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Wo Fische die Füße pflegen und der Wald wackelt


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Lust auf Natur - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 04.02.2022

Schwäbische Bäderstraße

Artikelbild für den Artikel "Wo Fische die Füße pflegen und der Wald wackelt" aus der Ausgabe 3/2022 von Lust auf Natur. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Lust auf Natur, Ausgabe 3/2022

Kurios: Einmal hüpfen und die Bäume schwingen mit im Wackelwald von Bad Buchau

Mehrere Spechtarten meißeln und trommeln heute wieder weithin hörbar an die Bäume, seltene Singvogelarten sind ebenfalls in den NaturThemenPark eingezogen.

Es ist jetzt 40 Jahre her, dass acht Städte zwischen Bodensee, Schwäbischer Alb und Allgäu gemeinsam vor die Presse traten, um sich als Schwäbische Bäderstraße in den Kreis der deutschen Ferienstraßen einzuordnen. Sie hatten sich in mehr als zehn Jahren aus einer lose verbundenen Interessen- zu einer Marketinggemeinschaft gegen den Fluglärm am Himmel über ihren Heilbädern und Kurorten zusammengerauft. Keiner sollte zu kurz kommen, jeder sein ­eigenes­Profil­entwickeln.­Es­hat­allein­ Jahre gedauert, sich auf das gemeinsame Logo mit barockem Zwiebelturm in Braun und einer Welle in Blau zu einigen. Doch das ist Schnee von gestern. Heute führt eine 180 Kilometer lange Route durch die abwechslungsreiche Natur- und ...

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... Kulturlandschaft zwischen Bayern und Baden-Württemberg.

Die Route verbindet mittlerweile neun Städte mit sieben Thermen, die sich der­ gesunden­ Erholung­ in­ der­ Naturverschrieben haben. So lassen Bad Buchau, Bad Waldsee und Wurzach ihre Gäste zum Beispiel in heilungsfördernden Moorbädern schwitzen. Bad Grönenbach, Bad Waldsee, Bad Wörishofen und Überlingen machen ihre Gäste­ vor­ allem­ fit­ mit­ Kneipp‘schen­ Gesundheitspraktiken. Und in Überlingen, Bad Wörishofen und Bad Grönenbach steht überdies Fasten als Gesundheitsbooster auf dem Programm. Wir haben uns umgeschaut und uns dabei in Bad Saulgau und Bad Buchau überraschen lassen.

NaturThemenPark in Bad Saulgau

Bad Saulgau nennt sich stolz „Landeshauptstadt der Biodiversität“. Die Stadt stellt seit 30 Jahren die natürliche Vielfalt in den Mittelpunkt. Freie Anlagen sind­so­bepflanzt,­dass­sich­viele­heimische Tierarten davon ernähren können. Und an den Schulen sorgen Schmetterlingsgärten und Blumenwiesen mit Bienenkästen für tierisches Leben und kindliche Anschauung. Herz stück der Bestrebungen zu mehr Natur ist ein etwa 60 Hektar gro ßer NaturThemenPark. „Artenreichtum statt­ Einheitsgrün“­ nennt­ der­ Umweltbeauftragte der Stadt, Thomas Lehenherr, das ökologische Konzept, das dahintersteht.

Am InfoPunkt in der Nähe der Sonnenhof-Therme­beginnen­Erkundungstouren, Naturveranstaltungen und Führungen. Guides geben an den Wochenenden zwischen April und September in der ehemaligen Waldhütte Infomaterial, Kescher und Forscherrucksäcke­ für­ verschiedene­ Expeditionen­ aus.­ Eine­ Vogelstimmentafellädt­ hier­ zum­ Erkennen­ von­ 24­ Vogelrufen ein, eine Baumstammsammlung gibt Auskunft über die verschiedenen heimischen Arten, und in einem Lesesteinhaufen­lassen­sich­Insekten,­Eidechsen und kleine Säugetiere entdecken.

