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WO EIN WILLE IST, DA IST AUCH EIN WEG!


St.GEORG - epaper ⋅ Ausgabe 10/2020 vom 16.12.2019

NACH GANZ OBEN kommt man im Reitsport nur mit Vitamin B und dem nötigen Kleingeld? Weit gefehlt! Dass es auch ganz anders geht, zeigen drei Weltklassereiter, denen Olympia nicht in die Wiege gelegt wurde


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Helen Langehanenberg mit der Oldenburger Stute Candy, die bei ihr in den großen Sport hineinwächst.


Foto: Equitaris/Becker

Die 84,377 Prozent von Helen Langehanenberg und Damon Hill sicherten Deutschland Mannschaftsgold bei der Europameisterschaft 2013.


Foto: Toffi

London 2012. Helen Langehanenberg, damals 30 Jahre jung, ist mit Damon Hill die Säule des deutschen Dressurteams der Olympischen Spiele. Etwas, ...

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... was sie nie für möglich gehalten hätte. Und was ihr auch noch bis zum letzten Moment vollkommen unwirklich vorkommt. Bis sie vor Ort ist. „Auf einmal war ich da mutterseelenalleine im Stadion. Da habe ich erstmal geheult wie ein kleines Kind! Erst in diesem Moment wurde mir klar, dass sich hier gerade mein Kindheitstraum erfüllt.“ Sie gewinnt Silber mit der Mannschaft und wird Vierte in der Einzelwertung. Nicht der einzige Erfolg, den sie mit dem wunderbaren Westfalen Damon Hill erringt, den sie fünfjährig schon zum Weltmeister der jungen Dressurpferde gemacht hatte. Doch der Weg dorthin war lang und alles andere als vorherbestimmt.

Helen Langehanenberg stammt nicht aus einer Reiterfamilie. Zu den Pferden kommt sie schon in der Grundschule über eine Freundin. Die wohnt auf einem Ponyhof und Helen Langehanenberg ist schnell mit dem Pferdevirus infiziert. Zunächst reitet sie einmal pro Woche. Dann lernt sie in der fünften Klasse ein Mädchen kennen, deren Eltern sogar einen eigenen Ausbildungsstall haben.

FLUMMI: INDIANER- UND DM-PONY

„Wir sind noch immer beste Freundinnen“, so Helen heute. Hier ist sie oft auf dem Hof, darf auch reiten, träumt aber vor allem von einem eigenen Pony. „Ich war ständig da und irgendwann haben meine Eltern sich erbarmt.“ So kommt Flummi zu ihr, damals vierjährig. „Ich konnte nichts, er konnte nichts – das war alles andere als ideal!“ Aber leistungsorientiertes Reiten ist sowieso noch kein Thema, „mehr Indianer spielen“. Doch auch ein Indianer muss sein Pferd beherrschen und mit viel Hilfe seitens der Eltern ihrer Freundin und anderen Einstellern raufen Helen und Flummi sich zusammen. Dass sie sich für die Dressur entscheidet, liegt an Flummi. Der macht seinem Namen eigentlich alle Ehre und kann gut springen, aber „er war dermaßen glotzig, ich hatte keine Chance, ihn auf dem Turnier durch einen Parcours mit bunten Stangen zu bekommen“, erinnert Helen Langehanenberg sich an ihre Versuche mit Hindernissen. Dabei ist sie eigentlich gerne gesprungen. Aber dass man ein Pferd zu nichts zwingen kann, was es nicht will, das bringt Flummi ihr schon damals bei. „Irgendwann wollte ich nicht mehr“ – der Anfang einer großen Dressurkarriere, die auf Flummi begonnen hat. „Ich war schon ehrgeizig. Wenn ich nur eine grüne oder eine braune Schleife bekam, wie es sie damals noch in Jugendreiterprüfungen gab, war ich frustriert.“ Und ja, klammheimlich träumt sie auch von der großen Karriere: „Ich hätte mich nie getraut, das laut auszusprechen, aber ich habe von Olympia geträumt. Ich hätte allerdings nie gedacht, dass das klappt. Das war einfach ein Traum.“ Falsch gedacht! Mit Indianerpony Flummi nimmt Helen sogar an Deutschen Meisterschaften teil. Doch dann kommt der Moment, den jeder Ponyreiter fürchtet: der 16. Geburtstag. Wobei die Sache für Helen klar ist: „Flummi abzugeben, war indiskutabel und ich komme nicht aus einem reichen Elternhaus. Ein Großpferd war nicht drin.“ Also entscheidet sie, Flummi weiterzureiten, ihm fliegende Wechsel beizubringen und zu schauen, wie weit sie gemeinsam kommen. Doch ihr Umfeld sieht das anders: „Die haben alle auf mich eingeredet. Ich hätte doch Talent und ich müsste weitermachen. So habe ich mich überreden lassen.“ Flummi geht an ein anderes Mädchen, allerdings lässt Helen sich das Versprechen geben, dass er später zu ihr zurückkommt (was tatsächlich passiert ist). Flummis Nachfolger ist Princeton, ein Hannoveraner Prince Thatch xx-Sohn, der seine Vollblut-Vorfahren nicht leugnen kann.

