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WISSEN: WERKSTATT-BESUCH: Meister von Feuer und Luft


Schöner Südwesten - epaper ⋅ Ausgabe 6/2020 vom 26.11.2020

Hart und zerbrechlich, bunt oder klar: Kaum ein Material regt die Fantasie der Menschen so an wie Glas. Das uralte Handwerk der Glasbläserei wird im Schwarzwald von Kreativ-Künstlern am Leben gehalten.


Die Glasbläserei im Schwarzwald hat eine richtig lange Geschichte und war jahrhundertelang einer der klassischen Erwerbszweige der Mittelgebirge. Denn dort fanden die frühen Glasbläser alles, was sie brauchten: Quarz, Wasser und vor allem sehr viel Tannen- und Fichtenholz.

Den Grundherren im Schwarzwald, meistens geschäftstüchtige Äbte und Feudalherren, kam der hohe Holzverbrauch beim Glasmachen sehr ...

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Bildquelle: Schöner Südwesten, Ausgabe 6/2020

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... entgegen. Sie konnten so nämlich Wald in entlegenen Ecken ihres Grund besitzes zu Geld machen und es blieben, wenn die Glasmacher den Wald in der Umgebung nach 20 oder 30 Jahren kahlgeschlagen hatten und weiterzogen, besiedelte Flächenmit gerodetem Weideland für neue Bauern. Manche Ortsnamen wie zum Beispiel „Altglashütten", „Glasberg”, „Glasmatt” oder „Blasiwald“ zeugen auch heute noch von dieser Tradition.

Inzwischen existieren wieder etliche Glasbläsereien im Schwarzwald, welche die Handwerkskunst vergangener Zeiten wieder aufleben lassen. In diesen Glasbläsereien wird im Gegensatz zu den Glashütten nicht mit einer Ofenschmelze gearbeitet, sondern es werden aus vorhandenen Glasteilen kunstvoll neue Produkte erzeugt.

Dabei macht sich der Glasbläser die Physik zu eigen und nutzt diese allmähliche Aushärtung für seine Kunst. Sieht man einem Meister seines Fachs dabei über die Schulter, merkt man schnell: Glas blasen vor der Lampe ist etwas für die Seele und hat schon fast etwas Meditatives.

Alpirsbach, eine Kleinstadt im oberen Kinzigtal entstand als Siedlung um das 1095 vom Zähringer Bischof Gebhard III. geweihte gleichnamige Kloster. Mittlerweile für das würzige, feine Bier des „Alpirsbacher Klosterbräu“ berühmt, soll sich vor mehreren hundert Jahren im heutigen Naturschutzgebiet „Glaswiesen und Glaswald“, zwei Kilometer nordwestlich von Alpirsbach, in einem kleinen Seitental der Kinzig nahe der Quelle des Alpirsbächle eine Glashütte befunden haben. Dokumentarisch belegt ist das allerdings nicht.

Der Handwerker als Künstler

Das hat Glasbläsermeister Horst Giesa vor gut 20 Jahren ohnehin nicht gestört, als er nach Stationen in Göttingen und München schließlich im Schwarzwald die Arbeit aufnahm. Giesa, der Meisterschüler und Absolvent der Kunstfachschule für Glas in Zwiesel war und die Glasbläser-Meisterprüfung mit Auszeichnung als Bester des Jahrganges bestand, brachte neben handwerklichem Geschick und dem gekonnten Umgang mit der Flamme auch sein ganz besonderes Gespür für ästhetische Gestaltung mit nach Alpirsbach. Ihm gefällt, Handwerker und Künstler in einem zu sein, der jahrzehntelanges Glasbläser-Knowhow ganz lässig mit Fingerfertigkeit und schöpferischer Kreativität verbindet.

Naturgemäß ist die Geschichte der Glaskünstler im Schwarzwald eine ziemlich heiße Angelegenheit, denn bei mindestens 1000° bis 1200° Celsius entstehen hier Gebrauchs- und Kunst-Gegenstände, vom klassischen Bier- oder Weinglas über künstlerische Glas-Vasen bis hin zu einem reich verzierten Christbaumengel oder ganz ausge fallen - wie zum Jubiläum des Motorrad-Clubs Alpirsbach - einer Harley-Davidson-Miniatur aus Glas.

In der Advents- und Vorweihnachtszeit werden besonders Giesas filigrane und künstlerische Christbaumkugeln aus Glas nachgefragt, die um nichts in der Welt mit dem billigen Tand aus Fernost zu vergleichen sind. Und jedem Christbaum, der damit geschmückt wird, eine unvergleichlich individuelle Note verleihen.