Die 4,6 Kilometer Große Runde durch das weitgehend renaturierte Gebiet führt­mit­12­interaktiven­Erlebnisstati- onen­ in­ verschiedene­ Biotope.­ Erst­ zu­ Obsthainen und saftigen Wiesen, dann in einen wasserdurchzogenen Mischwald mit Beobachtungsstationen und Waldspielplätzen. Wie wichtig das Zusammenspiel­ von­ stehenden­ und­ fließenden Gewässern für Wald und Klima ist, erschließen Infotafeln auf dem 3,5­Kilometer­langen­Themen-­und­Erlebnisweg Wasser, auf dem auch ein Matschplatz für Kinder liegt. Hier führen Stege über die Feuchtwiesen und Gewässer und lassen das natürliche Treiben ungestört beobachten. Biberburgen zeigen, dass das Konzept der Biodiversität aufgegangen ist. Die emsigen Nager haben inzwischen die Feuchtflächen­um­mehrere­Hektar­ver- größert.­ Für­ Lehenherr­ ein­ Erfolg­ der­ Renaturierung, der sich auch an der Wiederansiedlung­ von­ Eisvogel,­ Wasserralle und seltenen Libellenarten zeigt, die auf der Roten Liste stehen. Mehrere Spechtarten meißeln und trommeln heute wieder weithin hörbar an die Bäume, seltene Singvogelarten sind ebenfalls in den NaturThemen- Park eingezogen.

Deutschlands erster und einziger Freiluft-Fisch-Spa

Zum ökologischen Konzept der Stadt gehört auch die Rückgabe des abgebadeten Thermalwassers der Sonnenhof- Therme an die Natur, nachdem es gereinigt wurde. Dass darin auch Platz für nicht-heimische Tiere ist, damit hatte ja niemand gerechnet. Aber heute ist gerade das die Sensation des Heilbades: Der Kurteich ist Deutschlands erster und einziger Freiluft- Fisch-Spa. Zwischen Therme und Kurpark knab- bern­Putzerfische­fleißig­an­jedem­Fuß,­ der in den Kurteich gesteckt wird. Umsonst, das ganze Jahr über und ganz hygienisch,­denn­das­Wasser­fließt­nurdurch und wird dann in den Natur- ThemenPark weitergeleitet. Dort gelangt es in Bäche, Seen und Moore. Diese Gewässer und Moore können über Holzstege und befestigte Wege erkundet werden, vorbei an Biberbauten, urigen Matsch- und Waldspielplätzen und begleitet von Vogelkonzerten.

Eine Viertelstunde mit dem Auto, und wir stehen vor der nächsten Kuriosität: dem Wackelwald von Bad Buchau.

Die­ kleinen­ Schwarmfische­ hüten­ sichallerdings, mit dem Lauf des Wassers zu schwimmen. Das wird dann nämlich durch die umgebende Luft zunehmend kälter. Zu kalt für sie. Wie Saugbarbe und Co. überhaupt in einen deutschen Kurteich kommen? Das wüsste­ Lehenherr­ auch­ gern.­ Eigentlich war der Teich hinter der Therme ja nur gedacht als idyllische Zwischenstation des gebrauchten und gereinigten Heilwassers auf dem Rückweg in den Naturkreislauf.­ Eine­ kostengünstigeund ökologische Lösung eben.

Vor acht Jahren befanden sich plötzlich die Fische zwischen Findlingen, Seerosen und Algen. Lehenherr vermutet, ein Bürger ist seines Aquariums überdrüssig geworden und hat dessen Inhalt einfach in den Kurteich ent- sorgt.­Den­kleinen­Schwarmfischen­hat­ der Umzug offenbar nicht geschadet; sie vermehrten sich unter diesen Lebensbedingungen im warmen Wasser gut.

Das Resultat: Manchmal ist kein Stein mehr frei am Rand des Teiches zwischen Therme und Wald. So beliebt ist der kostenlose Fisch-Spa in dem Heilbad. Dass der Teich kein therapeutisches Angebot der Therme ist und nicht überwacht wird, stört hier niemanden. Und diese Pediküre tut auch nicht weh. Denn Zähne haben die Fische aus der Familie der Karpfen nicht. Die Fische stupsen die Füße mehrfach schnell hintereinander an. Das lockert die abgestorbenen Hautschüppchen, die­sie­dann­schnell­einsaugen.­Das­Ergebnis kann sich sehen lassen: tadellos gepflegte­Füße­ohne­schrundig­wirkende Hornhaut und gut durchblutet.