Problematisch war vor allem sein Temperament. „Dieses Pferd einem Ponyumsteiger zu verkaufen, war nicht korrekt“, sagt Helen unumwunden. „Er hat gebockt, wie eine Wildsau!“ Heruntergefallen ist sie nur ein einziges Mal von dem Wallach, aber sie hatte regelrecht Angst vor ihm. „Ich bin wirklich niemand, der Widerworte gibt beim Reiten. Aber manchmal, wenn ich Unterricht hatte und Ingrid (Klimke) mich aufforderte, dieses oder jenes zu machen, dann habe ich mich einfach nicht getraut. Ich wusste, wenn ich das versuche, wird er wieder bocken.“ Wo heute viele Eltern sagen würden, „der Bock muss weg“, muss Helen sich durchbeißen. „Er war kein Superstar, aber das, was wir uns leisten konnten“, so Helen. Ihr zur Seite steht Ingrid Klimke. Im Stützpunkttraining lernt Helen die spätere Reitmeisterin kennen, fasst sich ein Herz und fragt, ob sie häufiger kommen dürfe. Sie durfte. Mit Hilfe von Ingrid Klimke raufen sie und Princeton sich zusammen: „Irgendwann ging es ganz gut.“ Da stapelt Helen Langehanenberg tief. Sie bildet Princeton bis Grand Prix aus und nimmt mit ihm am Piaff Förderpreis teil. „Er hat alles gelernt. Nicht super, aber er ging alle Lektionen.“

