringt. Es sind Bienen und Hummeln. Doch das schöne Naturschauspiel wird immer seltener. Die ...

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... Zahl der Insektenarten geht rapide zurück - seit 2009 um über ein Drittel. Eine dramatische Entwicklung, denn die Tiere spielen eine Schlüsselrolle im Ökosystem: Sie bestäuben Pflanzen, lockern Böden, beseitigen Laub, sie fressen und werden gefressen, sind Nahrung für Vögel, Fledermäuse, Igel und viele andere Arten. Ohne sie droht die Natur aus der Balance zu geraten.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat nun erstmals den „Insektenatlas“ herausgegeben (bund.net/ insektenatlas) und erklärt, welche Folgen das Verschwinden von Bienen, Käfern und Schmetterlingen hätte. Inzwischen erkennt auch die Politik dieses Problem und hat das Aktionsprogramm Insektenschutz gestartet. Hier geben Experten Tipps, was jeder Einzelne tun kann, um das große Sterben zu stoppen.

Über fünf Millionen ARTEN WELTWEIT

Seit rund 400 Millionen Jahren prägen Insekten das Leben auf unserer Erde. Verglichen mit Säugetieren, Pflanzen, Vögeln und Fischen ist ihre Welt jedoch bisher kaum erforscht. Ein Grund dafür ist ihre Menge und Vielfalt: Von weltweit vermutlich über fünf Millionen Insektenarten ist erst eine Million beschrieben. Was sie alle gemein haben, ist die Anzahl ihrer Beine: nämlich sechs, angeordnet in drei Paaren.

Daher auch ihr wissenschaftlicher Name Sechsfüßer oder Hexapoda. Fälschlicherweise werden Spinnen oft zu den Insekten gezählt, mit ihren acht Beinen gehören sie jedoch nicht in diese Klasse, die weitere Merkmale hat. Der Körper von Insekten besteht aus drei Abschnitten: dem Kopf mit Mundwerkzeugen und Tausenden Einzelaugen, der Brust und den drei Beinpaaren. Überzogen ist er von einer dünnen, hornigen Chitinschicht, die vor Nässe schützt. Mit haarähnlichen Sinnesorganen können Insekten Düfte, Schwingungen, Temperatur und Feuchtigkeit wahrnehmen, mit den Fühlern riechen, schmecken, tasten.

Insekten ernähren sich sowohl von tierischer als auch von pflanzlicher Kost. Es gibt kaum einen Winkel der Erde, an dem es nicht summt, brummt oder krabbelt. Einzige Ausnahme ist das offene Meer. An vielen Orten wird es allerdings immer ruhiger. „Es ist höchste Zeit, das Insektensterben aus der Nische der Universitäten und Umweltverbände zu holen und es einem breiten Publikum zu präsentieren“, sagt Katrin Wenz, wissenschaftliche Mitarbeiterin Agrarpolitik beim BUND. Tatsächlich werden die kleinen Tiere, die so mancher für lästig hält, zu wenig beachtet. Viele leisten enorm wichtige Arbeit für die Landwirtschaft. So sind etwa räuberische Exemplare wie der Marienkäfer, der andere, schädliche Insekten frisst, als Nützlinge auf dem Acker überaus hilfreich (siehe Grafik Seite 8). Insgesamt werden fast 90 Insektenarten im biologischen Pflanzenschutz eingesetzt. Andere reinigen Gewässer und erhalten die Fruchtbarkeit der Böden.

GEPANZERT Seine natürliche Chitinhülle kann ihn davor nicht schützen: Pestizide in Kuhfladen bedrohen den Dungkäfer


SCHIMMERND Der Goldglänzende Laufkäfer bekämpft Schädlinge und dient als Nahrung, etwa für Fledermäuse


Eine weitere essenzielle Aufgabe übernimmt etwa die Hummel: Sie kann an einem Tag bis zu 3800 Blüten bestäuben, an Obstbäumen, Beerensträuchern oder Gemüsepflanzen wie Gurken. Damit ist sie bis zu 18 Stunden am Stück beschäftigt. 75 Prozent aller essbaren Nutzpflanzen müssen von Insekten besucht und bestäubt werden, um Samen oder Früchte tragen zu können. Eine Funktion, die auch Mücken, Schwebfliegen oder Schmetterlinge übernehmen. Aber in der sich immer weiter verändernden Umwelt haben es selbst die robusten Hummeln schwer. Auch sie könnten in den nächsten Jahren für immer verschwinden. Und das würde zu enormen Ernteausfällen führen. Global drohen bis zu einer Billion Euro an Ertragsverlusten. Eine der verheerenden Folgen: Die Preise für Lebensmittel würde enorm steigen.

Allein in Deutschland gibt es mehr als 33.300 bekannte Insektenarten, etwa Bienen, Käfer, Schmetterlinge, Libellen, Heuschrecken, Ameisen und Fliegen. Vor knapp drei Jahren zeigte erstmals eine Studie, wie bedroht sie sind. In ihrer Freizeit sammelten Insektenkundler des Entomologischen Vereins Krefeld von 1989 bis 2016 an 60 Standorten in Deutschland Daten zum Bestand. Das traurige Ergebnis der sogenannten Krefelder Studie: Die Biomasse der Fluginsekten nahm innerhalb von 27 Jahren um bis zu 76 Prozent ab.