Der Teich erfüllt derweil weiterhin seine Funktion als erste Abkühlstation des­ heißen,­ schwefligen­ Heilwassers.­ Das­ wärmeentziehende­ Abfließen­ inden nahen Wald hat sogar noch eine weitere Kuriosität ausgelöst. Im Winter bevölkern auch Frösche das vergleichsweise immer noch warme Bächlein im Wald. Die Temperatur verhindert, dass sie in die Kältestarre fallen. Auch die Amphibien­ finden­ im­ Winter­ genügend Nahrung. Ihnen genügen jene Insekten, die selbst im Winter noch kreuchen­und­fleuchen.

Im Wackelwald von Bad Buchau

Eine­ Viertelstunde­ mit­ dem­ Auto,­ undwir stehen vor der nächsten Kuriosität: dem Wackelwald hinter dem Kurpark von­Bad­Buchau.­Er­gehört­zum­Naturschutzgebiet Federsee und liegt im Federseemoor, dem größten Moor in Südwestdeutschland. Dort schwingt der Boden, wenn man in den Knien ­federt­ −­ und­ lässt­ die­ Seele­ gleich­ mitschwingen. Besonders nach Regenfällen. Doch keine Angst! Niemand sinkt ein und die wackelnden Bäume stürzen auch nicht um. Manche Gäste sagen, sie fühlen sich, als gingen sie über ein Wasserbett, andere wähnen sich wandernd auf einer Puddinghaut.

„Die­ 20­ bis­ 30­ Zentimeter­ dicke­ Wurzelschicht der Bäume unter der Oberfläche­ bildet­ ein­ tragfähiges­ Geflechtund sorgt dafür, dass man nicht versinkt“, erklärt Katharina Kobe vom NABU-Naturschutzzentrum Federsee das beschwingende Naturphänomen. „Diese Vegetationsschicht entspricht sozusagen der Puddinghaut. Der sechs bis acht Meter dicke weiche und feuchte Moorboden darunter wäre dann der Pudding, der wackelt.“ Warum – das hat­ mit­ der­ natürlichen­ Entwicklungnach­der­letzten­Eiszeit­und­den­späteren­menschlichen­Eingriffen­zu­tun. Vor 15 000 Jahren war das Gebiet noch Teil des 30 Quadratkilometer großen Federsees.­ Dieser­ flache­ eiszeitliche­ Schmelzwasserstausee verlandete mit der­Zeit­auf­natürliche­Weise.­Es­entwi- ckelten­sich­ausgedehnte­Moorflächen.­ Im 18. Jahrhundert umfasste der See noch zehn Quadratkilometer. Zwei künstliche Absenkungen des Seespiegels­ vor­ gut­ 200­ Jahren­ verkleinertendie­ Seefläche­ auf­ ihre­ heutige­ Größevon etwa 1,4 Quadratkilometern. Mehr als 450 Hektar des zwischenzeitlich landwirtschaftlich genutzten Bodens im Federseegebiet sind heute wieder vernässt, aktuell sollen neue Projekte noch­ mehr­ Moorflächen­ zurückholen.­ Denn heute wissen wir, dass Moore viel Kohlenstoff binden und damit die Klimaerwärmung mildern.

Naturerlebnisse im Federseegebiet

Das Gebiet des Wackelwaldes selbst diente einige Zeit als künstlich aufgestauter­ Eisweiher,­ aus­ dem­ sich­ eine­ Brauerei­ mit­ Eisblöcken­ für­ ihren­ Kühlkeller bediente. Irgendwann war das aber genauso wenig lukrativ wie die anschließende Aufforstung des Gebietes mit Fichten. Die Fläche wurde sich selbst überlassen. Jetzt wuchsen Arten ein, die gut mit nassen Bodenbedingungen­ zurechtkommen.­ Es­ entstand ein Mischwald mit Moorbirken und­ -kiefern,­ Ebereschen­ und­ verschiedenen Weidenarten – und eben Fichten, die sich den Bedingungen anpassen konnten: der Wackelwald.