2003/2004 lernt sie Klaus Balkenhol kennen und die Stute Responsible. Sie kommt Ende fünfjährig als Berittpferd zu ihr. Mit ihr schafft Helen Langehanenberg den Durchbruch in den Grand Prix-Sport. Berittpferd? Inzwischen ist Helen Langehanenberg Pferdewirtin. Die Ausbildung hat sie bei Ingrid Klimke gemacht. „Mir war klar, dass ich Pferdewirtin werden wollte, seitdem ich wusste, dass es diesen Beruf gibt“, so Helen. Ihre Eltern hingegen sind besorgt. Pferdewirtin? Ist das das Richtige für eine kleine zarte Frau? Der Kompromiss: Helen darf die Ausbildung machen, soll aber anschließend studieren. Sie entscheidet sich für Jura: „Ich wollte halt etwas, bei dem ich nebenbei noch reiten kann.“ Aber sie stellt schnell fest, dass Uni, Hörsaal und Studentenkneipen nicht ihre Welt sind. „Es war furchtbar für mich! Ich war ein paarmal mit denen abends weg, aber ich konnte mich damit überhaupt nicht identifizieren.“ Also wägt sie ab – zu Ende studieren, um am Ende einen Job zu machen, der ihr genauso wenig Spaß macht wie das Studium, oderabbrechen, weiter reiten und riskieren, dass sie davon vielleicht nicht leben kann? Sie muss nicht lange überlegen. Ein neuer Deal mit ihren Eltern: Sie soll ein, zwei Jahre ausprobieren, wie es läuft. Heute würde man sagen: Läuft. Rückwärts und bergab, aber läuft. Denn tatsächlich hat Helen von Anfang an viel zu tun. Aber es war auch hart – jedes Wochenende Turnier mit zehn Pferden, keine Freizeit, dafür eine Mengeauch körperlich harter Arbeit. Aber es macht Helen nichts aus. „Ich denke, wenn man etwas wirklich will, dann schafft man es auch!“ Eine Kämpferin ist sie bis heute. Sie erarbeitet sich einen Namen. Als Ingrid Klimke sich 2005 den Arm bricht, darf sie Damon Hill bei den Weltmeisterschaften der jungen Dressurpferde in Verden vorstellen. „Als Ingrid mir sagte, wir gehören zu den Favoriten, bin ich fast hintenübergekippt. Klar, Dami war für mich das Nonplusultra, aber der Jockey passte doch nicht. Ich hatte ja keinen Namen.“ Und doch wird sie Weltmeisterin. Einer der Schlüsselmomente ihrer Karriere. Obgleich sie damals noch gar nicht an das denkt, was später noch auf sie warten wird. „Mir hat das Turnierreiten immer Spaß gemacht. Aber ich habe nie ernsthaft über die Weltspitze nachgedacht. Das war ein Traum, ja, aber völlig unrealistisch.“ Responsible, Resi, belehrt sie eines Besseren. 2007 ist ihr erstes Grand Prix-Jahr, 2008 sind sie Reservisten für die Olympischen Spiele in Hongkong. Ein Erfolg reiht sich an den anderen und Helen lernt dazu, nicht nur reiterlich, sondern auch mental. „Ich habe nie einen Mentalcoach gebraucht, ich bin mit mir im Reinen, ich habe mich selbst therapiert“, sagt sie. Aber auch das will erst einmal gelernt sein. Es kommen Phasen, in denen sie nicht weiterkommt, unzufrieden ist mit sich, weil sie das Gefühl hat, im Viereck nur 70 bis 80 Prozent dessen abrufen zu können, wozu sie und ihr Pferd eigentlich in der Lage wären. „Ich habe mich zu doll unter Druck gesetzt. Ich wollte es zu gut machen.“ Die Lösung ist ein Satz von Resis Züchterin und Besitzerin: „Du hast Geld bezahlt, dass Du hier sieben Minuten Prüfung reiten kannst, also genieß es auch!“ Das hat bei Helen Langehanenberg einen Schalter umgelegt. „Plötzlich war es mir nicht egal, aber egaler, was passiert. Und dann funktionierte es wieder.“ 2010 wartet dann die Chance ihres Lebens auf Helen: Damon Hill. Besitzer Christian Becks vertraut ihr den von Ingrid Klimke bis Grand Prix ausgebildeten Hengst an. Die beiden sind Teil einer neuen Dressurbewegung, weg von der holländischen Brutalo- Reiterei hin zu Harmonie und Leichtigkeit, tanzen statt strampeln. Dami – oder „Mister Hill“ – trägt Helen zum ersten Aachen-Sieg, zum ersten Championat, zu den ersten Olympischen Spielen, zum Weltcup-Titel.

