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WM PHOENIX OPEN: Die schönste Nebensache!


GOLF MAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 30/2019 vom 18.02.2019

Was sich bei derWaste Management Phoenix Open jährlich an Loch 16 zuträgt, ist mit nichts in der Welt des Golfsports zu vergleichen. Felix Grewe begleitete Tausende abgedrehte Fans an die berühmteste Bahn der US-Tour, an der Golf nicht wirklich entscheidend ist …


Artikelbild für den Artikel "WM PHOENIX OPEN: Die schönste Nebensache!" aus der Ausgabe 30/2019 von GOLF MAGAZIN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: GOLF MAGAZIN, Ausgabe 30/2019

Die WM Phoenix Open wird auch als die Peoples Open bezeichnet. Der extrem beliebte Rickie Fowler ist der dazu passende Champion.


Seit 13 Jahren ist Jerome bei der Waste Management Phoenix Open als Security Mann im Einsatz. Immer an der 16. Bahn, dem lautesten Golfloch der Welt.


Jon Rahm fühlt sich bei der Phoenix Open erkennbar wohl! Kein ...

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... Wunder: Der Spanier ging auf die Arizona State University und hat in Phoenix Heimspiel.


Diese Geschichte erzählt von einem Tag vor Ort beim verrücktesten Golfturnier der Welt, bei dem es tatsächlich nur am Rande um den Sport geht. Sie beginnt am Samstagmorgen des ersten Februar-Wochenendes um 6:30 Uhr, als es noch stockfinster ist und bereits ein paar Tausend Menschen vor verschlossenen Toren des TPC Scottsdale, dem bekanntesten Golfclub von Arizona, warten. Viele harren bereits seit mehr als vier Stunden aus. Sie haben die Nacht durchgemacht, um ganz vorn dabei zu sein, wenn die Eingänge öffnen. Ein junger Mann, der eine schwarze Sonnenbrille trägt und trotz kühler zwölf Grad mit kurzer Hose und im ärmellosen Shirt unterwegs ist, schreit: „I don’t care about Golf!“ Übersetzt also: „Golf interessiert mich nicht!“ Ein paar andere grölen. Eine groteske Szenerie, die zum Karohosen-Image des vermeintlichen Oberschichtensports so wenig passt wie Schnee zum Wüstenstaat Arizona. Im Vergleich zu dem, was sich in den kommenden Stunden an einem der berühmtesten Par 3s der Welt, der 149 Meter langen 16. Bahn der Waste Management Phoenix Open, abspielen wird, ist die Stimmung zu diesem Zeitpunkt allerdings fast noch bieder.

Um 7 Uhr beginnt der Einlass, es wird laut und hektisch. Tickets werden an diesem Morgen nicht kontrolliert – weil die wilde Menschenmenge unkontrollierbar ist. Normalerweise kostet eine Eintrittskarte am Samstag 60 Dollar. Nicht alle, die so früh schon auf den Beinen sind, haben auch wirklich bezahlt. Die Horde rennt nun los, sie nennen es in Scottsdale das „Race to 16“. 22.000 Zuschauer passen in das faszinierende und größte Golfstadion der Welt. Ein Großteil der Plätze wird in VIP-Logen (die gibt es auch an anderen Bahnen) an Unternehmen verkauft. Eine Box für etwa 40 Personen kostet pro Tag zwischen 50.000 und 75.000 Dollar.

Wer fit ist, erreicht die Tribünenaufgänge nach fünf Minuten. Später wird sich eine Schlange bilden, in der man drei, vier Stunden oder auch länger warten muss. Einige Frauen laufen deshalb barfuß in Cocktailkleidchen, sie tragen ihre Schuhe, weil es sich auf zehn Zentimeter hohen Absätzen nun mal schlecht sprintet.