Betritt man ihn beherzt, federt in den Knien oder springt in die Höhe, bewegt sich­ die­ Oberfläche,­ und­ die­ Wurzelnübertragen die Schwingung auf die Bäume, die dann mitwackeln. Der NABU hat im Wackelwald einen 600 Meter langen Naturerlebnispfad mit Sitzgelegenheiten, Bankgruppen mit Tischen,­Entspannungsliegen,­Aussichtsturm und Aussichtskanzel eingerichtet und führt dort auch interessierte Gruppen. Den heutigen Federsee können Touristen sich über den 1,5 Kilometer langen Federseesteg­erschließen.­Er­führt­ über artenreiche Streuwiesen und einen dichten Schilfgürtel und endet auf der wasserumspielten Besucherplattform im See. In der Abendund Morgendämmerung fangen Fotografen hier stimmungsvolle Bilder ein, tagsüber ist vom Aussichtsturm das Federseebecken zu sehen, bei klarer Sicht schimmert im Süden sogar die Kette der Alpengipfel. Gerade im Frühling zwitschern die Vögel auf den Wiesen und im Schilfrohr um die Wette. Was sich da jetzt so melodisch entäußert,­ erklären­ NABU-Experten­ gernbei ihren Führungen und machen auch mit­ den­ Highlights­ der­ Pflanzenweltvertraut. Das NABU-Naturschutzzentrum liegt in der Nähe des Wackelwaldes gleich an Anfang des Federseestegs, an dem auch das einzigartige Federseemuseum liegt. In dem Pfahlbau aus Holz und­Glas­erzählen­Exponate­von­15­000­ Jahren Leben am See. Denn die oberschwäbische Moorlandschaft konservierte Dinge wie Werkzeuge oder frühe Wagenräder und ist deshalb eine der archäologisch fundreichsten Gebiete Europas.­Das­beginnt­bei­den­ eiszeitlichen Rentierjägern an der nahe gelegenen Schussenquelle über Jäger und Sammler der mittleren Steinzeit, steinzeitliche Dörfer und die spätbronzezeitliche Wasserburg Buchau bis zu den Pfahlbauten der Kelten im 7. Jahrhundert vor Christus.

Im Freigelände des Museums zeigen rekonstruierte Zelte und Hütten den Alltag von der Steinzeit bis in die keltische­ Epoche.­ Und­ der­ 9,5­ Kilometerlange archäologische Lehrpfad führt Radfahrer und Wanderer über elf Stationen zu den Originalfundstellen im südlichen Ried. Vorbei an teilrekonstruierten bronzezeitlichen Siedlungen und Informationstafeln zur Naturund Kulturgeschichte dieses archäolo- gischen­Hotspots­in­Europa.­ Da ist der Sprung ins heiße Wasser aus einer­ noch­ älteren­ Epoche­ der­ Erdeder krönende Abschluss in der Adelindis Therme.

Karin Willen

Weitere Informationen

Schwäbische Bäderstraße

Marktplatz 5 87730 Bad Grönenbach Tel.: 08334 60531 info@schwaebische-baederstrasse.de www.schwaebische-baederstrasse.de

Tourist-Information Bad Saulgau

Lindenstraße 7 88348 Bad Saulgau Tel.:­07581­20090 willkommen@bad-saulgau.de www.bad-saulgau.de/tourismus/ entdecken/index.php www.stadtgruen-naturnah.de/ teilnehmende/bad-saulgau/

NABU-Naturschutzzentrum Federsee

Federseeweg 6 88422­Bad­Buchau Tel.:­07582­1566 info@NABU-Federsee.de www.NABU-Federsee.de

Federseemuseum Bad Buchau

August-Gröber-Platz 88422­Bad­Buchau Tel.:­07582­8350 info@federseemuseum.de www.federseemuseum.de