2014 knacken sie die 90 Prozent-Marke in der Grand Prix-Kür von Neumünster. Und wenn einer wie Carl Hester sagt, er bewundert, wie ein zartes Persönchen wie Helen Langehanenberg ihre Hengste motiviert, dann ist dem nicht viel hinzuzufügen. Ob sie einen Tipp hat für ehrgeizige junge Reiter? „Ich denke, man muss es wirklich wollen und sich dafür einsetzen! Glück gehört auch dazu, aber vor allem der Glaube daran, es schaffen zu können, dafür kämpfen und hart an sich arbeiten.“ Und last, but not least, sich nicht unterkriegen zu lassen, auch wenn der Frust noch so groß ist: „Zum Erfolg gehört auch Misserfolg. Aber am Ende wollte ich es immer und habe die Zähne zusammengebissen.“ Das hat funktioniert. Aktuell ist Helen Langehanenberg mit Damsey Mitglied des Olympiakaders, die Nummer sechs der Weltrangliste und glücklich: „Ich wollte immer reiten und das ist es, was ich heute tue. Ich würde es immer wieder so machen.“

Vier Jahre lang gehörten Helen Langehanenberg und Damon Hill zur Dressur-Weltspitze.


Foto: Toffi

Helen Langehanenberg auf der Holsteiner Stute Annabelle.


Foto: Equitaris/Grömping


„Zum Erfolg gehört auch Misserfolg!“
Helen Langehanenberg hat sich durch Rückschläge nie entmutigen lassen.

Mit „Resi“ gelang Helen Langehanenberg der Durchbruch.


Foto: Toffi

ZUR PERSON: HELEN LANGEHANENBERG

Jahrgang 1982, Ausbildung zur Pferdewirtin bei Ingrid Klimke, schon währenddessen Erfolge bis Grand Prix und Weltmeisterin der jungen Dressurpferde mit Damon Hill. Danach lange Training mit Klaus Balkenhol. Seit Anfang 2016 arbeitet sie mit dem Berufsreiter Christian Wendel zusammen, der damit großen Anteil an der Entwicklung von Helens aktuellem Erfolgspferd Damsey hat.

KENT FARRINGTON – AUS DEM KUTSCHSTALL ZUR NUMMER EINS

Danke, Gazelle! Mit ihr gewann Kent Farrington im Juli 2019 den Großen Preis von Aachen.


Foto: Libby Law

Kent Farrington und Voyeur bei den Weltreiterspielen 2014.