Die Form der Christbaumkugel wird vom Apfel hergeleitet, weiß der Glasbläser, da dieser früher zum Dekorieren des Weihnachtsbaumes genutzt wurde. Die runde, perfekte Form symbolisiert Vollkommenheit und Göttlichkeit. Außerdem soll die Kugel aufgrund ihrer Gestalt, die keinen Anfang und kein Ende besitzt, die Ewigkeit, Fruchtbarkeit und das Paradies versinnbildlichen

Laut einem alten Volksglauben müsse ein Mädchen am 1. Weihnachtstag in der Tür stehend einen Apfel essen. Der nächste vorbeigehende Jüngling, den das Mädchen sehen würde, würde ihr künftiger Ehemann. Soweit jedenfalls die Geschichte.

Das Glasblasen vor der Lampe hat seinen Namen von einer Öllampe mit Blasebalg, mit deren Hilfe früher Glasstäbe erhitzt wurden, um das so erweichte Glas formen zu können. Die Öllampe wurde längst durch den Gasbrenner ersetzt, aber der Name ist geblieben.

Bei Glasbläsermeister Horst Giesa sitzen alle Handgriffe. Er zieht die erhitzte Glasröhre in Form auch ohne hinzusehen.


Zur Demonstration der möglichen Formenvielfalt sind diverse halbfertige Arbeiten für die Besucher aufgereiht.


Jedes Stück ein Unikat: Gläserne Harley-Davidson-Motorräder zum Jubiläum des Motorrad-Clubs Alpirsbach.


Individuell gefertigte Christbaumkugeln aus Glas in beinahe unendlichen Variationen, mit fantasievollen Dekoren klassisch, verspielt, kunterbunt, festlich, künstlerisch wertvoll… Horst Giesa zeigt sich auch ganz speziellen Kundenwünschen gegenüber aufgeschlossen.


Für seine spezielle Art der Hohlglasbearbeitung nutzt der renommierte Glaskünstler ausschließlich Glasröhren der Schott AG aus Mainz, die ihm bestes Grundmaterial in gleichbleibender Qualität garantieren. Die Glasröhren werden zunächst vor dem Brenner in vorsichtiger Drehung auf über 1000° erhitzt. Durch das Erhitzen der Röhre wird das Glas weich und kann jetzt mit viel Geschick durch Drehen, Ziehen, Ansetzen und Blasen zu kleinen Kunstwerken verändert werden.

Die blau-orange Flamme der Lampe faucht regelrecht auf, als Giesa per Fußpedal Gas gibt, der Brenner wird mit Gas und Sauerstoff befeuert. Vorsichtig dreht der Glasbläsermeister die Röhre, bis diese an der vorgesehenen Stelle rundum grellgelb leuchtet. Schon nach gut einer Minute kann der 74-jährige das eben noch harte und inzwischen hell glühende Glas wie frischen Brezelteig in die Länge ziehen. Der nicht benötigte Rest der Glasröhre wird einfach abgedreht und wandert ins Lager zurück.

Das weiche Werkstück wird nun weiter vor der Flamme gestaucht, gedreht, gebogen, angeblasen, bis, je nach letztendlichem Verwendungszweck, die gewünschte Form erreicht ist. Im Falle der Christbaumkugeln bläst der Glasmacher den Hohlraum auf das gewünschte Maß auf, zwickt ein Ende ab und formt aus dem anderen am Kopf der Kugel einen kleinen Aufhänger.

Metalloxyde färben das Glas

Verspiegelte und farbige Varianten der Weihnachtskugeln werden geschaffen, indem eine Lösung aus Silbernitrat in die Kugel gefüllt wird. Die Kugel wird so von innen verspiegelt und erscheint nicht mehr durchsichtig. Für bunte Varianten werden die noch nicht ausgekühlten Kugeln in Metalloxyden oder Salzen gewälzt, die Struktur und Farbe ins Glas abgeben. Es können auch diverse Techniken und Materialien wie etwa Leim, Gold- und Silberstaub für die Verzierungen der Kugeln angewendet werden. Um verschiedene Muster aufzutragen, wird mit Leim ein Grundmuster auf die Kugel gemalt. Bevor der Leim trocknet wird der Gold- oder Silberstaub aufgetragen. Der Fantasie sind hierbei kaum Grenzen gesetzt. Horst Giesa aus Alpirsbach ist dabei wahrlich ein Meister von Feuer und Luft, denn seine Arbeiten beeindrucken durch ihre stimmungsvolle- und ausdrucksstarke Formgebung und lassen den faszinierenden Zauber der Glaskunst gerade an Weihnachten lebendig werden.

Alpirsbacher Glasbläserei

Krähenbadstr. 3

72275 Alpirsbach

Tel: +49 7444 - 6009

www.glasblaeserei-alpirsbach.de


Fotos: Jürgen Schwitzkowski