BEISPIEL MARIENKÄFER INSEKTIZID GESPART

Die Grafik zeigt die Anzahl von Getreideblattläusen pro Halm an Weizenpflanzen: einmal mit und einmal ohne Marienkäfer

Fleißig Bis zu 3000 Schädlinge fressen Marienkäfer in ihrer Larvenzeit. Die Vielflieger schaffen bis zu 91 Flügelschläge pro Sekunde


TAGAKTIV Roesels Beißschrecke ist nach einem Naturforscher des 18. Jahrhunderts benannt


In den vergangenen 10 Jahren hat sich die Zahl der Insektenarten um ein Drittel reduziert

Wissenschaftler, Politiker und Umweltverbände sind seitdem alarmiert. „Diese Zahlen haben so viel losgetreten“, sagt Wolfgang Weisser, Professor für Terrestrische Ökologie an der Technischen Universität München. Der Biologe arbeitete seit 2008 an einer Studie, die den Zusammenhang von Landnutzung und biologischer Vielfalt untersucht. „Als die Krefelder Studie veröffentlicht wurde, kam mir die Idee, dass wir im Rahmen unserer Arbeit auch den Bestand der Insekten kontrollieren könnten“, erklärt Prof. Weisser. So entstand eine der weltweit umfangreichsten Untersuchungen zu diesem Thema.

Mit Keschern liefen Weissers wissenschaftliche Mitarbeiter über Wiesen in Brandenburg, Thüringen und Baden- Württemberg und fingen Insekten. In Wäldern wurden die Tiere in speziellen Fallen gefangen. Insgesamt analysierten die Forscher etwa eine Million Insekten, die zu über 2700 Arten gehörten. Das Ergebnis: In Graslandschaften nahm der Bestand in einem Jahrzehnt um 67 Prozent ab, in Wäldern um etwa 40 Prozent. „Diesen Rückgang haben wir nicht erwartet, aber er passt in das Bild, das inzwischen immer mehr Studien nachzeichnen“, sagt Prof. Weisser. Die meisten Daten zum Insektensterben kommen bisher aus Europa und Nordamerika. Natürlich kann man nicht von zwei Kontinenten Rückschlüsse auf die gesamte Welt ziehen, aber die Wissenschaftsgemeinschaft ist sich dennoch einig: Die Situation ist brisant. Nach vorsichtigen Schätzungen von Experten könnte bereits jede zehnte Spezies vom Aussterben bedroht sein. Bei den Schmetterlingen gehen vor allem die Spezialisten verloren, wie etwa die Tagfalter. Mit ihren langen Rüsseln können sie Blumen mit langen Blütenkelchen bestäuben. Sie reagieren sehr empfindlich und schnell auf Veränderungen in der Umwelt und sind deshalb gute Indikatoren für den Zustand und die Vielfalt einer Landschaft. Weil sie zudem recht leicht zu bestimmen sind, gelten sie als eine Art Frühwarnsystem.

Es gibt viele Faktoren, die für das Verschwinden von Insekten verantwortlich sind. Schuld ist nicht allein der Klimawandel. Der hat zwar Einfluss auf die Vegetation, zieht etwa die Blütezeiten im Kalender nach vorn. Auch vermehren sich Schadinsekten in Wärme schneller, und hitzegestresste Pflanzen sind anfälliger für Schädlinge und Krankheiten.


Ohne Insekten würde es bei uns still werden - und anfangen zu stinken.“ Prof. Wolfgang Weisser | Ökologe


So ist es gut!

Viel Grün So leicht kann man einen Garten insektenfreundlich gestalten: etwa mit Lavendel und schönen Wildblumen


So nicht!

WENIG GRÜN Ein gefährlicher Trend: Gartenflächen werden mit Steinen bedeckt, um die Pflege zu erleichtern


Volle Blüte

UNVERZICHTBAR Bienen bestäuben Nutzpflanzen. Ohne sie drohen Ernteausfälle. Doch Monokulturen und Gifte setzen ihnen zu


Aber Wissenschaftler sind sicher: Die Erderwärmung erklärt das Artensterben nur zum Teil. Hauptursachen sind fehlende Nahrung, mangelnder Lebensraum und dazu noch Gift, das in die Umwelt gelangt.

Immer neue Wohngebiete entstehen, Parkplätze und Straßen versiegeln den Boden (siehe Fotos o.), wilde Natur muss Ackerflächen weichen. Blumenreiche Wiesen werden umgepflügt und durch Monokulturen ersetzt, vor allem durch Mais. So verlieren Insekten ihren Lebensraum. Zudem werden Schädlinge, die die Ernte mindern könnten, mit Chemikalien bekämpft - aber meist so ungenau, dass das gesamte Ökosystem darunter leidet. Weltweit ist die Menge der verwendeten Pestizide seit 1950 um das 50-Fache gestiegen. Während ökologischer Anbau weitgehend ohne chemische Pflanzenschutzmittel auskommt, werden in der konventionellen Landwirtschaft weltweit pro Jahr etwa vier Millionen Tonnen eingesetzt.