Foto: Toffi

Kent Farrington wächst in Chicago auf. Er ist acht Jahre alt, als er ein altes Foto von seiner Mutter auf dem Rücken eines Pferdes findet und daraufhin beschließt, er will reiten lernen. Die Gelegenheit bietet sich in einem Kutschstall in Chicago, wo er einmal die Woche Unterricht nimmt. Ziemlich rasch ist klar: Klein-Kent liebt Geschwindigkeit und hat vor nichts Angst. Er wird angesprochen, ob er nicht Lust hätte, Ponyrennen zu reiten. Aber sicher! Doch Jockey will er dann doch nicht werden. Er sieht eine Übertragung aus Spruce Meadows im Fernsehen. Von da an weiß er: Das ist genau sein Ding! Er ist damals elf oder zwölf Jahre alt, so genau weiß er das nicht mehr. Seine ersten Turniere sind „eher auf Kirmes-Niveau“, sagt er. Viel Geld hatte die Familie nicht. Kent Farringtons erstes Pferd wird gegen einen gebrauchten Computer eingetauscht. Doch der Junge hat Talent, und gute Reiter sind immer gefragt. So reitet er schon als Junior für Profiställe – eine hervorragende Schule. „Die Szene hat mich dahin gebracht, wo ich nun bin“, sagt er heute. Vieles habe er sich aber auch selbst beigebracht: „Ich habe jedes Jahr das Video vom Weltcup-Finale bekommen und stand dann vor dem Fernseher und habe so getan, als würde ich reiten und sei Nick Skelton oder Rodrigo Pessoa.“ Und wann immer er Gelegenheit hat, schaut er bei großen Turnieren zu. Fragt man ihn danach, was er jungen Reitern mit auf den Weg geben würde, wäre das z. B. dies: sich von den Großen abschauen, wie es funktioniert. „Ich wollte alles wissen: Welches Equipment benutzen sie? Welche Gebisse? Wie gestalten sie das Abreiten? Benutzen sie Sporen? Oder eine Gerte? Wie kurz sind ihre Steigbügel? Schließen sie das Training mit einem Oxer oder einem Steilsprung ab? Wieviele Sprünge machen sie?“ Für ihn sei das wie „Gratis-Training“ gewesen. Allein dadurch habe er einen Großteil seines Wissens erlangt. Die Pferde, die Farrington zu reiten bekommt, werden immer besser, die Turniere immer wichtiger. Mit 18 gewinnt er den North American Young Riders International Competition. 1999 macht Kent Farrington den Springsport zu seinem Beruf, arbeitet zunächst bei dem britischen Olympiareiter Tim Grubb und wechselt dann zu Leslie Howard. Schon in den ersten drei Jahren als Profi gewinnt Farrington mehr als eine Million Euro. Seinen ersten Fünf-Sterne-Sieg verdankt er der Stute Madison. Seine ersten großen Championate bestreitet er mit dem KWPN-Wallach Voyeur. Der trägt Farrington zu Mannschaftsbronze bei den Weltreiterspielen in Caen 2014 und Mannschaftssilber bei den Olympischen Spielen 2016. 2017 ist Farrington erstmals die Nummer eins der Welt und zudem FEI Athlete of the Year. Doch dann kommt ein Schicksalstag im Leben des Kent Farrington. In einem Trainingsspringen in Wellington stürzt er und bricht sich das rechte Schien- und Wadenbein. „Beide Knochen kamen aus dem Bein heraus“, beschreibt er. Das Pferd, von dem er fällt, ist übrigens der Oldenburger Lucifer V, der später Millionen mit dem Ägypter Nayel Nassar im Sattel verdient. Farrington, der Weltranglisten-Erste, hätte eine großartige Saison vor sich gehabt. Doch statt im Sattel findet er sich zwischen Monitoren und Infusionsständern im Krankenhaus wieder. Bitter! Die erste Zeit kann er vor Schmerzen kaum schlafen. Aber schon im Bett beginnt er, seine Beine zu beugen und zu strecken, immer wieder. Er setzt alles daran, so schnell wie möglich gesund zu werden. Nur drei Monate später ist er zurück. Heute sagt er: „Der Unfall hat mir aufgezeigt, dass das, was ich bislang für die Normalität hielt – reiten, mit den Pferden reisen, die Turniere – alles andere als normal ist. Der Unfall hat mir gezeigt, wie sehr ich die Arbeit mit den Pferden liebe und wie schön es ist, mit ihnen zu einem Team zusammenzuwachsen.“ So, wie mit der gerade mal 1,55 Meter kleinen Kashmir van Schuttershof-Tochter Gazelle. Ihr verdankt er den bislang größten Erfolg seiner Karriere: den Sieg im Großen Preis von Aachen. Kent Farrington hat alles erreicht. Sein Tipp: „Dies ist ein Sport, in dem jede Menge schiefläuft und in dem man viele Niederlagen einstecken muss. Wir alle kennen Gedanken wie: ,Ich werde niemals die Pferde haben, um dort hin zu kommen, oder die Unterstützung. Ich werde es niemals schaffen.‘ Aber es ist wichtig zu wissen, dass ausnahmslos jeder diese Gedanken kennt, und dass sie einfach immer weiter gemacht haben. Es ist eine Frage des Wollens!“

ZUR PERSON: KENT FARRINGTON

US-Amerikaner, Jahrgang 1980, geboren und aufgewachsen in Chicago, heute hat er einen Stall in Wellington, Florida. Seit 1999 Berufsreiter, größte Erfolge z. B. Platz fünf bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio und Silber mit dem Team, WM-Bronze mit der Mannschaft 2014.