Vor zwei Jahren musste sich Rickie Fowler Hideki Matsuyama an einem dramatischen Finalsonntag geschlagen geben. In diesem Jahr spielte der Japaner mit einem geteilten 15. Rang keine größere Rolle.


Nach diesem Drop kullerte der Ball ohne Fremdverschulden zurück ins Wasser. Die Folge: ein weiterer Strafschlag.


Für viele Fans spielt Golf nur eine untergeordnete Rolle bei der Phoenix Open. Sie wollen Spaß haben und stundenlang Party machen.


Manche haben kaum Stoff am Körper, dafür umso mehr Make-up im Gesicht. Männer sind wie beim Karneval verkleidet, sogar mit Sesamstraßen-Kostümen. Jerome ist seit vier Uhr im Dienst. Er trägt eine weite, lilafarbene Jacke und hat einen schwarzen Knopf im rechten Ohr, so wie alle Security-Männer im weiten Rund.

Seit 2006 arbeitet er jedes Jahr bei der Phoenix Open, jedes Jahr an Loch 16, jedes Jahr im gleichen Block, vier Tage hintereinander. Er war bei Konzerten im Einsatz, beim American Football und beim Basketball, erzählt er. Er sagt: „Das hier ist das Verrückteste, was ich jemals gesehen habe!“ Einerseits begeistert ihn die Atmosphäre. Doch das Verhalten der Fans, die später volltrunken jeden erfolgreichen Abschlag frenetisch bejubeln und jeden am Loch vorbeirollenden Putt mit hämischen Buh-Rufen quittieren werden, findet Jerome „respektlos“. Er sagt: „Viele hier haben keine Ahnung von dem Sport. Für sie ist das Turnier nichts anderes als ein Anlass für ein Besäufnis.“

Es wird gefeiert – egal was!

Golf gespielt wird zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht an Bahn 16. Der erste Flight soll um 10:15 Uhr kommen. Dann werden die Profis wie Gladiatoren durch einen Tunnel schreiten, der sie vom 15. Grün in das Kolosseum von Bahn 16 führt. Doch statt Bällen fliegen erstmal kaum genießbare Burritos – mit Bohnen, Reis, Tomaten und Käse gefüllte Tortillas – durch die Luft, die Helfer mit kermitgrünen Mützen auf die Tribünen werfen. Wie bei einer Raubtierfütterung im Zoo. Der sogenannte Breakfast-Club ab 7:30 Uhr wurde im vergangenen Jahr von den Veranstaltern eingeführt, um das stundenlange Warten unterhaltsamer und die fast minutiös getaktete Inszenierung noch perfekter zu gestalten. Jerome erzählt, es gäbe noch einen Grund: „Die Leute sollten etwas essen, weil hier eine Menge Alkohol fließen wird!“

Um 7:45 Uhr dröhnt „The Star-Spangled Banner“, die amerikanische Nationalhymne, aus den Boxen. Später spielt der DJ an seinem Arbeitsplatz, 30 Meter vor dem Grün, den Phoenix Open-Song schlechthin, auf den alle warten: „Sweet Caroline, oh, oh, oh“ grölen die Feierlaunigen.

8:30 Uhr, der nächste Höhepunkt. Ein kleiner Mann mit schwarzer Jacke und schwarzer Hose trägt die Fahne in die Arena. Bei keinem anderen Golfturnier auf dieser Erde würde davon irgendjemand eine Notiz nehmen. Aber der Stadionsprecher begrüßt ihn, einen gewissen Valentin, den er als „Mr. 16“ vorstellt, wie einen Boxer, der in den Ring steigt. Die Menge johlt. Wenige Sekunden vor 9 Uhr zählt der Gute-Laune-Mann am Mikrofon den Countdown zum Start des Bierverkaufs herunter, er ist nun endgültig der Liebling der Massen.

Branden Grace kommt mit Martin Kaymers Ex-Caddie Craig Conelly wunderbar zurecht. In Arizona musste sich der Südafrikaner lediglich Fowler geschlagengeben.