Wie bedrohlich das für die Natur ist, zeigt etwa der schrumpfende Bestand von Dungkäfern, die bisher Kuhfladen bevölkert und zersetzt haben. Bei ihrer nützlichen Arbeit kommen die schwarz-braunen Panzertierchen immer häufiger ums Leben, denn im Kot von Rindern stecken Pestizide, die aus Kraftfutter stammen, meist Soja aus Südamerika.

Welche Folgen könnte es haben, wenn sich diese Entwicklung nicht stoppen lässt? „Eine Welt ohne Insekten wird es nicht geben. Ich glaube, dass immer einige Arten überleben werden. Aber wenn die Vielfalt stirbt, bricht vieles zusammen“, sagt dazu Prof. Weisser. „Es würde nicht nur still werden, sondern auch anfangen zu stinken. Und Lebensmittel würden knapp werden.“ Insekten entsorgen tote Biomasse, also Kot und Kadaver. Zudem wird das Nahrungsangebot für andere Tiere knapp, etwa für Vögel: Für einen Großteil unserer heimischen Arten sind Insekten ein wichtiger Teil des Speiseplans. Das gilt sogar für Körnerfresser, denn sie ziehen ihre Jungen mit Insekten auf. Rund 60 Prozent aller Vogelarten sind auf Käfer, Mücken & Co. angewiesen. Experten sorgen sich: Allein in Bayern gelten bereits ungefähr 50 Prozent der Feldvögel als bedroht. Aber auch für den Menschen hätte ein weiterer Rückgang der Populationen schwerwiegende Folgen. Vor einiger Zeit führte das SWR-Wissenschaftsmagazin „Odysso“ ein Experiment durch, um zu testen, wie die Apfelernte ohne den Einsatz von Bienen und anderen Bestäubern ausfallen würde. Das Ergebnis: Es gäbe rund 30 Prozent weniger Früchte. Zwar kann auch der Wind Blüten bestäuben, aber Insekten verrichten diese Aufgabe viel effektiver. „In vielen Gegenden in China oder Kalifornien muss man bereits Hummelvölker kaufen, um zu bestäuben“, sagt Weisser. „Ich hoffe nicht, dass wir in Deutschland je dahin kommen werden.“

HELFER Auch die Larven der Florfliege fressen Schädlinge wie Milben und Blattläuse


Nicht mehr zögern, ENDLICH HANDELN

Die Menschheit erlebt derzeit einen nie da gewesenen Niedergang der Natur - und sie hat ihn selbst zu verantworten. Um die Entwicklung zu stoppen, sind in erster Linie Politik und Landwirtschaft gefragt. Mit dem Aktionsprogramm Insektenschutz soll der Einsatz von Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungmitteln deutlich eingeschränkt werden. Das umstrittene Herbizid Glyphosat wird bei uns beispielsweise verboten - wenn auch erst ab 2023.

Doch auch jeder Einzelne kann und sollte etwas gegen das Sterben tun. Prof. Weisser: „Insekten fliegen nicht nach Italien wie die Zugvögel, sie überwintern bei uns an Baumstämmen, unter Laub oder in Blütenköpfen. Wenn es nichts gibt, wo sie Zuflucht finden, haben sie keine Chance. Jeder kann seinen Beitrag leisten: Weniger Gräser mähen, mehr Pflanzen bewusst stehen lassen - das hilft enorm.“ Auch als Konsument hat jeder deutlich mehr Einfluss, als ihm bewusst ist. „Wer etwa Produkte von Streuobstwiesen kauft wie etwa Säfte, unterstützt die Erhaltung der natürlichen Lebensräume“, erklärt Katrin Wenz. „Honig ist ebenfalls ein gutes Beispiel, weil Imker keine Pestizide einsetzen, um ihre Bienen nicht zu gefährden. Das wiederum bedeutet auch einen Schutz für Wildbienen. Wir empfehlen Produkte mit den Siegeln ,Deutscher Imkerhonig‘, ,Demeter‘, ,Bioland‘. Sie alle sind ökologisch erzeugt.“

Die konventionelle Landwirtschaft stehe nicht allein am Pranger, betont Prof. Weisser. „Jedem muss bewusst sein: Bei uns geht es so ans Eingemachte, dass man sich schon Sorgen machen muss“, sagt der Ökologe, der zu Beginn seiner Insektenstudie vor zehn Jahren noch gelassener auf das Thema blickte. „Der Effekt der Natur geht weit über ihre Schönheit hinaus. Wie groß er wirklich ist, beginnen wir gerade erst zu verstehen.“


FOTOS: S. 6-7: MANCI/PROTASOV/SHUTTERSTOCK (3), HERDER/DPA PICTURE-ALLIANCE, MARCO EINFELDT; S. 8: ÖZTÜRK/GETTY IMAGES, FIEBER/DPA PICTURE-ALLIANCE; S. 10: DIETERICH/GETTY IMAGES, KITANOVIC/ALAMY, RAUCH/FLORA PRESS, OELIGER/NABU