JONELLE PRICE – „BIZARRE PFERDEBESESSENHEIT“

Jonelle Price und Classic Moet auf dem Weg zum Sieg im CCI4* Badminton 2018.


Fotos: Libby Law

Jonelle und Tim Price sind heute in der Vielseitigkeit das, was einst Prinzessin Anne und Captain Mark Phillips waren – ein richtiges Power-Paar. 2016 schrieben sie Geschichte als erstes Ehepaar, das gemeinsam in einem Team sein Land bei Olympischen Spielen vertrat (und Platz vier belegte). 2018 gewann Jonelle in Badminton und Tim in Burghley– der Lohn für lange Jahre harter Arbeit.

Die am 14. Oktober 1980 geborene Jonelle Price wuchs in Motoueka, Neuseeland, auf. Pferdehintergrund? Fehlanzeige! „Meine Mutter hatte Angst vor Tieren und mein Vater hat sie gehasst“, bringt Jonelle es auf den Punkt. Sie selbst hatte allerdings von Kindesbeinen an eine geradezu „bizarre Pferdebesessenheit“. Und die Liebe zur Vielseitigkeit entwickelte sich bei ihr wie die zum Springreiten bei Kent Farrington: vor dem Fernseher. Wie gebannt saß sie vor dem Bildschirm und sah Mark Todd dabei zu, wie er durch den Cross von Badminton flog. Rund 30 Jahre später ritt sie nicht nur Seite an Seite mit der lebenden Legende, sondern schlug ihn auch noch aus dem Feld.

Die erste Station auf dem Weg dorthin war der Ponyclub. Sie schaffte es immer zu reiten. Doch beruflich hätte sie eigentlich in Robe im Gerichtssaal Plädoyers halten sollen, statt in Reithosen durchs Gelände zu galoppieren. Sie begann ein Jura- Studium. Doch nach einem Jahr der Uni war der Wunsch, sich auf die Pferde und das Reiten zu konzentrieren, einfach übermächtig. Jonelle beschloss, sich ein Jahr Auszeit zu gönnen, zu reiten und zu schauen, wie es funktioniert. Es hat nie einen Weg zurück gegeben. Sie lebte davon, Pferde auszubilden und zu verkaufen. Dann lernte sie ihren Mann Tim kennen und 2005 zogen die beiden nach England, wo sie heute einen professionellen Vielseitigkeitsstall mit rund 30 Pferden leiten. Sie sind ganz oben angekommen und auch Jonelle Price sagt, dass es „ein bisschen Talent und harte Arbeit“ war, die dafür gesorgt ha- ben, dass sie inzwischen Erfolge verbuchen konnten, die jenseits allem sind, was sie sich je erträumt haben. „Es zeigt, dass man am Ende alles erreichen kann, wenn man nur will. Es ist eine Ansammlung an Jahren, in denen man immer wieder an die Tür geklopft hat. Und wenn man nur lange genug klopft, dann öffnet sich die Tür langsam.“ Spätestens nach ihrem Badminton- Sieg hatten auch Jonelles Eltern realisiert, was ihre Tochter alles erreicht hat: „Für den Pferdesport ist es wie Wimbledon fürs Tennis. Ich bin sicher, über Jahre dachten sie: ,Was zur Hölle macht sie da eigentlich, wenn sie diesem verrückten Traum nachjagt?‘ Inzwischen ist bei ihnen angekommen, dass das etwas ziemlich Großes ist.“ Fürwahr!

Power-Paar: Die Vielseitigkeitsreiter Jonelle und Tim Price.


ZUR PERSON: JONELLE PRICE

Jahrgang 1980, geboren und aufgewachsen in Neuseeland. Seit 2005 mit Mann Tim in Großbritannien zuhause. Siegerin beim CCI4* Badminton 2018, Mannschaftsbronze Olympia 2012, Platz vier WM 2014.