Traurige Erinnerung. Ein Bag, sein gelber Schlapphut und eine Tafel erinnerten an den im vergangenen Jahr an Leukämie verstorbenen Australier Jarrod Lyle.


29 Jahre war Johnny Miller (l.) Kommentator beim Golf Channel. Bei der Phoenix Open war er zum letzten Mal vor den Fernsehkameras zu sehen; Miller geht in Rente.


Die Phoenix Open ist mit nichts auf den Profi-Touren zu vergleichen. Nicht mit dem Ryder Cup und auch nicht im Ansatz mit einem der vier Major-Events. Manche Profis lieben sie, andere hassen sie. Als Tiger Woods 1997 an Loch 16 ein Holein-One glückte – eins von neun Assen in der Geschichte des Turniers –, wurde die Bahn endgültig weltberühmt und das Event in den Jahren danach immer größer. Inzwischen kommen mehr als 700.000 Besucher an vier Tagen, genaue Zahlen veröffentlichen die Veranstalter nicht mehr. Vier Jahre nach seinem Traumschlag flog eine Orange aufs Grün während Woods puttete – es war damit sein letzter Auftritt im TPC Scottsdale.

Phil Mickelson, dreifacher Phoenix-Champion, sagte einmal: „Wir Spieler sollten zu schätzen wissen, dass man hier etwas erlebt, das es nirgendwo anders gibt. Man muss die Energie der Leute und der Bahn aufsaugen – und sie zu seinem Vorteil nutzen.“


„Es wäre leicht gewesen zu sagen, dass heute einfach nicht mein Tag ist. “ – Rickie Fowler nachdem er den Sieg fast noch aus der Hand gegeben hätte


Dass Mickelson in diesem Jahr am Cut scheiterte, weiß an Loch 16 heute vermutlich lange nicht jeder. Ebenso gleichgültig dürfte es vielen sein, dass Rickie Fowler zur Halbzeit mit 13 Schlägen unter Par ganz oben steht im Leaderboard.

„Wer führt? Ich habe keine Ahnung, ist doch völlig egal“, ruft ein Fan. Sein Pegel ist ihm wichtiger. Der Bierverkauf läuft hervorragend. Zwei Dutzend Männer sind im Stadion dafür verantwortlich, dass das „Coors Light“ in silberfarbenen Plastikflaschen unter die Durstigen gebracht wird. Sie schleppen die 40 Flaschen pro Kiste im Fünf-Minuten-Takt heran.

Neue Lieferungen werden in jedem Block lautstark gefeiert, obwohl ein Bier neun Dollar kostet. Mehr als 100.000 Dollar Umsatz machen die Ausrichter des Turniers am dritten Spieltag allein an Loch 16. Veranstalter sind die Thunderbirds, eine ehrenamtliche Non-Profit-Organisation, die in jedem Jahr Millionen ihrer Einnahmen für gute Zwecke in Arizona spendet. Allein 2018 waren es 12,2 Millionen, in der 83-jährigen Turniergeschichte sind 134 Millionen Dollar zusammengekommen. Chapeau!

Fast sah es so aus, als würde Rickie Fowler im letzten Moment die Nerven verlieren. Am Ende konnte er zu seinem Glück aber strahlen.


Als um 10:14 Uhr Jason Kokrak, Xander Schauffele und Adam Hadwin aus dem Tunnel auf den Abschlag treten, hat die Stimmung ihren Siedepunkt schon überschritten. Die inzwischen stark alkoholisierten Männer und Frauen würdigen das erste Birdie des Tages, das ausgerechnet ihrem Landsmann Schauffele glückt, nicht mit größerer Euphorie als den Auftritt eines älteren Herren zeitgleich auf dem Oberrang: Er leert sein Bier in einem Zug und wird gefeiert wie ein Nationalheld. Neben ihm muss jemand zweimal ansetzen, er kann den wütenden Pulk jedoch mit einem Bäuerchen versöhnen. Es ist der Moment, in dem sich die bis dato zwar völlig abgedrehte, aber durchaus amüsante Fröhlichkeit in ein zunehmend unangenehmes Gelage zu verwandeln beginnt.

Kurioses Finish

Noch einige Stunden geht es so weiter. Vor den Eingängen zur Bahn 16 tummeln sich immer mehr Menschen. Andere picknicken im Gras, schießen Selfies für die Follower-Gemeinde auf Instagram. Und tatsächlich gibt es auch noch Besucher, die sich an den restlichen Bahnen auf Abschläge und Putts konzentrieren.

Am Nachmittag verlagert sich das Chaos an die Taxi- und Uber-Stände. Wie immer nach einer exzessiven Party: Irgendwann will man nur noch nach Hause. Die ganz Harten feiern noch weiter, im Nightclub „Birds Nest“, einem Partyzelt am Rande des Geländes. Es ist das Ende einer verrückten Geschichte vom verrücktesten Tag an der verrücktesten Bahn beim verrücktesten Golfturniers der Welt.

Ach so, bester Mann des Turniers ist Rickie Fowler. In der Schlussrunde am Sonntag leistet sich der Amerikaner zwar an Bahn 11 ein kurioses Triple-Bogey, weil er die Kugel zunächst im Wasser versenkt, sein gedroppter Ball erneut hineinkullert und er dafür einen zweiten Strafschlag kassiert. Trotzdem triumphiert er mit 267 Schlägen und einer -17 auf dem Scoreboard vor Branden Grace (269) und Justin Thomas (270). Es ist der Premierensieg für den 30-Jährigen im TPC Scottsdale und der erste Erfolg auf der PGA-Tour nach knapp zwei Jahren. Aber das haben nur die echten Fans mitbekommen.

EIN WENIG MEHR LOCKERHEIT TÄTE GUT

Eines vorweg, liebe Leserinnen und Leser: Massenveranstaltungen sind für mich grundsätzlich eine Höchststrafe. Niemals würde ich freiwillig das Oktoberfest besuchen. Und jede Karnevalsparty der Welt kann mir gestohlen bleiben. Der Tag an Bahn 16 bei der Phoenix Open war für mich zwar ein Muss-Erlebnis, weil das Turnier zu den verrücktesten Sportveranstaltungen überhaupt gehört. Aber nach ein paar Stunden reichte es mir. Eines ist mir nach dem Besuch dennoch unverständlich: Warum diskutieren wir beim Golf über respektloses Verhalten der Zuschauer, jedoch nicht in anderen Sportarten? Muss sich ein Elfmeterschütze im Finale der Fußball-WM tatsächlich weniger konzentrieren als ein Golfprofi vor dem entscheidenden Putt? Es ist selbstverständlich, dass jedes Jahr nach Weihnachten im Londoner Alexandra Palace tausende Volltrunkene eine Darts-Party feiern, während Michael van Gerwen mit der nächsten Triple 20 satte 500.000 Euro Preisgeld verdienen kann. Doch beim Golf – selbst an Bahn 16 des TPC Scottsdale! – halten Marshalls „Quite, please!“-Schilder in die Luft. Mich ärgern diese Diskussionen auch beim Tennis schon seit langem: Bei der US Open in Flushing Meadows schmatzen 24.000 Fans im gewaltigen Arthur Ashe Stadium beim Burgeressen, während sich die Profis in Wimbledon echauffieren, wenn im Oberrang eine Erdbeere aus der Schale plumpst. Die Dimensionen bei der Phoenix Open in Scottsdale bewegen sich außerhalb des Rahmens, das stimmt. Aber: Ein wenig mehr Lockerheit täte dem angestaubten Golfsport auch hierzulande gut!

Felix Grewe


FOTOS: GETTY IMAGES / ARCHIV

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